Manche mögen’s heiß beginnt auf einem Schöneberger Balkon

Warum beginnen manche Hollywood-Karrieren auf einem Balkon? Städte sind ihre Straßen und Gebäude, aber auch die Menschen, die sie prägen. Und ihre Geschichten. Diese stellt TE in der Serie „Stadtgesichter“ vor. In dieser Folge geht es um den Regisseur Billy Wilder, der in Berlin als Eintänzer anfing.

IMAGO / imagebroker
Haus am Viktoria-Luise-Platz, Berlin

Billy Wilder war ein europäischer Jude: Seine Heimat gehört heute zu Polen; seine Nationalität war Österreicher und am stärksten wirkte er in Hollywood, Kalifornien. Doch Wilder war auch Berliner, vor allem vom Humor her.

Zwei Filme widmete Billy Wilder Berlin. „A foreign affair“ mit Marlene Dietrich spielt in der besetzten Stadt. Es ist das Gegenstück zum Klassiker „Ninotschka“ von Ernst Lubitzsch, an dessen Drehbuch Wilder einst mitgeschrieben hatte: Eine republikanische Kongressabgeordnete aus Iowa (Phoebe Frost) kommt in den amerikanischen Sektor, um die lose Moral der Truppe zu untersuchen – und dann selbst der moralischen Versuchung zu verfallen.

„Eins, zwei, drei“ läutete den Karriereknick des Regisseurs ein, dessen beste Zeit in der Ära des Schwarz-Weiß-Films lag. Die moralischen Tabus ließen einen wie Wilder zur Hochform auflaufen. Einer, der das Leben so nahm, wie es ist, und dem keine Sünde fremd war. Und einer der in seinem Humor so geschickt war, dass die moralinsauren Sittenwächter der Zensur die Pointe erst so spät verstanden, dass es für sie zu spät war, um sich noch darüber aufregen zu können.

In seiner Berliner Zeit schlug sich Wilder unter anderem als Journalist und „Eintänzer“ durch. Ein Job, der auf halber Strecke zur Prostitution zu Hause war. In den Cafés tanzten diese Eintänzer gegen Trinkgeld so lange mit hässlichen Frauen, bis die endlich von echten Gästen aufgefordert wurden. Die Reportage, die Wilder später als Journalist über diese Zeit schrieb, würde heute noch – fast 100 Jahre später – als modern durchgehen.

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Wilder lebte am Viktoria-Luise-Platz. Zwei Schilder erinnern an historische Persönlichkeiten, die dort residierten. Im oberen, etwas verwitterten Schild wird prunkvoll das Wirken eines Geisteswissenschaftlers gefeiert. Das untere Schild verweist lapidar darauf hin, dass der amerikanische Regisseur auch dort gelebt habe. Das „Auch“ hätte Wilder gefallen. Es hätte genau seinem Humor entsprochen. Der Kontrast zwischen ebenso prunkvollem wie verwittertem akademischen Adel und dem buchstäblich kleinen jüdischen Komiker … Die beiden Schilder fassen Wilders Weg in einem Bild zusammen.

Pomp und hochtrabendes Gerede waren Wilder verhasst. Der Regisseur hat in seinen Filmen aus solchem Getue immer wieder die Luft rausgelassen. Oder in Interviews. In den 80ern besuchten ihn Hellmuth Karasek und Volker Schlöndorff in Los Angeles zu einem ausgiebigen Interview. Zu der Zeit versuchte Wilder verbissen ein Comeback als Regisseur. Doch kein Produzent wollte dem Hasbeen mehr einen Etat bereitstellen. Dem Kassengift.

In dieser Lebenssituation befragte ihn Schlöndorff zu einer Szene aus „A foreign affair“. Schlöndorff. Ein Kind des deutschen Filmbetriebs, das sehr stark von staatlichen Subventionen lebt und nur sehr wenig von der Gunst des Zuschauers, fragt den einstigen Hollywood-Star: In einer Kamerafahrt durchs zerstörte Berlin läuft Cole Porters „Isn’t it romantic“. Und Schlöndorff setzt an in bestem Geschwurbel eines Autorenfilmers: „Die Stadt – die Geliebte – die zerstörte Stadt – die am Boden liegende Geliebte …“ Das geht ewig so weiter. Dann die Anstandsfrage: Ob Wilder das alles auch so gesehen habe, als er sich für „Isn’t it romantic“ als Musik entschied? Doch der Hollywood-Regisseur lässt die Luft raus: „Nein. Das war anders. Wir haben an der Stelle irgendein Lied gebraucht. Und an dem hatten wir die Rechte. Es hat uns nichts gekostet.“ Geld sparen. Etwas, das deutsche Regisseure nicht auf dem Schirm haben.

Wilder hat Schlöndorff bewusst auflaufen lassen. Der wollte ihm die Show stehlen. Das lässt sich eine alte Rampensau nicht gefallen. Schon gar keine, die auf die größeren Hauer setzen kann. Natürlich war sich Wilder im Klaren, dass „Isn’t it romantic“ Gefühle beim Zuschauer auslöst. Ebenso wie bei ihm selbst. Als Pole, Österreicher, Berliner und Jude hat er das Land und seine Menschen genau so geliebt wie gehasst. Ihm selbst gelingt 1933 die Flucht nach Hollywood, er kann sich eine Karriere aufbauen. Er will 1938 seine Mutter aus dem NS-Reich rausholen. Sie will nicht. So schlimm werde es schon nicht werden. Die Nationalsoziaisten töten seine Mutter – wie sechs Millionen andere alte Frauen, Kinder, Männer, Kranke und Gesunde.

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Wilder kommt zurück nach Berlin. Als Soldat. Für die Propaganda-Abteilung der US-Army. Er erzählt die Anekdote, wie sie als Soldaten auf einem Jeep unterwegs sind und mit einem Passanten in Streit geraten. Sie sagen ihm, er sei zum Tode verurteilt. Er solle hier warten, sie würden ihn später abholen kommen. Stunden später fahren sie an der gleichen Stelle wieder vorbei. Er steht immer noch da. Er ist ein Deutscher. Wenn man ihm sagt, er solle hier auf seinen Tod warten, dann wartet er dort auf seinen Tod.

Wilder ist ein Komiker. Einer der lustigsten, den Hollywood je zu bieten hatte. Er ist ein Zyniker. Aber er ist auch ein moralischer Mensch. Mit „Stalag 17“ dreht er einen Meilenstein des realistischen Kinos. Ein Riesenerfolg. Die ebenfalls erfolgreiche Fernsehserie „Ein Käfig voller Narren“ wird aus dem Film abgeleitet. Dann soll der Streifen auf den deutschen Markt kommen. Doch die Paramount sorgt sich um die Gefühle der deutschen Zuschauer. Mit ihrer Nazi-Vergangenheit sollen sie nicht konfrontiert werden. Also möge aus dem deutschen Verräter durch die Synchronisation ein Pole werden. Der polnische Jude Wilder sagt Nein. Einen Kriegsfilm, in dem aus Geldgier die Schuld auf die Polen abgewälzt wird, nimmt er nicht hin. Er kündigt bei der Paramount und schließt sich den United Artists an, für die er seine größten Erfolge dreht.

Vor allem „Manche mögen’s heiß“. Wilder arbeitet kommerziell, aber er besteht auf Qualität. Eine Komödie über zwei Männer, die sich als Frauen verkleiden, dreht er nur unter zwei Bedingungen: Zum einen müssen die Männer einen driftigen Grund haben, sich zu verkleiden. So werden die beiden Hauptfiguren Zeugen des Valentin-Massakers in Chicago und müssen sich vor der Mafia verstecken, die sie töten will. Zum anderen müssen die Männer als Frauen glaubwürdig sein. Wilder lässt Jack Lemmon und Tony Curtis kostümieren. So gehen die beiden als Frauen verkleidet in der Kantine essen und niemand bemerkt, wer da unter ihnen sitzt. „Some like it hot“ wird gedreht und eine der besten Komödien aller Zeiten. Sie knackt den Ende der 50er Jahre noch strengen Code der amerikanischen Sittenwächter. Darauf folgen 60 Jahre der Freiheit, in denen diese Entstehungsgeschichte nur noch eine Anekdote ist. Heute würden sich die woken Taliban wahrscheinlich über Hetero-Männer in Frauenkleidern ebenso echauffieren, wie es das konservative Amerika in den 50er Jahren getan hat.

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Wilders Karriere begann am Viktoria-Luise-Platz. Buchstäblich. Zumindest der Legende nach. Wilder hatte noch keinen Fuß im Filmgeschäft gefasst, da setzte ein namhafter Produzent beide Füße auf seinen Balkon. Der war auf der Flucht. Er hatte gerade ein Schäferstündchen genossen, als der Verlobte seiner Gespielin reinplatzte. Nun musste ihn der ihm wildfremde Wilder raushauen. Der bot dem Produzenten Hilfe an – und ein fertiges Drehbuch. Der Deal stand. Der Produzent kam mit heiler Haut vom Viktoria-Luise-Platz und Wilder ins Filmgeschäft.

In den 50er Jahren war Wilder eine Cash-Maschine: Sabrina, Liebe am Nachmittag, das Verflixte Siebte Jahr, Zeugin der Anklage oder Das Appartement hießen seine Hits. Dann wollte er eine Komödie über das geteilte Berlin drehen. Er startete die Dreharbeiten an Original-Schauplätzen, als niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen, aber Walter „Niemand“ Ulbricht es dann schließlich doch tat. Wilder ließ den Pariser Platz samt Brandenburger Tor nachbauen, was den Film entsprechend teurer machte. Doch was noch schlimmer für ihn war: Mit dem Dritten Weltkrieg vor Augen wollte niemand eine Komödie über das geteilte Berlin sehen. Egal wie lustig sie war, wie temporeich und präzise inszeniert.

„Eins, zwei, drei“ leitete den kommerziellen Abstieg Wilders ein. Heute gilt der Film aus guten Gründen als Kult. Doch in Hollywood ist das kein Trost für einen Flop. Wilder war noch erfolgreich mit „Der Glückspilz“ und in Europa mit „Das Mädchen Irma la Douce“. Doch der europäische Jude wusste, was für ein schlechtes Zeichen das war: Ein Film, der den Deutschen liegt, hat in den USA keine Chance – und das ist der Markt, der für Hollywood zuallererst zählt. In den 70ern musste Wilder nach Europa ausweichen. Da galt er in Kalifornien schon als Hasbeen. Nun folgte er dem Geld der Filmförderung.

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Über Charlie Chaplin hat Wilder zurecht gesagt, dass dessen Erfolg an den Stummfilm gebunden war. Weil er dessen Prämissen brillant erfüllte, war er erfolgreich. Als anderes gefragt war, war es Chaplin nicht mehr. Das Gleiche trifft auf Wilder und den Schwarz-Weiß-Film zu. Seine besten Filme entstehen in dessen Spätzeit: Zeugin der Anklage, Das Appartement und Manche mögen’s heiß. Da drehen andere schon längst in Farbe. Vor allem aber ist es die sexuelle Freizügigkeit der 60er Jahre, die Wilder obsolet macht. Wenn man alles über Sex sagen darf, braucht es keinen mehr, der ein Genie darin ist, Sex nur anzudeuten.

Doch so ist die Geschichte: Die sexuelle Freizügigkeit der 60er Jahre ist heute genauso Vergangenheit wie die angedeutete Obszönität Wilders in den 50er Jahren. Wahrscheinlich sogar noch mehr. Seine Filme indes bleiben Meisterwerke. „A lost weekend“ ist ein so starkes Porträt über den Niedergang eines Alkoholikers, dass es nach 70 Jahren immer noch modern ist. Immer noch mehr bewegt, als vieles, was heute zum Thema gedreht wird.

Der Viktoria-Luise-Platz strahlt immer noch viel von dem Charme aus des Mannes, der hier „auch“ gelebt hat. Für weniger als zwei Jahre. Um eine kleine Parkanlage gruppiert sich etwas Gastronomie. Auf den Bänken sitzt Geld, das nach älteren Frauen aussieht. Ein verarmter Journalist setzt sich neben sie, plaudert mit ihnen und fragt sich, ob sie ihm ein Trinkgeld spendieren würden – für einen kleinen Tanz. Als Eintänzer. Vielleicht würde er auch eine Reportage darüber schreiben. Aber die gibt es schon – und sie ist immer noch lesenswert.

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Kommentare ( 4 )

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Raul Gutmann
23 Tage her

Sehr geehrter Herr Thurnes, bitte gestatten Sie, Ihrem Verdikt … Regisseurs ein, dessen beste Zeit in der Ära des Schwarz-Weiß-Films lag. … zu widersprechen. Einer, wenn nicht gar der beste seiner Filme – „Manche mögen’s heiß“ entstand bereits in der Zeit des Farbkinofilms, dessen allgemeine kommerzielle Verbreitung wohl zu Beginn der 50er Jahre einsetzte. Die Entscheidung, besagten Film, der vielen als „Mutter aller Komödien“ gilt, statt in Farbe in Schwarz-Weiß zu produzieren, folgte psychologischen Gründen. Schwarz-Weiß wies die Handlung als in der Vergangenheit spielend aus, und schon bei der Veröffentlichung jenes Filmes – heute zum Irrsinn gesteigert – pflegten die… Mehr

Ben911
24 Tage her

Kleine Korrektur: Die Serie heißt „Ein Käfig voller Helden“ (im Original „Hogan’s Heroes“). „Ein Käfig voller Narren“ ist eine queere Komödie aus den späten Siebzigern.

Raul Gutmann
23 Tage her
Antworten an  Ben911

Ob man die italienisch-französische Filmkomödie „Ein Käfig voller Narren“ („La cage aux folles“) aus dem Jahr 1978 als „queer“ charakterisieren sollte, wie es Wikipedia beliebt, sei mindestens dahingestellt. Denn die Handlung und vor allem die Schauspielkunst von Ugo Tognazzi und Michel Serrault, die sich damit in den cineastischen Himmel spielten – grandios auch Michel Galabru und Benny Luke –, geht unendlich weit über das hinaus, was sich heute mit besagtem Adjektiv verbindet.
Oft kopiert – nie erreicht!

bkkopp
24 Tage her

Kompliment für die liebevolle Hommage an Billy Wilder. Hellmuth Karasek hat 1992 eine exzellente Biographie “ Billy Wilder – Eine Nahaufnahme “ geschrieben, die noch verfügbar ist.