Am Ende lässt ein demokratieverachtender Hosenanzug die Hosen runter

Angela Merkel ruft im EU-Parlament nach mehr Regulierung der sozialen Medien und erklärt kurz zuvor, gegen eine mögliche AfD-Kanzlerin „alles“ tun zu wollen. Die Altkanzlerin hat die Verkleidung abgelegt. Sie kann ihrer Demokratieverachtung endlich völlig freien Lauf lassen.

picture alliance / MAXPPP | Laurent REA

Angela Merkel stand im Europäischen Parlament und bekam einen Orden. Man hätte es für eine jener Brüsseler Selbstbespiegelungen halten können, bei denen sich der Apparat gegenseitig versichert, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aber Merkel beließ es nicht bei Danksagungen und milder Altersstaatskunst. Sie sprach aus, was sie vermutlich schon immer dachte. Sie forderte die Abgeordneten auf, den Weg der Regulierung der sozialen oder „vermeintlich sozialen Medien“ weiterzugehen.

EU-Parlament
Potemkinsches EU-Publikum für Merkel-"Ehrung"
Damit ist der eigentliche Inhalt dieser „Ehrung“ benannt. Merkel wurde nicht nur von parteinahen Akteuren gefeiert. Sie gab dem schrumpfenden Machtbetrieb noch einmal eine Arbeitsanweisung. Die Bürger reden zu frei, zu direkt, zu unkontrolliert. Der alte Medienfilter funktioniert nicht mehr zuverlässig. Die digitale Öffentlichkeit entzieht sich dem Zugriff jener Kreise, die früher bestimmen konnten, was Thema wird, wie es einzuordnen ist und wer als anständig zu gelten hat. Merkel nennt das offenbar ein Problem der Demokratie. In Wahrheit ist es ein Problem für Politiker wie Merkel.

Ihre Rede zeigt die ganze autoritäre Kälte dieser Frau. Merkel spricht von Wahrheit, meint aber Deutungshoheit, von Verantwortung, die Kontrolle meint. Sie spricht von Demokratie, aber meint die Absicherung jener Machtverhältnisse, die ihre Politik erst möglich gemacht haben und die nun im Schwinden begriffen sind. Ohne das Ändern der Spielregeln mit totalitären Mechanismen ist diese schwindende Macht nicht mehr zu halten. Also wird eingegriffen, was das Zeug hält.

Sobald Bürger die falschen Fragen stellen, die falschen Schlüsse ziehen oder den falschen Parteien zuhören, wird aus freier Rede ein Regulierungsfall.

Verklärung eines politischen Desasters
Wie Merkel ihre Zerstörungsbilanz verklärt
Das passt auch zu Merkels Auftritt auf der re:publica. Dort erklärte Merkel, sie werde alles tun, was noch in ihrer Macht stehe, damit es nicht zu einer AfD-Kanzlerin komme. Man muss diesen Satz durchaus ernst nehmen, weil Merkel hierzu eine ganz konkrete Vorgeschichte hat. Diese Frau akzeptiert demokratische Verfahren nur bis zu dem Punkt, an dem sie Ergebnisse hervorbringen, die ihr politisches Lager erträgt. Danach beginnt bei ihr das Reich der „Verantwortung“, also der Zugriff von oben.

Thüringen hatte gezeigt, was das bedeutet. Thomas Kemmerich wurde 2020 im Landtag mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt. Das Ergebnis war politisch unbequem, aber es war parlamentarisch zustande gekommen. Merkel saß in Südafrika und erklärte von dort, diese Wahl müsse rückgängig gemacht werden.

Eine Kanzlerin auf Auslandsreise griff in einen Landesvorgang ein, weil ihr das Ergebnis nicht passte. So etwas hat es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Da muss erst Merkel her.

Das Bundesverfassungsgericht stellte später fest, dass ihre Äußerungen die AfD in ihrem Recht auf Chancengleichheit der Parteien verletzten.

Das ist der politische Kern in Merkels Biographie. Demokratie gilt, solange sie Merkel-Ergebnisse liefert. Wahlen sind willkommen, solange sie das richtige Personal hervorbringen. Bürger dürfen abstimmen, solange der Apparat danach weitermachen kann. Kommt ein abweichendes Ergebnis heraus, wird moralischer Ausnahmezustand ausgerufen. Dann muss rückabgewickelt, verhindert, reguliert, eingehegt werden. Wie sehr das auf EU-Ebene unter der Ägide von Merkels Schützling von der Leyen bereits greift, sieht man an der rückabgewickelten Wahl in Rumänien.

Konservatives Manifest
Merkel? War da mal was?
Nun wird diese Merkel von eben dieser von der Leyen im EU-Parlament geehrt. Zwei Frauen vom gleichen eiskalten machttaktischen Schlag. Mit dem absoluten Willen demokratische Prozesse auszuhöhlen und abzuschaffen. Von einer Europäischen Union, die unter Ursula von der Leyen immer unverhohlener in Richtung kontrollierter Öffentlichkeit marschiert. Chatkontrolle, digitale Identität, Plattformregulierung, Werteprogramme, Medienlenkung unter wohlklingenden Etiketten: Das ist die Brüsseler Fortsetzung der Merkel-Methode. Nicht nur in der Auswahl ihrer zahllosen Hosenanzüge sind sich diese beiden Frauen einig.

Darum war Merkels Straßburger Satz so aufschlussreich. Sie verabschiedet sich nicht aus der Politik. Sie hinterlässt dem Apparat ihr Vermächtnis: weiter regulieren, weiter beaufsichtigen, weiter eingreifen. Der Bürger soll nicht als Souverän auftreten, sondern als komplett durchleuchteter und jederzeit greif- und sanktionierbarer Empfänger zulässiger Wirklichkeitsdeutung.

Zu alldem passt die Kulisse dieser Ehrung. Leere Plätze im EU-Parlament, die den Boykott gegen Merkels Auszeichnung sichtbar machen sollten, wurden kurzerhand mit Angestellten des Parlaments besetzt, damit die Öffentlich-Rechtlichen die Bilder eines vollen Hauses unters Volk bringen können.

Der Boykott hätte als Lücke im Saal gestanden. Diese Lücke hätte gezeigt, dass Merkels Verklärung nicht widerspruchslos funktioniert. Dieser Eindruck wurde beseitigt. Aus Ablehnung wurde wieder Festaktoptik. Die frühere Kanzlerin sollte glänzen, also musste die Kulisse stimmen. Der BSW-Abgeordnete Fabio de Masi fasste es so zusammen: „Bei der Verleihung des Europäischen Verdienstordens an Selenskji und Co heute hat man tatsächlich Angestellte des Europäischen Parlaments als Statisten angeheuert, um den Plenarsaal aufzufüllen. Ein Hauch von DDR oder Monarchie. Ein schales Ritual der großen Fraktionen, um größtenteils ihren eigenen Parteigängern Orden umzuhängen, das erst letztes Jahr beschlossen wurde. Es fühlt sich an wie auf dem Oberdeck der Titanic.“

Die Unwahrheit aufzeigen
Arbeit am Mythos von Merkels goldenen Zeiten
Man kann diese Szene kaum treffender erfinden. Merkel ruft nach Regulierung der digitalen Öffentlichkeit, erklärt kurz zuvor ihren Kampf gegen ein mögliches demokratisches Wahlergebnis und bekommt im EU-Parlament einen Orden von ihrem Protegé im gleichen Gewand. Währenddessen soll sichtbarer Protest durch Besetzung leerer Plätze entschärft worden sein. Mehr Merkel geht nicht. Mehr Brüssel auch nicht.

Am Ende steht eine Altkanzlerin, die sich neben ihrer ebenso demokratieverachtenden Mitstreiterin gar nicht mehr verkleiden muss. Merkel war nie die unpolitische Krisenmanagerin, als die sie jahrelang verkauft wurde. Sie war die Technokratin der Machtverschiebung, die Kanzlerin der Alternativlosigkeit, die kalte Verwalterin politischer Entgrenzung. Jetzt, da sie keine Wahl mehr gewinnen muss, sagt sie offen, was sie denkt: Die Öffentlichkeit muss reguliert werden, und bestimmte demokratische Ergebnisse sollen verhindert werden.

Damit lässt ein demokratieverachtender Hosenanzug die Hosen in immer schnellerer Frequenz und immer unverhohlener runter. Merkel spricht nicht mehr durch Andeutungen, nicht mehr durch Schweigen, nicht mehr durch die berühmte Raute. Sie spricht als das, was sie immer war: eine Politikerin, die Demokratie nur als Verfahren duldet, solange der Apparat das Ergebnis beherrscht. In Straßburg wurde ihr für dieses ruinöse Lebenswerk einen Orden umgehängt. Das sagt weniger über Angela Merkel aus als über die EU, die ihr applaudiert.

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Kommentare ( 151 )

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heinrich hein
9 Stunden her

Die Dame wird von späteren Historikern als die mE Schwerstverbrecherin dargestellt, die sie immer war.

OJ
12 Stunden her

EU funktionierte nie, funktioniert nicht und wird nie funktionieren.
Deutschland bezahlt, ACHTUNG, ca. 25% des gesamten Haushalts der EU.
Wenn Deutschland EU-Vorgaben ignoriert, drohen formelle Vertragsverletzungsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) mit potenziellen Milliarden-Strafzahlungen.
Bei NICHTZAHLUNG müssten andere Mitgliedsländer einspringen.
Zahlungen einstellen und EU-Vorgaben ignorieren, JETZT❗
Nehmt dieser auf dem Besen reitenden „….“ den Besen weg.

DDRforever
19 Stunden her

Die Frau war schon immer Mielke durch und durch, der BRD Bürger hat es nur nicht gemerkt.

Refueal
22 Stunden her

Was ist denn da los? Die EU hat doch gar kein Recht, Orden zu verleihen (immerhin ein klassischer staatlicher Hoheitsakt!) und das EP erst recht nicht. Wüsste nicht, wo das in den Europäischen Verträgen steht. Also Amts- und Kompetenzanmassung, eine Inszenierung, mehr noch: eine Posse des Europäischen Parlaments! Und Frau von der Leyen ist als Kommissionspräsidentin ohnehin völlig unzuständig für diese Geste des EP. Also eine nette Gefälligkeit, Lug und Trug und eine Posse sondergleichen. Dass Frau Merkel das mitmacht, spricht nicht eben für ihren Verstand. Hier ist die Eitelkeit wohl größer und darunter leidet auch ihr Staatsverständnis. Ich halte… Mehr

OJ
10 Stunden her
Antworten an  Refueal

EU darf Orden verleihen, EU-Recht steht über dem Recht der einzelnen souveränen Staaten.
Das alles ist ja des Wahnsinns fette Beute ❗

Refueal
5 Stunden her
Antworten an  OJ

Leider ein Irrtum, cher ami!
Nach dem Prinzip der « compétences attribuées » steht das EU-Recht nur in den Fällen über dem nationalen Recht, die der EU durch Vertrag eindeutig zur Regelung zugewiesen sind. Ordensverleihungen gehören nicht dazu. Ich sagte doch bereits: rechtlich unwirksam und obendrein die falsche Institution (EP), hier noch vertreten durch die falsche Person (Präsidentin der Kommission). Das Ganze war also nur Hokuspokus, eine politische Gefälligkeit. Und die Bürger, die das beeindruckt, tun mir leid.

Nachdenkerin X
23 Stunden her

Ein bißchen muß ich doch widersprechen. Uschi zieht sich besser an als Angela. Sie trägt wenigstens nicht diese scheußlichen kragenlosen Mao-Kittel.

PaulKehl
21 Stunden her
Antworten an  Nachdenkerin X

Eine Freundin von mir hat ein Kostüm einer Schneiderin, welche für M. arbeitet, bei Humana für 7,50 Eur gekauft. Es hing schon auf der Sonderaktion-Stange und sie konnte den Preis noch weiter runterhandeln.

DDRforever
19 Stunden her
Antworten an  Nachdenkerin X

Aber zur Frau passt der doch prima, verdeckt ein wenig die unförmige Figur.

Monostatos
1 Tag her

Das Problem ist, dass immer noch viel zu viele Zeitgenossen Unionsmitglieder sind. Das ist – vermutlich nicht nur – auf dem Land eine üble Vitamin-B-Clique, die sehr erfolgreich für sich selbst zu sorgen weiß, sprich ein undurchdringlicher Filz. Mit irgendeinem Spurenelement christlicher Lebensauffassung hat das rein gar nichts zu tun. Wer in diesem üblen Laden Mitglied ist, oder auch wer ihn nur wählt, ist abgrundtief zu verachten.

89-erlebt
1 Tag her

Merkel war NIE das was oben beschrieben. Sie war eine Gesandte, um Union, BRD und EU Europa zu ruinieren. Der Kader Erika M., geb. Kasner hat erfüllt und in vielen Bereichen übererfüllt 🙋‍♂️

Kassandra
1 Tag her
Antworten an  89-erlebt

Aber wessen Gesandte?
Das wäre doch echt wichtig zu wissen, wer konkret für unseren baldigen Tod verantwortlich zeichnet?

Sanijo
23 Stunden her
Antworten an  Kassandra

Diese Kriminellen Gestalten bleiben im Dunkeln, nur unter Folter würde sie es sagen!

Milton Friedman
11 Stunden her
Antworten an  Kassandra

Ideologen brauchen kein wöchentliches Briefing, die Programmierung erlaubt es ihnen autark zu agieren. Jeder linke Journo versteht von alleine wann er das Framing eines Kollegen einer anderen Zeitung übernehmen muss, genauso wie er von alleine versteht, welche Aspekte verschwiegen werden sollten (Täterherkünfte z.B.)

Riffelblech
1 Tag her

Entschuldigung Frau Taxidis aber ich möchte bitte auf gar keinen Fall mit ansehen müssen wie dieser vergammelte ,alte Hosenanzug die Hosen runter lässt . Bitte lassen Sie Milde walten und verderben sie mir nicht noch den Rest meines Lebens. Einen gut Teil hat dieser „ Hosenanzug „ mit seinen 16 Jahren Kanzlerschaft und dann immer noch nicht die Schn……..ze haltend fertig gebracht . Die billigen Pastikanhängsel die die sich in Brüssel gegenseitig um den verknitterten Hals hängen sind doch nicht mehr wert als eine faulige Birne. Und wenn dieser Hosenanzug verhindern will das eine AfD Kanzlerschaft kommt – soll sie… Mehr

Juri St.
1 Tag her

Merkel und ihre Marionette von der Leyen mit ihrem Apparat im Hintergrund sind Honeckers Rache für den Untergang „seiner“ DDR.

89-erlebt
1 Tag her
Antworten an  Juri St.

Honecker war zu dumm .. es waren Markus Wolf und Stasi Großmann. Deren Land und Heimat war die DDR. Honecker war Saarländer, den Moskau als Ulbricht Ersatz nutzte. Abgesägt hat ihn Mielke durch den „Roten Koffer“. Honecker war eine Marionette der Stasi Macht, der sich auch noch beim BRD Besuch neben seinem alten saarländischen Hühnerstall verquatscht hat

Monika Vogel
1 Tag her

Ich frage mich heute noch, womit man Kohl erpresst hat, diese Frau unter seine Fittiche zu nehmen. Oder war er tatsächlich so blauäuig, weil emphorisch. Für viele von uns Ossis war das nach dem ersten Freudenrausch 89/90 von Anfang an verdächtig. Merkel war eindeutig links sozialisiert und Tochter der roten Kasners, wie ihre Eltern genannt wurden. Von Hamburg in die Uckermark gezogen. Noch an Zufälle zu glauben ist wohl mittlerweile sehr naiv. Außerdem fällt mir bei all dem immer eine Textzeile der österreich. Band „Die erste allgemeine Verunsicherung ein“, die da lautet: “ Das Böse ist immer und überall. „

89-erlebt
1 Tag her
Antworten an  Monika Vogel

In der Politik passiert nichts durch Zufall.
Merkel wurde via „Demokratischer Aufbruch“ – Stasi Wolfgang Schurr – an die Union und Kohl „herangeführt“, Kohl erpresst, um sie in sein Kabinett zu bekommen .. der Rest ist bekannt

Milton Friedman
10 Stunden her
Antworten an  89-erlebt

Welch illustre Personen, beides Menschen welche die Chuzpa besaßen sich an die Spitze der friedlichen Revolution zu stellen, nachdem sie Jahrzehntelang elementarer Eckpfeiler der Diktatur waren und sich besonders durch perfides Verhalten auszeichneten. Der Sohn des Ersteren wurde durch die Offshore-Leaks bekannt als Finanzverwalter eines der größten Russischen Oligarchen (der alten Tradition folgend, dass im Sozialismus alle gleich sind, aber manche eben gleicher). Letzterer war Mitbegründer der CDU-nahen Partei DA, best buddy mit Merkels Vater und hatte natürlich „sein Mädchen“ ganz oben mit eingebunden.. Er galt als designierter Ministerpräsident der Wende-DDR. Wir können an Merkel sehen, was – wäre seine… Mehr

DDRforever
19 Stunden her
Antworten an  Monika Vogel

Die BRD Bürger würden die auch heute noch wählen klug wie sie sind.