Über Renegaten und andere Abtrünnige

Viel schlimmer für die Glaubenseiferer als der Ungläubige war stets und ist auch heute der Abweichler in den eigenen Reihen. Leute eben wie Ulrike Guérot.

IMAGO/IPON

Immer gut, wenn man keiner der weltlichen Glaubensgemeinschaften angehört, dann kann man darauf hoffen, einfach ignoriert zu werden. Abweichler, Renegaten, Verräter an der Sache aber ziehen den größten Hass auf sich. Nicht erst unter Stalin galt auf Häresie die Todesstrafe, in manchen archaisch geprägten Ländern droht dem Apostaten noch heute der Strang.

Wie gut, dass das im Wertewesten ganz anders ist. In weltlichen Glaubensgemeinschaften drohen lediglich die Vernichtung des Rufs und der bürgerlichen Existenz. 

"Professionelle Zersetzungskampagne"
Universität Bonn trennt sich von „umstrittener“ Professorin Ulrike Guérot
Ulrike Guérot kann davon singen und sagen. Das einst schüchterne Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen stieg auf zu einer Influencerin auf höchster Ebene. Sie war eine Missionarin des europäischen Gedankens, ein beliebter Talkshow-Gast, eine an allen öffentlichen Stellen anerkannte Intellektuelle, bewegte sich in der Welt der großen Namen. Und sie ist eine Frau, bekanntlich ein karrierefördernder Glücksumstand.

Nicht in ihrem Fall. Sie ist sowohl, was Corona betrifft, als auch in Hinblick auf den Krieg in der Ukraine vom Glauben abgefallen, weshalb sie nun in die Ecke gehört. Die Universität Bonn, bei der sie seit dem Wintersemester 2021 die Professur für Europapolitik wahrnahm, kündigt das Arbeitsverhältnis mit ihr zum 31. März. Der Grund: Sie habe wissenschaftliche Sorgfalt bei einigen ihrer Veröffentlichungen vermissen lassen, habe sich „fremdes geistiges Eigentum“ angeeignet, also plagiiert.

Nun, mit weit schlimmeren Verfehlungen, nämlich beim Verfassen einer Doktorarbeit, kann man in Berlin Bürgermeisterin bleiben. Aber für Guérot gibt es keine Gnade: Da sie an der Uni Bonn nur angestellt und keine Beamtin ist, glaubt man, sich ihrer leicht entledigen zu können. Guérot hat angekündigt, dagegen zu klagen.

Derweil fragt man sich, woher der Furor kommt, mit dem sie aus dem Kreis der Erleuchteten ausgestoßen und nun als „umstritten“ etikettiert wird. Sie hat zur Coronapandemie gesagt, was die Spatzen mittlerweile von allen Dächern pfeifen. Schlimm! Noch schlimmer ist, dass sie in Bezug auf den Ukraine-Krieg das allgemeine Narrativ nicht teilt, wonach man Russland besiegen müsse, weil in der Ukraine „unsere Werte“ verteidigt würden. Und nun hat sie sich auch noch den als „Nationalpazifisten“ entlarvten Friedensfreunden Schwarzer und Wagenknecht angeschlossen. 

Wir lernen: Nationalbellizist sein geht klar – die Überlegung aber, wo die deutschen Interessen in diesem Konflikt liegen, gehört sich nicht. 

Demonstration von Wagenknecht und Schwarzer
Über „Friedensschwurbler“ und andere Gemeinheiten des neuen Alltags
Wer sich im Juni vergangenen Jahres die Sendung von Markus Lanz angeschaut hat, in der Guérot zum Schluss regelrecht niedergebrüllt wurde, konnte bereits ahnen, wie die Sache ausgehen würde. Geradezu prophetisch verkündete Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FPD), dass es problematisch sei, dass Guérot Studenten unterrichten darf – das habe mit „Freiheit der Lehre“ nichts mehr zu tun. 

Eine FDP-Politikerin meint definieren zu können, worin die Freiheit der Lehre besteht. Genau darin, möchte man ihr zurufen, im Versuch, die Welt nicht nur im Schwarzweißmodus wahrzunehmen, darin, die Komplexität der Lage zu analysieren und zu verstehen, alle Faktoren im Spiel zu berücksichtigen und, ja, dem eigenen Gewissen zu folgen, wenn man dem scheinbar allgemeinen Konsens nicht traut. Selbstredend hat der Ukraine-Krieg eine Vorgeschichte, selbstredend sind hier Interessen auch der USA im Spiel und wir täten gut daran, auch die Interessen Europas und Deutschlands in den Blick zu nehmen. 

Es ist die Moralisierung des Diskurses, der gerade in Kriegsdingen verheerend wirkt. Doch das scheint hierzulande längst üblich geworden zu sein, wo Gefühle abgefragt werden, statt dass man sich um eine nüchterne Analyse bemüht. 

Talkshows sind eine Bühne, auf der Konsens hergestellt oder, besser gesagt, erzwungen werden soll. Glaubensgemeinschaften erlauben keine Zweifel. Guérot war „eine von ihnen“ und hat sich nicht an die Regeln gehalten. 

Unterstützung aus dem akademischen Milieu? „Ich würde mir wünschen, dass wir eine Hochschulkultur behalten, die auf der Wertschätzung anderer Meinungen basiert“, hat Ulrike Guérot vor kurzem noch gehofft. Der Uni Bonn und einiger ihrer männlichen Kollegen fehlt diese Kultur womöglich.

Und wo ist die weibliche Solidarität, angesichts der Hexenjagd, die manche von Guérots Bekannten und Kollegen veranstalten?

Ich fürchte, dass auch die Meldestelle für Frauendiskriminierung sich dieses Falls nicht annehmen wird.


Das neue Buch von Cora Stephan, „Über alle Gräben hinweg. Roman einer Freundschaft“ ist am 8. Februar bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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Kommentare ( 32 )

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32 Comments
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Sonny
11 Monate her

Bei prominenten Namen schaut man halt auch genauer hin. Und das ist keineswegs schlecht. Aber: Die tägliche Diffamierung, Ausgrenzung, Zerstörung der Existenz „im Kleinen“, bei „Normalos“ um die Ecke, die ist unendlich in ihrer Zahl und wird kaum wahrgenommen. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass es hierzu noch nirgendwo eine wöchentliche oder auch tägliche Kolumne gibt, die die Zerstörung der Menschen im Einzelnen wiederspiegelt. Vielleicht ist es ja schlagzeilenmäßig nicht zugkräftig genug zu zeigen, wie viele Menschen in Deutschland bereits davon betroffen sind. Lasst sie doch mal ihre Schicksale erzählen – dann wird sich offenbaren, was für ein Land Deutschland… Mehr

doktorcharlyspechtgesicht
11 Monate her

Guérot wirkt wie jemand, der sich wehren und mit derartigen Anfeindungen umgehen kann. Ihre Bücher werden weiterhin verlegt und verkaufen sich gut. ich halte sie für eine mediengewandte starke Persönlichkeit. Letztlich – um bei dem Stalin-Beispiel des Artikels zu bleiben – führen diese ideologischen Säuberungen, die noch dazu jeden treffen könnten, auch die Inquisitoren von heute, auf Dauer nur zu einer ungeheuren geistigen Verarmungen, der man bald überdrüssig wird.

FraeuleinBea
11 Monate her

2016 schlug Ulrike Guérot, Direktorin der Denkwerkstatt „European Democracy Lab“, vor: „Gebt den Flüchtlingen in Europa Bauland, sodass sie ihre Heimat hier nachbilden können“. An welche Flüchtlinge sie dabei dachte, zeigen die Namen der Städte, welche in Europa – zum Beispiel in Meckpomm – neu errichtet werden sollten: Neu-Aleppo, Neu-Damaskus, usw. Das allein klingt schon weltfremd genug, aber obendrein wäre das – nach Meinung Guérots – die ultimative Lösung aller Integrationsprobleme gewesen. Wer so aberwitzige Ideen vertritt, war natürlich gern gesehener Gast im Dunstkreis der ewigen Kanzlerin und der machtgierigen EU-Granden, denn diese Hirngespinste waren natürlich ganz im Sinne des… Mehr

Millebises
11 Monate her

@archaisch geprägte Länder?“ es ist doch wohl der Islam gemeint!

Brotfresser
11 Monate her

„Geradezu prophetisch verkündete Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FPD), dass es problematisch sei, dass Guérot Studenten unterrichten darf – das habe mit „Freiheit der Lehre“ nichts mehr zu tun.“ Falsch! Genau das bedeutet diese grundgesetzlich garantierte Freiheit: Bei der Besetzung einer Professur ist ein großer Aufwand zu treiben (Bestenauslese), nach der Berufung haben sich Staat, Bundesland und Hochschulleitung rauszuhalten, insbesondere inhaltlich (wenigstens, solange die freiheitlich-demokratische Grundordnung und Qualitätsstandards nicht verletzt werden!). Nun, aber woher soll sie das wissen? Sie hat Politikwissenschaften studiert (da wird man kaum je etwas über die Verfassung lernen), sie ist Doktor der Philosophie (da nimmt man das mit der… Mehr

Hueckfried69
11 Monate her

„Frau-sein“ und Karriere- da müssen Sie es schon weit gebracht haben, bevor Sie sich eine eigene -also eine nicht-grüne- Meinung leisten können. Schwarzer, Wagenknecht, Guerot, Zeh sind gute Beispiele für Prominente, die es mit einer zumindest tendenziell braunen Umlackierung zu tun bekommen. Giffey könnte die nächste sein. Und „weibliche Solidarität“ ist auf dieser Ebene nicht zu erwarten! Da gilt: Hauptsache Frau, Hauptsache grün. Aber es muss schon beides zusammenkommen.

Last edited 11 Monate her by Hueckfried69
Roland Mueller
11 Monate her

Über die linksgrüne Stahlhelmfraktion und ihre Sofastrategen an der Spitze, könnte man sich belustigen, wenn es nicht so traurig wäre. Den „genialen Strategen im Studio und auf dem heimischen Sofa“ sei gesagt, dass der „böse Putin“ auch ohne Atomwaffen, zum Beispiel mit thermobaren Sprengsätzen, welche er bisher nicht zum Einsatz gebracht hat, einen gewaltigen Schaden unter den Wertewestlern anrichten kann.

Wolfgang Schuckmann
11 Monate her

Als ich die zitierte Sendung mit Guerot bei Lanz sah, wusste ich, nachdem man sie im TV regelrecht geschlachtet hat, was ihr blühen würde. Für mich steht fest, dass man ein Exempel stautieren wollte, um die Front stabil zu halten. In meinen Augen sind ihre Jäger nur eine Meute von Hyänen, die sich in einer feigen Manier an dieser so mutigen Frau abgearbeitet hat. Nein, ihre Standpunkte in Sachen europäischer Bundesstaat teile ich keineswegs. Aber ist das für mich die Erlaubnis einem Menschen seine Physis nehmen zu dürfen? Ich denke nein und weiß, dass ich nicht alleine bin mit dieser… Mehr

Kassandra
11 Monate her
Antworten an  Wolfgang Schuckmann

Tja. Und das Uni-Rektorat lässt sich gebrauchen? Ob man mit Entzug von Geldern erinnert hat, derart „Ordnung“ herzustellen? Dabei hatten sie dort an der „Exzellenzuniversität“ gerade ihr 200jähriges Jubiläum gefeiert und in der Festschrift an die dunkle Zeit im vorigen Jahrhundert gemahnt! Die Bücherverbrennungen sollen damals von Studenten ausgegangen sein – aber auch Professoren waren beim großen Feuer,  anwesend.
Kann doch gar nicht sein, dass man nicht merkt, wohin das Land gerade wieder driftet und sich zum Mitmachen bereit erklärt?

Last edited 11 Monate her by Kassandra
LadyGrilka55
11 Monate her

„… Sendung von Markus Lanz … in der Guérot zum Schluss regelrecht niedergebrüllt wurde …“ Aus gutem Grund schaue ich mir diese öffentlich-UNrechtlichen Talk-Tribunale schon lange nicht mehr an. Denn dort geht es nicht um Diskurs und den Austausch von Argumenten, sondern nur darum – „zufällig“ immer im Verhältnis von 5 : 1 o.ä. – eine Person mit der „falschen“ Meinung niederzumachen. Das übliche ständige Unterbrechen und Niederschreien des eingeladenen Opfers ist unerträglich. „Selbstredend hat der Ukraine-Krieg eine Vorgeschichte, selbstredend sind hier Interessen auch der USA im Spiel und wir täten gut daran, auch die Interessen Europas und Deutschlands in… Mehr

Last edited 11 Monate her by LadyGrilka55
EinBuerger
11 Monate her

Nur ungefähr aus meiner Erinnerung: Ich glaube Miriam Lau von der ZEIT hat nach 2015 einen „abwägenden“ Artikel bezüglich Migration geschrieben. Irgendein anderer Journalist sagte, er würde ihr den Kaffee ins Gesicht schütten. Frau Lau hat sich entschuldigt und zerknirscht gezeigt. Seitdem habe ich nichts mehr gehört, dass sie angefeindet wird. Man muss sich einfach nur demütig entschuldigen, Reue zeigen und Besserung geloben. Dann kommt man wieder aus dem linken Fadenkreuz. Tut man das nicht, muss man mindestens mit beruflichen Nachteilen rechnen. Ich vermute, Frau Lau hätte keinen Job mehr in einem der Mainstream-Medien, wenn sie nicht deutlich zurückgerudert wäre.… Mehr