Mosul: Von der Mutter aller Schlachten zum Großislamischen Reich

Mit der „Mutter aller Schlachten“ drohte der damalige irakische Diktator Saddam Hussein 1990 den Vereinigten Staaten von Amerika . Eine wahre „Mutter aller Schlachten“ beginnt nun im Norden des Irak. Ein Beitrag über die Hintergründe und Folgen.

Osmanisches Reich

Eine wahre „Mutter aller Schlachten“ beginnt nun im Norden des Irak, denn um die im Juni 2014 vom Islamischen Staat besetzte Kurdenstadt Mosul, dem antiken Ninive, schließt sich derzeit der Ring jener Koalition, die scheinbar entschlossen ist, dem Terror der Islamfundamentalisten eine Ende zu bereiten. Der Vormarsch beginnt. Doch der Konflikt könnte eskalieren.

Der Ring um die vom Islamischen Staat gehaltene, irakische Großstadt schließt sich. Eine große Koalition unterschiedlichster Gruppen setzt an, die kurdische Stadt zu befreien. Doch die angeblichen Koalitionäre sind untereinander uneins – sowohl in Strategie als auch in ihren politischen Zielen. So könnte die bevorstehende Schlacht tatsächlich eine Mutter vieler Schlachten werden, die ihr folgen könnten – und die, geht es nach einigen der Akteure, das politische Gesicht des Nahen Osten nachhaltig verändern soll.

Von der Antike ins Osmanische Reich

Mosul/Musil, jene Stadt am oberen Tigris, die dort liegt, wo sich bis zum Ende des siebten vorchristlichen Jahrhunderts Ninive, das Verwaltungszentrum des Assyrischen Reichs, befand, hat eine lebhafte Geschichte. Mit der Eroberung Ninives durch die medisch-babylonische Allianz wurde sie erst babylonisch, später medisch, dann persisch. Der mazedonische Invasor Alexander eroberte sie um 330 vc – seine seleukidischen Nachfolger verloren sie 129 vc an die Parther. Um 220 nc putschte Ardashir die Parther vom Thron – sein Sassanidenreich sollte die Stadt am Tigris zu neuer Blüte bringen, bis 627 nc mit der Schlacht bei Ninive das christlich-römische Byzanz über die Sassaniden siegte und beide Großreiche, durch ihren Dauerkrieg zerschlissen, zum Opfer der aus Zentralarabien anstürmenden Imperialisten des Mohamed wurden. Nach der Zerstörung durch den Mongolensturm im 13. Jahrhundert blieb die Stadt nach ihrem Wiederaufbau ein regionales Zentrum und wurde unter den Osmanen, die die Stadt 1535 eroberten, Verwaltungszentrum des Vilayets Mosul.

Dieser osmanische Verwaltungsbezirk umfasste neben Mosul die kurdischen Metropolen Kirkuk/Kerkuk, Erbil/Hewler sowie Sulaimaniya/Silemani und wurde erst mit dem Vertrag von Lausanne 1923 der damaligen Siegermacht Großbritannien zugesprochen. Die junge Türkei hatte bis zuletzt die Hoheit über Mosul und Sulaymania beansprucht – sich gegen die Siegermächte jedoch nicht durchsetzen können.

Eine kurdisch-multiethnische Stadt

Damals, in den frühen Zwanzigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, gingen die Zahlen über die Bevölkerungszusammensetzung von Stadt und Vilayet deutlich auseinander. Der türkische Unterhändler Inönü präsentierte für das Vilayet eine kurdische Bevölkerung von rund 260.000 und eine türkische von rund 146.000. Weiterhin sah er 43.000 Araber, 18.000 Juden und 31.000 andere, nicht-muslimische Einwohner wie Christen und Jeziden. Aus dem türkischen Herrschaftsanspruch über die Kurden heraus beanspruchte er damit das Gebiet für sich.

Englands Verhandlungsführer Curzon ging von 428.000 Kurden, 186.000 Arabern, 103.000 aramäischen Christen, Juden und Jeziden sowie nur 66.000 Türken aus. Die irakische Regierung meinte gar, dort 720.000 Kurden und 100.000 Christen, Juden und Jeziden sowie 167.000 Arabern gezählt zu haben, denen lediglich knapp 39.000 Türken gegenüber standen.

Über tatsächlich korrekte Zahlen verfügte keine der Seiten – und so liegt es auf der Hand, dass jede Partei diese in ihrem Sinne manipulierte. Am nächsten an der Realität dürften die britischen Zahlen gelegen haben – entscheidend allerdings ist, dass selbst die Türken seinerzeit von einer kurdischen Bevölkerungsmehrheit ausgingen, woraus nun wiederum die Kurden bis heute ihre Ansprüche herleiten.

Das Vilayet wird irakisch

In den Lausanne-Verhandlungen setzten sich am Ende die europäischen Mächte der Entente cordiale durch: Die türkische Armee räumte Mosul und das Vilayet, Großbritannien übernahm die Region und gliederte sie ihrem aus den ehemals osmanischen Provinzen Basra und Bagdad bestehenden Kunstobjekt Irak als nördliche Provinz an.

In der klassischen Politik der europäischen Großmächte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielten bei dieser Staatengründung ethnische und religiöse Prägungen keine Rolle. So wurde aus dem Irak ein Staat, in dem eine schiitische Mehrheit gemeinsam mit arabischen Sunniten und Kurden eine Gemeinschaft bilden sollte. Als Nationalstaat war dieses Projekt angesichts weit in die Vergangenheit reichender, gegenseitiger Animositäten von vornherein eine Totgeburt.

Während der zweiten heißen Phase des 75-jährigen Krieges der Europäer kam es am 1. April 1941 im Irak zur gewaltsamen Machtübernahme durch pro-deutsche Kräfte, die sich jedoch trotz Unterstützung aus dem Reich gegen die nun folgende britische Intervention nur bis Oktober des Jahres behaupten konnte. Der Irak blieb in den Folgejahren faktisch britisch besetztes Gebiet. 1953 reanimierte London unter dem minderjährigen Faisal 2 seine in den Zwanzigerjahren entwickelte Idee eines hashemitischen Königreichs.

Vom britischen Mandat zur Baath-Diktatur

Im Februar 1958 unternahm das Vereinigte Königreich einen letzten Versuch, seinen führenden Einfluss in seinen früheren Mandatsgebieten aufrecht zu erhalten. Die beiden von den Nachkommen des hashemitischen Sherifen von Mekka regierten Königreiche Jordanien und Irak verkündeten die Gründung einer „Arabischen Föderation“, die allerdings niemals existieren sollte. Sogenannte „Freie Offiziere“ unter Abdel Karim Qasim putschten im Irak gegen die Monarchie, ermordeten am 14. Juli 1958 den damals gerade 23 Jahre alten Faisal 2 und erklärten tags darauf die Föderation für aufgelöst. Der Irak hatte sich per Staatsstreich von Großbritannien emanzipiert. Die frühere, durch den Krieg gegen Deutschland ausgezehrte Kolonialmacht war nicht mehr in der Lage, seine imperialen Interessen zu verteidigen.

1963 putschte sich die von europäisch-sozialistischem Gedankengut geprägte Baath-Partei an die Macht und konnte diese Stellung trotz mehrerer interner Palastrevolten erfolgreich ausbauen. In dieser Zeit traten die ethnischen und religiösen Konflikte immer deutlicher zutage. Die Unterstützung der seit eh zum Separatismus neigenden, überwiegend sunnitischen Kurden durch den schiitischen Iran führte sowohl zu langjährigen Kämpfen im Norden des Kunststaats wie zur Unterdrückung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit durch die sunnitisch geprägte Baath.

Der irakische Krieg gegen den Iran

Mit der Machtübernahme durch Saddam Hussein wurden die inneren Kämpfe gegen links der säkular-sozialistischen Baath-Partei stehende Intellektuelle und gegen parteiinterne Konkurrenten ebenso verschärft wie gegen Kurden und Schiiten. Dann überfiel der Irak am 22. September 1980 den Nachbarn Iran. Nach ersten Siegen folgte ein Zermürbungskrieg mit wechselseitigen Erfolgen und Misserfolgen.

Dieser sogenannte  Erste Golfkrieg hatte seine Ursache letztlich in nach-kolonialen Grenzziehungen – wobei hier die Türkei ebenfalls als Kolonialmacht verstanden werden muss. Sie hatte 1638 die damals persischen Provinzen um Basra am Shatt-alArab, dem gemeinsamen Strom von Euphrat und Tigris, annektiert  – was faktisch von Persien niemals anerkannt wurde.

Saddam Hussein erweiterte nun seine Gebietsansprüche im von Schiiten besiedelten Süden und forderte die von ihm Arabistan, von den Persern Chusistan genannte Westprovinz des Iran als irakische Provinz. Tatächlich standen hinter der Gebietsforderung auf das in der Antike als Elam bekannte Land ähnlich wie beim späteren Kuwait-Abenteuer des Irak wirtschaftliche Interessen. Einerseits beanspruchte der Irak die uneingeschränkte Hoheit über den Schatt als gegenwärtigem Grenzfluss – mehr aber noch lockte das Öl Chusistans. Am Ende dieses Krieges, in dem der Irak zu Chemiewaffen griff und der Iran der Ajatollahs mit „Paradiesschlüsseln“ aus taiwanesischer Massenproduktion versehene Kinder als menschliche Minensucher verheizte, musste der Irak auf seine Kriegsziele verzichten – die Klerikalfaschisten in Teheran hatten hingegen ihre Anfangs schwache Stellung nach Innen wie nach Außen manifestieren können. Die Zahlen der Opfer dieses Krieges am Golf schwanken zwischen 100.000 und 300.000 auf irakischer und 260.000 bis 500.000 auf iranischer Seite.

Nach dem Ende des Krieges verlagerte Hussein seine Vernichtungsfeldzüge erneut gegen die eigene Bevölkerung. Bei Kämpfen gegen die auf iranischer Seite kämpfenden Kurden sollen bis zu 180.000 Menschen ermordet worden sein. Infolge eines Aufstands der Schiiten im Zuge des Zweiten Golfkriegs der US-Allianz um das zwischenzeitlich vom Irak besetzte Kuwait wurden 1991 nach Schätzungen bis zu 300.000 irakische Schiiten ermordet. Um die Kurden im Norden dauerhaft zu disziplinieren, forcierte Hussein gleichzeitig die massive Ansiedlung sunnitischer Araber in der Kurdenmetropole Mosul.

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