Die Wahlparty der ungeliebten Gäste

Was, lieber Leser, tun Sie, wenn Sie auf ihrer Party feststellen, dass Sie Ihrer Gäste überdrüssig sind? Oder Sie vielleicht feststellen, dass Sie sich doch die falschen Gäste eingeladen haben?

© Marco Di Lauro/Getty Images

Was, lieber Leser, tun Sie, wenn Sie auf ihrer Party feststellen, dass Sie Ihrer Gäste überdrüssig sind? Oder Sie vielleicht feststellen, dass Sie sich doch die falschen Gäste eingeladen haben?

Nun, als erstes würden Sie vielleicht eine Musik abspielen, von der Sie wissen, dass Ihre Gäste sie nicht mögen. Wenn Ihr Gäste beispielsweise auf Punk und Funk stehen, könnten Sie vielleicht etwas Klassik auflegen. Oder die Party-Kracher durch dröhnende Marschmusik ersetzen. Denn als höflicher Gastgeber hoffen Sie natürlich, dass Ihre Gäste den deutlichen Wink verstehen und sich nicht minder höflich verabschieden und erst einmal ihren Rausch ausschlafen.

Aber Ihre angeheiterten Gäste tun das nicht. Statt dessen beschweren sie sich darüber, dass Sie die falsche Musik auflegen. Ihre mittlerweile ungeliebten Gäste fordern Sie als Gastgeber vielmehr lautstark auf, diesen überholten Klassik-Kram zu beenden. Und diese rechte Marschmusik – ohnehin völlig aus der Zeit gefallen. Weg damit: „Her mit den Partykrachern! Sei doch nicht so ungemütlich!“ fordern sie lauthals. Und wenn Sie dann nicht reagieren, dann singen Ihre ungeliebten Gäste selbst laut gegen Ihre neue Musikauswahl an und beschimpfen Sie als schlechten Gastgeber. Vielleicht auch gröhlt der eine oder andere Ihrer Gäste die neuen ungeliebten Lieder mit – teils deshalb, weil er sie noch von früher kennt, teils, weil er sie für einen neuen Trend hält.

Da das nun nicht hilft, könnten Sie als nächstes versuchen, die Zufuhr an Häppchen und Drinks zu kappen. Doch Sie müssen feststellen, dass Ihre Gäste längst Küche und Weinkeller besetzt haben – und nicht daran denken, von den dort für spätere Partys zusammengesammelten Leckereien zu lassen. Egal, was Sie als Gastgeber wünschen – Ihre Gäste haben längst die Vorzüge der Selbstbedienung erkannt und feiern auf Ihre Kosten fröhlich weiter.

So langsam verlieren Sie die Geduld. Sie gehen zu ihren Gästen und teilen diesen nur noch wenig zuvorkommend aber bestimmt mit, dass Sie die Party nun gern beenden würden. Doch Sie ernten nur Unverständnis. Das sei doch so eine tolle Party: „Mach doch nicht den Partymuffel!“ bekommen Sie zu hören und werden leutselig in den Arm genommen. Ihre Gäste feiern weiter, als wäre nichts geschehen, während Sie langsam schon damit anfangen, den Partymüll auf dem Fußboden zusammenzufegen. Was allerdings eher unsinnig ist, denn Ihre beschwipsten Gäste treten ihn ständig wieder breit.

Nun kommen Sie auf die Idee, von der Straße ein paar zufällig vorbeilaufende, zusätzliche Gäste einzuladen. Gäste, von denen Sie wissen, dass diese Ihren alten, ungeliebten Gästen zutiefst unsympathisch sind. Aber auch das sorgt nur dafür, dass Sie nun richtig heftig beschimpft werden. „Was ist das denn für ein Pack, was Du da auf der Straße aufgelesen hast?“ kriegen Sie zu hören. Diese Leute solle man doch am besten sofort wieder rausschmeißen – mit solchen Menschen feiere man nicht. Und Sie als Gastgeber müssen sich von den Zechern beschimpfen lassen: „Du hast ja wohl einen Knall, auch noch solche Assis einzuladen!“

Da platzt Ihnen nun langsam der Kragen. Sie greifen zu einem der zahlreich herumstehenden Sektkübel und schütten diesen über die mittlerweile ungeliebten Gäste aus. Die aber schütteln sich nur einmal und bilden nun mit den anderen ungeliebten Gästen eine Front gegen Sie und tun so, als hätten Sie nur für eine angenehme Erfrischung gesorgt. Derweil plündern sie nun auch noch ihre gut gehüteten Champagner-Bestände. Dabei lassen sich selbst hochleben und tun so, als hätten sie selbst diese Party bezahlt und dazu eingeladen. Sie als Hausherr und eigentlicher Gastgeber sind chancenlos. Da können sie nun machen, was Sie wollen: Ihre Gäste wollen einfach nicht merken, wie unerwünscht sie mittlerweile sind. Und nun kommt sogar noch der Papa von einem der Küchenbesetzer vorbei – aber statt seinen trunkenen Zögling  liebevoll abzuholen und ihn zum Ausnüchtern nach Hause ins Bett zu bringen, gratuliert er ihm zu dem großen Erfolg „seiner“ Party und feiert fröhlich mit.

So, wie hier geschildert, stellte sich ungefähr die Situation am Berliner Wahlabend 2016 dar.

Die Partygänger, die Sie als Hausherr sich irgendwann einmal eingeladen hatten, verweigern sich einfach Ihren Wunsch, sie endlich loszuwerden. Pudelnass vom Eiswasser machen sie euphorisiert immer weiter, klopfen sich selbst auf die Schulter und feiern eine Party, die sie weder bezahlen noch auf der sie erwünscht sind.

Da sitzt zum Beispiel dieser Müller von den Sozialdemokraten. Den hatten Sie gar nicht eingeladen, aber irgendwann war er da. Einer Ihrer früheren Gäste hat Ihnen diesen jungen Mann einfach ungefragt auf den Partyhocker gesetzt. So richtig sympathisch fanden Sie ihn nie – und in der letzten Partynacht sanken seine ohnehin schon niedrigen Sympathiewerte noch einmal schlagartig um 14,8 Prozent. Und dann dieser Typ mit dem Namen einer Sektmarke. Kein Bringer – und bei Ihnen als Großsprecher auf der Sympathieskala noch heftiger nach unten gerutscht. Ein Abschlag von 15,8 Prozent. Sein Gesichtsausdruck schien merken zu lassen, dass er sein Unwillkommensein langsam spürte. Davon abhalten, weiter vom Buffet die Kaviar- und Scampi-Häppchen herauszufischen, konnte ihn das aber nicht. Da waren die kleinen Piraten-Punks, die sich irgendwie auf Ihre Party gemogelt hatten, besser zu ertragen gewesen. Die hatten sich schnell einmal die Taschen vollgestopft  und die Party dann freiwillig zu verlassen  – auch ohne Aufforderung. Kaum einer hatte es gemerkt und kaum einer hatte sie vermisst.

Sie selbst sind langsam am verzweifeln. Ihre altgedienten Partygänger, die Sie schon seit den Fünfzigern kennen, die wollen es einfach nicht merken. Die haben sich bei Ihnen so schön eingenistet und fühlen sich derart wohl, dass sie einfach nicht loszukriegen sind.

Statt zu verstehen, dass Sie als Hausherr sie auf Ihrer Party nicht mehr sehen wollen, setzt sich der schwarze Verlierer, der an die zahlreichen, leergetrunkenen Sektflaschen erinnert, schmollend in die Ecke und verkündet lauthals: „Da kannst Du machen, was Du willst – ich bleibe! Wenn ich schon nicht mehr in der Küche am Buffet stehen kann, dann verstecke ich mich hinter dem Bartresen! Da wird schon noch was für mich abfallen, wenn ich nur unauffällig genug bleibe!“

Der von den Roten, die früher mal mit kräftigen Muskeln und stolz geschwellter Brust der Mittelpunkt jeder Party gewesen waren, hält trotz unübersehbarer Schwindsucht Küche und Weinkeller besetzt. Er verwechselt Ihre Wohnung nun abschließend mit seiner eigenen und lädt sich selbst weitere Gäste ein, mit denen er Ihre Vorräte plündern wird. Gerade rechtzeitig hatte er noch Ihre Kisten mit dem Grünen Veltliner und dem billigen, dunkelroten Amselfelder entdeckt, mit denen er sie locken kann.

„Das ist meine Party, ich suche mir jetzt neue Kumpel – und dann lassen wir es wieder richtig krachen!“  ruft er lauthals, Ihren Champagner am Hals.

Und was machen Sie als Hausherr? Sie stehen fassungslos daneben und fragen sich, ob man solche ungeliebten Gäste überhaupt jemals wieder los wird. Gäste, die man früher ja mal ganz nett fand, als sie noch mit anpackten beim Umzug von den alten Baracken in das Luxusappartement. Aber mittlerweile stolpern sie nur noch auf Kosten der Hausherren im Dauerrausch von Niederlage zu Niederlage und wollen einfach nicht merken, dass sie unerwünscht sind.

Okay – da könnten Sie nun als Hausherr versucht sein, sich nach einem anderen Domizil umzusehen und die ungeliebten Gäste in ihren eigenen Abfällen vermodern lassen. Aber leider gibt es keines. Was also bleibt Ihnen anderes übrig, als noch massiver zu werden, um die ungeliebten Gäste los zu werden? Und sich dafür von diesen noch heftiger beschimpfen zu lassen?

Dabei wollen Sie doch eigentlich nur eines: Dass Ihre Partygäste wieder mit anpacken und den ganzen Müll, der sich bei der Dauerparty angesammelt hat, mit Ihnen gemeinsam entsorgen. Auch sollten sie selbst mal etwas beisteuern zu der Party, statt ständig nur auf Ihre Kosten zu leben. Und dann gemeinsam mit Ihnen wie damals, als man sich noch gegenseitig vertraut hat, das gemeinsame Haus weiter bauen und wohnlich einrichten.

Aber so ist das, wenn man die falschen Gäste auf der Party hat. Erst wenn die Speisekammern leergegessen sind und die ungeliebten Gäste sich die Bäuche richtig vollgeschlagen haben, werden sie irgendwann entschwinden und nach der nächsten Party suchen – oder im Straßengraben ihren Dauerrausch ausschlafen. Die letzten Flaschen, die sie noch in den gut gesicherten Regalen für besondere Anlässe entdeckt haben, nehmen sie dabei selbstverständlich als Wegzehrung mit.

Und Sie als Hausherr sitzen auf dem Müll in einer total demolierten Wohnung.

Pech. Vor der nächsten Party die Gäste besser auswählen. Falls Sie doch noch irgendwo genug Bestände finden sollten, um überhaupt eine auszurichten zu können.

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