Die Verantwortungslosigkeit des Schleusenwärters

Das ist die Situation in der Eurozone: Ein bescheidenes Wirtschaftswachstum wird mit einer relativ und absolut immer höheren Geld- und Kreditmenge erkauft. Insgesamt steigt die Verschuldung daher immer stärker an. Diese faktische Überschuldung kann nur durch niedrige Zinsen weiter finanziert werden.

ARIS OIKONOMOU/AFP/Getty Images

Sätze können so entlarvend sein. Jüngst auch bei der mündlichen Verhandlung am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Dort ging es um die Verfassungsbeschwerden gegen die EZB-Anleihekäufe, die bislang fast 2.500 Milliarden Euro umfassen, und die die EZB mit Geld aus dem Nichts bezahlt hat. Das Bundesverfassungsgericht hatte die Klagen den Luxemburger Richtern vorgelegt, um zu klären, ob das Programm gegen das Verbot der monetären Staatsfinanzierung verstößt.

In der Verhandlung verglich die EZB-Vertreterin laut FAZ, das Vorgehen der EZB mit der Tätigkeit eines Schleusenwärters. Durch das Öffnen und Schließen der Wehre könne dieser bestimmen, wie viel Wasser durch die Schleuse fließt, und so den Wasserstand in seinem Bereich kontrollieren. Die EZB stehe an der Schleuse für die Geldzufuhr im Euroraum. Seit Beginn der Finanzkrise 2008 habe die Zentralbank die Wehre geöffnet, um im Interesse aller, entgegenzusteuern. Die Wirtschaft wachse und die Arbeitslosigkeit sinke. Die Überschwemmungen, die mancher befürchtet hatte, seien hingegen ausgeblieben, so die EZB-Vertreterin.

Potemkin’sche Dörfer

Das Bild sagt sehr viel über die Denke der EZB aus. Geldpolitik ist in ihren Augen ein technischer Vorgang, der präzise gesteuert werden kann. Die Notenbanker sind die Ingenieure der Geldpolitik, die alles im Griff haben. Sie steuern die Geldmenge, die Inflation, den Zins und auch die wirtschaftliche Entwicklung. Und sie sind überzeugt, dass sie erfolgreich sind. Doch hier werden Potemkin’sche Dörfer errichtet. Unabhängig davon, dass die Wirtschaftsleistung im Verhältnis zu anderen Weltregionen langsamer wächst und die Arbeitslosigkeit höher ist, verschweigt die EZB geflissentlich, welche Folgen an anderer Stelle diese Eingriffe in die Geldmenge und den Zins haben.

Frederic Bastiat hat bereits 1850 in seinem Essay „Was man sieht und was man nicht sieht“ die Wirkung solcher Markteingriffe sehr anschaulich dargelegt. Darin bekommt der Sohn des Bürgers Biedermann Ärger mit seinem Vater, weil er eine Scheibe zerschlagen hat. Die Passanten, die dieses Schauspiel verfolgt haben, trösten Biedermann mit der Aussage: „Unglück ist zu etwas nutze. Solche Unfälle geben der Industrie ihr Auskommen. Alle Welt muss leben. Was würde aus den Glasern, wenn man niemals Scheiben zerschlüge?“ Das ist in Bastiats Augen das, was man sieht. Er führt nach dieser Geschichte aus, was man nicht sieht: Man sieht nicht, dass das Geld anderweitig ausgegeben werden könnte. Vielleicht muss Biedermann seine abgelaufenen Schuhe ersetzen oder er hätte sich ein Buch für seine Bibliothek kaufen können. Kurz: er hätte mit diesem Geld irgendetwas gemacht, was er nun nicht mehr machen kann. So ist es auch beim Schuldenaufkaufen der EZB. Auch hier richtet sich der Blick vielfach nur auf das, was man sieht.

EZB: Schleuser oder Fischzucht-Betreiber?

Daher sollte man die Geldpolitik der EZB dem Europäischen Gerichtshof mit einem anderen Bild erklären. Eigentlich ist die EZB der Betreiber eines Karpfenteiches, der auf immer mehr Erträge getrimmt ist. Regelmäßig gibt die EZB den Karpfen Kraftfutter, so dass sie immer größer und fetter werden. Steigt die Menge an Karpfen nicht, dann wird mehr Kraftfutter eingesetzt. Irgendwann reicht auch das nicht mehr aus. Ertragssteigerungen sind dann nur noch mit „unkonventionellen“ Maßnahmen möglich. Daher setzt die EZB nun Anabolika ein, um die Karpfen noch größer zu machen. Immer mehr und immer häufiger. Die Folge ist, die Karpfenzucht wächst und gedeiht. Doch die Kollateralschäden sind verheerend. Die großen Karpfen fressen die kleinen. Große und Kleine fressen alles andere im Teich. Und der Teich droht umzukippen. Jetzt versucht es die EZB mit Frischwasser, um die stinkende Brühe zu strecken. Doch der Teich kann nur eine bestimmte Wassermenge aufnehmen, sonst droht er überzulaufen. Daher werden kleinere benachbarte Fischteichbesitzer eingeladen und integriert, am bisherigen Mastprogramm teilzunehmen. Doch irgendwann kippen auch diese Fischteiche um, und alle Fische sind tot.

Das ist die Situation in der Eurozone. Ein bescheidenes Wirtschaftswachstum wird mit einer relativ und absolut immer höheren Geld- und Kreditmenge erkauft. Insgesamt steigt die Verschuldung daher immer stärker an. Diese faktische Überschuldung kann nur durch niedrige Zinsen weiter finanziert werden. Und nur durch eine gemeinsame Haftung für die Risiken gelingt es, die Märkte zu beruhigen. Daher wird es nicht zu nennenswerten Zinserhöhungen kommen. Und für das Ankaufprogramm der EZB, kann unabhängig vom Urteil in Luxemburg und anschließend in Karlsruhe, prognostiziert werden, dass die EZB munter weitermachen wird. Sie hat heute schon angekündigt, dass sie fällige Anleihen durch den Ankauf neuer Anleihen ersetzen will. Und auch die Regel, dass die Euro-Notenbanken maximal ein Drittel der Staatsanleihen eines Landes aufkaufen dürfen, ist von der EZB selbst definiert und kann jederzeit verändert werden. Nicht ohne Grund spricht die EZB von einer „unkonventionellen“ Geldpolitik. Normal ist anders.

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Kommentare ( 41 )

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Die Geldpolitik der EZB ist nicht unkonventionell, sondern – sagen wir mal krank. Die EZB-Geldpolitik unter Draghi (Goldmann Sachs) ist ein bis heute andauernder Frontalangriff auf die deutschen Steuerzahler und Sparer. Gegen die Anleihenkäufe haben neben dem CSU-Politiker Peter Gauweiler mehrere Ökonomen geklagt. Was macht die Bundesregierung? Angela Merkel. In ihrer Stellungnahme für den EuGH stellt sie sich gegen die eigene Bundesbank und unterstützt die Politik der EZB weitgehend. https://www.geolitico.de/2018/07/08/merkel-steht-draghi-vor-gericht-bei/
Hat irgendjemand etwas anderes erwartet?
Wenn die Schleusentore brechen könne auch wir in den Abgrund schauen.
Das wird sicher lustig.

Die österreichische Schule der Nationalökonomie wird auch diesmal wieder Recht behalten -leider, für uns alle..:

„Die Inflation ist gewöhnlich sowohl für die Regierung als auch für die private Geschäftswelt der leichte Weg aus momentanen Schwierigkeiten … Sie ist das unausbleibliche Ergebnis einer Politik, die alle anderen Entscheidungen als Gegebenheiten ansieht, an die das Geldangebot so angepaßt werden muß, daß der durch andere Maßnahmen angerichtete Schaden so wenig wie möglich bemerkt wird.“ -Friedrich August von Hayek (1960), Die Verfassung der Freiheit, S. 419 – 420.

Der oberste Chart auf dieser Seite zeigt sehr schön die Misere auf:
https://www.goldsilbershop.de/historische-entwicklung-goldpreis-silberpreis.html

Durch die Entkopplung des Geldwertes vom Gold in den 70ern und die Einführung des Zentralbankensystems hat eine massive Entwertung der Weltwährungen eingesetzt. Und warum? Um massenweise Geld drucken zu können, um ein überbordendes Sozialsystem zu finanzieren. Mit Geld, das es gar nicht gibt. Wir müssen wieder zum Goldstandard zurück und den Regierungen die Macht über das Geld und somit die Wirtschaft nehmen.

Wenn sie es für besonders clever halten können Sie Ihr Vermögen ja in Edelmetallen anlegen. Sie brauchen aber auch ein Bankschließfach (zuhause kommen Einbrecher, die Ihnen Gewalt antun) und eine gute Versicherung.

Wie in Douglas Adams Per Anhalter.

Der nächste Sturm steht bereits vor der Tür. In China stehen insolvente Banken und Staatsunternehmen bereits mit über 250 Milliarden USD in der Kreide. In Ländern wie Argentinien oder der Türkei sind viele Kredite in USD aufgenommen worden, deren Rückzahlung sich aufgrund steigender FED-Zinsen sich schwierig gestalten wird. Diese Länder sind sehr anfällig für Kapitalabflüsse ins Ausland und eine Abschwächung des Wachstums. In den USA geht es um knapp 1,5 Billionen USD an Studenten-Darlehen, bei denen sich die Ausfallraten der 20%-Marke nähern. Als nächstes steht uns eine Welle von Junk Bond Defaults, also Kreditausfälle bei Hochrisikoanleihen bevor, deren Volumen seit… Mehr
„Das ist die Situation in der Eurozone. Ein bescheidenes Wirtschaftswachstum wird mit einer relativ und absolut immer höheren Geld- und Kreditmenge erkauft.“ Es gibt Ökonomen in Deutschland (Frank Hellmeyer; ehemaliger Chefanalyst der Bremer Landesbank), die das anders sehen: In Europa generiere sich das Wachstum aus wiederkehrenden, steigenden Einkommen und wäre daher ein gesundes. In den USA dagegen stamme das Wachstum tatsächlich nur aus der Ausweitung der Kreditmenge und sei daher ein ungesundes. Ich verstehe diese Argumentation nicht. Warum ist dann in Europa das massive Eingreifen der EZB erforderlich? Der Test dieser Hypothese wäre, was passierte, wenn die EZB die Zinsen… Mehr

Dann würde die Staatsdefizite explodieren, da die Zinsausgabe für die Staaten massiv steigen würden. Auch für Deutschland wären es zweistellige Mrd. Beträge.

Da wären mehr als die Hälfte der Euro-Länder pleite und die Industrie würde auch jammern.

Alles sozialistische „Investitionen“ in die Zukunft!

In Erinnerung an einen bekannten Aphorismus hört man immer wieder den Politiker zum Banken- oder Wirtschaftswissenschaftler sagen: „Halte Du sie dumm, ich halte sie arm.“ Und womit? Natürlich mit einer Vielzahl von Begriffen, in denen das Wort Stabilität, Aufsicht oder ähnliches vorkommt: EU-Konvergenzkriterien, Stabilitäts- und Wachstumspakt, Nichtbeistands-Klausel, Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM), Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), Outright Monetary Transactions (OMT), Einheitlicher Bankenaufsichtsmechanismus (SSM), Fiskalpakt etc. Wer aber, um Gottes Willen, möchte sich in einem solchen Irrgarten bewegen, wer nimmt sich die Zeit, da durchzusteigen? Parlamentarier werden dort nicht anzutreffen sein, aber sicherlich „Fachleute“, die bei irgendwelchen Finanzoligarchen in Lohn und Brot stehen und… Mehr
Bitte nicht vergessen, daß Merkel und Schäuble die EZB-Politik seit Jahr und Tag stützen. Der Euro ist immerhin die Friedens-Währung und hat uns seit 1945, also seit ca. 73 Jahren Frieden beschert. Wenn man auf diese typischen Äußerungen des Miljöhs der naiv-grünen Linkspopulisten (incl. Merkel, Katholen und Evangelen, Gewerkschaften, Ringelpiezler) auf die Abschreckungs-Politik durch NATO und Warschauer Pakt hinweist, dann schaut man in (noch) dämlichere Gesichter. NATO kennt man, aber wer oder was ist der Warschauer Pakt?? Und das diese Abschreckung auf atomarer Aufrüstung ( Atom, ganz böse) beruhte, das weiß kaum noch jemand. Hat schon mal einer der Gesinnungs-Journalisten… Mehr
Der Artikel kreist um Symptome und fragt nicht das Entscheidende: Was wäre ohne die Geldpumpe der EZB passiert? Einige Länder und im Dominoeffekt auch wir, wären bereits am Boden und pleite. Pleite heißt nicht etwa, dass es am nächsten Tag wieder lustig von vorn losgeht, sondern kaputt bleibt unten. Schließlich wären wir überschuldet. Starke Investoren würden unsere Assets aufkaufen und würden damit die Eigentümer. Wir würden für sie arbeiten. Sie würden unsere Erarbeitetes (Geld) außer Landes schaffen. Schulden, die bekanntlich durch frisch gedrucktes Geld entstehen, wurden überhaupt noch nie „finanziert“, auch nicht durch Zinsen. (Die Zinssumme ist normalerweise kleiner als… Mehr
Wenn Sie sich Herrn Schäfflers Artikel noch einmal genauer durchlesen, dann ging es ihm nicht nur darum, dass durch die Nullzinspolitik eine „Enteignung“ im weiteren Sinne stattfindet, sondern um die Konsequenzen, die sich aus dem Euro ergeben, wenn unterschiedliche Wirtschaftskräfte der Teilnehmer auf gleiche Währung trifft. Wer nicht abwerten kann, und damit die Differenzen unterschiedlicher Wirtschaftsleistung abfedert, der bekommt das, was wir heute als „Währungskrise“ vorgesetzt bekommen. Der Ankauf von wertlosen Papieren ist schlicht eine Verschuldung. Man kaschiert das als „Mechanismen“ wie ESM und weitere, für Normalos intransparente Konstruktionen, wo kaum Fachleute durchsteigen. Und jeder Privathaushalt weiß: eine Verschuldung durch… Mehr

Mich wundert außerdem, dass ausgerechnet Verfechter des freien Marktes unter allen Umständen einen bestimmten Mindestzins für Spargeld erwarten. Denn genau das steht implizit hinter der Klage, der Zins sei zu niedrig.

Demnach erwartet der Freund des freien Marktes sage und schreibe eine Regelung, die sich nicht auf dem freien Markt ergibt. Welcher Lapsus bei System-Überlegungen führt denn zu dieser merkwürdigen Inkosistenz?

@Herbert: Erklärtes Ziel Draghis war ja u. a., seinen geliebten Landsleuten (und auch den anderen PIGS-Staaten) Zeit zu kaufen, damit diese ihre dringend benötigten Struktur-Reformen angehen.
Und? Kam da was? Ich habe nichts dergleichen gelesen.

Nun ja, es war auch notwendig, den PIGS-Staaten Zeit zu verschaffen. Dass nicht genug dabei rausgekommen ist, steht auf einem anderen Blatt. Vergleichbare Maßnahmen haben in den USA schließlich zu Erfolg geführt.

Oder hätte Draghi einen erheblichen Teil der EU „ungeliebt“ absaufen lassen sollen, weil darunter auch Landsleute sind? Ich dachte zuletzt, dass die Unliebe zum eigenen Volk eine eher deutsche Tugend ist.

@EURO fighter: Die Zeit hat noch nicht ausgereicht. Sie brauchen weitere Jahrzehnte für ein paar Reförmchen.