Holmström: Teams funktionieren mit Kapitalismus besser

Bengt Holmström wurde mit dem Wirtschaftsnobelpreis 2016 ausgezeichnet. Eines seiner bekanntesten Modelle zu „Moral Hazard in Teams" behandelt die Frage, wie Menschen in Teams sinnvoll zusammenarbeiten. Grunderkenntnis: Kapitalismus funktioniert besser als Sozialismus.

Moral Hazard ist ein Begriff, der sich nicht sinnvoll ins Deutsche übersetzen lässt. Die damit beschriebene Situation kennt aber trotzdem jeder. Stellen Sie sich zwei Fachleute vor, die gemeinsam eine Arbeit zu erledigen haben: Zum Beispiel einen Informatiker und eine Wirtschaftswissenschaftlerin, die ein Modul für das Risikomanagementsystem einer Bank entwickeln sollen. Am Ende funktioniert nichts richtig, und jeder versteckt sich hinter dem anderen. „Wie soll  ich denn etwas programmieren, wenn ich keine genauen Spezifikationen habe?“ sagt der Informatiker. „Die Umsetzung ist völlig anders als meine Vorgaben waren“ sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin. Dummerweise kann von außen niemand richtig nachvollziehen, was wirklich los war. Das ist Moral Hazard.

Manche Autoren versuchen den Begriff zu übersetzen und kommen dann zu Übersetzungen wie moralisches Wagnis (was klingt, als hätte man in einem Wörterbuch den ersten Eintrag genommen, ohne weiter nachzudenken), moralische Versuchung (was den Kern wenigstens etwas besser trifft) oder moralisches Fehlverhalten (was fast korrekt ist, aber zu umständlich). Ich habe es aufgegeben, den Begriff Moral Hazard übersetzen zu wollen und verwende ihn als Fremdwort.

Das ist auch deshalb sinnvoll, weil sich dahinter ein genau definiertes Konzept verbirgt. Moral Hazard liegt vor, wenn mehrere Parteien eine Vereinbarung treffen, dann aber deren tatsächlichen Handlungen nicht beobachten werden können (unbeobachtbares Verhalten nach Vertragsabschluss ist die Lehrbuch-Formulierung). Das war in dem Beispiel des zu erstellenden Risikomanagementmoduls der Fall. Von außen betrachtet lässt sich nicht entscheiden, ob der jeweilige Experte tatsächlich mit vollem Einsatz gearbeitet hat oder ob er hauptsächlich im Internet gesurft ist und dann pro forma irgendein schnell zusammengestricktes Stückchen Programmcode abgegeben hat.

Holmströms Unmöglichkeitstheorem

Was Bengt Holmström in seinem klassischen Papier zeigt, ist ein sogenanntes Unmöglichkeitstheorem. Es besagt, dass man bei Teamarbeit mit Moral Hazard folgende drei Dinge nicht gleichzeitig haben kann: 1. Die Gruppe arbeitet effizient; 2. die Gruppenmitglieder verhalten sich rational und 3. die gesamten Früchte ihrer Arbeit werden vollständig innerhalb des Teams verteilt. Würden alle Teammitglieder an einem runden Tisch sitzen und gemeinsam vereinbaren, wie der einzelne arbeiten soll, dann würden sie etwas anderes beschließen, als sie es bei Vorliegen von Moral Hazard anschließend tatsächlich tun.

Der Reflex eines Juristen ist hier, dass man eben einen Gutachter beauftragen muss nachzuprüfen, ob jeder so arbeitet wie versprochen. Das geht aber leider nicht, weil die Arbeit der jeweiligen Fachperson nicht von außen her beobachtet werden kann (Moral Hazard eben). Das mag in der Realität in dieser Extremform meist nicht zutreffen, aber sehr oft ist die Überwachung unverhältnismäßig teuer, sodass die Arbeit des Einzelnen zwar nicht theoretisch, aber eben praktisch unbeobachtbar ist.

Holmström gibt nun eine Idee, was man dennoch tun kann, damit das Team effizient arbeitet: Man muss einen Vertrag schließen, der die Gruppenmitglieder dazu bringt, sich „freiwillig“ entsprechend zu verhalten. Das geht natürlich nur, wenn man einen der drei Punkte aufgibt. Da es das Ziel ist, die Teammitglieder zum effizienten Arbeiten zu bringen, kann man diesen Punkt nicht aufgeben. Ein Vertrag, der nicht auf der Vernunft der Teilnehmer aufbaut, wird nicht funktionieren, daher fällt Punkt zwei (die Rationalität der Teammitglieder aufzugeben) auch weg. Verbleibt also nur Punkt drei: Der Vertrag muss vorsehen, nicht alle Früchte der Arbeit innerhalb des Teams aufzuteilen.

Das Team arbeitet besser, wenn man ihm etwas wegnimmt

Dieser Punkt ist erstaunlich: Indem man den Teammitgliedern etwas wegnimmt, kann man sie dazu bringen, effizient zu arbeiten. Behalten wir das kurz im Hinterkopf, denn dieser Punkt ist so seltsam, dass man ihn noch einmal genauer interpretieren muss. Er wird aber klarer, wenn man einen der möglichen Verträge versteht, den die Teammitglieder schließen können. Sie können zu einem Außenstehenden gehen und ihm folgenden Vertrag anbieten: Bitte überprüfe, ob wir ein Ergebnis abliefern, bei dem jeder effizient gearbeitet haben muss. Wenn ja, dann gib jedem von uns so viel zurück, wie wir bei effizienter Arbeit auch ohne diesen Vertrag bekommen hätten. Sollte weniger Arbeitsergebnis da sein, dann darfst du es behalten und wir bekommen alle nichts.

Dieser Vertrag ist sehr clever, denn er spricht an keiner Stelle davon, was die einzelnen Teammitglieder tatsächlich zu leisten haben. Der Außenstehende muss also nicht beurteilen können, was die einzelnen Personen tun, sondern nur, was sie erreichen – und das kann er ohne weiteren Aufwand sehen. Der Vertrag hat noch einen weiteren Vorteil: der Externe ist nicht korrumpierbar. Stellen Sie sich vor, ein Teammitglied leistet wenig und versucht dann, den Externen zu bestechen, damit er die Strafe nicht durchsetzt. Das funktioniert hier nicht, weil der Externe ja einen Anreiz hat, den Vertrag durchzusetzen (weil er dann das zwar zu kleine aber immerhin vorhandene Arbeitsergebnis konfiszieren kann). Hätte das Team nur unter sich vereinbart, die Früchte zu vernichten, wenn ein schwarzes Schaf unter ihnen war, dann hätten sie immer ein Interesse daran, diesen Vertrag im Ernstfall nicht umzusetzen. Das ist das Problem vieler Verträge innerhalb der EU: Die Mitglieder haben immer, wenn es ernst wird, kein Interesse mehr daran, ihren eigenen Vertrag durchzusetzen.

Aus Sicht der Teammitglieder hat der Holmström-Vertrag ebenfalls die gewünschte Wirkung. Denn jeder weiß, dass wenn er heimlich zu schlecht arbeitet, wird dieses Verhalten im Resultat (dem gemeinsamen Arbeitsergebnis) sichtbar und er bekommt dann gar nichts. Somit hat jeder einen Anreiz, wie versprochen zu arbeiten.

Natürlich gibt es in dieser einfachen Form noch einen Haken: Wenn sich alle rational verhalten (sich also im Nash-Gleichgewicht befinden, wie es so schön heißt), dann bekommt der externe Überwacher nie etwas ab, weil sich ja nie jemand vor der Arbeit drückt. Das liegt daran, dass wir hier nur das einfachste Modell angesehen haben, bei dem es keinerlei Zufallseinflüsse gibt. Das Modell lässt sich aber um eine Zufallskomponente erweitern. Damit nun nicht zu oft durch einen dummen Zufall das Arbeitsergebnis so schlecht wird, dass es konfisziert werden kann, muss es eine Art Pufferzone geben. Da dieser Puffer meist nicht ausgeschöpft wird, kann damit der Überwacher entlohnt werden. Aber auch ohne diese Komponente hat der Überwacher wenigstens nie einen falschen Anreiz – was definitiv besser ist als in der EU.

Kommune oder Aktiengesellschaft?

Werfen wir jetzt noch den versprochenen Blick auf die Besonderheit, dass Teile der Arbeitsergebnisse konfisziert werden können, dass also nicht alles innerhalb des Teams verteilt werden muss. Welcher Situation entspricht es, wenn immer alles verteilt wird? Ein solches Team liegt von seiner Organisation her irgendwo zwischen einer Genossenschaft und einer Kommune. Es hat den Charakter einer Genossenschaft, weil die Auszahlungen an die einzelnen Mitglieder sich daran ausrichten können, was sie potentiell zum Gesamtergebnis beitragen. Der vereinbarte Anteil kann also für die einzelnen Teammitglieder unterschiedlich sein und von deren Wichtigkeit abhängen. Von einer Kommune hat die Organisationform aber die Eigenschaft, dass man sich vor der Arbeit drücken kann und die Gemeinschaft einen Teil des Schadens trägt. Es ist also ein teilweise sozialistischer Zustand.

Führt man jetzt den externen Überwacher ein, dann bewegt sich die Organisation in Richtung Kapitalismus. Der Externe hat keine Ahnung von der fachlichen Arbeit der Teammitglieder und trägt auch nichts zu deren inhaltlicher Arbeit bei. Er ist wie ein Kapitalist, der die anderen arbeiten lässt und davon (manchmal) profitiert. Zur allgemeinen Überraschung führt aber seine pure Existenz dazu, dass das Gesamtsystem effizient wird. Das ist durchaus realitätsnah. In der DDR gab es einen viel höheren Anteil an Ingenieuren als in Westdeutschland. Dass die Arbeitsergebnisse dennoch so viel schlechter waren, spricht dafür, dass die vertragliche Organisation wesentlich schlechter umgesetzt war. Die Funktion eines fachlich unbeteiligten Geldgebers scheint wichtig zu sein. Auch dass weltweit die Unternehmensform der Aktiengesellschaft so erfolgreich ist, spricht für die Vorteile durch eine Trennung von der Arbeit an den Unternehmen der Arbeit in den Unternehmen (also eine Trennung von Eigentum und Arbeit). Also genau der Organisationsform, die in der „kapitalistischen“ Organisation umgesetzt ist. Und die EU könnte sich von dieser Vertragsform auch sehr gut eine Scheibe abschneiden.

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