Hass und Rationalität

Wenn ein Grundkonsens über die Spielregeln verloren geht, dann wird ein geordnetes Zusammenleben zunehmend unmöglich, Christian Rieck hat den Eindruck, dass wir diesem Zustand für ein zivilisiertes Land erschreckend nah sind.

Es gibt Räume, die man gesellschaftlich nicht öffnen sollte. Wenn ein Grundkonsens über die Spielregeln verloren geht, dann wird ein geordnetes Zusammenleben zunehmend unmöglich, und ich habe den Eindruck, dass wir diesem Zustand für ein zivilisiertes Land erschreckend nah sind. Es sollte für gebildete Menschen einfach tabu sein, andere Menschen offen herabzuwürdigen, zu beleidigen und zu bedrohen.
Die Diskussion, ob das nun strafrechtlich relevant sein sollte oder ob Plattformen wie Facebook hier säubern müssen, gehen zum großen Teil an der eigentlichen Sache vorbei. Denn in einer zivilisierten Welt mit demokratischem Grundverständnis sollte die (Netz-)Gemeinde selbst für Ordnung sorgen, indem sie so etwas einfach zutiefst ablehnt und sich davon fern hält.

Falls Sie nicht glauben, dass dies ein reales Problem ist, habe ich hier ein paar Zitate mitgebracht, die ich bei einer Fünf-Minuten-Suche auf Twitter gefunden habe:

Kommunisten usw. sollten in diesem Zusammenhang einfach mal die rote Fresse halten. 12 Retweets 86 Gefällt mir

Und für alle Vollidioten, sonstige linke Pest und Neubürger: Es gibt auch linken Terror. Also Fresse. 3 Retweets 2 Gefällt mir

Wie mir diese verkackte und verlogene Antifa-Fresse auf den Sack geht… da ist die Roth ja ein Schmusekätzchen gegen. 4 Retweets 28 Gefällt mir

Der Maas braucht – man verzeihe die deutlichen Worte – mal gehörig die SPD- Fresse poliert. So ein Arsch! 2 Retweets 6 Gefällt mir

warum hälst du linker Untermensch nicht deine rote Fresse und verpisst dich ins Land der Gutmenschen 0 Retweets 0 Gefällt mir

Wie immer Sie sich bei diesen Zitaten fühlen, bitte halten Sie an dieser Stelle einmal kurz an, um genau in sich hineinzuhören. Ich vermute, dass es zwei Gruppen von Lesern gibt, bei denen das eine oder das andere von zwei Gefühlen dominiert, die sich so ausdrücken lassen:

1. Stimmt, diese Zitate sind eine absolute Sauerei. Diesen Dummköpfen gehört einfach per Gesetz das Handwerk gelegt, und zwar schnell. Anders gesagt: Sie stimmen mir rational und emotional zu.

2. Ok stimmt, das geht so nicht mit derartigen Hasskommentaren. Aber irgendwie müssen sich diese Menschen doch Luft machen, wenn sie der Politik so ohnmächtig ausgesetzt sind. Anders gesagt: Rational stimmen Sie mir zu, emotional nicht.

3. (Strenggenommen gibt es noch eine dritte Gruppe, die noch nicht einmal rational zustimmt, die also sagt: „Doch, so sollte man miteinander umgehen können. Der Wilde Westen war das bessere System.“ Es kann sogar sein, dass es Räume geben sollte, in denen diese Art von Auseinandersetzung möglich ist. Ich bin allerdings überzeugt, dass dies nicht die generelle Basis eines erstrebenswerten Zusammenlebens sein kann und nehme daher diesen Argumentationsstrang hier einfach einmal heraus.)

Egal in welcher Gruppe Sie sich sehen, bitte konservieren Sie Ihr Gefühl zu den obigen Tweets für einen Augenblick, damit Sie sich gleich noch daran erinnern können. Schreiben Sie bitte kurz die Zahl Ihrer Antwort auf einen Zettel.

Nun vermute ich, dass mir die meisten zustimmen werden, dass ein Rechtssystem auf Vernunft aufgebaut sein sollte und nicht auf Gefühlen. Daher sollte die rechtstaatliche Behandlung derartiger Aussagen nicht von dem Gefühl abhängen, das ein Richter oder Politiker ihnen gegenüber hegt. Stattdessen sollte es objektivierbare Kriterien geben, anhand derer man entscheiden kann, ob solche Sätze zulässig sind oder nicht. Das sollte auch für den einzelnen demokratisch gestimmten Menschen in der Gesellschaft gelten, der sich einfach so weit zusammenreissen muss, dass er abweichende Ansichten erduldet, auch wenn er sie für völlig falsch hält. Und zwar ohne gleich ausfallend zu werden oder den anderen nicht mehr als Menschen wahrzunehmen.

Werfen wir noch einmal einen kurzen Blick auf die Tweets. „Einfach die rote Fresse halten“ ist schon sehr grenzwertig und einer gesitteten Diskussion unwürdig, aber es würdigt den anderen „nur“ herab und bedroht ihn nicht. Eine „verkackte und verlogene Antifa-Fresse“ ist dagegen schon eine offene Beleidigung. Der Aufruf, einem deutschen Politiker die Fresse zu polieren, dürfte eindeutig über die Grenze gegangen sein, denn es ist ein Gewaltaufruf. Und der „Untermensch“ sollte nun wirklich tabu sein. Übrigens habe ich die obenstehenden Kommentare nicht umgeordnet, sondern sie kamen in genau dieser Reihenfolge bei einer Suchanfrage auf Twitter. Die Liste ging noch ewig weiter, aber der Trend setzte sich zum Glück nicht fort.

Ich hoffe, ich konnte Sie bis hierher überzeugen, dass solche Kommentare ein echtes Problem sind und wir sie – ohne Rücksicht auf unsere Gefühlslage – nach vernunftgetriebenen Kriterien behandeln und ablehnen sollten.

Ich zeige Ihnen jetzt ein paar sehr ähnliche Kommentare und möchte mit Ihnen gemeinsam die gleichen Kriterien anwenden:

Neonazis usw. sollten in diesem Zusammenhang einfach mal die braune Fresse halten. 12 Retweets 86 Gefällt mir

Und für alle Vollidioten, sonstige braune Pest und Nazis: Es gibt auch rechten Terror. Also Fresse. 3 Retweets 2 Gefällt mir

Wie mir diese verkackte und verlogene braune AfD-Fresse Poggenburg auf den Sack geht… da ist die Steinbach ja ein Schmusekätzchen gegen. 4 Retweets 28 Gefällt mir

Der Bachmann braucht – man verzeihe die deutlichen Worte – mal gehörig die braune Fresse poliert. So ein Arsch! 2 Retweets 6 Gefällt mir

warum hältst du rechter Untermensch nicht deine braune Fresse und verpisst dich ins Land der Arier 0 Retweets 0 Gefällt mir

Erinnern Sie sich noch an die Gefühle von eben, die ich Sie gebeten hatte zu konservieren? Hatten Sie eben die gleichen Gefühle wie oben? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass emotionale und rationale Zustimmung soeben ihre Positionen getauscht haben. Wir würden uns etwas vormachen, wenn wir das leugnen: Natürlich beurteilen wir die „Hasssprache“ nicht nur nach objektiven Kriterien, sondern in erster Linie nach unserer Sympathie mit ihrem Inhalt. Wenn der Inhalt „stimmt“ (also mit unserer eigenen Ansicht übereinstimmt), dann vergessen wir einfach unser Versprechen auf eine gesellschaftliche Übereinkunft, rational zu entscheiden. Auf einmal fallen wir in das Denkmuster „aber der ist doch moralisch so schlecht, der braucht wirklich eins auf die Fresse“. Und vergessen, dass wir genau in diesem Augenblick zu dem geworden sind, was wir für moralisch so schlecht halten, dass es auf die Fresse braucht.

Sie können heutzutage „verlogene braune AfD-Fresse“ problemlos in einem Kreis wohlhabender, gebildeter Menschen äußern, ohne damit negativ aufzufallen. Ich habe es neulich selbst erlebt, als in dem Theaterstück Safe Places eine Politikerin offen herabgewürdigt wurde und es dafür Standing Ovations gab (der erste Satz dieses Beitrags lehnt sich übrigens an jenes Stück an). Im Publikum waren fast ausschließlich wohlhabende und gut gebildete Zuschauer, von denen man eine Abstraktionsleistung eigentlich hätte erwarten können. Aber gegen die Macht der Emotionen kommt auch die beste versammelte Bildung nicht an. Auf einmal applaudieren alle in einer Trump-Wahlkampfveranstaltung und bemerken es nicht.
Das ist ein Problem. Denn wir geben damit gesellschaftlich die Werte auf, die wir zu schützen vorgeben. Und das macht nicht irgendwer, sondern unsere geistige Elite.
Denken Sie jetzt bitte nicht, das gelte nur für die anderen. Ich habe mich selbst oft genug dabei erwischt, mit zweierlei Maß zu messen, weil ich mich durch Sympathie oder Antipathie gegenüber einem Inhalt habe verführen lassen, übrigens sogar im Bereich der Wissenschaft.

Wie gewinnt man die Rationalität zurück?

Gibt es denn gar keine Möglichkeit, in solchen Fällen weg von der Emotion hin zur Rationalität zu kommen? Doch, es gibt eine Technik: Man muss die Aussage spiegeln; und sich fragen, welche Ansicht man dann hätte. Das ist genau das, was ich oben gemacht habe. Ich habe die Aussagen einmal als rechts und einmal als links „gerahmt“ (man spricht hier tatsächlich von framing). Dieser Effekt ist in der Entscheidungstheorie sehr gut erforscht, und es zeigt sich, dass der Rahmen um den Inhalt einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung von Menschen hat. Wir nehmen dieselbe Situation komplett anders wahr, je nachdem, welcher Rahmen gewählt wurde. Es wurde oft genug gezeigt, wie sich unsere Präferenzen auf einmal in ihr Gegenteil verkehren, nur weil der Rahmen und die Geschichte drum herum geändert wurde.

Ich stelle mir vor, was passiert wäre, wenn die verunglimpfte Politikerin in dem Theaterstück eine schwarze Migrantin gewesen wäre. Wenn ein Theaterstück sie wegen ihrer familiären Herkunft angefeindet hätte und sie als schwarze tierähnliche Bestie dargestellt hätte, die sich nur oberflächlich in Zaum halten kann und zwischendurch Schaum vorm Mund hat. Ich bin mir sehr sicher, dass es Buhrufe gegeben hätte und etliche Zuschauer ostentativ den Saal verlassen hätten. Und zwar zu Recht. Stattdessen blieben sie sitzen und jubelten Beifall.

Deshalb: Wenn Sie eine Aussage neutral bewerten wollen, dann verlassen Sie sich nicht auf Ihr Gefühl. Das Gefühl ist hier ein ganz schlechter Ratgeber, denn es verführt uns mit uns selbst. Um zu einer rationalen Bewertung zu kommen, drehen Sie die Aussage ganz bewusst um. Wenn Sie einen lustigen Comic sehen, auf dem eine Frau einen Mann schlägt, dann fragen Sie sich, ob Sie auch gelacht hätten, wenn der Mann die Frau geschlagen hätte. Wenn Sie den Comic jetzt für geschmacklos halten, dann war er es auch schon vorher.

Ein kleines Nachwort.

Nach dem erwähnten Theaterstück habe ich zufällig eine der Schauspielerinnen aus dem Ensemble (die allerdings nicht mitgespielt hatte) fragen können, ob man ihrer Ansicht nach das gleiche Stück auch aus rechter Sicht hätte aufführen können. Ihre Antwort lautete (sinngemäß), wenn das ginge, dann sei alles zu spät. Und im Übrigen solle ich doch „zu meinen Pegida-Freunden“ gehen. Offenbar würde sie es also normalerweise nicht gutheißen, Menschen so herabzuwürdigen wie in dem Stück geschehen.

Vielleicht fragen Sie sich auch, welche der Tweets oben die echten waren. Echt war die zweite Gruppe, der Suchbegriff war „rechte Fresse“; die Originale waren also durchweg linke Hasssprüche. „Linke Fresse“ bringt allerdings ebenso üble Zeitgenossen hervor. Von einer ernsthaften Debatte über Hatespeach würde ich übrigens erwarten, dass dieser Vergleich zwischen rechtem und linkem Hass genauer untersucht wird, aber bisher ist mir keine Studie dazu bekannt.

Ehe wir es vergessen: Jetzt sehen Sie bitte noch einmal kurz auf Ihren Zettel, welche Zahl Sie aufgeschrieben hatten.

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