Wir lesen, was wir sind – Wir sind, was wir lesen.

In wenigen Tagen ist Weihnachten. Für Autoren, die zur Börse schreiben, ist das die Zeit der Prognosen für das Folgejahr – was wird in 2017 funktionieren, wie wird das Börsenjahr und wo steht der DAX Ende 2017?

In wenigen Tagen ist Weihnachten. Für Autoren, die zur Börse schreiben, ist das die Zeit der Prognosen für das Folgejahr – was wird in 2017 funktionieren, wie wird das Börsenjahr und wo steht der DAX Ende 2017?

Der Unterschied von Prognosen und Szenarien

Von mir werden Sie Derartiges nicht lesen, es erzeugt zwar Klicks, ist aber für Anleger eher wertlos. Denn die Zukunft ist und bleibt offen und unbestimmt und ebenso, wie sich vor einem Jahr niemand vorstellen konnte, dass es einen Brexit gibt und danach Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wird, so wird es auch 2017 eine Reihe wichtiger, kursbewegender Ereignisse geben, die wir uns heute, selbst in unseren Träumen, nicht ausmalen können.

Sicher, es macht Sinn, verschiedene Szenarien zu durchdenken und zu reflektieren, was beim aktuellen Marktgeschehen ein wahrscheinlicher Pfad in 2017 sein könnte – so wie ich das zuletzt in – > DAX 15.000 und andere Verrücktheiten < – getan habe.

Damit ist es dann aber auch gut, denn Szenarien bleiben Szenarien und so wie man beim Bergsteigen nur zum Gipfel kommt, wenn man beständig einen Fuß vor den anderen setzt, kommt man zum Erfolg am Markt nur, indem man sich mit dem realen Marktgeschehen vor der Nase befasst.

Wer beim Bergsteigen aber als „Hans-guck-in-die-Luft“ nur zum Gipfel in die Zukunft starrt, statt auf die Wurzeln vor den eigenen Füssen, fällt eher eine Klippe herunter, als den Gipfel zu erreichen. Am Markt ist es nicht anders.

Viel wichtiger als über eine Zukunft zu spintisieren, die auch ohne uns von alleine kommt, ist es für uns aber zu reflektieren, warum wir vielleicht im abgelaufenen Jahr nicht den erwünschten Erfolg hatten.

Wir soziale Wesen

Und da kommt eine ganz alte Wahrheit zum Tragen, die dieser Tage mit so schönen Worten wie „postfaktisch“ und „Filterblase“ wieder zum Thema wurde, dabei in Wirklichkeit aber ganz alt und ganz universell ist.

Warum denn, neigen abgeschlossene Gesellschaften, die wenig Kontakt zur Außenwelt besitzen, dazu kulturell völlig homogen zu sein?

Warum denn, glauben die, die in Mitteleuropa geboren werden, danach eher an einen anderen Gott, als die die in Mekka geboren werden und als die, die in Kalkutta auf die Welt kommen?

Warum denn, entwickeln sich eineiige Zwillinge im Laufe der Jahre in ihrer Lebenseinstellung auseinander, wenn man diese in völlig verschiedene Firmen mit völlig verschiedener Unternehmenskultur steckt?

Die Antwort ist in allen Fällen die Gleiche: weil wir soziale Wesen sind und unser Umfeld auf uns massiv prägend wirkt. Wir wollen uns instinktiv anpassen und das passiert, auch ohne dass wir darüber bewusst nachdenken. Wir sind soziale Wesen, anders hätten wir in der harten Natur der vorzivilisatorischen Zeit, auch gar nicht überleben können.

Die Illusion der rationalen Entscheidungen

Sicher, wir bilden uns zwar immer gerne ein, dass wir ja „ach so rational“ seien und unsere Entscheidungen und Vorlieben nur auf objektiven, sinnvollen Überlegungen und Wissen beruhen würden.

Die Realität – und das weiß die Verhaltensforschung genau – ist aber ein gutes Stück davon entfernt. Die Ratio des gar nicht so „sapiens“ Homo Sapiens, ist nur eine dünne Kruste auf einem tiefen Ozean, der über halb- oder unbewusste Mechanismen gesteuert wird.

Allzu oft entscheidet für uns der Bauch in wenigen Sekunden und dann rationalisiert das Gehirn hinterher die passenden Argumente zur Bauchentscheidung hinzu. Und das nicht nur bei Kleinigkeiten, ich habe erst vor Kurzem wieder hautnah erlebt, aus was für emotionalen Nebensächlichkeiten Investitionen im siebenstelligen Bereich am Ende gemacht oder eben abgelehnt werden.

Wir sind also zu einem guten Teil das Produkt unseres sozialen Umfelds, und wir sind daher auch, was wir lesen. Und noch schlimmer, wir lesen, was wir sind, denn wir genießen es, in unserer Weltsicht bestätigt zu werden. Denn das bestätigt uns darin „dazu zu gehören“.

Und unser Sozialverhalten braucht auch unbedingt die Abgrenzung zu „den anderen“, um sich selber in der Gruppenidentität zu definieren. Wie schöner kann man das beschreiben, als durch Fans von Fußballvereinen oder durch die Animositäten in den Unter- und Ober-Tupfingens dieser Welt, in dem sich das, was sich besonders nahe ist, immer besonders gegeneinander abgrenzen will.

Auch zwischen Schweizern und denen nördlich davon im „Großen Kanton“, kann man diesen Mechanismus wunderbar beobachten, übrigens schön beschrieben im Buch „Kuhschweizer und Sauschwaben“, erschienen bei Nagel & Kimche. Eben weil wir uns in der Realität so ähnlich sind, wenn man uns mit den Kulturen der Welt vergleicht, ist das Bedürfnis der Abgrenzung so besonders groß.

Wir sind also soziale Wesen, ordnen uns auch unbewusst permanent bestimmten Gruppen zu und neigen dazu, die „Weisheiten“ dieses sozialen Umfeldes, zur absoluten Wahrheit zu erheben. Und wir wählen auch unsere Informationsquellen danach aus, beziehungsweise werden erst wer wir sind, weil unsere Informationsquellen eben sind, wie sie sind.

Dass Kinder in ganz jungen Jahren Teil einer bestimmten Religion werden und diese dann ihr Leben lang vertreten, ist selbstverständlich auch das Ergebnis einer Filterblase, die seit Tausenden von Jahren funktioniert und man schlicht „Kultur“ nennt. Von freier Entscheidung, kann man da definitiv nicht reden.

Wir lesen, was wir sind und Wir sind, was wir lesen.

Das alles macht uns als Menschen aus, und auch die fest gefügten Meinungen, die damit verbunden sind, gehören dazu und können nur aufgebrochen werden, wenn wir selber die Reife und Offenheit haben, bewusst über unseren Tellerrand hinaus, auf die andere Seite des Ufers zu schauen.

Und damit kommen wir endlich zu meiner „besinnlichen Weihnachtsbotschaft“. 😉

Denn so, voller Meinung, versuchen wir auch am Markt – insbesondere am Aktienmarkt – erfolgreich zu sein. Mit der Überzeugung, wie die Dinge zu sein haben. Und scheitern damit. Scheitern immer wieder und wundern uns warum, dabei war unsere Meinung doch „richtig“?

Und dieses Scheitern kann gar nicht anders sein – es muss so sein. Denn einen Markt interessiert unsere Meinung gar nicht, beziehungsweise nur insofern, als wir mit dieser Meinung wieder handelnde Subjekte am Markt sind.

Denn ein freier Markt – nicht nur der Aktienmarkt – ist selbstreferentiell, reflexiv und unterliegt dem Beobachterproblem. Alle diese Worte beschreiben ein und dasselbe Problem, das man als Beispiel auch so erklären kann:

Die Schneelawine interessiert unsere Erwartung nicht

Stellen wir uns eine kleine Stadt im Mittelalter vor, abgeschnitten vom Rest der Welt. Es gibt in dieser Stadt ca. tausend Menschen und mehr werden es so schnell nicht, Einflüsse von außen gibt es also kaum.

Nun hat diese Kleinstadt aber einen Markt,  und auf dem versammeln sich all die Bürger einmal die Woche. Es schneit, und auf einem Dach über den Köpfen, droht der Schnee unter dem Druck der herabfallen Massen, als Lawine herunter zu kommen.

Als Erstes sieht das ein junger Mann am linken Eck des Marktplatzes. Er stößt seinen Nachbarn in die Rippen und ruft: „Schau mal hoch, gleich kommt da eine Lawine runter!“ Der erkennt es auch und stößt wiederum seinen Nachbarn an.

Und so läuft die Nachricht über den Platz und am Ende starren alle nach oben. Und alle  denken und erwarten das Gleiche. Und irgendwann kommt der Schnee herunter, oder auch nicht. Ob alle auf dem Platz hoch geschaut haben oder keiner es bemerkt hätte, hatte auf das Ereignis der Schneelawine keinen Einfluss.

So ist das mit den meisten Dingen des Lebens, unsere Beobachtung hat keinen Einfluss auf ihren Ablauf – nur am Markt nicht. Denn in dem sind wir Beobachter *und* Handelnder gleichzeitig, der Markt ist selbstreferentiell.

Den Preis des Obstes interessiert unsere Erwartung schon

Und wieder hat der junge Mann einen Gedanken. Verflixt, wenn das so schneit, werden die Händler in den nächsten Tagen nicht mehr durchkommen. Lass uns noch schnell Obst kaufen! Noch ist es billig!

Und er stößt seinen Nachbarn an und macht sich auf den Weg zum Stand. Und der stößt seinen Nachbarn und so läuft die Botschaft wieder über den Platz. Und der ganz am anderen Ende, der diese Botschaft zuletzt empfangen und bei dem es als Letztem *Klick* gemacht hat, rennt auch mit dem Gedanken zum Obststand, dass das Obst ja noch vergleichsweise billig sein.

Dabei ist es objektiv schon sehr teuer, weil die anderen mittlerweile alle gekauft und den Preis getrieben haben. Aber trotzdem wird der Letzte wohl auch noch kaufen, weil ihn die Angst treibt, morgen ganz ohne Obst dazustehen. Und er wird sich selber sagen: „Puh, Glück gehabt, war ja noch ganz billig“. ;).

Kurz danach, kommt dann der nächste Obstkarren mit frischen Obst durch den Schnee und die Preise fallen massiv, weil nun alle gekauft haben. Und der neue Händler wundert sich, dabei dachte er doch ein besonders gutes Geschäft zu machen, sich als Einziger in die Stadt durchzukämpfen. Vielleicht wird er das auch, aber nicht heute. Ach ja und unser „letzter Käufer“ wird ein paar Tage nicht mehr auf den Markt gehen, um das schlechte Gefühl zu verdrängen, zu teuer gekauft zu haben. 😉

Was uns der mittelalterliche Markt zeigt.

Der mittelalterliche Markt zeigt uns das Besondere eines freien, selbstreferentiellen Marktes. Die Beobachtung verändert den Preis – bei Aktien den Kurs – weil wir eben nicht nur Beobachtende, sondern auch Handelnde sind. Sobald etwas beobachtet wurde und sich damit die Erwartungen verändern, sind die Kurse schon in Bewegung.

Und weil das so ist, sind unser soziales Herdenverhalten und die selbstauferlegten Filterblasen, so fatal für uns als Anleger. Und auch unsere Meinung ist eher ein Problem. Denn wenn wir in den Medien eine interessante Story lesen, was die Märkte nun machen „sollten“, dann haben diesen Gedanken eben schon ganz viele vor uns gehabt, sonst wäre er nicht in den Medien. Und weil das so ist, ist diese Meinung nicht mehr viel wert.

Fazit:

Starke Meinungen und Erwartungen sind im Umgang mit dem Markt fehl am Platz und kontraproduktiv. Diese sind gut für die Politik, nicht aber für Erfolg an der Börse.

Das zu erklären, ist in einem Medium wie Tichys Einblick, das von seinen starken Meinungen lebt, besonders herausfordernd und ich werde sicher nicht zu jedem von Ihnen durchdringen.

Wenn Sie sich aber davon lösen wollen und am Markt als Anleger erfolgreich sein wollen, dann müssen Sie unbedingt darauf achten, was Sie lesen. Denn wir sind, was wir lesen. Auch und gerade als Anleger.

Und alle meinungsstarken Quellen, die uns erklären wollen, dass die Anlagewelt in 2017 so oder so „zu sein hat“ und zum Beispiel die aktuelle Trump-Rally scheitern „muss“, leiten uns nur auf den falschen Weg.

Was wurde zum Beispiel jahrelang nicht alles geschrieben und auch heftig dazu genickt, warum der Markt demnächst/gleich/bald in einen Crash laufen muss? Auch heute gibt es wieder diese Stimmen, so wie es sie alle Jahre gab. Und was haben diese Meinungen bewirkt?

Erfolg am Markt entsteht eben *nicht* dadurch, dass wir selber eine starke Meinung haben, mit der wir uns gegen den Markt stellen. Erfolg entsteht, in dem wir aufmerksam beobachten,  was die Herde macht. Und egal was sie macht, wir machen chancenorientiert mit, bis wir uns dann rechtzeitig „in die Büsche schlagen“.

Genau das nennt man zum Beispiel „Trendfolge“ und die ist profitabel, man muss dafür aber gedanklich offen Chancen ergreifen, anstatt gegen den Markt zu kämpfen und ihm die eigene Meinung aufdrücken zu wollen.

Am selbstreferentiellen Markt kann das, was alle erwarten, eben keinen Gewinn mehr generieren, selbst wenn es eine objektiv zutreffende Beschreibung der Welt ist. Denken Sie an das Obst auf dem mittelalterlichen Markt. Wenn es der Letzte begreift, ist es schon teuer. Sehr teuer sogar.

Glauben wir auch nie, dass die anderen am Markt „doof“ wären, die Wahrscheinlichkeit, dass es in Wirklichkeit wir selber sind, ist verdammt hoch. Denn „die Anderen“, das sind auch Sie und ich und alle die klugen Leute, die da sonst ihr Geld in Bewegung setzen.

Mein „besinnlicher“ Rat zu Weihnachten und zum Übergang in 2017 ist also:

Ersparen Sie sich, auch so ein typischer Anleger mit fest gefügter Meinung wie eine Burg zu sein und meiden Sie alles, wie der Teufel das Weihwasser, das im Duktus der sicher vorhergesagten Börsen-Zukunft daher kommt.

Es kann im reflexiven Markt so gar nicht funktionieren. Das ist die Botschaft dieses Textes.

Für die Einen von Ihnen dürfte diese Erkenntnis eine Trivialität sein.

Für die Anderen von Ihnen „dummes Zeug“, gegen das sie instinktiv ankämpfen werden.

Zu welcher Seite Sie gehören, müssen Sie selber entscheiden, ich wünsche Ihnen auf jeden Fall ein paar ruhige Tage und dass Sie mit guten Vorsätzen ein erfolgreiches Anlage-Jahr 2017 beginnen.

2016 war sehr erfolgreich, auch Donald Trump sei Dank dafür. Man  kann eben einem starken Trend auch folgen, ohne dass man die Gründe für den Trend uneingeschränkt teilt. Es genügt zu sehen, in welche Richtung der Strom des Geldes fließt, das ist die wahre Leistung, die wir als Anleger immer wieder erbringen müssen und bei der ich Ihnen gerne helfen würde.

In der Politik und im gesellschaftlichen Diskurs dagegen, ist für unsere Meinung, wie die Welt zu sein hat, jede Menge Platz. Das ist der richtige Ort für meinungsstarkes Engagement, denn wir wollen doch für unsere Kinder, dass das eine bessere Welt wird. Oder?

Ihr Michael Schulte (Hari)

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Kommentare ( 2 )

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