Fortschritt und fortschreitender Realitätsverlust

„Mehr Fortschritt wagen“, lautet das Regierungsmotto. Energiepolitisch droht Rückschritt, auch durch Ignoranz gegenüber den Empfehlungen des IPCC. Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit, heißt es. Der Vorwurf, Politiker würden dies nicht tun und Realitäten nicht wahrnehmen, ist schon alt, aber oft richtig.

IMAGO / Frank Ossenbrink

Als eine deutliche Mehrheit der Bundestagsabgeordneten im Jahr 2011 der Änderung des Atomgesetzes zustimmte und damit der Kernkraft in Deutschland für unabsehbar lange Zeit den Garaus machte, galt es als ausgemacht, dass die Stromlücke auch durch neue, moderne Kohlekraftwerke geschlossen werden sollte. Elf Jahre später soll der Ausstieg erledigt sein. Ob die Einzelheiten gründlich überlegt wurden, darf bezweifelt werden. Die Abschalttermine wurden jeweils zum Ende eines Jahres fixiert, also mitten in den Winter hinein, in die Saison des höchsten Stromverbrauchs. Zudem entfällt nicht nur die Stromproduktion, sondern aus den Kraftwerksstandorten werden Lastsenken, denn für den Abklingbetrieb in der Nachbetriebsphase wird erhebliche Leistung benötigt. Die drei am Ende dieses Jahres abzuschaltenden Kernkraftwerke in Grundremmingen, Grohnde und Brokdorf werden wohl je 30 Megawatt dann aus dem Netz ziehen.

Zu Einstiegen gibt es nichts Konkretes, von Gaskraftwerken ist die Rede, ohne konkrete Pläne zu haben. Kohlekraftwerke sind inzwischen Teufelszeug.

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Dabei haben sich die Bedingungen seit 2011 deutlich geändert. Wie war es damals? Soeben hatte es an der japanischen Ostküste einen furchtbaren Tsunami mit folgendem GAU an mehreren Kernkraftwerksblöcken gegeben, in Deutschland befand man sich auf dem Höhepunkt der Solareuphorie und die Dynamik des Zubaus an Wind-, Sonne- und Biomasseanlagen schien unaufhaltsam zu sein. Das Wüstenstromprojekt Desertec war in aller Munde, der Ölpreis war permanent am Steigen. Der „Peak-Oil“ war großes Thema, heute wird kein Termin mehr genannt. Frau Merkel war noch Klimakanzlerin und Obama grüner Präsident. Eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen im Jahr 2020 schienen genau so realistisch wie Glasfaserkabel für alle im selben Jahr. Die Anzahl der Beschäftigten in der Ökoindustrie hatte ihren Höhepunkt erreicht und schien gesichert weiter zu steigen – das Platzen der Solar-Subventionsblase stand dem dann entgegen.

Der WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) lieferte unter Leitung von Professor Schellnhuber den „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“. Alle Technologien zur klimatischen Weltrettung seien vorhanden, so war zu lesen. Allerdings taten sich Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot schwer mit der Umsetzung, zu viel Realität stand im Weg. Nun entdeckt die Ampelregierung die Große Transformation wieder und will statt 2038 schon 2030 die Kohleverstromung beenden. Das Feigenblatt „idealerweise“ steht zwar auch dabei, aber angesichts der permanenten Gedächtnisschwäche des neuen Kanzlers wird dieser Zusatz bald nicht mehr genannt werden.

Im Luftreich des Traums

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Wie es gelingen soll, ist im Koalitionsvertrag nicht technologieoffen beschrieben, sondern auf die alten „Erneuerbaren“ Wind und Solar fixiert. Das Ganze wird mit Zahlen unterlegt. Bis 2030 sollen 80 Prozent des Stroms aus Ökoquellen kommen, dazu müssten pro Jahr reichlich 2.500 neue Windkraftanlagen ans Netz gehen, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), also an jedem Werktag etwa 11 Stück. Zusätzlich müssten jene Anlagen kapazitär ersetzt werden, die nach dem Auslaufen der Förderung vom Netz gehen. Schon zu Beginn des Jahres 2021 sollten 5.700 Altanlagen aus der Förderung fallen, eine Novelle des Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) wirkte als lebensverlängernde Maßnahme. Ab 2022 werden ein Großteil dieser Anlagen sowie jährlich weitere 2- bis 3.000 außer Betrieb gehen – es sei denn, die gefundenen Kreditermächtigungen werden für die finanzielle Zwangsbeatmung der Veteranen genutzt. Die garantierte Einspeisevergütung verliert allerdings durch die Wirkung der Inflation ihren Charme. Die Erlöse bleiben gleich, Wartungs- und Reparaturkosten steigen. Die Baukosten für Neuanlagen gehen steil in die Höhe.

Welche Wirkungen diese gewaltige Zahl von Neubauten auf Rohstoff- und Materialpreise haben wird, ob die Kapazitäten der Hersteller- und Montagefirmen überhaupt ausreichen, ist hingegen nicht Untersuchungsgegenstand der Thinktanks.
22 Rohstoffe gehören inzwischen zur „roten Gruppe“ mit dem größten Versorgungsrisiko, darunter das für die Windkraft wichtige Neodym.
Lange Genehmigungsverfahren und Bürgerwiderstand werden für lange Bauzeiten verantwortlich gemacht, nicht etwa der Realitätsverlust, durch den solche praxisfernen Zubauzahlen als Ziel gesetzt werden. Ähnlich verhält es sich beim Ausbau der Fotovoltaik, wo bis 2030 etwa 142 Gigawatt (GW) Kapazität errichtet werden sollen. Runter gerechnet bedeutet das etwa 39 Millionen Module, von denen arbeitstäglich zu jeder Stunde über 21.000 Stück montiert werden müssten.

Jeder Referent eines Hinterbänklers der Regierungsfraktion hätte im Vorzimmer mit dem Bleistift auf einem Zeitungsrand eine überschlägige Rechnung anstellen und den Entscheidern einen Tipp geben können. Aber Ideologie und klimagerechte Haltung sind die Pfeiler der Ampelregierung und die Hoffnung auf den Eintrag gelber Ratio ist begrenzt. Wie im Verkehr ist die Ampelphase Gelb die Kürzeste und als Fraktion ist sie vor allem mit der Sitzordnung im Bundestag beschäftigt.

Atomausstieg fordert Menschenleben

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Die Arbeitsunlust der Ökostromer im bisherigen Jahr 2020 führte zu höherer Stromproduktion aus Kohle, begünstigt auch durch extrem anziehende Gaspreise. Auch der Welt-Steinkohlepreis zog an, die Kosten der heimischen Braunkohle sind indes übersichtlich und langfristig kalkulierbar – es gibt für sie keinen Weltmarkt. Der Wind- und Sonnenschwäche wurde also zwangsläufig durch Kohlekraftwerke begegnet, die künftig auch große Teile des entfallenden Stroms aus Kernkraft werden ersetzen müssen. Folgt man den Berechnungen von Greenpeace, dann fordert der Atomausstieg Menschenleben. Es gäbe jährlich 3.100 vorzeitige Todesfälle durch Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen infolge des Schadstoffausstoßes der Kohlekraftwerke, so die grünen Aktionisten. Der entfallende Kernkraftstrom, dessen Emissionsarmut man zwanghaft zu erwähnen vermeidet, bringt die fossilen Kraftwerke wieder in die Spur – für Wirk- und Blindleistung und für die Netzdienstleistungen. Vor allem torpediert dieses Vorgehen den CO2-Emissionspfad, der von Theoretikern am grünen Tisch als schöne gerade Linie nach unten bis zur Null verläuft. Anstelle der IPCC-Empfehlung zur Nutzung der Kernkraft zu folgen, tut man sogar das Gegenteil und will nun Atom- und Kohlestrom de facto gleichzeitig emissionsfrei ersetzen.

Wie bisher in der Geschichte machen die Deutschen jeden Irrtum bis zum bitteren Ende mit. Nicht nur bis um zwölf, sondern bis fünf nach zwölf. Wir sind ein Land, das in seiner Geschichte immer alles besser wusste und von seinem nicht übermäßig großen Boden aus die Welt nach seinem Gusto retten wollte und es auch nun wieder will. Das eigene Territorium vor dem Verfall zu schützen, gelingt indessen nicht. Nicht nur die Brücken sind marode, fast in jedem gesellschaftlichen Bereich droht der Abstieg. Um besser zu werden, müssen wir uns Ziele setzen. Das macht nur Sinn, wenn sie realistisch erreichbar sind, das wäre schon ein Fortschritt.


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Kommentare ( 80 )

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zweisteinke
7 Monate her

Wer kennt sie nicht, die Bilder auf denen festgehalten ist, wie Soldaten (Russische, die selbst nicht genug hatten) nach dem Krieg Brot, Milch und Grütze an die besiegte, hungernde deutsche Bevölkerung austeilen? Bei den Amis gabs Zigaretten, Schokolade, Nylontrumpfhosen und Schnaps. Soweit zum Thema „Hilfe“ nach dem Krieg. Bald müssen wir uns wieder auf dergleichen gefasst machen. Nun aber ohne, daß auch nur ein Schuss abgegeben wurde. Jedenfalls nicht in Europa. Die Kriege, die auch zu unserem finanziellen Ruin beigetragen haben, wurden im vergangenen Jahrhundert vom WEM angefangen und nach kompletten Versagen der „Krieger der Vereinigten Staaten“ UNS als „humanitäre… Mehr

Flik Flak
7 Monate her

Gute Güte, Herr Hennig!

Was Sie da geschrieben haben, verstehen die doch nicht. Die können nur einfache Sprache. Mit ohne Grundrechenarten, bitte.

Schauen Sie mal wie der Herr Heine das gemacht hat:
Franzosen und Russen gehört das Land.
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.

So verstehen das wenigstens die Sozen.

Endlich Frei
7 Monate her

„Mehr Strom, aber woher?“ Die Politk sinniert von „Europa“ (gemeint ist EU), doch nach wie vor kann ich meinen Strom nicht offiziell z. B. von unseren niederländischne Nachbarn (obwohl nur wenige Kilometer bis zur Grenze) beziehen. Dann hätte ich meinen Atomstrom und der grüne Rest im Lande könnte sich am teuren Windstrom (falls vorhanden) bedienen. Doch ausgerechnet bei so einem elementaren Thema blockt die EU bzw. Berlin? Vielleicht weil man ahnt, dass bei Öffnung der Strommärkte Deutschland bald ziemlich alleine mit seinen Windrädern dastünde? Windräder, die künftig komplett aus Steuermitteln subventioniert werden müssten, weil selbst die grüne Wählerklientel plötzlich Strom… Mehr

zweisteinke
7 Monate her

Es waren einmal in einem Königinnenreich, in dem viele Menschen gut und gerne lebten von ihrem Wissen und ihrer Hände Arbeit, Kobolde im Auftrag finsterer Mächte unterwegs, um den Bewohnern besagten Landes das Leben in dem bescheidenen Wohlstand zu versauern. Dazu bedienten sie sich nicht Krieg und Tod, jedenfalls nicht in diesem Königreich sondern sie infizierten die Nachkommen die Menschen dort durch tatkräftige Unterstützung von Hilfskobolden, die sich „Lehrer“ nannten und so Taten als würden sie den ihnen anvertrauten Kindern Wissen vermitteln. In Wahrheit waren diese aber meist verkrachte Existenzen, die seit jeher zu faul, zu dumm oder ganz einfach… Mehr

RS
7 Monate her

Das klingt ja alles sehr pessimistisch. Dabei haben wir doch ein riesiges Potential an Verbalstom, das bisher kaum ansatzweise genutzt wird. Was glauben Sie, was ein DIW, ein PIK u.a. noch alle zu erzeugen in der Lage wäre? Auch die Partei der Grünen, mit Fr. Baerbock oder Fr. Göring-Eckardt an vorderster Front, könnte bei Bedarf noch erheblich mehr Verbalstrom erzeugen. Ganz abgesehen von der „Zivilgesellschaft“, die sich heute schon fast ausschließlich über den von ihr erzeugten Verbalstrom zu finanzieren in der Lage ist. Der Verbalstrom ist die Zukunft unseres Landes. Bald werden wir ihn teuer exportieren, z.B. nach Frankreich, wenn… Mehr

Flik Flak
7 Monate her
Antworten an  RS

Habe gerade mal nachgerechnet .. Moment, bitte. Ja! Passt! Wenn wir die Dampfplauderer und Radfahrer mit dazu nehmen, reicht es für eine gesicherte Energieversorgung. Und durch Verbalstrom/Dampfplauderer Kopplung ergeben sich noch weitere, positive Effekte. So würde ein ÖDKB aus Precht und Schulze locker 1,3 Giga Kobold erzeugen. Grob überschlägig berechnet, versteht sich. Tagsüber mehr, dann weniger. So ungefähr. Darüber hinaus verzichten wir auf das Dämmen der Häuser und bauen statt dessen die Heizungen aus. Denn, nach meinen Berechnungen, ist es viel effektiver die Menschen(!) zu isolieren. Lange Unterhosen, Wollsocken, drei Pullover, eine Daunenjacke und, an kalten Tagen, noch einen Teppich… Mehr

JamesBond
7 Monate her

Wer diese Politclowns wählt der muss mit den Auswirkungen leben. Auch bei Corona grüßt zu Weihnachten wieder das Murmeltier und garantiert nicht wegen Ungeimpfter sondern unfähiger Politiker. Die Grenzen sind sperrangelweit offen für die Illegalen und die Virus Varianten – aber im Inneren werden Irre Bestimmungen mit Bußgeld durchgesetzt. Diese Politclowns verachte ich!!!!

Last edited 7 Monate her by JamesBond
Peter Pascht
7 Monate her

Es gilt in der deutschen Politik als oberstes Ziel nur noch die Verkündigung der politischen Agenda mit Versprechungen. Die Realität spielt dabei keine Rolle, sie gehört nicht zur politischen Agenda denn sie wikrt nur störend.
Als Lösung von Problemen wird doch tatsächlich wortwörtlich als Pflichterfüllung verkündet
„wir haben doch beschlossen“, was wollt ihr denn

RS
7 Monate her
Antworten an  Peter Pascht

Na, schließlich gilt der Primat der Politik. Da könnte ja sonst jedes dahergelaufene Naturgesetz, jeder Ingenieur kommen….

Juergen Waldmann
7 Monate her

Der teuerste Strom ist in der BRD , den machen die Ampel Männchen jetzt auch noch zu einem raren Gut , wenn sie die letzten AKWs abschalten . Die AfD hatte diese Woche versucht , die drohende Energiekrise ab zu wenden , sie hatten den Antrag gestellt , die Laufzeit der Kraftwerke zu verlängern . In jedem anderen Land hätte man wenigsten darüber im Parlament debattiert , bei unseren Altparteien war das nicht möglich , mit Hohn und Spott wurde der Versuch die Laufzeit zu verlängern nieder geschrien ! Arme Hausfrauen , wenn bald am Mittag der Strom rationiert wird… Mehr

Rosalinde
7 Monate her

Wenn die Gesamtkosten für Energie für Unternehmen zu hoch werden, dann verlagern diese eben Stück für Stück ihre Produktionsstätten. Wo ist das Problem- längerfristig betrachtet?

Brigittchen
7 Monate her
Antworten an  Rosalinde

Das Problem wird sein, wenn die Arbeiter es sich nicht mehr leisten können, diese Verlagerung mitzumachen. Das neue Bürgergeld winkt.
Und dem Finanzamt werden wieder einmal wichtige Steuern im Steuerweltmeisterland verloren.
Steil ist der Weg in den Abgrund. Und der dumme Wähler hat’s noch immer nicht geschnallt, was er da angerichtet hat.

AJMazurek
7 Monate her

G. K. Chesterton zum Thema Fortschritt: „Die sogenannte Befreiung des modernen Menschen ist in Wirklichkeit eine neue Verfolgung des gewöhnlichen Sterblichen. Wenn irgendjemand ‚befreit‘ worden ist, dann nur, in einem besonderen und eingeschränkten Sinn, der außergewöhnliche Sterbliche. Der Reiche hat für seine ausgefallenen Liebhabereien übertriebene Freiheit erlangt und gelegentlich auch der Gebildete für die menschlicheren seiner Verrücktheiten. Der gesunde Menschenverstand jedoch, so wie ihn der gewöhnliche Sterbliche versteht, ist verboten worden. […]  Geht man von der protestantischen Welt des 17. und 18. Jahrhunderts zu der Fortschrittswelt des 19. und 20. Jahrhunderts, so bietet sich einem das gleiche Bild.  Die Freiheit,… Mehr