Isar 2: Alle Welt baut Kernkraftwerke, Deutschland reißt sie ab

Gesprengt werden soll der 165 Meter hohe Kühlturm im Jahr 2040. Dann wird Energie drastisch knapp sein und sich mancher an vergangene Zeiten erinnern: an billige Energie im Überfluss und eine richtige Industrie mit vielen gut bezahlten Arbeitsplätzen.

picture alliance/dpa | Peter Kneffel
Das stillgelegte Kernkraftwerk Isar 2

Für das Kernkraftwerk Isar 2 liegt inzwischen auch die zweite und letzte vorgesehene atomrechtliche „Abbaugenehmigung“ vor. Wie Betreiber PreussenElektra erklärte, erlaubt sie die noch ausstehenden zentralen Abbaumaßnahmen; die erste Genehmigung war am 21. März 2024 erteilt worden.

Das Kernkraftwerk wurde im April 2023 abgeschaltet. Die Brennstäbe wurden aus dem Reaktordruckbehälter gehoben und zum Abklingen in das Lagerbecken daneben gebracht. Die neue Genehmigung umfasst insbesondere den Reaktordruckbehälter und den ihn umgebenden biologischen Schild, also die Abschirmung des Reaktors. Die Zerlegung der Einbauten im Druckbehälter läuft bereits. Das bayerische Umweltministerium bestätigt auf seiner Informationsseite die laufenden Unterwasser-Zerlegearbeiten an den Kerneinbauten.

Die Brennelemente kühlen im Lagerbecken weiter ab, bevor sie in Castor-Behälter und anschließend ins Zwischenlager überführt werden können. Im November 2024 hatte PreussenElektra erklärt, alle vier Hauptkühlmittelpumpen und die Frischdampfleitungen zur Turbine seien demontiert worden.

Der gesamte Rückbau soll 2040 abgeschlossen werden. Zum Abschluss ist die Sprengung des 165 Meter hohen Kühlturms geplant.

Bayerns Hü-hott-Ministerpräsident Markus Söder hatte noch im November 2024 einen Stopp des Rückbaus verlangt und eine Wiederinbetriebnahme ins Gespräch gebracht. Das war kurz vor Wahlen – danach ist der Vorstoß im Sande der Isar versickert.

Betreiber PreussenElektra hatte eine Reaktivierung bereits vor der jetzigen Genehmigung ausgeschlossen. Im April 2026 erklärte eine Unternehmenssprecherin gegenüber der dpa: „Wir bleiben dabei: Aus unserer Sicht ist die Anlage nicht mehr reaktivierbar.“ Wer kann es Betreibern verdenken, dass sie die Lust an Kraftwerken in Deutschland verloren haben?

Isar 2 war ein sogenannter Konvoi-Druckwasserreaktor mit 1.410 Megawatt elektrischer Nettoleistung und seit April 1988 kommerziell in Betrieb. Als Deutschlands leistungsstärkstes Kernkraftwerk gehörte es bei der Stromproduktion zur Weltspitze. Innerhalb eines Jahres erzeugte der Reaktor zehnmal mehr Strom als jeder andere Kernkraftwerksblock weltweit. Noch 2022, im letzten vollständigen Betriebsjahr, war die Anlage während gut 97 Prozent der Jahresstunden am Netz und lieferte 11,6 Milliarden Kilowattstunden Strom. Diese Leistung steht seit der Abschaltung im April 2023 nicht mehr zur Verfügung. Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber bezeichnete Isar 2 am 22. März 2024 ausdrücklich als eines der „weltweit sichersten und zuverlässigsten Kernkraftwerke“.

Pervers: Deutschland steuert in eine Energiekrise ungeheuren Ausmaßes – und Bayern zerstört seine Kernkraftwerke. Immerhin dürfte es wieder zu einem Volksfest reichen: Der 165 Meter hohe Kühlturm soll gesprengt werden. Allerdings erst 2040.

Bis dahin dürfte sich die Energieknappheit so drastisch verschärft haben, dass sich bei der Sprengung möglicherweise so mancher an vergangene Zeiten erinnert: als es noch billige Energie im Überfluss gab und eine richtige Industrie. Mit entsprechend vielen und gut bezahlten Arbeitsplätzen.

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