Riskanter Energie-Winter – teurer Atomstrom-Dauerimport wegen KKW-Zerstörung

Kältenovember, schwache Windparks, abgeschaltete Kohlemeiler und Ausfälle – Deutschland importiert zeitweise Strom im Umfang von elf Kernkraftwerken. Während die Gasspeicher rascher schrumpfen, hält die Politik stur am Ausstieg fest und macht aus hausgemachter Verwundbarkeit ein Winterrisiko.

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter erschweren die Große Transformation. Wenigstens wird es in diesem November keine Hitzetoten geben. Die Wahrscheinlichkeit von Kältetoten steigt, aber die Wärmestuben sind wieder offen. Nun braucht es etwas Energie.

Auch in diesem Jahr leistet der November mit wenig Licht und niedrigen Temperaturen einer beginnenden Winterdepression Vorschub. Es ist ein Novemberblues wie in anderen Jahren auch, nur ist der jetzige in der zweiten Hälfte kälter, der 23. des Monats soll der kälteste der vergangenen 15 Jahre gewesen sein. Völlig klima-unsensibel wollen die noch nicht klimagerecht geformten Menschen im Land eine angenehme Temperatur im Wohnzimmer beibehalten. Das erfordert dann mehr Energie und die Versorgungslage hat sich geändert. Die „Erneuerbaren“-Anlagen schwächelten im Jahresverlauf. Trotz höherer Anzahl und installierter Leistung bleibt der Ertrag hinter dem vorheriger Jahre zurück, vor allem spendete der Wettergott weniger Wind. Ob das allein den Schwankungen der Witterung zuzurechnen ist oder schon Ergebnis einer kontinentalen Windbremsung durch immerhin 80.000 Windkraftanlagen im Zusammenwirken mit gegenseitiger Verschattung und den Turbulenzen in den Nachläufen (Wakes), ist ungewiss und weiterer Forschung vorbehalten.

Die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung wirkt dem entgegen. Insgesamt brauchen Industrie und andere Unternehmen weniger Strom als in den Vorjahren. Insbesondere sinkende energieintensive Produktion wie in der Chemieindustrie und in der Stahlindustrie, wo zum Beispiel das Riva-Stahlwerk in Hennigsdorf bei Berlin seit Mai Kurzarbeit verordnet hat, entspannen die Lage. Sie ersparen allerdings auch Steueraufkommen und Sozialbeiträge, da werden Sonderschulden gebraucht. Zumindest der Bundesrechnungshof verwendet diese korrekte Bezeichnung, während regierungsamtlich euphemistisch von „Vermögen“ die Rede ist.

Dennoch ist dieser November anders als die vorhergehenden, nicht nur kälter. In eiserner Treue zum 2020 beschlossenen Kohleverstromungsbeendigungsgesetz (KVBG) gingen und gehen in diesem Jahr Braunkohleblöcke in Weisweiler und Jänschwalde mit über 800 Megawatt (MW) vom Netz. Damit ist diese gesicherte und vor allem von der Bundesnetzagentur geforderte regelbare Leistung verloren. Kanzler Merz hatte zwar im Wahlkampf in Aussicht gestellt, nichts mehr abzuschalten, bevor Ersatz zugeschalten wird, aber auch hier hat er nur den Mund gespitzt, ohne zu pfeifen.

Nun kommen einige ungeplante Ausfälle dazu. Nach einem Brand in der Bekohlung steht das Braunkohlekraftwerk in Schkopau (Sachsen-Anhalt) seit dem 20. November still (900 MW). Wir sind europäisch gut vernetzt, auch der Blick über die Grenzen ist wichtig. Das Kernkraftwerk (KKW) Gösgen in der Schweiz steht seit Mai vermutlich für ein Jahr in Reparatur, hier gab es Befunde an Hochdruckleitungen im Speisewassersystem, es fehlen 1.000 MW. Die können im Winter nicht durch alpine Wasserkraft ersetzt werden. Im österreichischen Pumpspeicherwerk Limberg bei Kaprun stehen zwei Maschinensätze wegen eines großen Trafo-Schadens ebenso über den Winter, das sind 600 MW fehlende Speicherleistung. Der ehemalige Exportweltmeister importiert kräftig Strom, derzeit bis zu 17 Gigawatt (GW), was der Leistung etwa elf ehemaliger großer deutscher KKW entspricht.

Der Hass auf eigene Energierohstoffe wie Braunkohle und mit modernen Technologien gefördertes Erdgas ist so groß, dass wir uns völlig in Abhängigkeit vom Ausland begeben haben. Früher waren es nur Öl und Gas, später Kohle und nun auch Strom. Hängt sich ein Vorreiter an den Tropf der Nachbarn und des Auslands? Und wovon werden wir die Lieferungen künftig bezahlen, wenn immer weniger industrielle Wertschöpfung im eigenen Land stattfindet?

Die Lage befördert auch den Einsatz von Erdgas zur Stromerzeugung. Im November waren es bisher bis zu 19 Gigawatt, die durch dessen Verbrennung erzeugt werden mussten. Im gleichen Monat der vergangenen Jahre war es jeweils ein reichliches Gigawatt weniger. Europa erhält auch seit Anfang des Jahres kein russisches Röhrengas via Ukraine mehr. Länder wie die Slowakei, Tschechien und Österreich müssen nun über das mittel- und westeuropäische Gasnetz mitversorgt werden.

Als wäre das noch nicht genug der Veränderung, sind auch die Gasspeicherstände im Vergleich zu den Vorjahren deutlich niedriger. Der Inhalt der deutschen Speicher ist im November von 75 auf 70 Prozent gesunken. Nach Angaben der INES, des Verbandes der deutschen Gas- und Wasserstoffspeicher, könnten in einem kalten Winter, der wie 2010/11 ausfällt, die Speicher im Februar 2026 leer sein. Das Wirtschaftsministerium lässt derweil über einen Sprecher Gelassenheit verkünden.

Übrigens ist Putin an unserer Situation nicht schuld. Es waren Entscheidungen dreier Merkel- und einer Ampelregierung, alles auf Gas zu setzen. Putin hat mit unserem Atom- und Kohleausstieg nicht das Geringste zu tun. Er kann auch jegliche Angriffsabsicht begraben, falls er die hatte. Wir zerstören uns selbst, er kann sich diesbezüglich mit einer Tüte Chips neben den Samowar setzen und zuschauen. Das übrigens ganz unabhängig vom Wetter im November.


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Kommentare ( 178 )

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BellaCiao
3 Monate her

Unter 0° C Außentemperatur schalten sich bei Luft-Wärmepumpen die Heizstäbe ein, um der damit aufgewärmten Außenluft (sic!) mehr Wärme entnehmen zu können. Somit wird der Wirkungsgrad bei einigen Grad unter 0° C extrem schlecht. (Jeder weiß, dass Heizstäbe oder Radiatoren zum Heizen mit Strom einen sehr schlechten Wirkungsgrad haben.) Einen COP von 3-4 erreicht man in der Praxis nur mit Grundwasser-Wärmepumpen, jedenfalls im Winter, wenn es wirklich kalt ist. Also genau dann, wenn man heizen muss. Ich empfehle dazu die Vorlesung zur Thermodynamik von Prof. Motschmann von der Uni Regensburg, der hat den COP für Luft- und Wasser-Wärmepumpen im Hinblick… Mehr

Last edited 3 Monate her by BellaCiao
joly
3 Monate her

Ein kleines Sportboot und eine 100€-Drohne reichen für ein Windrad.

joly
3 Monate her

Stimmt Herr Merz – wir können im Schianzug zu Hause am Kaffeetisch löslichen aber kalten Kaffee schlürfen und die maximal lauwarme Pizza vom Pizzadienst per Fahrrad bringen lassen. Wir könnten sie dann auch wegen Körperverletzung und Totschlag belangen. Wir könnten auch die AFD wählen oder darauf hoffen, dass sie einen Möllemann machen. Könnte aber auch sein, dass sie von einer Kamikaze-Drohne aufs Korn genommen werden ob im gepanzerten Wagen oder beim privaten Kurzflug nach Sylt; solche Spezialisten aus der Ukraine sind schnell hier und wieder zurück. Die RAF ist von vorgestern, die Messermänner von gestern aber noch im Heute. Die… Mehr

Frank_Gerlach
3 Monate her
Antworten an  joly

Vorsicht, solche Phantasien könnten einen Besuch der Kripo auslösen.

Nehmen Sie sich ein bisschen zurück.

bfwied
3 Monate her
Antworten an  Frank_Gerlach

Wie man in den Wald hineinschreit, schallt es zurück. Ansonsten haben Sie natürlich recht!

Egge940
3 Monate her

Die Realsatire hier wird immer besser. Sie finden wirklich Windräder sind gefährdeter als Kernkraftwerke bzw. andere zentrale Kraftwerke?!?

Lucius de Geer
3 Monate her
Antworten an  Egge940

Ähem, bitte nochmal nachdenken: 1 Großkraftwerk entspricht von der (installierten) Leistung etwa 1000 Windrädern. Frage: Wie groß ist der Unterschied, was die Zahl, den Flächenbedarf und den Grad der Exponiertheit der Anlagen betrifft? Oder noch einfacher: Kann man 40.000 übers Land verstreute Menschen oder dieselbe Zahl in einem Fußballstadion besser schützen?

Egge940
3 Monate her
Antworten an  Lucius de Geer

Ich stelle mal die Gegenfrage: Ist es einfacher, ein Kraftwerk zu attackieren oder 1000 ?

Michael M.
3 Monate her
Antworten an  Egge940

Ist es einfacher 1000 Kraftwerke zu schützen oder eines?

joly
3 Monate her
Antworten an  Lucius de Geer

Wie viele Antifanten haben wir in Deutschland die mal eine Tour per Lastrad contre Windkraft per Drohne unternehmen könnten? Es geht auch per Auto.

Adorfer
3 Monate her

Also diese ganze Abhängigkeit von Wind und Sonne könnte man getrost adacta legen, wenn nur endlich die AfD verboten werden würde. Dannn wäre Germoney endlich ein echter Sonnenstaat und würde interessierte Touristen aus aller Welt in seine staatlichen Hotels bringen. Nur zu.

Frank_Gerlach
3 Monate her
Antworten an  Adorfer

Das ist der Plan der COMINTERN.

Neutralisierung durch Transformation zum Kalifat.

Abwrackung von Energie und Industrie.

Zerstörung der Familie durch Feminismus und Kastration(„Genderchange“).

Deutschmarxisten sind treue Exekutoren dieser Strategie. An der Spitze haben sie schon Feine Sahne Fischfilet installiert.
Moskau kann sein Glück gar nicht begreifen und badet in Krimsekt.

Last edited 3 Monate her by Frank_Gerlach
Egge940
3 Monate her

Aber mit dem Import von fossilen Rohstoffen im Wert von 80 Mrd. € im Jahr haben Sie kein Problem?

Donostia
3 Monate her

Durch Wahlen lässt sich die politische Landschaft in Deutschland nicht wieder in die richtigen Bahnen leiten. Nur starke Schmerzen, finanzieller und körperlicher Art, können einen Lerneffekt bei der Mehrheit in diesem Land auslösen. Ein kombinierter Blackout mit leeren Gasspeichern, würde vermutlich die Synapsen einer deutlichen Mehrheit neu ausrichten. Es braucht mal wieder eine totale Katastrophe in diesem Land, weil der Endsieg (CO2-Neutralität) genauso nicht erreichbar ist wie damals die Weltherrschaft der Nazis.

Autour
3 Monate her

So lange der gemeine Deutsche all das nicht mit Haut und Haaren spürt, ist ihm all das vollkommen wuppe! Man kann nur hoffen, dass es diesen Winter wirklich zum Gasnotstand kommt, dass es zum Blackout kommt der dann aber auch ein paar Tage anhält und nicht wie in Spanien in wenigen Stunden gelöst wird! Ansonsten ist all dies nur Schall und Rauch… und wieder nur Schwurbellei! Denn seien wir mal ehrlich wie viel Jahre wird denn schon gewarnt und gewarnt und es läuft immer noch alles! Es gab bis jetzt nicht mal einen Weckruf so wie in Spanien nichts nada… Mehr

Juergen P. Schneider
3 Monate her

Man muss sich nur einmal vorstellen, was los wäre, wenn unsere Nachbarländer eine ähnlich idiotische Energiewende vollzogen hätten wie Deutschland. In großen Teilen Mitteleuropas hätten wir dann am laufenden Band Stromabschaltungen wie in Entwicklungsländern. Bei den künftig eintretenden Strommangellagen in Deutschland werden wir solche Abschaltungen als Brown-Outs erleben, dies hat der Vorstandsvorsitzende der Amprion AG vor wenigen Monaten in einem Interview erklärt.

Kassandra
3 Monate her

„Only one energy provider prevents Serbia from freezing in the winter and a single media empire dominates the press. Both of them are unfortunately tied to Moscow. The West ignored the warning signs in Ukraine: now it must ensure that Serbia does NOT become Ukraine 2.0.“ https://x.com/visegrad24/status/1996276790331908427
.
Stimmt das tatsächlich?
Und wie sieht es eigentlich bei uns hinsichtlich dessen aus?