Apokalypse Teil 1: Warum wir noch da sind

Teil I unserer Serie zum Klimagipfel: Der Weltuntergang wird seit ewigen Zeiten aus demselben Grund vorhergesagt: Die falschen Propheten unterschätzen die Fähigkeit der Menschen zur Innovation.

So ein Computer ist eine schöne Sache. Er gestattet mir, diese Zeilen zu schreiben und Ihnen, sie zu lesen und zu kommentieren. Manch ein Zeitgenosse mag das aus inhaltlichen Erwägungen als Unfug ansehen, aber wenigstens handeln wir hier nicht mit Waffen oder Drogen. Oder induzieren Zukunftsängste, was langfristig bedeutend mehr Schaden anrichten würde.

Belege für letzteres liefert – ohne es zu wollen – Frank Patalong auf Spiegel Online unter dem Titel „Was wurde aus den Weltuntergangsprognosen der Siebziger?

Die Untergangs-Prognosen der Siebziger waren falsch

Studien wie „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) oder auch „Global 2000“ (1979) wurden nämlich erst möglich, als ausreichend Rechenleistung zu ausreichend geringen Kosten gelangweilten und mitunter auch aktivistischen Forschern zur Verfügung stand. Ihr Erfolg konnte sich nur einstellen, weil Computer damals den meisten Menschen fremd und unbekannt waren. Man billigte den Rechnern eine fast göttliche Unfehlbarkeit zu. Denn wenn sich der eigene Taschenrechner niemals irrt, ist das für seine leistungsfähigeren Vettern, die noch dazu von allerlei Professoren und Doktoren betreut und befragt wurden, erst recht anzunehmen. Das Wissen darüber, wie sehr die Verlässlichkeit berechneter Antworten erstens von der Art der Frage und zweitens von den durch die Programmierung vorgegebenen Antwortmöglichkeiten abhängt, hatte sich noch nicht verbreitet.

Unter den damals aufgestellten Prognosen des nahenden Weltuntergangs leiden wir bis heute. Sie haben ausreichend Furcht verbreitet, um das kollektive gesellschaftliche Empfinden tief zu prägen. Sie haben auf vielerlei Wegen Eingang in die Politik gefunden. Nachhaltigkeit und Vorsorge wurden als Dogmen etabliert und schufen Raum für zahllose dirigistische Eingriffe in das Marktgeschehen, bis hin zur deutschen Energiewende.

Dabei lassen sich die pessimistischen Zukunftsbilder der 1970er rückblickend eindeutig bewerten: Sie waren alle falsch. Wir sind nicht nur immer noch da, die Menschheit prosperiert auch ungemein. Trotz einer rasanten Zunahme der Weltbevölkerung sinken die Anteile der Hungernden und Armen an dieser immer noch. Trotz einer rasanten Zunahme an Kohlendioxid-Emissionen verweigert sich die Klimakatastrophe standhaft ihrem Eintreten. Trotz steigendem Verbrauch ist keine Ressourcenknappheit zu erkennen, weder bei mineralischen Rohstoffen, noch bei fossilen Energieträgern. Und der Wald lebt immer noch. Es geht ihm, wie Patalong in einer Bildunterschrift korrekt bemerkt, nicht besser als 1979. Es geht ihm aber auch nicht schlechter. Heute wissen wir: Es ging ihm wahrscheinlich nie anders.

Wir könnten natürlich schlicht Glück gehabt haben. Zufällige, damals unvorhersehbare technische Fortschritte in einigen Bereichen hätten uns nur vorübergehend gerettet. Die Validität der Untergangsszenarien, der damaligen wie der modernen, wäre dann immer noch gegeben. Die Apokalypse wäre nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Diese Auffassung vertritt Patalong in seinem Text. Er geht sogar noch einen Schritt weiter mit der Behauptung, gerade die pessimistischen Prognosen hätten die Menschen zu einer die Katastrophen aufhaltenden Verhaltensänderung bewegt. Und damit ihr eigentliches Ziel erreicht. Ausgerechnet die moderne Verirrung der Mülltrennung gilt Patalong als ein Symbol für diese Umkehr.

Falschen Fragen folgen falsche Antworten

Man könnte aber auch fragen, ob denn nicht ein prinzipieller Fehler in der Berechnung von Weltuntergängen steckt. Ob nicht die sich mit solchen die Zeit vertreibenden Wissenschaftler etwas sehr wesentliches übersehen oder vergessen und daher ihren Computern erstens die falschen Fragen stellen und zweitens in der falschen Richtung nach Antworten suchen lassen.

Schließlich hätte auf der Basis des jeweils verfügbaren Wissens noch jede Gesellschaft in der Geschichte der menschlichen Zivilisation den Untergang vorhersagen können. Schon die steinzeitlichen Jäger- und Sammlerkulturen wären intellektuell dazu in der Lage gewesen, das Aussterben von Wildtierpopulationen bei übermäßiger Bejagung aufgrund einer zunehmenden Bevölkerung vorherzusehen.

Für die antiken und mittelalterlichen Zivilisationen gilt ähnliches: Ein begrenzter Raum für die Landwirtschaft kann bei gleichbleibender Produktivität eine wachsende Bevölkerung irgendwann nicht mehr ernähren. Die Entwaldung nahm durch Rodungen für die Landwirtschaft, für den Schiffbau und für die auf Holzkohle basierende Eisenverhüttung nicht nur im römischen Reich, sondern auch in vielen Regionen im 16. und 17. Jahrhundert dramatische Ausmaße an. „Die Eisenpreise werden sich mindestens verdoppeln, wenn die Vorräte an diesem Material, was wahrscheinlich ist, nicht ganz und gar erschöpft werden.“ warnte Sir Isaac Coffin im Jahr 1840 vor dem englischen Parlament vor dem Eisenbahnbau (siehe dazu auch „Die Ressourcen und das Primat der Technologie“). Manch einem Bewohner der städtischen Zentren dieser Epoche graute vor dem zunehmenden Abfallproblem. Es stank wörtlich zum Himmel. Welche Mengen an Kot hätten die Straßen zusätzlich bedeckt, wären die wachsenden Mobilitätsbedarfe der Bevölkerung durch Pferd und Kutsche gedeckt worden?

Günstige Umstände für Apokalyptiker waren immer gegeben. Und sie wurden auch reichlich genutzt. Man denke allein an den Ökonomen Thomas Robert Malthus (1766 bis 1834), auf den sich heute noch immer viele berufen. Es verbleibt die klare Beobachtungstatsache: Nicht nur Malthus, auch alle anderen Propheten des nahenden Untergangs haben sich geirrt. Nicht nur in einzelnen Aspekten, sondern fundamental.

Wir sind immer noch da

Computer eignen sich eben nicht nur zur Berechnung von Grenzen. Sie schaffen auch neue Möglichkeiten, durch die dann diese Grenzen obsolet werden. Computer haben die Geschwindigkeit des Fortschrittes in den letzten Jahrzehnten enorm erhöht. Sie waren Werkzeuge, die Fortschritte in den Materialwissenschaften, im Maschinenbau und in den Biowissenschaften ermöglichten. Von diesen wiederum profitierten unter anderem Agrartechnik und Bergbau enorm. Darüber hinaus gestatten Computer auch, noch bessere Computer zu entwickeln.

Das ist ein grundsätzliches Prinzip. Eine Dampfmaschine kann nicht nur Webstühle oder Eisenbahnen antreiben, sondern auch Maschinen zur Herstellung noch besserer Dampfmaschinen. Die Züchtung von Nutzpflanzen ermöglicht nicht nur höhere Erträge, sondern schafft auch die Grundlage für noch effektivere Sorten. Es ist exakt dieser Selbstbezug der Innovationstätigkeit, den die Apokalyptiker ausblenden. Weil er allen ihren Prophezeiungen die Basis entzieht.

Sicher, Patalong weist auf diese Schwäche hin. Er zitiert das Vorwort der „Global 2000“-Studie, in dem es heißt, die betrachteten Trends würden sich nur fortsetzen, wenn es es im Bereich der Technologie nicht zu revolutionären Fortschritten käme. Der Punkt ist: Wenn sich Dinge zum Schlechteren entwickeln, selbst wenn es bei oberflächlicher Betrachtung nur so erscheint, entstehen diese revolutionären Fortschritte zwingend. Wobei das Attribut „revolutionär“ über die in den Weltuntergangsszenarien betrachteten Zeiträume hinweg immer anwendbar ist. Aus der Sicht der Apokalyptiker der 1970er Jahre erscheint das Smartphone ebenso als Revolution, wie moderne Verfahren der Prospektion, Exploration und Gewinnung von Rohstoffvorkommen.

Deswegen prognostizierten diese in „Die Grenzen des Wachstums“ sehr kurze Reichweiten für zahlreiche Metalle und natürlich auch für Erdöl und Erdgas. Letztere sollten uns schon ab etwa dem Jahr 2000 ausgehen, Gold hätten wir schon seit 1980 nicht mehr und Kupfer seit 2006. Tatsächlich aber wurden von allen betrachteten Stoffen in den letzten vier Jahrzehnten wesentlich mehr gefördert, als aus der Sicht des Jahres 1972 überhaupt noch zur Verfügung stand. Gleichzeitig stieg die Menge der bekannten, noch nicht erschlossenen Ressourcen um ein Vielfaches. Die Menschheit hat nicht nur mehr verbraucht, als damals als möglich angesehen, sondern parallel auch noch ihre Reserven gesteigert. Ein Widerspruch ist das nur, wenn man das Wesen der Innovation nicht berücksichtigt.

Letztendlich aber gäbe es doch wirklich absolute Grenzen, mag man einwenden. Schließlich sei das Volumen der Erde endlich.

Das stimmt.

Ressourcen und Reserven ändern sich dynamisch

Bei einer mittleren Dicke von 35 km und einer mittleren Dichte von 2,7 t/m³ beträgt die Masse der Erdkruste etwa 10 hoch 19 Tonnen. Kupfer macht, so die Geologen, ein Hundertstel Prozent davon aus, das wären 10 hoch 15 Tonnen. Die gegenwärtige Kupferproduktion zugrundegelegt, würde diese Menge für einige hundert Millionen Jahre genügen.

Und Erdöl? Schätzungen zufolge werden etwa 10 hoch 10 t Kohlenstoff pro Jahr in den Meeren durch Algen gebunden. Etwa ein Prozent davon gelangt in Sedimentgesteine am Meeresgrund. Gesetzt den Fall, wiederum nur ein Prozent dieser Menge würde am Ende zu Rohöl (in diesem liegt der Massenanteil von Kohlenstoff bei etwa 85%), handelt es sich um eine Million Tonnen im Jahr. Seit mehr als 2 Milliarden Jahren findet dieser Vorgang nun statt, insgesamt könnten in der Erdkruste 10 hoch 15 t Erdöl vorhanden sein, oder anders ausgedrückt: Eine Million Gigatonnen. Man kann mit solchen Abschätzungen leicht um Größenordnungen neben der Realität liegen. Aber ob die vorhandenen Mengen noch für Jahrtausende, Jahrzehntausende oder gar Jahrhunderttausende genügen, ist nicht relevant. Wichtig ist allein: Nicht nur bei Metallen und Mineralien, auch bei Erdöl sind die irdischen Vorräte für alle sinnvollen Planungshorizonte als unendlich anzusehen.

Ja schon, mag man einwenden, aber man könne doch nur einen Bruchteil der Schätze der Erdkruste heben. Gemeinhin sind, um bei den beiden Beispielen zu bleiben, Kupfer und Erdöl in ihren Muttergesteinen zu fein verteilt. Es kommen nur Vorkommen als Ressourcen in Betracht, deren Merkmale wie Konzentration, Menge, oder Zugänglichkeit eine Ausbeutung mit heute bekannter Technologie prinzipiell ermöglichen. Als Reserven können nur solche gezählt werden, bei denen dies auch noch wirtschaftlich möglich ist.

Aber: Die Mengen der Ressourcen und Reserven verändern sich dynamisch. Sie steigen, weil mit immer besseren Technologien immer mehr Vorkommen in Reichweite gelangen. Denn solange ein Interesse an der Nutzung eines Rohstoffes besteht, solange wird auch in immer effizientere und effektivere Methoden seiner Gewinnung investiert. Schieferöl ist ein aktuelles Beispiel. Es handelt sich hier um konventionelles Leichtöl oft bester Qualität, um fein verteilte Vorkommen in den Erdölmuttergesteinen selbst, die bis vor wenigen Jahren technisch nicht zugänglich waren. Es handelt sich – und das ist entscheidend – um Vorkommen, die erst jetzt der Ressourcenbasis hinzugefügt werden können.

Hätte man das in den 1970er Jahren denn wirklich voraussehen können? Ja, man hätte. Bestimmte Aspekte der technischen Entwicklung folgen Langzeittrends, die durch die oben beschriebenen Rückkopplungen stabilisiert werden. Systeme zur Erfüllung von Bedarfen werden auf diese Weise immer effizienter und effektiver. Dies gilt in Mobilität und Kommunikation ebenso, wie in der Landwirtschaft und im Bergbau.

Heute wird mittels hochauflösender seismischer Exploration und computergestützter Analyseverfahren ein komplexes, detailreiches, dreidimensionales Modell des Untergrundes erstellt. Dies ermöglicht es, Erdölmuttergesteine zu identifizieren und eine Bohrung genau zu planen. Moderne Bohrer sind robotische Systeme, vollgepackt mit Steuerungselektronik, Sensoren und Aktoren, bestehend aus Hochleistungsmaterialien, die den extremen Bedingungen der Umgebung in mehreren tausend Metern Tiefe (Strahlung, Temperatur, Druck) standhalten können. Sie wissen genau, wo sie sind und können von oben ferngesteuert werden, oder sich autonom ihren Weg durch die Gesteinsschichten suchen. Diese technischen Weiterentwicklungen machen Schieferöl und Schiefergas erst zugänglich.

Revolutionär aus der Perspektive der 1970er Jahre? Absolut. Vorhersehbar? Nicht im Detail, aber durchaus im Prinzip. Hat man daraus gelernt und berücksichtigt dies bei der rückblickenden Bewertung? Nicht, wenn man Frank Patalong heißt.

Angstmachen hilft nicht, Ideen siegen

Ganz im Gegenteil macht er die Angstszenarien selbst zum Teil der Lösung. Sie erst hätten schließlich das menschliche Handeln in die richtigen Bahnen gelenkt und dadurch dazu beigetragen, die Katastrophe zunächst zu vermeiden.

Natürlich können Netzwerke wie der „Club of Rome“ oder Studien wie die „Grenzen des Wachstums“ nicht als Motoren des technischen Fortschritts angesehen werden, das wird auch Patalong kaum vertreten. Es ist der freie Austausch von Waren und Ideen auf wettbewerblich orientierten Märkten, der Innovationen treibt. Apokalyptiker haben nicht erst in der Gegenwart, sondern zu allen Zeiten aus ihren Vorstellungen die Notwendigkeit abgeleitet, diese Fortschrittsmaschine zu bremsen oder gleich ganz zu stoppen. Durch Regulierung und geographische wie inhaltliche Begrenzung von Handelsströmen, durch Produktverbote, durch moralische Kennzeichnung von Technologien als „gut“ oder „böse“. Man hat eben in den 1970er Jahren nicht gefordert, neue Bergbautechnologien zu entwickeln, um neue Rohstoffquellen zu erschließen. Sondern man wollte die Nutzung von Ressourcen einschränken, notfalls erzwungen durch eine entsprechende Gesetzgebung. Als Folge wäre die Innovationstätigkeit im Bergbau erlahmt und am Ende hätte genau die Verknappung gestanden, vor der gewarnt wurde.

Der Zustand der Welt ist heute besser als gedacht, weil man den Untergangsphantasten nicht gefolgt ist. Wachstum kennt keine Grenzen, denn es beruht auf der unbegrenzten menschlichen Kreativität, die jede scheinbar durch die Umwelt gesetzte Limitierung aufhebt. Vor allem dann, wenn Erfindergeist und Schaffenskraft durch die Kooperation mit Maschinen, potenziert werden, ob Dampfmaschine, Webstuhl oder Computer. Diesen entscheidenden Faktor haben die Apokalyptiker übersehen. Nicht Glück, nicht Zufall und auch nicht die Mülltrennung haben unsere Existenz gesichert, lieber Frank Patalong. In Wahrheit stand sie nämlich niemals in Frage.

Soweit der Rückblick in die 1970er Jahre. Mit aktuell populären apokalyptischen Visionen (Klimakatastrophe) beschäftigt sich Teil 2 dieser kleinen Artikelserie in einigen Tagen.

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