„Der Begriff Migrationshintergrund ist nicht mehr zeitgemäß“

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung will einen Begriff "ablösen". Anlass ist der Bericht einer "Fachkommission Integrationsfähigkeit", die nebenbei der Regierung sagt, was Medien vermeiden "müssen". Regierende und ihre Ratgeber scheinen keine Grenzen ihrer Zuständigkeit mehr zu kennen.

imago images / Metodi Popow
Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration

Annette Widmann-Mauz, Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung verkündet twitter-öffentlich: „Der Begriff Migrationshintergrund ist nicht mehr zeitgemäß & bildet die Vielfalt der Gesellschaft nicht mehr ab“.

Nun haben wir also eine Regierung, die sich für befugt hält, amtliche Urteile über die Verwendung von Wörtern abzugeben. Und die behauptet – so heißt es in dem Tweet weiter: „Wir brauchen eine Diskussion, wie wir ihn ablösen, aber auch künftig Entwicklungen & Herausforderungen bei der #Integration messbar machen können.“ Es geht also nicht darum, dass Frau Widmann-Mauz persönlich diesen Begriff nicht mag. „Wir“ sollen ihn „ablösen“. Und diskutieren sollen „wir“ wohlgemerkt nicht darüber, ob das richtig ist, sondern nur „wie“, also wohl eher, welches neue, regierungsamtlich für angemessen befundene Wort stattdessen gebraucht werden darf. 

In diesen wenigen Sätzen und auch in dem Bericht „Gemeinsam die Einwanderungsgesellschaft gestalten“, den die „Fachkommission Integrationsfähigkeit“ am Mittwoch an Widmann-Mauz und die Kanzlerin überreichte und sie damit zu dem genannten Tweet inspirierte, stecken gleich mehrere übereinander liegende Zumutungen. 

Die erste und grundlegende ist schon genannt: Die Bundesregierung beansprucht offenbar auch eine Art Hoheit über den Sprachgebrauch. Derlei kennt man eigentlich nur aus autoritären, ja totalitären Systemen. Das „Neusprech“ aus Orwells „1984“ lässt grüßen. 

Der Widmann-Mauz-Tweet ist aber auch über den speziellen Fall hinausgehend ein Beispiel für eine kommunikative Zumutung, mit der gerade Widmanns Chefin, die Bundeskanzlerin, ihre Zuhörer dauernd traktiert: die Verwendung des Merkel’schen „wir“. Wer damit gemeint ist, bleibt meist undeutlich: manchmal nur die Regierenden (wenn „wir“ etwas geleistet haben), manchmal aber auch alle (wenn „wir“ etwas „brauchen“ zum Beispiel). 

Brisanter ist die von Widmann-Mauz aus dem Bericht übernommene Aufgabenstellung, „künftig Entwicklungen & Herausforderungen bei der #Integration messbar“ zu machen, ohne den Begriff, aber auch ohne die statistische Kategorie des „Migrationshintergrunds“. So heißt es in dem Bericht, diese sei „nicht geeignet, um Marginalisierung und Diskriminierung adäquat zu erfassen… Denn bei Diskriminierungserfahrungen spielen Aspekte wie die Hautfarbe und andere sichtbare Merkmale eine wichtige Rolle, und weiße Menschen mit Migrationshintergrund sind davon nicht im gleichen Maß betroffen wie nicht weiße, da sie nicht als fremd wahrgenommen werden. Zugleich leben in Deutschland immer mehr Menschen, die nach der Definition des Statistischen Bundesamts keinen Migrationshintergrund mehr haben (oder noch nie einen hatten, wie deutsche Sinti) und die dennoch als nicht weiß und „nicht deutsch“ wahrgenommen werden und deshalb Diskriminierung erfahren.“

Und darum solle es nicht nur eine Diskussion geben, „wie die mangelnde Gleichstellung migrantischer und/oder von Rassismus betroffener Gruppen wie auch Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit und der Religion in Deutschland adäquat erfasst werden kann“, sondern auch ein dazu gehöriges „Monitoring“.  

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Offenbar soll also nach dem Wunsch der Fachkommission künftig jeder in diesem Land lebende Mensch nach solchen Zugehörigkeiten kategorisiert werden, denn: „nur dann können geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um strukturelle Teilhabebarrieren abzubauen“. Es gäbe dann also nicht mehr nur Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund, sondern eine Gesellschaft voller Menschen mit lauter verschiedenen „Hintergründen“ – und irgendwann für jeden davon eine regierungsamtlich festgelegte „Teilhabe“ (ein Lieblingsbegriff der Fachkommission). Der Weg in die ganz und gar quotierte Gesellschaft wäre dann vorgezeichnet. 

Ebenso bemerkenswert sind die umfangreichen Ausführungen des Berichts über „Migration und Integration und die Medien“. Der Bericht wendet sich ausdrücklich an die Bundesregierung, aber darin finden sich auch Sätze, die man nur als Anweisungen an Journalisten lesen kann: „Die Medienhäuser sind gefordert, ihre Bemühungen um einen sensiblen Umgang mit Bildern und Begriffen im Rahmen der publizistischen Selbstkontrolle zu verstärken“ und: „Die Medien müssen (sic!) in ihrer Berichterstattung stereotype und pauschale Zuschreibungen vermeiden.“ 

Vermuten die Autoren also, dass sich Medienschaffende stets mit angesprochen fühlen, wenn von den Aufgaben der Bundesregierung die Rede ist? Oder gehen sie davon aus, dass in Deutschland die Regierenden nicht nur statistische Kategorien und Teilhabe-Quoten festlegen können, sondern auch das, was die Medien tun „müssen“?

Offensichtlich hat nicht nur die Bundesbeauftragte Widmann-Mauz als Teil der Bundesregierung, sondern auch die von der Regierung eingesetzte Fachkommission das Bewusstsein der eigenen Zuständigkeit großzügig ausgeweitet.

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Kommentare ( 171 )

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tenere
1 Monat her

moin, herrlich wie die Dame gerade von den eigenen Fraktionskollegen auseinander genommen wird. Als Kommissionsleiterin sollte sie in den letzten 2 Jahren einen Leitfaden zur Migration erstellen. Das einzigste Ergebnis: eine neue Begrifflichkeit. Hat niemand gewollt , hat niemand verlangt. Vollkommen am Thema vorbei, Hauptsache ihrer Herrin gedient und nicht die Wahrheit ans Licht geholt , dass die Migration in der Menge an ungebildeten nicht Kriegsflüchtlingen nicht funktioniert. Stattdessen wieder nur sinnfreies Politikergelaber. Das reicht wohl nun auch ihren CDU Kollegen, die Frau Doppelnamen und indirekt die Staatsratsvorsitzende voll vor die Nuss hauen. Gut so, und Frau Doppelname: bitte gehen… Mehr

daldner
1 Monat her

Ich sage weiterhin „Fremder“ wenn ich Migrant meine. Dann sollen „die da oben“ doch Gesetze erlassen, was man noch sagen darf und was nicht. Und einen bei Verstoß einsperren. Wäre mir letztendlich auch egal. Dann sitzt man halt für ein „Wortverbrechen“. Aber Selbstzensur, weil irgendeine Frau W.M. das gerne hätte: never ever.

Detlef Rogge
1 Monat her

Was gab oder gibt es nicht schon alles! Fremdarbeiter, Gastarbeiter, Ausländer, ausländischer Mitbürger, Migrant, Migrationshintergründler, Asylant, Flüchtling, unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, Geflüchteter, Schutzsuchender, Zugewanderter, Eingewanderter. Bei Straftätern beliebt: männliche Person, männliche Person mit deutscher Staatsangehörigkeit, Gruppe männlicher Personen, der gebürtige Berliner etc., der aus Berlin etc. stammende, südländendischer Typ, Clanmitglied……..Habe ich noch was vergessen?

Lucius de Geer
1 Monat her
Antworten an  Detlef Rogge

Neubürger.

daldner
1 Monat her
Antworten an  Detlef Rogge

Jugendlicher, Partyszene, Mann, Bub… junger Mann…
Herrlich, das Wörterbuch des Staats-Framings… zum Für-doof-Verkaufen der schon länger hier Malochenden.

Donostia
1 Monat her

Ich hätte da einen Vorschlag. Nennen wir es doch Bunthintergrund. Weiß gehört ja nicht zu Bund. Dann hätte man die verhasste Hautfarbe auch gleich ausgeschlossen. Wobei das physikalische natürlich nicht stimmt. Weiß enthält wie wir alten weißen Männer in der Schule gelernt haben ja das ganze Farbspektrum. Ob das die FFF Hüpfer noch wissen?

Physis
1 Monat her

Dumm gelaufen……….
„Neulich“ wurde ein Mann auf seiner Terrasse erschossen, weil er sinngemäss sagte, dass man doch auswandern solle, wenn es einem „hier“ nicht gefällt.
Da frage ich mich doch, W O H I N man seiner damaligen Meinung nach ausreisen sollte und ob er ein Land kannte, das vermeintlich besser zur jeweiligen geistigen Verfassung solcher Ausreisewilligen gepasst hätte?
Und im Zusammenhang frage ich mich, ob solch‘ Ausreisewillige dann eigentlich einen Migrationshintegrund hätten, oder sich dort nur „Gleichgesinnte“ befänden?
Aber Halt! Mir schwant, dass dieses Land den Nachweis eines Asylgrundes verlangt hätte…!

Britsch
1 Monat her
Antworten an  Physis

Vielleicht sollten sich Diejenigen die schon immer hier sind und von Anderen aufgefordert werden sie sollten doch auswandern, wenn Ihnen hier zunehmend etliches nicht mehr gefällt, auch mehr zusammen schließen und Solche, die so etwas sagen und ursächlich sind auch raus werfen. Nach ch einer Ersten solchern Tat denke ich würde sich die große Mehrheit ganz schnell anschließen nund es würde zunehmend „Ruhe“ und Verläßlichkeit wieder kehren.

Physis
1 Monat her

Lächerlich, diese Tante! Sie selber will mit ZWEI Nachnamen angesprochen werden, was ihren EIGENEN „Hintergrund“ hervor hebt, aber sie möchte nicht, dass ich darüber nachdenke, wen ich wie und unter welchen Umständen integrieren möchte! Wenn ich für jeden Mist, den diese fragwürdigen Idiopathen bislang an die Tagesordnung gesetzt haben einen Euro bekommen hätte, wäre ich steinreich! Aber nein, diese unwichtigen Leute entfremden (sic.) sich täglich nur noch mehr von dem Volk, von dem sie aber gleichzeitig alimentiert werden! Gleiches gilt übrigens dafür, dass das Wort Rasse aus dem GG „gestrichen“ werden soll, es aber weiterhin möglich ist, jemanden einen Rassisten… Mehr

Volksschauspieler
1 Monat her

Integration heißt, seinen Lebensunterhalt selber durch Arbeit zu erwirtschaften. Wenn aber immer mehr Migranten auf Kosten der Steuerzahler leben, kann man nicht erwarten, so angesehen zu sein, wie Bürger, die durch ihre Arbeit einen Beitrag zur Sicherung der Existenz des deutschen Staates leisten. Und wenn dann auch noch die Kriminalitätsrate von Migranten weit über dem Durchschnitt liegt, ist der „Migrationshintergrund“ doch eine treffende Charakterisierung. Mal ganz abgesehen davon, dass viele Migranten schon von ihrer heimischen muslimischen Kultur in unserem christlich geprägten Europa nicht integrationsfähig sind und deshalb Parallelgesellschaften nach eigenen Werte- und Rechtsvorstellungen bilden, die sich gegen die christlich-abendländische Kultur… Mehr

RandolfderZweite
1 Monat her
Antworten an  Volksschauspieler

Man nennt eben diese Vorgehensweise „Dawa“, die friedliche Übernahme eines Staates durch das Etablieren der eigenen Religion und die hohe Reproduktionsrate. Das Hineindrängen in bestehende Strukturen (Politik, Verwaltung und Wirtschaft) unterwandert das System zu Gunsten der eigenen Klientel. Schlimm, fahrlässig und völlig irrational an der Sache ist, dass man es weiß (Libanon)! Zwischendurch wird getestet: Forderung nach mehr religiöser Freiheit, siehe Schächten, Vielehe, Kinderehe und Verbannung von Schweinefleisch in Kitas und Schulen, zwischendurch Straftaten in sensiblen Bereichen des Gemeinwesens: Gewalt gegen Frauen und Andersgläubige und am Sozialstaat. Der entscheidende Punkt ist hier die Unterwanderung der Rechtsstaatlichkeit, siehe Scharia. Durch solche… Mehr

francomacorisano
1 Monat her

WER bestimmt, was „zeitgemäß“ ist?
Warum läuft die CDU dem grünen Sprachgebrauch und der linken Agenda hinterher?
Nur wer sich bedingungslos anpasst, kann Deutscher werden.
Alle anderen bleiben immer Ausländer!

Digedag
1 Monat her

„Quote“ und „Haltung“ – in diesen Zeiten entscheidende Qualifikationsmerkmale um vorwärts zu kommen, im Politikbetrieb unerlässlich, „Können“ – drauf gesch…..Da passt Widmann-Mauz gut rein, mehr als Nibelungentreue zu „der Alles vom Ende her denkenden Alternativlosen“ hat die ehemalige Studentin nicht zu bieten.

country boy
1 Monat her

Vielleicht ist Widmann-Mauz auch nur naiv und chancenlos gegen die sinistren linken und grünen Kräfte, die sich überall in unserer Republik breit gemacht haben. Selbst ehemals große Volksparteien wie die CDU ducken sich ja vor dem linksgrünen Meinungsdiktat. Wie auch im Jahr 2015 spielen die Journalisten im Mainstream eine entscheidende Rolle.

Lucius de Geer
1 Monat her
Antworten an  country boy

Die CDU ist längst selbst eine Heimstatt der Linken. Merkel ist dort nicht die einzige Kollektivistin. In der CDU duckt sich keiner vor antibürgerlichen Tendenzen, im Gegenteil, die wollen das alles genau so, sonst hätten sie ihre Herrin längst davongejagt.