In der Grundschule Abgründe von Nichtkönnen

Entrüstet wird zurückgewiesen, Grundschule habe auf weiterführende Schulen vorzubereiten. Nein, Grundschule sei kindgerechte Schule schlechthin. Eine nur auf's Kindsein gerichtete Schule raubt dem Kind die Zukunft, weil es in einer Kind-Gegenwart einkerkert.

© John MacDougallAFP/Getty Images

Manchmal kommt die Wahrheit über die desaströsen Folgen „progressiver“ Schulpolitik, pädagogischer Schwärmerei und rot-grüner Ideologie doch noch ans Licht. So geschehen jetzt durch eine Leistungsstudie des Berliner Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Mit dieser Studie sollte im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) untersucht werden, inwieweit Grundschüler Mindeststandards erreichen. An den Tests waren 29.259 Viertklässler aus 1.508 Grund- und Förderschulen beteiligt.

Hier drei markante Ergebnisse:

Erstens: Die Leistungen der Grundschüler haben sich seit 2011 im Rechnen und Lesen deutlich verschlechtert. In einzelnen Bundesländern fällt der Trend besonders stark aus. Reichlich groß ist der Leistungsabfall bei den Grundschülern in dem seit 2011 führend „grün“ reagierten Baden-Württemberg. Das frühere Vorzeigeland liegt gerade noch knapp vor Bremen, das traditionell schlecht abschneidet.

Zweitens: Bundesweit erreichen im Bereich Lesen nur knapp 66 Prozent den Mindeststandard, beim Zuhören 68 Prozent und in der Orthografie 54 Prozent. Das sind jeweils sechs bis zehn Prozentpunkte weniger als bei der Studie 2011.

Drittens: Die Ergebnisse unterscheiden sich je nach Bundesland erheblich. Bayern, Sachsen und Schleswig-Holstein stehen beim Lesen und Zuhören vorne, Bayern und Saarland in der Orthografie. Schlusslicht in allen Bereichen ist Bremen, und Berlin ist stets unter den letzten drei.

Schlechter geht immer
Wenn Schlechtschreibung - pädagogisch verbrämt - zur Reform geadelt wird
Nun, von nix kommt nix! Solche miserablen Bilanzen sind die Folge einer fortwährenden Heiligsprechung der Grundschule. Zum Mantra grün-roter Bildungspolitik gehört es nämlich seit Jahrzehnten, gerade der Grundschule eine reformerische Pilot-Funktion zuzuweisen: Grundschulen seien die „Zentren pädagogischer Reformen“, so heißt es; ihre Arbeit strahle in die weiterführenden Schulen aus. Das kann man wohl sagen. Entrüstet wird gar der Anspruch zurückgewiesen, Grundschule habe auf weiterführende Schulen vorzubereiten. Nein, wird betont, Grundschule sei kindgerechte Schule schlechthin. Vergessen wird dabei, dass eine nur noch auf das Kindsein ausgerichtete Schule dem Kind die Zukunft raubt, weil es dieses Kind in einer ewigen Kind-Gegenwart einkerkert.

Und so kamen Reformen über Reformen über die Grundschule, Deformationen über Deformationen: Keine Diktate mehr, nur noch 700 Wörter Grundwortschatz („Schatz“!), keine Ziffernnoten in den ersten Klassen, „Schreiben nach Gehör“, „innovative Unterrichtskultur“ (Freiarbeit, Materialtheke), unsinniges Früh-Englisch zulasten von Deutschstunden und …. und …. und. Kurz: Jeder Schüler macht, was er will. Aber: Die Kinder werden damit der Täuschung ausgesetzt, Wissen und Können ließen sich ohne Anstrengung, Ausdauer und gelegentliche Enttäuschungen erwerben. Ob die nachfolgende Aussage wirklich von einem Grundschüler stammt oder nur von einem Kritiker treffend erfunden wurde, sei dahingestellt: „Frau Lehrerin, dürfen wir heute wieder machen, was wir sollen, oder müssen wir wieder machen, was wir wollen?“

Von Nichts kommt Nichts
Studie Schulstress: Jammern auf hohem Niveau – schon bei „etwas Anstrengung“
Trotzdem gilt „reformierte“ Grundschule als sakrosankt. Gymnasien, Mittelschulen, Realschulen, Hauptschulen – alle kriegen sie laufend „ihr Fett“ ab. Kritische Diskussion über Grundschule indes gilt als Tabubruch. Denn die Grundschule sei ja eine „Schule für alle“ (also das Urbild der Einheitsschule), und sie habe es mit ach so zerbrechlichen Kindern zu tun. Und so hat in der Folge in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren in der Grundschule der unter allen Schulformen wohl weitestreichende Wandel stattgefunden: von der ergebnis- zur erlebnisorientierten Schule; von der lernenden und einübenden Schule zur spielerischen Schule; von der benotenden Schule zur Schule ohne Noten …

Zugegebenermaßen haben diese Entwicklungen je nach Bundesland eine unterschiedliche Dynamik erfahren. Dies jedoch hat dazu geführt, dass bereits am Ende der 4. Klasse ein bundesweit erhebliches Leistungsgefälle von bis zu einem halben Jahr festzustellen ist. Es gab dazu übrigens nicht erst 2011, sondern bereits vor 15 Jahren Studien, die dies belegten, die aber bald im Papierkorb verschwanden.

Man darf fast darauf wetten, dass wieder keine Konsequenzen gezogen werden. Erste Ausreden liegen ebenfalls schon vor. Das unschöne Ergebnis habe mit der zunehmenden Heterogenität (vulgo: mit dem erhöhten Immigrantenanteil der Schüler) zu tun. Das mag ja sein, aber es darf kein Grund sein, deswegen die Standards herunterzufahren.

Schluss mit „Schraip widu schprichsd“?
Hat Schreiben nach Gehör ausgedient?
Der Umgang mit der durchschlagenden Erfolglosigkeit der Gesamt- und Gemeinschaftsschulen lässt ein „weiter so!“ befürchten. Letztere Schulen fahren seit Jahrzehnten schlechteste Zeugnisse ein, und das trotz einer gegenüber den herkömmlichen Schulen luxuriösen Ausstattung. Aber sie bleiben das Hätschelkind „moderner“ Schulpolitik und „progressiver“ Pädagogik. Und so wird es nach der aktuellen Grundschulstudie auch bleiben. Kaum jemand wird den Mumm aufbringen, die Irrwege der Grundschule zu verlassen.

Wichtig und richtig wäre es aber, Grundschüler sukzessive wieder an die Prinzipien Anstrengung und Leistung zu gewöhnen. Eine eindeutige Leistungsmessung gehört dazu. Vor allem aber gehört eine erhebliche Steigerung des Anteils der Fächer Deutsch und Rechnen dazu. Diese sollten die Hälfte der Stundentafel ausmachen. Gerade diese beiden Fächer vermitteln in besonderer Weise das Beherrschen der Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Sprechen, Wortschatz, Orthographie, Grammatik, Syntax, Sprachbetrachtung; Umgang mit Zahlen und Größen, Grundrechenarten, Sachrechnen, geometrische Grunderfahrungen.

Hoffen wir wenigstens auf eines: Dass die schlauen Reformer jetzt nicht wieder auf die Idee kommen, anlässlich der aktuellen Leistungsbilanz müsse man eben die Grundschule von vier auf sechs Jahre verlängern. Bloß nicht! Denn dann würde nicht nur vier Jahre gekuschelt, sondern sechs. Berlin und Brandenburg mit ihren sechs Jahren Grundschule rangieren wohl auch deshalb bei jeder Leistungsstudie auf den hinteren Plätzen.


Josef Kraus war Oberstudiendirektor, Präsident des deutschen Lehrerverbands, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und als „Titan der Bildungspolitik“ bezeichnet. Er hat Bestseller zu Bildungsthemen verfasst und sein jüngstes Werk Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt erhalten Sie in unserem Shop: www.tichyseinblick.shop.

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Kommentare

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  • Michael Dräger

    Die Grundschulkinder werden leider im späteren Verlauf ihrer Bildungskarriere keine nennenswerten Verbesserungen ihrer sprachlichen Fähigkeiten erfahren. Was „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ von sich geben ist allzu oft restringierter Code. Beispiel: „Erst mach isch Mäckes, dann gehe isch Kino“. Wer so spricht, kann keinen Zeitungsartikel verstehen bzw. sachlich argumentieren.

  • Ingolf Bernhard Pärcher

    Grundschule? Wenn es nur das wäre.
    Was bei mir vorstellig wird, sind Bachelors mit Blasen im Kopf, wenn man über saumäßige Rechtschreibung bei den Bewerbungsschreiben hinwegsieht – angeblich von der BfA geprüft, um so peinlicher. Zeitverschwendung.
    Seitdem hole ich meine Leute lieber aus einschlägigen Fachforen. U30 aus der fünfmann- Crew ist nur einer, der Rest „old white men“ (alte Säcke wie ich), zwei davon gefeuert, die auf selbständig umgesattelt haben. Projektspezifische Honorarkräfte halt, wir machen dennoch Software und Konzepte für Weltmarktführer.
    Was das deutsche Bildungssystem so nachliefert, ist erbärmlich. Ich kann damit derzeit nicht arbeiten, geschweige denn, jemanden davon dauerhaft anzustellen angesichts der immensen Nebenkosten.

  • Herrenreiter

    Henning Sußebach hat diese bigotte Haltung 2007 in einem wunderbaren Essay über die hippe linksgrüne Szene am Prenzlauer Berg beschrieben. Höchste moralische Ansprüche einerseits und strikte Aus- und Abgrenzung andererseits. http://www.zeit.de/2007/46/D18-PrenzlauerBerg-46

  • Tom

    Ist doch egal: Atomenergie ist schon platt, Innovation in Kohle gibt es überall, bloß nicht mehr in Deutschland, weil die linksgrünen Ideologen das als nächstes Feld zum Zerstören entdeckt haben. Automobilindustrie und automatisch damit einhergehend Maschinenbau werden gerade geschreddert. Anders ausgedrückt: für was noch hohe Lernstandards, wenn es bald keine Hochtechnologie mehr gibt und wir ohnehin auf den Weg in den Zustand eines Dritte-Welt-Landes sind? Ich finde das nicht mal sarkastisch, sondern real.

    Und was erwartet man schon von links-grünen Murksern? Sie haben die Wirtschaft verpfuscht (die linken Parteien haben den geringsten Antel an Unternehmernn im Bundesparlament, weil sie lieber allimentiert lebten vor den fetten Jahren als Parlamentarier). Dort sind auch die Studienabrecher am häufigsten. Kann man also eine andere Bildungspolitik von linksgrün erwarten? Wohl kaum. Unter diesen linksgrünen Träumern sind ja auch Universitäten zu Brutstätten von Ideologie geworden (Gendergaga usw.). Übrigens ist der Anteil an Unternehmern bei FDP und AfD am höchsten

  • Eysel

    Zu:
    „Eine nur auf’s Kindsein gerichtete Schule raubt dem Kind die Zukunft, weil es in einer Kind-Gegenwart einkerkert.“ –
    – In einem Wort der Weg zur Infantilisierung einer ganzen Gesellschaft. –
    Sinnvollerweise startend in dem Alter in dem es besonders leicht ist.
    – Genau das ist die verborgene „große“ Leitlinie unter der unter dem Vorwand „kindgerecht“ und, und, und, … diversen enorm „human“ nur klingenden Absichten, B i l d u n g (klar unterschieden von Ausbildung) und von mir definiert als „werde unabhängig von Vorgaben Anderer der du bist“ systematisch V E R H I N D E R T wird. –
    Erwachsene die in „kindlichem Denken“ stecken gebliebens sind sind für einen Ideologen eine „leicht zu steuernde Masse“. –
    Man betrachte nur mal die Anhängerschaft unserer „Mutti“.
    Wenig Kenntnis der Realitäten und naives Vertrauen kennzeichnet sie.
    In einem Wort: „Kindliches Verhalten“.
    Es gibt heute und hier bei einer großen Zahl von nur scheinbar Erwachsenen die Verhaltensweisen zeigen die anders als durch „kindlich“ nur schwer zu beschreiben sind. –
    Siehe: „Die kindliche Gesellschaft“ von Robert Bly.
    (Die Rezensionen bei Ama‘ zeugen nur von wenig von … habe schon länger den Eindruck dass selbst bei Wiki eine bestimmter „Tenor“ eingezogen ist.) )

  • Abendroete

    Leben in BaWue in einer ganz normalen Familie mit 2 Kindern. Beide Eltern arbeiten im öffentl. Dienst. Beide Kinder gehen aufs Gymnasium. Da der Junge nach einem Jahr Schwierigkeiten hat mit dem Lernstoff, entschließt sich die Familie das Kind auf die Realschule zu geben. Der Junge schreibt nun sehr gute Noten. Doch nach einer gewissen Zeit kündigt er seiner Mutter an, keine guten Noten mehr zu schreiben. Er wird von Mitschülern gemobbt und bedroht, wenn er besser ist. (80 Prozent Migranten). Eltern und Lehrer ratlos; Rektor hat bereits das „Handtuch“ geschmissen. Alltag in unseren Schulen?! (Freunde von uns)
    Geht nur noch Prvatschule.

  • Philoktet

    Was soll „coach-Tätigkeit“ sein? Etwa Lernbegleiter?
    Es gibt n.m.M. Kinder, die vom Frontalunterricht profitieren. Frontalunterricht in bestimmten Fächern ist sinnvoll.
    Finnland lag bis vor einigen Jahren immer an der Spitze bei PISA oder anderen Studien. Jetzt nicht mehr unbedingt, weil es dort jetzt großteils eben keinen Frontalunterricht mehr gibt.

  • Roger Constantin

    „Das unschöne Ergebnis habe mit der zunehmenden Heterogenität (vulgo: mit dem erhöhten Immigrantenanteil der Schüler) zu tun.“
    Heterogenität klingt ja so schön akademisch. Aber eigentlich ist damit doch die hochgelobte „Vielfalt“ gemeint.

  • Sabine Abbel

    … ja, das wird die Zukunft sein: Verbleibende idyllische Ecken auf dem Land und gekippte Städte, wobei die Einschläge immer näher kommen. Erst kippen die Großstädte, dann die Mittelstädte und die Kleinstädte, zuerst im Westen, dann im Osten. Ich war dieses Jahr in Halle, wo es auch schon finster zu werden beginnt; südländische Migranten haufenweise und mit durchaus dominantem Auftreten auf zentralen Plätzen …