Die gesunde Mitte kommt immer mehr abhanden

Was wir jetzt brauchen, ist eine Renaissance unserer Werte: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dürfen keine leeren Worthülsen bleiben, sondern müssen endlich wieder mit Leben und Sinn gefüllt werden. Bayern München ist mit seiner Werbung für Qatar Airways kein Vorbild.

Ganz oder gar nicht. Schwarz oder weiß. Für uns oder gegen uns. Wir scheinen in einer Welt der Extreme zu leben, in der es keine Grautöne, keine Nuancen, keine Abstufungen mehr gibt. Es gilt die Devise: alles oder nichts. Und dennoch mangelt es da, wo klare Worte, wo starke Entscheidungen nötig wären, oftmals an Durchsetzungskraft. Plötzlich gibt es eine scheinbar legitime Alternative, wenngleich Wegducken und Ausharren diese Bezeichnung wohl kaum verdient.

Ich schaue zunehmend ungläubig und sprachlos auf gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse, in denen jeder Kompass zu fehlen scheint. Der Befund ist eindeutig: Die gesunde Mitte kommt uns immer mehr abhanden. Für mich lässt sich das gut an zwei bayerischen Beispielen porträtieren.

Auf der einen Seite steht der FC Bayern München, Fußballrekordmeister und Idol zahlloser junger Fußballbegeisterter in Deutschland und ganz Europa. Ein Verein, der wie kaum ein anderer umjubelt wird und quasi Dauerpächter auf den internationalen Fußballplätzen Europas ist. Bayern München ist ein Aushängeschild für Deutschland. Gern setzen sich die Vereinsbosse bei Wohltätigkeitsaktionen in Szene.

Qatar Airways sponsert FC Bayern
Beschämende Doppelmoral bei Bayern München: Terrorfinancier Katar als Sponsoringpartner
Beschämend ist allerdings die Präsentation des neuen Trikots für die kommende Saison. Während die Fachwelt darüber diskutiert, ob Farbe und Design zum Charakter der Münchner Mannschaft passen, lässt mich etwas anderes schaudern: Schon wieder prangt das Logo der staatlichen Airline Qatar Airways auf dem Ärmel der Trikots. Das heißt übersetzt: Die Vereinsführung ignoriert die lautstarke Kritik der eigenen Mitglieder und Fans und hält unbeirrt am Megadeal mit dem Sponsor vom persischen Golf fest. Ein moralischer Kompass? Fehlanzeige.

Dass die Kataris seit Jahren dafür bekannt sind, dschihadistische Terrormilizen in den Kriegsgebieten des Nahen Ostens finanziell, logistisch und ideell zu unterstützen, sorgt bei den Bayern wohl kaum für schlaflose Nächte: Hauptsache, die Bezahlung stimmt. Dabei muss den Verantwortlichen des FC Bayern doch eines ganz deutlich bewusst sein: An diesem Geld klebt Blut. Die Scheichs, die auf der einen Seite schillernde Sportstätten und Vereine finanzieren, stecken auf der anderen Seite Unsummen in den Dschihad.

In meinen Augen ist die pure Ignoranz, die der deutsche Rekordmeister diesbezüglich an den Tag legt, eine himmelschreiende Farce. Die Behauptung, nur durch Dialog könne man die bereits sehr positive Entwicklung der Menschenrechtslage weiter unterstützen, ist blanker Hohn.

Aber auch das andere Extrem lässt sich in Bayern beobachten: Vergangene Woche berichteten mehrere Medien übereinstimmend, dass an einer Realschule im bayrischen Ebersberg knappe, luftige Kleidung für Schülerinnen trotz hoher Temperaturen künftig verboten werde. Begründet wird die Kleiderordnung unter anderem damit, dass man für eine „weltoffene Gesellschaft“ stehe. Insbesondere Schülerinnen mit Migrationshintergrund sollten nicht diskriminiert werden. Schon wieder wird hier eine vollkommen falsch verstandene Toleranz an den Tag gelegt, die weit über das Ziel hinausschießt. Die persönliche Freiheit wird unter fadenscheinigen Argumenten sinnlos und ohne jede Not eingeschränkt.

Eben hieran zeigt sich aber, dass Extreme in unserer Gesellschaft zunehmen. Während der FC Bayern extrem ignorant gegenüber jeglicher Kritik an dem Sponsorendeal mit den Terrorfinanciers aus Katar festhält, wird die kulturelle Sensibilität in Oberbayern überdehnt. Wieso aber finden wir uns in einer solchen Welt wieder?

Kurs halten
Wir dürfen unsere Werte nicht verschleudern
Für mich gibt es hierauf nur eine logische Antwort: Wir haben unseren Kompass verloren, der uns den gesunden Mittelweg weist. Was wir daher brauchen, ist eine Renaissance unserer Werte: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dürfen keine leeren Worthülsen bleiben, sondern müssen endlich wieder mit Leben und Sinn gefüllt werden. Gerade jetzt, wo die Europäische Gemeinschaft vor großen – vielleicht sogar vor ihrer bisher größten – historischen Herausforderungen steht, müssen wir uns hierauf besinnen und die Begeisterung für unsere demokratischen Werte aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken.

Ich bin überzeugt davon, dass Freiheit und Verantwortung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit die richtigen Werte und die richtige Leitschnur für die Beantwortung unserer Zukunftsfragen sind. Ich bin überzeugt davon, dass es Durchsetzungskraft braucht – und dass die gewissenhafte Orientierung an diesen Grundprinzipien unserer westlichen Gesellschaft auch schmerzlich sein kann. Und dennoch ist diese bitter notwendig. Immer häufiger ist derzeit von einer VUCA-World zu lesen, die immer volatiler, unsicherer und komplexer wird und zugleich von einer zunehmenden Ambiguität geprägt ist.

Den Herausforderungen, die sich jetzt an uns stellen, dürfen wir nicht mit einem Schwarz-Weiß-Denken entgegentreten. Wir müssen sie im besten Sinne einer demokratischen Vielfalt begreifen und angehen. Wir müssen akzeptieren, dass um den richtigen Weg gerungen werden darf – ja sogar gerungen werden muss.
Extreme provozieren nur weitere Extreme. Selbstverständlich braucht es Brandmauern, die vom demokratischen Spektrum vorgegeben werden. Innerhalb dieses Spektrums aber müssen wir klug entscheiden, uns weder von falsch-verstandener Toleranz noch von blindem Ehrgeiz leiten lassen.

Unser Kompass muss ein klarer Kurs der Mitte sein, der alle einbindet und der darauf abzielt, Wohlstand, Freiheit und Demokratie zu bewahren – und nicht die Feinde der Demokratie zu stärken – ganz gleich ob diese von außen oder von innen auf sie einwirken.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 18 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

18 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
fatherted
1 Monat her

Das mit der Kleidung und er Schule….ist so ein Ding. Wenn man sich mal die „luftige Kleidung“ einiger Früh-Pubertierender so ansieht, so gehen da manche Mädels mit so knappen Shorts/Minis und hautengen, Bauchfreien T-Shirts zum Unterricht, dass man den Eindruck erhält, man sei nicht in einer Schulklasse sondern in einem Strip-Club. Das dies nicht gerade zur Konzentration im Klassenraum beiträgt sollte klar sein. Die Begründung ist natürlich ein Unding…weil „andere Glauben-Gruppen“ sich durch die Kleidung angefast fühlen….das ist natürlich falsch. Die Begründung müsste heißen….in der Schule gilt „ordentliche Kleidung“….sprich….so wie man auch auf eine seriöse Arbeitsstelle gehen würde. Eine Lösung… Mehr

Innere Unruhe
1 Monat her
Antworten an  fatherted

Sie haben völlig Recht.
Die Begründung muss sein, dass Schule ein Arbeitsort ist, an dem auch Arbeitskleidung getragen werden soll.
Da wir offensichtlich in Probleme mit Religionen laufen, ist es höchste Zeit, Schuluniformen einzuführen, die die Saumhöhe und die Länge der Ärmel regeln.
Ich hatte Schuluniform – Kleid und Schürze, später Rock+Bluse+Blazer/Weste.
Ich fand es fad, aber praktisch war es schon.
Im Nachhinein war es völlig richtig Schule und Freizeit, optisch zu trennen. Sobald man sich zu Hause umgezogen hatte, war Freizeit.
Ich würde es mir von Herzen wünschen, Uniform nach dem Britischen Vorbild zu haben.

StefanZ
1 Monat her

Von welcher Moral schreiben Sie? Für die Kataris und viele andere sind doch wir die Unmoralischen. Wie ist es mit China? Die dortige Moral lässt aus deutscher Sicht auch zu wünschen übrig. Tatsache ist, ohne die „Unmoralischen“ ist Wohlstand in Deutschland kaum möglich. Wir leben leider in einer „unmoralischen“ Welt und die deutsche Moral ist nunmal kein Exportschlager. Die Reichen und Mächtigen in den jeweiligen Ländern bestimmen ihre Moral selbst und wir sollten uns ebenfalls zuerst um unser Land und die Moral in diesem Land kümmern.

H. F. Klemm
1 Monat her

Es erstaunt mich immer wieder wie bei TE Herrn Tipi eine Bühne dargeboten wird – obwohl ich seine Beiträge gerne lese um meine Meinung über ihn mir bestätigen zu können – ist er doch als prominetes Mitglied der CDU nicht gerade unbedeutend an der Politik seiner Partei beteiligt. Vermutlich weil sie letzendlich dazu beträgt den Islam , eine m.E. keineswegs als Religion zu bezeichnende gesellschaftliche Strömung, sondern eine knallharte, politische Interessenvertretung , ergo Partei, nämlich der Intergration (mit dem Ziel der Übernahme der Meinungs- und Politikbildung) des Islam in DE umzusetzen. Selbst seine, erkennbar als fadenscheiniges Deckmäntelchen eingesetzte Kritik an… Mehr

Joe
1 Monat her
Antworten an  H. F. Klemm

Das Problem vieler „Bürgerlicher“ ist, dass Sie (gerne FAZ lesend) immer noch nicht begreifen, dass die Blockparteien gemeinsam das Fundament unserer freien Gesellschaft bereits schwerst beschädigt haben. Nur die Geschwindigkeit, in der unsere freie Gesellschaft zerstört werden soll, variiert.

Dr. Friedrich Walter
1 Monat her

Sehr viel schöne und richtige Theorie und weise Worte, Herr Tipi. Vor allem das Wort „Ambiguität“ gefällt mir. Hatte ich noch nie gehört. Aber können Sie auch den Weg in die praktische Umsetzung weisen, oder ist es wieder nur eine weise Deklaration aus einem Elfenbeinturm heraus? Dann kann ich leider nichts damit anfangen.

H. Priess
1 Monat her

Wenn die Mitte geschlossen nach Links rückt bleiben nur der rechte und der linke Rand über. Unsere gesamte Gesellschaft ist diesem Schritt gefolgt und so fügen sich die die noch ihren Standpunkt der Mitte verteidigt haben in ihr Schicksal. Wo ist eigentlich die Werte Union abgeblieben? Die hatten doch einen Anflug die Demokratie und die Mitte verteidigen zu wollen. Vom Winde verweht? Im Namen der “ Weltoffenheit“ sollen wir unsere Freiheiten immer mehr einschränken um die die nicht so „weltoffen“ sind nicht zu beleidigen. Wir sollen einer archaischen Kultur Respekt zollen und unsere eigene Kultur verleugnen. Da hat gerade einer… Mehr

Lotus
1 Monat her

Wie schon User „Bartmann“ schrieb: Alles richtig, was Ismail Tipi schreibt. Wohlfeile Worte, die aber in den Wind geredet/geschrieben sind. Was „unsere Werte“ betrifft, sind alle Züge raus und nicht mehr zu stoppen. An bayrischen Schulen wird den Damen das Tragen kurzer Röcke und Hosen verboten – weil wir ein „weltoffenes Land“ sind. In Deutschland sollen sich „die schon länger hier Lebenden“ an die Sitten und Moralvorstellungen der Neubürger anpassen. Richtigerweise müsste es umgekehrt sein, und in jedem anderen Land ist das auch so. Messerstecher einer bestimmten Provenienz werden routiniert als „psychisch gestört“ einsortiert, ihre Taten als „Zwischenfälle“ etikettiert. Die… Mehr

bkkopp
1 Monat her

Die größten Feinde der Demokratie ( “ cratos durch demos „, oder, “ government of the people, by the people and through the people ) sind diejenigen, die über Jahrzehnte, und in der Praxis, ein System konstruiert haben, und jeden Tag weiter daran arbeiten, dass das Volk nur Stimmvieh ist, das seine Stimme einer Partei gibt, die in sich selbst so autoritär wie nur irgend möglich ist, und mit der übertragenen Vollmacht macht was sie will, und die sich vor allem anderen selbst bedient, und sich den Staat, Gesetzgebung, Verwaltung, und auch wesentliche Teile der Gerichtsbarkeit, zur Beute macht. Diese… Mehr

Hannibal Murkle
1 Monat her
Antworten an  bkkopp

Da Manche so gerne auf China schimpfen – die haben im Parlament 3000 Posten (viermal Bundestag) und ganze acht Blockparteien, die Hälfte mit „demokratisch“ im Namen. Ähnlich DDR und Ostblock-Polen. Langsam haben wir solche Verhältnisse wieder.

„ Die Auseinandersetzung darüber, was denn Demokratie sei, wird damit auf eine Ebene verschoben, auf der nur mehr Ideologien und der Kampf um erfolgreichere Emotionalisierungen gehandelt wird, aber nicht um nachhaltige Sachpolitik im Interesse der Allgemeinheit“

Darf ich ohne Tabus Klimagedöns oder den Stellvertreterkrieg im Namen des Woken Imperiums kritisieren? Darf die Gesellschaft entscheiden, etwa CO2-Tribute abzuschaffen?

Hannibal Murkle
1 Monat her

„Was wir jetzt brauchen, ist eine Renaissance unserer Werte: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dürfen keine leeren Worthülsen bleiben, sondern müssen endlich wieder mit Leben und Sinn gefüllt werden“

Hätte das der CDU-Herr seiner Chefin der vergangenen 16 Jahre gesagt, wäre es wenigstens mutig gewesen. Apropos Freiheit und Demokratie – darf ich den Weltkrieg im Namen des Transatlantischen Imperiums ablehnen, in dem vor allem Europa verheizt werden soll? Oder ist eine Art Demokratie mit deutlich gezeichneten Bahnen gemeint?

„Selbstverständlich braucht es Brandmauern, die vom demokratischen Spektrum vorgegeben werden“

Anscheinend doch im engen Gang zwischen diesen „Demokratie-Brandmauern“.

Last edited 1 Monat her by Hannibal Murkle
Bartman777
1 Monat her

Gut gebrüllt, Löwe. Alles richtig Herr Tipi. Nur UNS hier bei Tichy brauchen Sie das nicht zu schreiben wir wissen das. Drucken Sie das aus und verteilen es vor der nächsten Bundestagssitzung an Ihre Kollegen von der CDU. Arbeiten Sie endlich die katastrophale Merkelpolitik auf. Verkleinern Sie den Bundestag und schaffen Sie kalte Progression ab, Schäuble schwurbelt schon seit 10 Jahren davon und nichts passiert. Führen Sie die Wehrpflicht wieder ein. Werden Sie mit Ihrer CDU endlich mal konservativ. Wer soll es denn sonst machen? Die AfD kann es nicht, die haben Sie und das ganze Plenum erfolgreich als angebliche… Mehr

Marcel Seiler
1 Monat her

Die Mitte der Gesellschaft gibt es wohl – sie sagt nur keinen Ton. Meine Bekannten äußern sich vage links oder grün, und halten ansonsten den Mund. Politisch engagieren tut sich da keiner. Es herrscht eben das „große Egal“. (Zitiert nach Antje Hermenau).

Am Ende sind es wieder die Mitläufer, die die Hauptschuld tragen, und die sich dann völlig unschuldig vorkommen.

anita b.
1 Monat her
Antworten an  Marcel Seiler

Meine Bekannten sind teils mitte/ rechts . Sagen aber offiziell auch keinen Ton. Die anderen sind obrigkeitsgläubig und uninterssiert.

Sidon
1 Monat her
Antworten an  Marcel Seiler

Sie haben ganz recht, Herr Seiler — die Mitläufer entscheiden letzten Endes, indem sie schweigen, desinteressiert sind oder einfach dumm sind.
Deswegen ist Aufrütteln und Aufklären erforderlich. Wegen meines hohen Alters kann ich leider nicht mehr viel tun, aber Flyer in Briefkästen werfen, die die Machenschaften und Pläne der GrünLinken zum Inhalt haben, kann ich noch und tue es auch.