Wie Dunja Hayali bei Sepp Blatter keinen Schampus findet

Der Skandal heißt nicht Hayali. Der Skandal hört auf den Namen Zweites Deutsches Fernsehen, das solch boulevardesk moralisierenden Schwachsinn als Maßstab nimmt für Journalismus in gesellschaftlichem Auftrag.

Servus Tichy, es ist schon zehn Tage her, und ich wollte mich darüber erst gar nicht auslassen. Ein minder schwerer Fall, eine Peinlichkeit nur von vielen. Aber sie geht mir nicht aus dem Kopf. Zeigt sie doch, wie Solidität, Handwerk, journalistische Maßstäbe im Fernsehjournalismus den Bach hinunter gehen. Es geht ja nicht um irgendeine Nachwuchskraft, sondern um jemanden, der Maßstäbe setzt, als Vorbild dient, um den preisgekrönten, superhippen, angesagtesten Star des ZD,F, um Dunja Hayali. Ich hatte mit der früheren Kollegin nie etwas zu tun, kenne sie nur vom Schirm, keine Rechnung ist offen. Mein Beispiel berührt auch kein politisch strittiges Thema. Nicht Muslime, nicht Migranten, nicht rechte Motzer, bloß Sepp Blatter. Wir sind uns in der Sache einig: Er verkörpert das verkommene System des Weltfußballs. Und nun hat die Reporterin die exklusive Gelegenheit, Sepp Blatter zu Hause zu besuchen. Ich bin wirklich gespannt. Lernen wir einen gebrochenen Mann besser kennen? Einen gebrochenen Charakter ganz sicher. Also ein gefundenes Fressen für Dunja Hayali für ihre Sendung „Donnerstalk“. Was hat sie daraus gemacht?

I.

Sie kürzt die vollmundig angekündigte Homestory und das Interview auf wenige Minuten ein. Weshalb war sie überhaupt in der Schweiz, wenn dann die Umrahmung mehr Sendezeit bekommt als Blatter. Antwort: Ein Studiogast soll die Sache halbwegs retten. Der kluge Fußballreporter Marcel Reif gibt noch, bevor der Film läuft, zu Protokoll, dass Blatters Selbstbild wohl mit Hayalis Moral- und Rechtsvorstellung nicht vereinbar sei. Die Moderatorin rühmt ihren eigenen Film mehrmals ausgiebig und bezieht, wie es heute üblich ist, ihre erste Attacke aus dem Internet. „Der Mann gehört ins Gefängnis“ meint einer auf Facebook, prompt kommt er damit ins ZDF.

Statt sich auf Blatter seriös vorzubereiten, hat Frau Hayali sich mit solchen Sätzen munitioniert. Gefallsüchtiger Fernsehpopulismus ersetzt Journalismus. Was Frau Hayali sonst noch im Reisegepäck hat, sind ihre stabilen Vorurteile. Sie geht davon aus, dass der Mann, dem „zweistellige Millionenbeträge zugesteckt“ wurden (genauer geht es nicht) in einer „riesengroßen“ Villa mit „zwanzig Bediensteten“ lebt. Zu sehen ist aber nur Frau Hayali. Vor dem Tor, auf der Treppe. Sie ist wahnsinnig stolz: „Wir sind das erste Fernsehteam, das über diese Schwelle tritt.“ Eine Schwelle, viel zu bescheiden für den Hausbesuch der rigiden Aufklärerin Hayali. Blatter, der kleine Mann, öffnet selbst die Wohnungstür, höflich, freundlich, leise lässt er die forsche Frau herein. Frau Hayali sieht sofort den Kühlschrank, steuert auf ihn zu, öffnet ihn unerschrocken. Und schon sind wir Zeuge einer veritablen Enthüllung. Kein Champagner! Bloß Schokolade und … Dosenbier! Die Reporterin zeigt sich aufrichtig enttäuscht. Aber da muss sie nun durch.

II.

Wenn es schon mit dem Luxus nicht klappt, dann mit der unvermeidlichen Millionen-Franken-Frage: „Was bedeutet Ihnen Geld?“ Die Hayali stürmt jetzt wirklich in medias res, mit gezücktem Flammenschwert. Blatter lächelt fein: Geld? Unbeschwert leben eben. Er stamme aus „Arbeiterverhältnissen“. Sein Grundsatz (er zitiert den Vater): „Nimm nie Geld an, das du nicht verdient hast.“ Hat er alles verdient, was er verdient hat? wäre zwingend die nächste Frage gewesen. Hayali stellt sie nicht. Sie setzt statt dessen nur drei, vier mal ihrem einmal gefällten Urteil ein Fragezeichen dazu. Sind Sie korrupt? Warum geben Sie nicht zu, dass sie korrupt sind. Sind sie wirklich nicht korrupt? Sie spielt ihm die Anschuldigung aus Zuschauermund auf dem iPad noch ein paar Mal vor. Blatter bleibt gelassen und wiederholt völlig überraschend: Nein, korrupt bin ich nicht. Frau Hayali lobt sich später selbst im Studio für ihre Hartnäckigkeit. Immer wieder habe Blatter den Vorwurf zurückgewiesen. Ja, was hat Frau Hayali denn erwartet? Dass Blatter vor ihr, dem leibhaftigen Gewissen des ZDF, tränenüberströmt zusammenbricht? Also noch eine Millionen-Franken-Frage, die ins Leere gehen muss: Was hält Blatter aufrecht? Die Gewissheit, sagt Blatter, „an Blatter bleibt hundertprozentig nichts hängen.“

III.

Es sind Fragen, die nicht auf Erkenntnis zielen, sondern bestenfalls Gefühle transportieren. „Sie fragen ihn in Ihren Kategorien“, muss sich Frau Hayali von Marcel Reif sanft rüffeln lassen. Aber ihr kommt es gar nicht darauf an, etwas über und von Blatter zu erfahren. Sie zelebriert nur sich selbst. Eine faszinierende Figur, die einen Roman, eine House-of-Cards-Serie tragen könnte, wird von Frau Hayali nur benutzt. Als Objekt ihrer eigenen Eitelkeit, als Projektionsfläche ihrer einfältig-banalen Weltsicht. Sie hat Blatter besucht, um sich ihren Zuschauern selbst zu präsentieren. Nicht Blatter hat sie vorgeführt, sondern sich selbst. Kopfschüttelnd kam sie, kopfschüttelnd sahen wir, wie sie vor Blatter versagte. Ihr Selbstporträt mit Blatter war weder unerschrocken, noch mutig, noch inquisitorisch, nicht einmal wirklich neugierig, ihrem Gegenüber nicht angemessen und schon gar nicht intelligent. Hayali hat Blatter nicht gefordert, ihn nicht in die Enge gedrängt, nicht zu überraschenden Antworten verführt. Die unbedarfte, wenn auch von sich selbst total überzeugte Reporterin ist diesem so angreifbarem Mann nicht gewachsen. Der gibt nur das falsch verstandene, harmlose Opfer. Frau Hayali lässt es zu, gerade weil sie es ihm mit ihrer Moralsülze so leicht macht.

IV.

Doch der Skandal heißt nicht Hayali. Der Skandal hört auf den Namen Zweites Deutsches Fernsehen, das solch boulevardesk moralisierenden Schwachsinn als Maßstab nimmt für Journalismus in gesellschaftlichem Auftrag.

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