Von der Kränkung zum Selbsthass – eine kurze Geschichte der Menschheit

Der Mensch hat aufgehört, sich zu lieben. Er hat begonnen, sich zu hassen. Dafür, wie sich das Klima ändert, dafür, wie er Natur „verbraucht“. Der Mensch sieht sich nicht nur als Wolf unter Wölfen, sondern nun auch als Feind der Schöpfung.

Die Geschichte der Menschheit folgt narzisstischen Kränkungen (der Begriff geht auf Freud zurück); sie sind identisch mit Stationen der menschlichen Selbsterkenntnis.

I.

Die kopernikanische Kränkung. Das All dreht sich nicht um den Aufenthaltsort des Menschen. Er muss erkennen, dass seine Erde – er selbst – nicht im Mittelpunkt der Schöpfung steht, um den sich alles dreht.

II.

Die darwinistische Kränkung. Der Mensch ist kein einzigartiges Ebenbild Gottes, sondern ein Tier. Eine Art, die kommt und vergeht wie alle anderen Arten. Den größten Teil des Erbguts hat sie nicht exklusiv. Nicht nur sein Aussehen, auch sein Verhalten ist Ergebnis der Evolution.

III.

Selbst das wenige, das ihn vom Tier unterscheidet und worauf der Mensch so stolz ist – auf seinen Geist, seine Kultur – beruht auf Selbsttäuschung. Mit der freudianischen Kränkung wird ihm bewusst, dass er nicht einmal Herr im eigenen Haus ist, sondern Sklave seines Unbewussten. Er besitzt keinen freien Willen, ist gefangen von sich selbst. Neurobiologisch weiter gedacht, gibt es auch nicht Körper und Seele. Alles ist nur Chemie und Physik – übrigens auch die Moral. Bedürfnisse sind nur Defizite bestimmter Botenstoffe. Wirklich?

IV.

Die Folge der Kränkungen beschleunigt sich. Der Mensch ist nun in der Lage, eine neue, künstliche Intelligenz zu schaffen. Damit wird er einerseits selbst zum Schöpfer einer zweiten, künstlichen Evolution. Er muss anderseits fürchten, dass ihm seine eigenen Geschöpfe überlegen sein werden. Noch hofft er, die Kontrolle zu behalten. Wenn er Glück hat, wird es ihm gelingen, die künstliche Intelligenz mit sich selbst zu verkoppeln – als Prothese seines schwachen Gehirns.

V.

Die extraterrestrische Kränkung steht bevor. Wir wissen bereits, dass im Universum unzählbar viele Planeten existieren, auf denen Leben möglich ist. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis außerirdisches Leben tatsächlich entdeckt und beschrieben werden kann. Dass auch außerirdische Intelligenz existiert, ist nicht auszuschließen.

VI.

Eine weitere Kränkung fügt sich der Mensch in weiten Teilen der Welt (Europa, Nordamerika) gerade selbst zu. Er redet sich ein, auf seinem Raumschiff Erde nur noch geduldet zu sein. Er klagt sich an als Zerstörer der Natur und macht sich selbst zum Büßer. Doch „keine Gesellschaft kann überleben, wenn sie ihre Existenz beklagt“, wie der französische Philosoph Pascal Bruckner feststellt. Der Mensch hat aufgehört, sich zu lieben. Er hat begonnen, sich zu hassen. Dafür, wie sich das Klima ändert, dafür, wie er Natur „verbraucht“. Der Mensch sieht sich nicht nur als Wolf unter Wölfen, sondern nun auch als Feind der Schöpfung.

VII.

Konsequent zu Ende gedacht, kann nur noch der kollektive Selbstmord folgen. Die Selbstauslöschung des Menschengeschlechts. Götterdämmerung. Menschen verachten ihre eigene Natur. Sie bezweifeln, dass es angesichts von acht, bald zehn, zwölf Milliarden Menschen überhaupt noch sinnvoll ist, an der Verlängerung menschlichen Lebens zu arbeiten. Das Streben nach einem guten Leben als Lebenszweck hat ausgedient. Es gibt kein gutes Leben mehr, denn du bist – beispielsweise – ein altes, weißes Miststück. Könnte es sein, dass Menschen am liebsten andere Menschen kränken, um ihr eigenes narzisstisches Gekränktsein zu überspielen?

VIII.

Doch bevor wir nun zum Gift greifen oder uns fortwährend bekiffen – doch, es spricht manches für die Legalisierung von Cannabis – ein letzter Gedanke. Wer Kränkungen nicht erträgt, ist krank. Wer sich nicht gekränkt fühlt, ist auch nicht gekränkt. Der Mensch kann seine natürlichen Grenzen ausweiten. Das hat ihn zum homo faber und zum homo oeconomicus gemacht. Menschen können rebellieren gegen die von Menschen geschaffenen Unterdrückungsmaschinen und -mechanismen (Religion, Staat, Ideologie) und erst recht gegen die Autoimmunkrankheit des grassierenden Moralismus.

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Kommentare ( 130 )

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Dr.Remberg
1 Monat her

Herr Herles, die Apokalypse naht! Ich habe das am Samstag wieder gemerkt: getankt für 1,79 € Liter Super, im Discounter gab es alt vertraute Artikel anders bzw. gar nicht mehr verpackt (so dass ich die Ware irgendwie heil nachhause bringen musste). Zuhause angekommen las ich in der WAZ den Artikel „Wie soll unsere Zukunft aussehen?“ mit einem Tipp auf das neue Buch eines Herrn Sozialpsychologen Harald Welzer mit dem Titel „Ein Nachruf auf mich selbst – Die Kultur des Aufhörens“. Und heute am Montag beginnt auf der Titelseite der WAZ die neue Serie „Wie nachhaltig leben wir?“ Wie gerne möchte… Mehr

Teiresias
1 Monat her

Ergänzend würde ich noch die schon in der Antike thematisierte Kränkung der Reichen durch die Sterblichkeit erwähnen, die sie genauso trifft wie die Armen. Reiche Griechen und Römer empfanden es als Erniedrigung, genauso sterben zu müssen wie Bettler. Die suche nach lebensverlängernden Rezepturen oder Orten (Jungbrunnen) nahm phasenweise hysterische Ausmaße an. Auch chinesische Kaiser investierten Unsummen, um dem Tod zu entkommen. Versagende Ärtzte wurde grausam gefoltert und hingerichtet, um für entsprechende Motivation zu sorgen. Auch hier wiederholt sich Geschichte: Tech Millardäre wie die Google-Gründer oder auch Gates investieren Millarden, um den Tod hinauszuzögern oder ganz zu besiegen. Ich frage mich… Mehr

Physis
1 Monat her

Bitte vergessen Sie nicht, dass KEIN MENSCH sich ausgesucht hat, geboren worden zu sein! Er hat lediglich die Möglichkeit, diesen Planeten „frühzeitig“ zu verlassen, wenn man davon absieht, dass (wenn es auch nur die Asche wäre) immer ein Stück von ihm bleibt. Der Mensch zerstört übrigens die Erde nicht, sondern formt sie für sich! Und wo gehobelt wird, da fallen nunmal Späne. Oder anders gesagt: „Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“ OK, das mit… Mehr

StefanB
1 Monat her

Dieser Artikel passt wie die Faust aufs Auge zum Herles-Artikel: Doug Casey: Warum sich die USA auf ihr Fourth Turning zubewegen*

Absatz 5: „Das Fazit ist, dass Gesellschaften aus der Armut durch moralische Stärke hervorgehen – und das bringt ihnen Wohlstand. Aber dieser Wohlstand führt zu Arroganz, und die Arroganz führt zu Faulheit, die wiederum zu Schwäche und moralischem Verfall führt. Dann fallen sie wieder in einen Zustand der Sklaverei und Armut zurück. Veränderung ist die einzige Konstante – außer in der menschlichen Natur.“

*https://www.goldseiten.de/artikel/513116–Doug-Casey~-Warum-sich-die-USA-auf-ihr-Fourth-Turning-zubewegen.html

Silverager
1 Monat her

Ich habe nur eine Anmerkung zu dem ansonsten glänzenden und nur zu wahren Aufsatz.
„Der Mensch hat aufgehört, sich zu lieben. Er hat begonnen, sich zu hassen.“
Nein Herr Herles, nicht DER MENSCH hat begonnen, sich zu hassen, sondern eine verblendete Clique, die machtgeil ist, die sich und die Welt hasst und alles mit in den Untergang reißen will.
Sie, Herr Herles, und ich und die Mehrheit der TE-Leser gehören sicher nicht zu diesen Menschen, die Lust am Untergehen verspüren.

Deutscher
1 Monat her

„Der Mensch hat aufgehört, sich zu lieben. Er hat begonnen, sich zu hassen.“

Nönönö! Es gibt durchaus den Menschen, der sich sehr liebt und für sein Fortkommen bereit ist, schamlos auszunutzen, was andere Völker ursprünglich für sich aufgebaut haben.

Riffelblech
1 Monat her

Nein ,einverstanden mit ihrer Beschreibung des Menschen bin ich nicht ,obwohl ich diese Darstellung sehr gut getroffen finde . Allerdings scheint es doch eher so zu sein ,das uns eine ganz bestimmte.sich als moralisch elitär bezeichnende Gruppe ,hier Grüne,FFF, Queere aller Art usf , aufschwingen ,unser Leben und unser Dasein als Schuld darzustellen . Von Extremen wie BLM mal ganz abgesehen. . Dieser Schuld zu folgen bemühen sich die linksorientierten Medien über den westlichen Horizont nach Kräften . Aber je weniger man denen glaubt ,sie ignoriert und als das ansieht was sie in Wirklichkeit sind — Kaiser ohne Kleider —… Mehr

Deutscher
1 Monat her
Antworten an  Riffelblech

Ja. Auch bei mir zieht die Schuldmasche schon lange nicht mehr. Und ich kenne viele Leute, bei denen das auch der Fall ist.

Last edited 1 Monat her by Deutscher
1 Monat her

Es ist nicht der Mensch, der sich selbst hasst, sondern nur die westliche Welt (westlich im Sinne von im kalten Krieg der Nato angehörig oder nahestehend). Die Polen freuen sich, endlich mal in der eigenen Nation leben zu dürfen anstatt fremdbestimmt zu sein, die Asiaten wollen sich Wohlstand aufbauen usw. Dieser pathologische Selbsthass betrifft nur einen kleinen Teil der Menschheit.

Durchblick
1 Monat her

Gott sei Dank nur am Samstag!

Karl Schmidt
1 Monat her

Ja, als Teil der Schöpfung – und sei es auch der bisher erfolgreichste Teil, der sogar seine Umwelt den eigenen Bedürfnissen anpassen kann – ist der Mensch für viele zu wenig besonders. Das ist kränkend. Auch, dass andere besser mit den Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur umgehen können – ganz unprotestantisch – ist sicher eine schreckliche Erfahrung für manche. Man könnte in Frieden mit sich selbst und anderen Menschen leben, wenn man sich (und anderen) das verzeiht (und bleibt so auch seelisch gesund). Doch der Preis, nicht herausragen zu erscheinen (um das Sein geht es ohnehin nicht), wollen die neuen Scheinheiligen… Mehr

Heide F.
1 Monat her
Antworten an  Karl Schmidt

Sehr schön zusammmengefasst 🤗