Gurgeln mit Glühwein

Wäre es nicht das Gebot der Stunde, der Bevölkerung Glühwein, Punsch, Grog und andere weihnachtliche Spirituosen auf Staatskosten zur Verfügung zu stellen? Zum Gurgeln gegen Corona oder wenigstens gegen die Coronapolitik?

Furchtbare Zeiten verlangen furchtbare Maßnahmen. Da müssen wir jetzt alle gemeinsam durch, dachte ich mir und ging gestern mit gutem Beispiel voran. Obwohl ich noch nie Glühwein mochte, nicht einmal in der Pubertät, suchte ich den nächstbesten Glühweinstand auf und verzog mich mit einem Becher des dampfenden Gesöffs in eine zugige Ecke (Abstand!). Ich nahm die süße Brühe mit Todesverachtung zu mir und begann, mich konsequent zu betrinken. Konsequenz! Das ist es, was uns bisher fehlt. Und gegen viel hilft nur viel. Vier Becher. Nur meine ursprüngliche Absicht, damit auch zu Gurgeln, gab ich zunächst auf. Ich hatte mir bei dem Versuch die Zunge verbrannt. Unser Gesundheitsminister hat, wie Sie wissen, Gurgeln ausdrücklich empfohlen.

I.

Ich stehe zu meiner patriotischen Verantwortung. Indem ich Glühwein bechere, kämpfe ich für einen ganz unerbittlichen Lockdown. Ja, logisch. Ich nehme ganz persönlich die Schuld dafür auf mich, dass es bisher nicht geklappt hat mit all den Einschränkungen. Die Regierung hat uns gebeten, beschwört, bedrängt, eingeschüchtert und verängstigt: Aber es hat alles nichts genützt. Nun bleibt nur noch der ganz harte Lockdown. Je mehr ich trinke, desto schneller und länger wird er ausfallen, droht die Regierung. Also helfe ich unseren unermüdlich sich aufopfernden Politikern, wenn ich auf der Straße saufe.

II.

Ich halte meine persönliche Maßnahme – um unsere Kanzlerin zu zitieren – „für geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“. Wir dürfen keinen einzigen Tag ungenutzt verstreichen lassen. Die Zahlen sind nun einmal erschreckend. Ich bin auch voll davon überzeugt, dass das Virus sich das pappige Zeug auf den Schleimhäuten unserer Rachenräume nicht gerne bieten lässt. Dies entspricht den Erfahrungen früherer Seuchen. Schnaps ist gut für Cholera, behauptet deutsches Liedgut nicht ohne Grund. Es gibt dazu leider keine belastbaren Zahlen, aber führende Virologen pfeifen es von den Dächern: Es besteht ein klarer statistischer Zusammenhang, eine umgekehrte Reziprozität: Alkoholiker stecken sich weniger leicht an, wenn sie allein saufen. Das ist keine Verschwörungstheorie: Wer sich regelmäßig den Mundraum desinfiziert, schreckt Viren ab.

III.

Es wären im Kampf gegen die Pandemie und für die Volksgesundung dringend kreativere Maßnahmen geboten. Insofern sind die herkömmlichen Glühweinstände tatsächlich nicht konsequent genug und „nicht akzeptabel“ (die Bundeskanzlerin). Vielmehr wäre es das Gebot der Stunde, der Bevölkerung Glühwein, Punsch, Grog und andere weihnachtliche Spirituosen auf Staatskosten zur Verfügung zu stellen. Risikogruppen sind dabei zu bevorzugen. Es würde zum Beispiel der nachlassenden Arbeitsmoral in der Intensivmedizin erheblich aufhelfen. Wenn Pflegepersonal schon unangemessen bezahlt wird, sollte es doch wenigstens anderweitig motiviert werden. Aber auch an die Jugend müsste gedacht werden. Ich fordere hiermit die bereits im wilhelminischen Schulwesen bewährte Verabreichung von Feuerzangenbowle an alle Schöler. Sie wärmt besser als Klatschen und Kniebeugen bei offenem Fenster.

IV.

Ich würde noch weiter gehen. Die systematische Alkoholisierung würde auch das Testwesen vereinfachen und humanisieren. Blasen statt Nasenstochern! Ohne den Nachweis von Blutalkohol von mindestens 1,5 Promille sollte zum Beispiel das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel nicht erlaubt sein. Die Ausgangssperre für Nüchterne ist zwingend geboten.

V.

Kommen Sie mir jetzt bitte bloß nicht mit der Moral! Die frömmsten Moralapostel*innen dieser Republik sind dem Alkohol verbunden. Denken sie nur an Ex-Bischöfin Käßmann. Auch ihre protestantische Schwester Merkel soll weinhaltigen Getränken nicht gänzlich abgeneigt sein. Wenn uns die Gesundheit über alles geht, darf uns kein Preis zu hoch sein. Dann müssen eben auch gewisse Kollateralschäden in Kauf genommen werden. Ohne Alkohol wären all die anderen, leider weitgehend nutzlosen Maßnahmen nicht länger zu ertragen: ein schöner Nebeneffekt. Betäuben ist besser als bloß verbieten. Eine durchalkoholisierte Bevölkerung befände sich gleichsam in einem natürlichen Lockdown. Das ganze Land schliefe seinen Rausch aus. Was wollen wir denn noch! Also bitte mehr Glühwein! Und wenn Sie ihn etwas abkühlen lassen, klappt auch das Gurgeln.

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Kommentare ( 58 )

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Kanahlen
3 Jahre her

??? ? ?

Manfred Gimmler
3 Jahre her

Verehrter Herr Herles,
es ist durchaus naheliegend anzunehmen, daß auch der Konsum von Corona-Artikeln dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen unterliegt.

Fuerstibuersti
3 Jahre her

Ich möchte die gute Stimmung hier nicht trüben, aber ich möchte – nein – ich muß doch anmahnen, nur soviel zu trinken, wie mit aller Gewalt reingeht. Danke.

Kanahlen
3 Jahre her
Antworten an  Fuerstibuersti

Einen übern Durst, führt vermutl. zum Knockdown.
Ist wie bei Lockdowns in Coronazeiten. Einer zuviel und das Märchen der Bremer Stadtmusikanten wiederholt sich, „Etwas Besseres als den Tod…“
.

Wolf Koebele
3 Jahre her

Wieder mal der Sprachreiniger: „Die Regierung hat uns beschworen…“, aber auch beschwert und gegen uns verschworen. Die große Masse hat sich nicht beschwert.

Talleyrand
3 Jahre her

Musikalisch untermalen ließe sich der Saufaufstand mit den Orff’schen Carmina Burana, speziell mit dem Liedchen „bibit miles, bibit clerus, bibit ille, bibit illa, bibit servus cum ancilla, bibit velox, bibit piger, bibit albus, bibit niger, bibit constans, bibit vagus, bibit rudis, bibit magus … in taberna quando sumus, geht leider zur Zeit nicht, war nur zu Pestzeiten möglich.
Huch, sehe gerade, da steht niger drin. Ist das noch zulässig?

Krufi
3 Jahre her

Ich kann die Idee „Gebot der Stunde, der Bevölkerung Glühwein, Punsch, Grog und andere weihnachtliche Spirituosen auf Staatskosten zur Verfügung zu stellen“ nur unterstützen. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage, die beantwortet werden muss: wenn man von dem Konsum großer Mengen von alkoholischen Getränken eine Leberzirrhose bekommt und stirbt, ist man dann an oder mit Corona gestorben?? Man könnte das Testwesen auch anders vereinfachen und humanisieren. Unter einem Bild von Columbo (Peter Falk), der angestrengt nachdenkt, war folgendes zu lesen: „Warum ist es notwendig, tief in der Nase nach dem Virus zu suchen?… Wäre es nicht ausreichend, auf das Stäbchen… Mehr

PackAsPackCan
3 Jahre her

So furchtbar können die Zeiten nicht sein, wenn die EU Bürokratie sich ganz viel Zeit für die Prüfung des Impfstoffes nimmt und ihn erst nach den Weihnachtsferien freigeben will.
Wenn jeden Tag Menschen sterben, wieso fängt man dann nicht wie die Briten mit Impfen an?
Und dann will man in der EU warten, bis man auch im hintersten Transsilvanien so weit ist, und erst dann mit Impfen beginnen.
https://www.welt.de/politik/ausland/article222294346/Covid-19-EU-Mitgliedstaaten-sollen-zeitgleich-mit-dem-Impfen-beginnen.html

Gruenauerin
3 Jahre her

*Kicher* Wie war das doch in dem Film, der „Tödlicher Staub aus dem All“ oder „Andromeda“ hieß, weiß ich nicht mehr so recht. Überlebt haben ein immerzu schreiendes Baby und ein Säufer. Also her mit dem abscheulichen Glühwein.

horrex
3 Jahre her

Ja, angesichts all der nur angeblichen „Wissenschaftsbasiertheit“ all der Maßnahmen, Impfungen usw. usf. bleiben einem nur Zynismus und Glühwein. Ganz und gar im Bewusstsein, dass weder das Eine noch das Andere wirklich gegen rein garnix hilft. –
Wie meinte Altvater Göööte so treffend: „Man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum oben auf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.“

Willi4
3 Jahre her

Na dann, Herr Herles: „Prosit“. Möge es nützen!