Fußball ist unser Leben – Und in der ARD unser Gehirntod

Die Bundesliga-Senderechte für 2017 bis 2021 sind neu versteigert worden: für 4,6 Milliarden - eine Steigerung um 85 Prozent. Das ZDF hat ein gehöriges Stück mehr vom Kuchen erworben. Wenn sich kommerzielle Sender die teuren Rechte mit Werbung finanzieren, ist das in Ordnung. Aber nicht, wenn das ARD und ZDF voll auf Kosten des gebührenfinanzierten Programms tun.

Servus Tichy, glotzen Sie auch? Keine Bange, so gut wie jeder tut es. Nur, wozu dafür Gebühren und immer noch mehr Gebühren ausgeben? Fußball lässt die Einschaltquoten ex- und den Programmauftrag implodieren. Weltvergessener und primitiver geht´s nicht mehr.

I.

„Das Leben ist süß“, sagte der Moderator. Wir sind alle „unglaublich froh“, dass Schweini wieder da ist, sagte Manuel Neuer. „Ich fühl mich sehr gut“, sagte Schweini. „Das freut uns alle“, fand Jogi. Er kraulte sich öffentlich die Eier, was auch ein wichtiges Thema ist. Schweini Jogi und Jogis Schweini hatten am Sonntag 27 Millionen Zuschauer. Am Montag sahen wir Schweini beim Golfspielen, Poldi beim Beinchenschwingen im Gym, und überhaupt die absurdeste und aberwitzigste Sendezeitverschwendung. La Mannschaft ging gestärkt ins Turnier und das deutsche Volk gefestigt den Weg der Verblödung.

Das alles wäre echt komisch, wären die deutschen Kicker gerade einmal alles, und meinetwegen auch über alles auf der Welt. Dummerweise aber hatte ein radikalisierter Moslem wenige Stunden zuvor in Orlando auf 100 Menschen geschossen und die Hälfte getötet. Es ist das schlimmste Attentat seit 9/11 in den USA. Es bestimmt den Kampf ums mächtigste Amt der Welt.

Doch in der ARD herrschte König Fußball. Gegen dessen Absolutismus hatte selbst Potentatin Merkel nichts zu melden und verzog sich nach China. Die ARD sendete an diesem Montag drei Fußballspiele hintereinander. Musste ja sein, Irland gegen Schweden, unverzichtbar. Doch auch zwischen den Spielen, etwa zwischen 20 Uhr und 21 Uhr, wäre noch eine Stunde Zeit für den fälligen Brennpunkt gewesen, für Analyse, Hintergrund, Diskurs. Nichts davon. Bloß die Tagesschau wurde noch geduldet. Darin weniger als 5 Minuten zur Hölle von Orlando, dafür aber selbst in den Nachrichten Fußball. Und nach den drei Spielen? Um 23 Uhr, aber immerhin? Wieder nicht die Hölle von Orlando, etwa in einer Gesprächsrunde, sondern eine Fußballsendung. „Beckmanns Sportschule“, vielleicht die peinlichste Fußballsendung aller Zeiten. „Die Minuten schleppen sich dahin, als hätten sie Beton im Schuh“ (so der Schriftsteller Jürgen Roth auf SPON).

Die Diktatur der Dummheit auf Gebühr am Tag nach Orlando ist ein Skandal. Und der Skandal des Skandals ist es, dass es offenbar niemanden mehr empört, dass die ARD selbst an so einem Ausnahmetag den Löffel abgibt und nur an der größtmöglichen Quotensteigerung interessiert ist.

II.

Informationsauftrag? Auch die blutigen Krawalle zwischen Russen und Engländern in Marseille wurden den Zuschauern weitgehend vorenthalten, weil sich die ARD vollständig der UEFA unterworfen hat, die bestimmen darf, was auf die Bildschirme kommt und was nicht. Sich hinterher darüber zu beschweren, ist noch nicht einmal mehr scheinheilig. ARD und ZDF haben sich mit unserem Geld zu Anhängseln einer ohnehin bis in die Knochen korrupten Unterhaltungsindustrie machen lassen.

III.

Der Fußball kann nichts dafür, aber er ist der kräftigste Motor der Verblödungsmaschine. Denn ihm sind die rigorosesten Programmänderungen geschuldet. Je mehr Fußball läuft, desto mehr Fläche für Information geht verloren. Die Redaktionen für Politik und Kultur sind da, werden aber wochenlang nur fürs Däumchendrehen bezahlt, ihre Sendungen fallen aus. Diese Verschwendung wird offiziell nicht mitgerechnet. Es werden sogar Spiele gegen Gibraltar oder Relegationsspiele zwischen zweiter und dritter Bundesliga zu bester Sendezeit geboten. Die Quotengier ist unersättlich.

Wenn Fußball läuft, schrumpft etwa das heutejournal zum Pausenjournal. Zehn Minuten statt dreißig. Aber die Redaktion ist glücklich, steigt doch dank Fußball die Quote der gequetschten Sparausgabe. Der Auftrag, das Publikum über die Ereignisse des Tages einigermaßen solide zu informieren, kann in der Halbzeitpause natürlich nicht erfüllt werden. Egal. Die Zahlen sagen übrigens nicht, wo die Zuschauer ihre Pinkelpause verbringen. Es ist die übliche Selbsttäuschung der Quotenjunkies. Sie schließen von der bloßen Zahl auf die Höhe der Aufmerksamkeit und von der auf ihre eigene Bedeutung. Woran man sehen kann, dass die Verblödung des Programms die Selbstverblödung der Redaktionen einschließt. Es wäre ja auch möglich, nach dem Fußballspiel eine Nachrichtensendung in voller Länge zu bringen. Aber dann folgen belanglose Interviews, quatscht auch noch Lanz mit Exfußballern und Exfußballmoderatoren über Fußball, müssen die sündteuren Fernsehrechte auf noch mehr Sendelänge gestreckt werden. Absurderweise beeinflusst der Fußball auch das Programm des jeweils nicht übertragenden Senders. Auch der ändert sein Programm, kontert etwa mit Krimiwiederholungen wie die ARD am Donnerstag während des torlosen Polenspiels. Tagesthemen folgten erst kurz vor Mitternacht.

IV.

Vor einigen Tagen sind die Bundesliga-Senderechte neu versteigert worden. Für 4,6 Milliarden für die Jahre 2017 bis 2021. Eine Steigerung um 85 Prozent. Das ZDF hat ein gehöriges Stück mehr vom Kuchen erworben. Wenn sich die kommerziellen Sender die teuren Rechte mit Werbung finanzieren, ist das in Ordnung. So sind die Gesetze des Marktes. Wenn aber die Gebührensender locker mithalten können, kann etwas nicht stimmen. Die Fußballgelder werden ja nicht den Pensionskassen entnommen, sondern dem übrigen Programm. Zu Lasten von Information und Bildung geht der Deal. Auch so verraten ARD und ZDF ihren gesellschaftlichen Auftrag.

V.

Nach der EM kommen gleich die olympischen Spiele. Politik fällt bis September im Fernsehen aus. Schön für die Politik nach Art der Potentatin. Wetten, dass sie Schweini dankbar in die Arme schließen wird.

Na dann Servus!

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