Der I gehört zu D. Zu wem aber gehört D?

Der Dom gehört zum Papst, aber auch zu Kölle. Gehört der Papst deshalb zu Kölle oder Kölle gar zum Papst? Zusatzfrage: Als wir vorübergehend Papst waren, gehörten wir da noch zu D? Die Sache ist verzwickter als man denkt. Wie wäre es mit der simplen Einsicht: Religionen gehören zu gar keinem Staat.

Es ist ganz einfach, lieber Roland Tichy. Wenn Sie mal wieder von einem Anfall sadomasochistischer Vergnügungslust gepackt werden, müssen Sie nur wahlweise den Satz „Der I gehört zu D“, beziehungsweise „Der I gehört nicht zu D“ verwenden. Ich mach das mal kurz vor.

I.

Der Dom gehört zum Papst. Der Dom gehört aber auch zu Kölle. Gehört der Papst deshalb zu Kölle oder Kölle gar zum Papst? Unbestreitbar ist der Vatikan ein eigenständiger Staat, kann also schlecht zu Kölle oder D gehören. Interessante Zusatzfrage: Als wir vorübergehend Papst waren, gehörten wir da noch zu D? Die Sache ist verzwickter als man denkt. Wie wäre es mit der simplen Einsicht: Religionen gehören zu gar keinem Staat. (Gotteststaaten wie der Vatikan natürlich ausgenommen) Sehen Sie! Schon machen wir uns unbeliebt.

II.

Eindeutig zu D gehört der Mond. Was täte die deutsche Romantik ohne ihn? Es gäbe sie gar nicht! Er ist nun einmal über D aufgegangen, der Mond, dank Matthias Claudius. Andererseits ist territorial nichts zu wollen. Der Mond weigert sich hartnäckig, dem deutschen Reichsgebiet in den Grenzen von 33 beizutreten. Streng davon zu unterscheiden ist die Frage, ob auch der Mann im Mond zu Deutschland gehört. Es ist ja nicht der Mann, der aufgeht. Immerhin scheint der Mann im Mond integrationswillig und integrationsfähig. Dennoch: Wenn der Mond zu D gehört – kann man es dann dem Halbmond verweigern?

III.

My heart belongs to Daddy, sang Marilyn Monroe. Schön für Daddy. „Der I gehört zu D“ ist nicht ganz so schön. Vielleicht, weil im deutschen „gehört“ ein unüberhörbar autoritärer Ton nistet. Typisch deutsch eben. Es ist nämlich nur noch ein Schrittchen bis zu „Das gehört sich so!“ beziehungsweise „Das gehört sich nicht!“ Was man unmöglich mit „It belongs!“ / „It does not belong“ übersetzen kann.

IV.

Wir diskutieren mittels zweier hammerharter Behauptungssätze immer nur über I, doch fast nie über D. Wir tun so, als wüssten wir ganz genau, was das ist, wenn wir D sagen. Aber inzwischen bin ich mir nicht einmal mehr sicher, was für ein D diejenigen meinen, die dauernd „Der I gehört zu D“ rufen – oder das Gegenteil.

Ist aber auch vertrackt. Für die einen ist D ein Synonym für Nation. Und damit etwas Heiliges. Im Sinne Fichtes: Nationen sind Gedanken Gottes, natürliche Schöpfungen. Andere, mich eingeschlossen, halten das für Blödsinn.

Keine Nation auf der Welt ist etwas Natürliches und schon gar nicht göttlicher Wille. D ist ein Vertragsraum. In ihm gelten Rechte und Pflichten. Wer dazu gehören will, muss sich an seine Verfassung halten. Ein demokratischer Verfassungsstaat stützt sich ganz unsentimental auf den freien Willen freier Bürger, schützt sie vor jeder Art von Diktatur, ob weltlicher oder geistiger Natur. Eine Nation dagegen ist das, was ein ukrainisches Sprichwort unübertrefflich so auf den Punkt bringt: Wenn die Fahnen wehen, rutscht der Verstand in die Trompete.

V.

So wie wir zwischen der romantischen Idee des Mondes und seiner Materie unterscheiden, sollten wir auch zwischen der romantischen Idee der Nation und dem Verfassungsstaat, aber auch zwischen der gar nicht romantischen Idee des Islams und seiner konkreten Macht über Menschen unterscheiden.

VI.

Das Problem ist mehr der Nationalismus als der Islam. Überall dort, wo der Islam Staatsreligion ist und sich nationalistische Politiker auf die politische Macht des Glaubens berufen, verletzt dieser Glaube die Freiheit. Das Üble an Erdogan ist nicht, dass der Islam zur Türkei gehört (und umgekehrt), sondern dass Erdogan ein Nationalist ist (und ein Feind der Demokratie dazu). Armenier und Kurden können das genau erklären. Erdogan instrumentalisiert den Islam. Nicht nur in der Türkei, sondern auch in D. Weshalb darf Erdogan hier in D nicht bloß Wahlkampf machen, sondern auch Integration oder gar Assimilation ablehnen? Wie blind ist der deutsche Staat, wenn er zulässt, dass tausende von Erdogans Regime entsandte, türkisch predigende Imame zu D gehören? Diese Imame gehören zur Türkei und zu nichts sonst. Nicht wenige von ihnen behaupten inzwischen, Deutschland sei ein muslimisches Land. Das ist auf gut Deutsch wishfull thinking.

VII.

Die Deutschen sind blauäugig und neigen zum Irrsinn. Deshalb gehört der Idealismus (eine Blüte der Romantik) eindeutig zu Deutschland. Gehört auch der Irrsinn zu D? Nach allem, was wir inzwischen wissen: Ja. Der I gehört zu D. Aber müssen wie ihn deshalb als Geschenk in die Arme schließen?

Wetten, lieber Tichy, dass ich gleich aus ganz unterschiedlichen Gründen für irrsinnig erklärt werde? Ich hisse schon mal die weiße Fahne.

Es ist die mit den blauen Rauten. Gehört BY eindeutig zu D? Ich habe Zweifel. Aber das ist jetzt leider auch wishfull thinking.

In diesem Sinn stets
Ihr Wolfgang Herles

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