Franz Beckenbauer repräsentierte, was das Land nie war

Beckenbauer glänzte nicht mit den sogenannten deutschen Tugenden. Ohne Blut, Schweiß und Tränen tänzelte er an die Spitze, wurde genau dafür bewundert. Ballbeherrschung statt Verbissenheit. Lockerheit statt Kampf. Überlegenheit durch Intelligenz und Körperbeherrschung.

Der berühmteste Deutsche ist tot. Und mit ihm das Trugbild von einem besseren Land. Er symbolisierte einen erloschenen Traum: die unerträgliche Leichtigkeit einer Republik, die es nicht mehr gibt.

I.

Bezeichnenderweise kam Beckenbauers unsinnigster Satz in keinem Nachruf vor. Als er kurz nach dem Mauerfall als Trainer die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, war auch er vom neuen Nationalrausch infiziert und sagte: Nun werde auf Jahre hinaus Deutschland (im Fußball) unbesiegbar sein. Hybris kommt vor dem Fall. Seit Jahren sinkt das Ansehen der Nationalmannschaft, und sie wurde zum Spiegel des Niedergangs der Republik. Nun markiert der Tod Beckenbauers das Ende einer schönen Illusion, die in der alten Bonner Republik immerhin einmal zum Greifen nahe schien.

II.

Die Widerwärtigkeit des selbstverschuldeten Abstiegs der Nation bekam Beckenbauer selbst zu spüren. Da holte er doch glatt das Sommermärchen nach Deutschland, ohne mit Transparency International zu kooperieren. Eine vergleichsweise lächerliche Bestechungssumme an einen FIFA-Funktionär kostete ihn sein Renommee und vermutlich auch seine Gesundheit. Es war freilich keine (juristisch folgenlose) Affäre Beckenbauer, sondern der Skandal eines an Moralismus erstickenden, von Correctness und Wokeness strangulierten Landes. Die einstige Leistungs- und Erfolgsgesellschaft verzichtet lieber in Edelmut auf Erfolg und heischt sich an, die Welt am deutschen Wesen zum Besseren zu transformieren. Diesen Weg illuminiert auch das betrübliche Ende der Lichtgestalt Beckenbauer.

III.

Mehr als jeder andere Deutsche stand er ja einmal für etwas ganz anderes. Beckenbauer glänzte nicht mit den sogenannten deutschen Tugenden. Ohne Blut, Schweiß und Tränen tänzelte er an die Spitze, wurde genau dafür bewundert. Ballbeherrschung statt Verbissenheit. Lockerheit statt Kampf. Überlegenheit durch Intelligenz und Körperbeherrschung. Offenbar sogar in der Lage, die Gesetze der Physik zu transzendieren und allen Schwierigkeiten locker aus dem Weg zu spazieren. War es nicht das, wovon die alte Bundesrepublik träumte? Sie hatte das Jammertal ihrer Geschichte verlassen, doch ohne es auf sonnigen Höhen auszuhalten. Die „heiteren“ Olympischen Spiele in München 1972 standen ebenfalls symbolisch dafür – nicht zufällig waren die Siebziger auch die besten Jahre des Fußballspielers Beckenbauer. In dieser Zeit hatte das Wirtschaftswunder den Zenit erreicht – und überschritten.

IV.

Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er auf’s Eis. Es ist kein Zufall, dass sich just da die grüne Bewegung zu formieren begann. Der Philosoph Odo Marquard brachte diesen Kipppunkt treffsicher auf den Punkt: „Als man sich in der Bundesrepublik vom schlechten Gewissen darüber, dass Ungehorsam und Aufstand gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur in der Regel unterblieben war, nicht mehr durch die Mühen des Wiederaufbaus ablenken konnte, holte man diesen Ungehorsam und Aufstand nach: absurderweise jetzt – mit dem Feindbegriff des Vorhandenen (…) Offenbar braucht man das Gewissen nicht mehr selber zu haben, wenn man das Gewissen für andere wird.“ So vollzog sich der grundlegende Wandel „vom Gewissenhaben zum Gewissensein“. Was die Republik heute so beutelt, ist, dass die Vernunft auf der Strecke bleibt und die Aufstiegsgesellschaft zur Abstiegsgesellschaft deformiert, die sich selbst an der erfolgreichen Leichtfüßigkeit eines Beckenbauer nicht mehr einfach nur erfreuen wollte.

V.

Ein Kind im zerstörten München steigt durch nichts als Talent und eigene Leistung zum Idol auf. „Geht’s raus und spuids Fuaßboi!“ soll er seinem Team vor dem Endspiel in Rom mitgeben haben. So schlug er den gordischen Knoten entzwei, die Selbstfesselung der talentarmen Allesbedenker, die das Land überall sonst beherrschen. Das Glückskind, der Olympier. Er personifizierte die Verheißung, die die Bonner Republik einen historischen Wimpernschlag lang ahnen ließ. Auch sie wollte auf dem Feld der Weltpolitik wie ein Libero erscheinen, der keine Gegenspieler mehr hat. Exportweltmeister, verliebt ins Gelingen. Beckenbauer gab eine Vorstellung jener Freiheit, der diese Gesellschaft unter der Knute ihrer Mentalität stets misstraute. „Der Kaiser“ stand für dieses Land in seinem glücklichsten Moment mehr als alle seine Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler. Beckenbauer war – mehr noch als Willy Brandt in der Politik – Repräsentant einer schönen Illusion. Ihr trauern wir nach.


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Kommentare ( 38 )

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WandererX
1 Monat her

Was ist der Unterschied zur lässigen Ära 1965 -72 (in der westlichen Welt) und der nicht- lässigen 1977- 1983? Eine kulturelle Befreiung durch eine unbefangene neue Männlichkeit, den Beat, auf den die Frauen reagierten und sich dabei auf ihre Art anschlossen (aber als Frau nicht voll einreihen konnten), wurde abgelöst durch Alice Schwarzer und Konsorten aus dem US- Puritanismus, der mit der Grünen und Pazifistin Petra Kelly und Co nach Europa schwappte. Kurz gesagt: ein aktives männliches Prinzip wurde durch ein weibliches- reaktives abgelöst: die neuen (jungen und naiven) Männer waren dabei so nett, den Frauen das Feld der kulturellen… Mehr

Kermit
1 Monat her

„Beckenbauer glänzte nicht mit den sogenannten deutschen Tugenden. Ohne Blut, Schweiß und Tränen tänzelte er an die Spitze…“
Upps! Da hat aber einer das Jahrhundertspiel Italien – Deutschland Halbfinale WM Mexiko 1970 nicht gesehen. Beckenbauer hatte sich in der 65 Minute das Schultereckgelenk gebrochen und spielte mit an den Oberkörper bandagierten Arm weiter. Man mag sich nicht vorstellen, wie weh das getan haben muss.
Sollte man heute mal von unseren woken Rasenhüpfern verlangen!

Harald Gmelch
1 Monat her

Nur Deutschland ist mit einem Eifer dabei, seine Ikonen zu zerlegen. In keinem anderen Land der Welt wird so danach gestrebt, seinen Idolen ans Bein pinkeln zu können, sofern sich nur die Gelegenheit ergibt. Und das ist nicht nur im Sport so.

Maunzz
1 Monat her

So wie es heute keine Kaisertreuen und Endsiegler mehr gibt, sind auch die Beckenbauers ein Relikt vergangener Tage. Panta rhei. Legendär sind Beckenbauers Ausflüge in die Schlagerwelt und in die Dosensuppenwerbung. Letztlich ist Beckenbauer wie Hinz und Kunz: ambivalent.

Fuerstibuersti
1 Monat her

Herr Herles, ich finde diesen Artikel nicht nur den besten, den Sie je geschrieben haben, sondern auch überhaupt einen der besten Artikel, die ich je gelesen habe. Auch wenn er mir die Tränen in die Augen getrieben hat.
Großen Respekt und vielen Dank.

H.H.
1 Monat her

Soso: Honorar für das An Land ziehen der Fußball-WM. Höhe nie herausgefunden. Haben denn die SZ-Investigativen schon herausgefunden, wie hoch die Honorarprämien für Günter Verheugen waren, für den EU-Beitritt eines jeden Landes, in der Zeit als er EU-Kommissar war?

Ho.mann
1 Monat her

„Nun werde auf Jahre hinaus Deutschland (im Fußball) unbesiegbar sein.“ Hybris kommt vor dem Fall.“ Da hatte der Kaiser die politischen Scharlatane und die Fähigkeit ihrer Führerin aus der Uckermark, die als Abrissbirne Deutschhlands den Nationalstolz bekämpfte und den Niedergang des Landes einschließlich der „Mannschaft“ einleitete, noch nicht auf der Rechnung.

Walter Knoch
1 Monat her

Sehr geehrter Herr Herles, es ist unbedingt notwendig Churchill zu zitieren. Auch ein Schnellinger, ein Seeler, jeder war ein ausgezeichneter Fußballer, dieallerdings auch die Grätsche konnten. Und: Freunde und Weggefährten Beckenbauers beschreiben Beckenbauer als akribischen Arbeiter. Wenn Sie sich heute nochmals das WM_Endspiel gegen die Niederlande ansehen, (sofern noch Aufzeichnungen bestehen?), werden Sie sehen, dass Beckenbauer auch das Kämpfen konnte, das Hineinwerfen, der letzte Schritt, das schmutzige Trikot, das durchschweißte Trikot. Bei all den Bewertungen, dem gerechtfertigten Lob, die Beschreibung einer herausragenden Persönlichkeit, sollte man eines Bedenken. Ein Mann kommt zu kurz, der Beckenbauer die Drecksarbeit abnahm. Und noch einer… Mehr

Haedenkamp
1 Monat her

Warum gibt es solche Talente nur im Sport und nie in der Politik oder auf anderen Feldern? – Weil am Ende immer die Untalentierenden gewinnen.

Marcus Tullius
1 Monat her

Herr Herles ist letztlich ein BRD-Nostalgiker. Wir leben fremdbestimmt unter der Herrschaft von DDR-Nostalgikern. Die BRD ist aber tot, ebenso wie die DDR. Man kann deren verrottete Leichen nicht mehr reanimieren. Deutschland schon, denn es ist eine Idee. Es hat auch nur als Land der Ideen eine Zukunft. Und genau deshalb hat man drittklassige Denker wie Adorno und Horkheimer nach dem Krieg installiert und die Philosophie mit Soziologie ersetzt (zB „Dialektik der Aufklärung“). Es ist nicht böse gemeint, aber Journalisten und Soziologen sind Teil des Systems, das uns jetzt die Freiheit nimmt und dann das Leben. Herr Herles verteidigt etwas,… Mehr