Für Weihnachten kämpfen

Was der Islamismus um jeden Preis zerstören will: Die Errungenschaft der modernen Säkularität und die Entwicklung der christlichen Religion sind zwei Seiten derselben Sache.

© Sean Gallup/Getty Images

Weihnachten hat etwas Magisches. „Mitten im kalten Winter“, wie es in einer Liedstrophe heißt, erhält die Welt einen unerwarteten Glanz. Schon in der Adventszeit werden Lichter angezündet, Tannengrün kommt in Wohnungen und Straßen; es duftet nach Gebäck, Gewürzen und warmen Getränken. In vielen Familien werden Strohsterne gebastelt und Plätzchen aus Teig gestanzt, es wird gesungen und vorgelesen. Eigentlich ist das etwas ganz Unnatürliches und Künstliches. Denn nach der Logik der Jahreszeiten wird es jetzt dunkler und kälter. Die Umwelt verschließt sich und verstummt. Da denkt man eher an die Vergänglichkeit des Daseins. Doch nun ereignet sich etwas ganz Unwahrscheinliches: Mit dem Advent erhebt sich mitten in einer abweisenden Umwelt eine Welt voller Geschichten, Bilder und Musik.

Und wenn aus den Lichtern auf dem Adventskranz – „erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier“ – am 24. Dezember der volle Christbaum wird, so ist das ganz und gar nicht ein selbstverständlicher Vorgang, sondern eine höchst unwahrscheinliche Geschichte. Sie berichtet von einem Gott, dem die Menschen und Dinge dieser Welt nicht gleichgültig sind. Advent – lateinisch adveniat – bedeutet, dass „etwas kommt“. Die kleinen Dinge der Adventszeit sind Vorboten, die zu uns aus einer unfassbaren Ferne kommen und unsere Welt aufwerten. Sie sind Zeugnisse dafür, dass Gott dieser Welt zugetan ist. Das irdische Dasein ist keine bedeutungslose, nur dem Tod geweihte Sache. Man mag die Geschichte von dem auf die Erde geschickten Sohn Gottes in vielen Einzelheiten bezweifeln, aber der christliche Glaubensgrund eines allmächtigen Gottes, der uns zugetan ist, ist darüber erhaben. Die Magie von Weihnachten reicht weit über Christi Geburt hinaus.

Die Magie Weihnachten lebt

Die modernen Menschen stehen viel stärker unter dem Einfluss dieser Magie, als sie sich bewusst sind. Zu ihren Grundgewissheiten zählt, dass sie darauf bauen können, dass es eine Zukunft gibt – der Weltuntergang findet eben doch nur im Kino statt. Wie könnten die Menschen Familien gründen, Unternehmen aufbauen, den Rechtsstaat weiterentwickeln – wenn sie nicht an einen größeren Zeithorizont glauben würden? Woher aber nehmen sie die Gewissheit, dass ihnen Zeit gegeben ist? Man kann es den täglichen Katastrophen ja nicht ansehen, dass sie sich nicht zum Weltuntergang steigern. Und doch haben wir gegen solche Phantasien einen geistigen Halt.

Hier liegt eine spirituelle Schwelle, die die Neuzeit vom Mittelalter trennt. Dessen Geistesleben stand weitgehend im Schatten der Erwartung eines nahen Weltuntergangs. Man kann sich heute kaum vorstellen, in so einem Schatten zu leben. Jedes Ereignis konnte eine Drohung enthalten, jeder Freude folgte der Schrecken auf dem Fuße. Willkür und Gewalt zerhackten die Zeit und Gott wurde von einer Kaste zur Geheimsache erklärt. Eigentlich jedoch passt das Christentum nicht zu dieser finsteren Perspektive. Welchen Sinn sollte Christus auf der Erde haben, wenn diese nur auf die Apokalypse warten darf?

Die christliche Weihnachtsbotschaft kündet eben nicht vom nahen Weltuntergang. Es ist nicht das jüngste Gericht, das sich hier nähert. Eher im Gegenteil: Gott gibt der Existenz auf Erden mehr Bedeutung. Er macht den Menschen das irdische Dasein zur Gabe und Aufgabe. Uns wird Zeit gegeben – das ist die Botschaft. Deshalb strahlt das Christentum eine Ruhe aus, die der Geschichte noch ganz fremd ist. Obwohl die Einrichtung der Adventszeit auf das 7. Jahrhundert zurückgeht, steht der Advent in einem Spannungsverhältnis zur Mentalität des Mittelalters. Er weist über es hinaus, in die Neuzeit.

Uns wird Zeit gegeben – das ist die Botschaft

Hier kommt Weihnachten im Grunde erst wirklich zum Zug. Erst hier wird es zum Angelpunkt des gelebten christlichen Glaubens. Weihnachtslieder wie „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, „Wie soll ich Dich empfangen“ oder „Es kommt ein Schiff geladen“ datieren aus dem 17. Jahrhundert. Den ersten Adventskranz ließ der Theologe Johann Hinrich Wichern 1839 im „Rauhen Haus“ in Hamburg aufhängen. Und der Adventskalender mit seinen 24 Türen ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Könnte es also sein, dass Weihnachten eine Botschaft von Gott bringt, die uns Menschen erst verspätet erreicht? Kommt der tiefere Sinn des Christentums vielleicht erst mit der Neuzeit bei uns an? Die Wahrheit des christlichen Glaubens beruft sich ja nicht auf ein Erstgeburtsrecht. Das Christentum ist eine späte Religion. Es hat seinen Weg gerade erst begonnen.

Weihnachten zeigt einen merkwürdigen Zusammenklang von Religiösität und Säkularität. Der Glaube hat Melodien und Bilder gefunden, die Demut und Vertrauen in eine offene Welt bringen. Zugleich ist die Tatkraft der Menschen gewachsen. Entdeckerdrang, Wirtschaftsgeist und Landesstolz füllen die Erde und geben ihr Glanz. Bisweilen ist das zu grell, aufdringlich und maßlos – wie die Menschen eben so sind. Und doch strahlt die Magie von Weihnachten erhaben über diese Kurzatmigkeit hinweg. Das Lichtermeer der Großstadt zelebriert auf seine Weise das Geschenk der Zeit, die uns gegeben ist und die in der Dinglichkeit des Weihnachtsfestes auch materiell verwirklicht wird.

Die Kirchen verlieren sich

In den christlichen Kirchen der Gegenwart hat sich ein starkes Ressentiment gegen die moderne Zivilisation breitgemacht. Fast könnte man von einer Eifersucht sprechen, mit der die Kirchen die in der Moderne erweiterten Räume und Zeiten betrachten. Und eine merkwürdige Verkürzung findet statt: Sie reduzieren Weihnachten auf ein Fest der Mitmenschlichkeit und blenden das viele größere Geschenk einer Welt mit weiten Horizonten aus. Dies geht inzwischen so weit, dass die Kirchen sich gar nicht mehr trauen, die Eigenart des Weihnachtsfestes hervorzuheben. Sie scheuen sich, sich zu der besonderen Kühnheit des christlichen Glaubens zu bekennen. Und damit zu der Kühnheit, die Deutschland zu „diesem Deutschland“ gemacht hat, und Europa zu „diesem Europa“.

Sie suchen ihr Heil in einem bloßen Nebeneinander unterschiedlicher Religionen. Sie nehmen in Kauf, dass Ihnen damit die Kraft, die immer nur in einem bestimmten Glauben liegen kann, durch die Finger rinnt. Könnte es sein, dass ausgerechnet die christlichen Kirchen mit ihrem Sozialkult des „Fremden“  die Bedeutung von Weihnachten aufs Spiel setzen? Und ist es demgegenüber nicht umso wichtiger, innezuhalten in dieser erbärmlichen Flucht und für uns das Glaubensrecht auf Weihnachten zu behaupten? Wir sind Partei und daraus können wir nicht entfliehen.

Zur heiligen Nacht versammelt sich, der Welt und Zukunft zugewandt, das christliche Abendland.

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