Terrorismus: brutale Gewalt als Maske der Schwäche

Von den Einträgen auf Facebook, Twitter und Co., die sich mit Politik befassen, geht es in jedem zweiten ums Rechthaben. Beim Thema Zuwanderung ist das nicht anders als beim Islam, bei der Ukraine-Frage zwischen den Polen Washington und Moskau, beim Euro mit und ohne Griechenland, beim Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA – und allen anderen auf der nach oben offenen Problemskala. Die meisten in den Sozialen Medien wie auf den Diskussionsforen der Online-Versionen von Print, Funk und Fernsehen wollen gar nicht diskutieren, sondern rechthaben und Recht kriegen. Anderen Meinungen wird in der Regel höchst aggressiv begegnet. Toleranz der anderen Position ist selten anzutreffen, Respekt derselben schon gar nicht.

Nicht in dieser Härte, aber im Ansatz doch, trifft das auch für den professionellen Journalismus zu. Abwägende Artikel und Sendungen gibt es. Aber sie sind in der Minderzahl. Nicht nur im Kommentar, sondern auch im Bericht wird Meinung transportiert. Meinungen, die vom Mainstream deutlich abweichen, tauchen in den klassischen Medien erst gar nicht auf oder mit dem Stigma des abwegig Radikalen und Extremen. Das erinnert mich an die Bedeutung von Toleranz in der mechanischen Technik. Das Rad am Auto oder Fahrrad darf bis zu dem geringfügigen Grad eiern, in dem das Gefährt weiter rollt. Zu viel technische Toleranz führt zum Achsbruch. Größer ist die Toleranz in unserer real existierenden Gesellschaft auch nicht. Weshalb uns Toleranz, passiv hinnehmen, wegschauen und übersehen im öffentlichen Raum zu wenig sein muss: Respekt brauchen wir, unbedingten Respekt vor der Meinung der anderen. Und null Toleranz gegenüber Gewalt und Terror. Die Herrschaft des Rechts muss gegen Gewalt in jeder Form kompromisslos vorgehen. Rasch und entschlossen.

Soll das funktionieren, darf es auch für Vorstufen von Gewalt und Terror keine Toleranz geben. Das allerdings entzieht sich den Mitteln von Polizei und Justiz – und das muss auch so sein. Alle Glieder der Gesellschaft, die einzelnen, Familien, Erziehung und Schule, Kirchen, Betriebe und Vereine sind in ihrem Alltag verantwortlich für den Umgang der Menschen untereinander. Wenn eine Mutter ihrem jugendlichen Sohn nicht klarmachen kann, warum er nicht als IS-Kämpfer kostümiert in den Fasching oder Karneval ziehen darf, warum das überhaupt nicht „witzig“ ist, hat sie etwas grundlegend falsch gemacht. Wenn sich User auf Facebook und Co. über den Tod von politisch anders Meinenden freuen oder gar dazu aufrufen, sind sie dem tatsächlich mörderischen Terror schon viel zu nahe gekommen. Die Grenzen sind gefährlich fließend. Früh einhalten ist besser, seinen Gesprächspartnern sagen, das möchte ich nicht hören, das akzeptiere ich nicht, möchtest du so etwas über dich hören?

Volker Zastrow schrieb vor ein paar Wochen in der Frankfurter Allgemeinen: „Terrorismus ist die ultimative Rechthaberei … Unmenschliche Taten simulieren nur Stärke, und sie jagen vor allem den Schwachen furchtbare Angst ein. Dabei können die Feinde der offenen Gesellschaft noch nicht einmal aushalten, wenn jemand anderer Meinung ist. Oder überhaupt anders ist. Sie können die eigene Schwäche nicht ertragen.“

Für mich klare Worte und eine überzeugende Argumentation. Also: Wenn Terrorismus die ultimative Rechthaberei ist, dann ist Verzicht auf Rechthaberei Terrorismus-Prävention. Von jetzt auf gleich wird uns das allen nicht gelingen. Lasst uns deshalb damit schon mal anfangen. Denn wir alle sind nicht frei von Rechthaberei.

 

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