Dividenden – Wie das Aktionärsvolk für dumm verkauft wird

Aktionäre werden zwar diskriminiert und haben keine Lobby, aber sie können sich selbst helfen. Zu Beginn gilt es, einige weit verbreitete Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Werden Anleger über öffentlich-rechtliche Kanäle bewusst in die Irre geleitet? Dieser Verdacht drängt sich spätestens seit der vergangenen Woche auf. Da war auf der Internetseite boerse.ard.de diese Aktien-Prosa zu lesen: „Die Hauptversammlungs-Saison ist die schönste Zeit des Jahres für Aktionäre. Dann nämlich regnet es Dividenden vom Himmel. In Zeiten von Nullzinsen und Minirenditen sind Dividenden Balsam für die Anlegerseele.“

Geht es vielleicht noch etwas dicker? Es geht: „Dividenden sind nicht der neue Zins, sondern eher die bessere Miete“, so wird eine Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zitiert. „Wie Immobilien seien Aktien keine Spekulation, sondern Sachwerte, die laufende Erträge generieren und auf lange Sicht an Wert gewinnen.“ Von diesem Satz stimmt nur der letzte Teil. Liest man im Internet weiter, ist die Sache mit dem neuen Zins dann doch nicht aus der Welt. Denn: „Die Dividende wird immer mehr zum neuen Zins.“ Das ist nicht nur Irreführung, das grenzt an Volksverdummung.

Anlegerfrust statt Balsam für die Seele

Aktienkurse schwanken. Wer Aktien kauft oder verkauft, spekuliert also zwangsläufig – kurzfristig auf Kursgewinne, langfristig auf möglichst hohe Erträge aus Kursgewinnen und zu einem geringeren Teil aus Dividenden. Letztere dienen auf lange Sicht als Stabilisatoren. Ihr Beitrag zum Gesamtertrag eines repräsentativen europäischen Aktienportfolios betrug von 2010 bis 2015 beachtliche 3,8 Prozent, der Beitrag der Kursgewinne war mit 4,3 Prozent allerdings etwas höher. Das hat die Fondsgesellschaft Allianz Global Investors ermittelt. Verfolgt man die Beiträge der Dividenden indes über weitere Perioden von jeweils fünf Jahren, sehen sie verglichen mit den Beiträgen der Kursgewinne überwiegend ziemlich mickrig aus, beispielsweise 3,6 Prozent verglichen mit 16,7 Prozent zwischen 1985 und 1990 oder im Extremfall 2,9 Prozent verglichen mit 23,0 Prozent zwischen 1995 und 2000.
Wenn schon die Dividende eine „bessere Miete“ sein oder „zum neuen Zins“ werden soll, muss man sie wenigstens mit Miete und Zins vergleichbar machen. Das heißt: Dividende je Aktie geteilt durch den Kurs je Aktie und das Ergebnis mal hundert. Was herauskommt, heißt Dividendenrendite. Doch oh Schreck, die höchste Dividendenrendite bietet derzeit ausgerechnet der mit riesigen Problemen kämpfende Energiekonzern Eon: 6,15 Prozent. In einem Monat können daraus 7 bis 8 Prozent werden, falls der Eon-Aktienkurs weiter fällt, oder 5 bis 6 Prozent, falls er aus irgendwelchen noch unerfindlichen Gründen steigen sollte. Also von wegen öffentlich-rechtlicher „Balsam für die Anlegerseele“, stattdessen anhaltender Anlegerfrust, weil der Kurs allein innerhalb Jahresfrist um nicht weniger als 43 Prozent gefallen ist und weiter vor sich hin zu dümpeln droht.

Als Trost profitieren Aktionäre zum Teil wenigstens von einem Steuersparmodell

Die Dividendenrenditen der meisten im Deutschen Aktienindex Dax vertretenen 30 Aktien sind innerhalb Jahresfrist wegen rückläufiger Kurse gestiegen. Lediglich fünf positive Ausnahmen mit steigenden Kursen sind zu registrieren: Adidas, Fresenius, Infineon, Lufthansa und Vonovia. Deren Dividendenrenditen sind folglich gefallen, das ist rein rechnerisch nun mal sol. Den Aktionären soll es recht sein, denn sie können sich ja über gestiegene Kurse freuen. Falls sie ihre Aktien vor 2009 gekauft haben, sind sie sogar durch ein Steuersparmodell begünstigt. Denn Kursgewinne aus solchen Aktien sind bei deren späterem Verkauf von der Einkommensteuer befreit, falls die Aktien zum Privatvermögen gehören.

Für seit 2009 gekaufte Aktien gilt diese Vergünstigung nicht mehr. Das hat den deutschen Aktionären der frühere Finanzminister Peer Steinbrück mit der Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent zuzüglich Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer eingebrockt. Die Abgeltungsteuer ist ein Sonderfall der Einkommensteuer – und ein klassischer Fall von Diskriminierung der Aktionäre, die seit 2009 Aktien gekauft haben. Denn sie kommt zusätzlich zu den Steuern, die von Unternehmen zu zahlen sind, oben drauf.

Mit Aktien fürs Alter vorsorgen, aber richtig

Dividenden werden einen Tag nach der Hauptversammlung eines Unternehmens vom Aktienkurs abgeschlagen. Das heißt, der Kurs fällt erst einmal. Also von wegen „regnet es Dividenden vom Himmel“. Schon eher handelt es sich um ein Fegefeuer, weil keineswegs in Stein gemeißelt ist, dass der Dividendenabschlag auch tatsächlich wieder aufgeholt wird. Ist die Börsenstimmung eher mies wie seit einem Jahr, droht sogar die Hölle: Kursverluste über den Abschlag hinaus.
Was Peer Steinbrück, aber auch seine Vorgänger und Nachfolger da angerichtet haben, stinkt zum Himmel. Ein repräsentatives Aktienportfolio, auf Sicht von zehn bis zwanzig Jahren mit etwas Geschick bei Auswahl und Timing zusammengestellt, dürfte als Altersvorsorge über das Auf und Ab an den Börsen hinweg am Ende weit besser abschneiden als die langweiligen klassischen Lebensversicherungen oder die völlig verkorkste Riester-Rente. Den Nachweis dazu hat das Deutsche Aktieninstitut längst erbracht. Doch als effektive Aktionärslobby hat es sich ebenso wie die DSW oder die Banken und Sparkassen nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Wollen die Deutschen nicht im Alter verarmen, bleibt ihnen, wenn sie ihre Altersvorsorge über die gesetzliche Rente hinaus ernst nehmen, nichts anderes übrig, als zunächst besonders intensiv das Börsengeschehen zu verfolgen. Zeit, um sich dafür erst einmal auf die Lauer zu legen, haben sie jetzt ja genug. Denn sie brauchen bis auf Weiteres nicht zu befürchten, dass ihnen die Aktienkurse von heute auf morgen davonlaufen.

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