Warum wir alle mehr spekulieren sollten

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Dunkle Macht der Geldpolitik

Inflation sei kein Thema, bekommen wir von interessierter Seite eingetrichtert, Deflation sei angesagt. Folglich wird die EZB am 22. Januar die Geldschleusen weit öffnen – mit gravierenden Folgen für alle Anleger.

Null Zinsen, wohin mit dem Geld? Na ja, ein wenig über Null sind sie immer noch. Zum Beispiel für das beste Tagesgeld bei Banken, die kaum jemand kennt, wie Advanzia Bank: 1,5 Prozent. Oder für das beste Festgeld bei der Yapi Kredi Bank: glatte 3 Prozent. Das hat die Zeitschrift Finanztest neulich in mühevoller Kleinarbeit ermittelt und dem ganzen Zinsthema üppige 18 Seiten gewidmet, einschließlich Riester-Rente und Lebensversicherung (Garantiezins jetzt nur noch 1,25 Prozent) mit der passenden Überschrift „Garantiert weniger Geld“.

Doch es handelt sich um eine einzige Augenwischerei. Banken wenden nämlich schon seit vielen Jahren einen miesen Trick an: Ihre über dem Branchendurchschnitt liegenden Tagesgeldzinsen gelten nur für Neukunden, sind also Lockvögel; Altkunden müssen sich mit weniger abspeisen lassen, sodass unter dem Strich und nach Abzug der Inflationsrate doch wieder nur die Null steht. Wer sich auf die Jagd nach Lockvögeln einlässt, gerät doppelt in Stress: einerseits durch den häufigen Wechsel der gerade vermeintlich besten Zinsangebote, andererseits durch den Papierkrieg bei jeder Neueröffnung eines Kontos. Und was die 3 Prozent Festgeldzins angeht: Sie gelten für eine Laufzeit von zehn Jahren, also für spekulative Anleger mit prophetischer Gabe.

Das Heft in die Hand nehmen!

Wann merken deutsche Sparer endlich, dass sie schlimme, obendrein erfolglose Spekulanten sind, weil sie den Großteil ihres Geldes langfristig auf Konten und in Kapitallebensversicherungen gebunkert haben, wo es sich minimal verzinst? Wie kommt es, dass sie einseitig auf Zinsen fixiert sind, und sobald ihnen eine Firma wie Prokon mit zweifelhaften Genussscheinen oder eines der vielen von der Pleite bedrohten Unternehmen mit hochprozentigen Anleihen das Geld aus der Tasche zieht, auch darauf hereinfallen? Offenbar sind sie dem Prozentpopanz verhaftet. Er suggeriert Sicherheit, wo keine ist.

Es wird höchste Zeit, die Geldanlage anders in den Griff zu bekommen: Nicht mehr durch passive Inkaufnahme von Angeboten, die sich minimal verzinsen (und wenn sie höhere Zinsen versprechen, zu Verlusten führen), sondern durch aktive, auf die persönlichen Belange zugeschnittene Finanzplanung. Sie erfordert viel Nachdenken und täglich mindestens ein paar Minuten, am besten jeweils verteilt über den ganzen Tag, um das Geschehen an den Finanzmärkten zu verfolgen, außerdem die Einbeziehung von Steuern, Versicherungen gegen Risiken und Altersvorsorge einschließlich Übergang von einer Generation zur nächsten. Das alles kann Ihnen niemand allein kompetent abnehmen, dazu müssten Sie schon für sehr viel Geld verschiedene Spezialisten einschalten. Warum also nicht gleich das Heft in die Hand nehmen?

Super-Mario, der heimliche Herrscher

Schenken Sie den Finanzmärkten gerade jetzt besonders viel Aufmerksamkeit, vor allem einem ihrer markantesten Vordenker, der Sie zur Spekulation zwingen wird: EZB-Chef Mario Draghi. Er ist der Herrscher über die Eurozone, also über den Großteil Europas. Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich sein folgendes Zitat durch den Kopf gehen: „Die Art und Weise, wie Europa regiert wird, muss besser werden.“ Das Zitat entstammt einem erst vor Kurzem veröffentlichten Handelsblatt-Interview. Der Clou: Da Europa keine Regierung hat, sondern nur einen Wirrwarr von Verträgen, die allein schon wegen der verschiedenen Sprachen mal so und mal so ausgelegt werden können, übernimmt Super-Mario de facto das Regierungsamt.
Seine nächste Tat wird sein, dass er am 22. Januar den EZB-Rat noch einmal dringend auf seine Linie einschwört, und das bedeutet vor allem: Kauf von Staatsanleihen. Die Politiker der Eurozone werden dann nicht etwa weinen, weil Draghi sie ihrer Kompetenzen beraubt hat, sondern nur offiziell lamentieren, aber im Stillen jubilieren. Warum, liegt auf der Hand: Der Staatsanleihenkauf ist eine der Vorstufen zur finanziellen Repression, die auf die Enteignung der Sparer hinausläuft. Das heißt, der Euro wird so lange weichgeklopft, bis eine satte Inflation herausspringt, die es den Staaten ermöglicht, ihre Schulden später mit entwertetem Geld zurückzuzahlen. Die Inflation der Eurozone hat sich ja gerade ins Minus verabschiedet; das lässt die nächste Stufe der Repression besonders dringlich erscheinen. Dazu passt auch das gebetsmühlenartig vorgetragene Inflationsziel von etwas unter 2 Prozent. Nur: Kommt die Geldentwertung erst einmal in Gang, ist sie nicht mehr so einfach zurückzuhalten.

Eher etwas für konservative Anleger

Aus Anlegersicht haben wir es also mit ziemlich starkem Tobak zu tun. Was lässt sich dagegen unternehmen, welche Anlagevehikel bieten den besten Schutz? Der erste Blick fällt auf inflationsindexierte Bundesobligationen. Sie sind nach ihrem Höhenflug bis 2012 und nach dem anschließenden Kursrückgang wieder preiswert zu haben. Dazu hat die rückläufige Inflationsrate kräftig beigetragen. Da diese erst im Lauf des Jahres steigen dürfte, kann der Kauf der Bundesobligationen gestreckt werden. Für konservative Anleger bietet sich die bis April 2018 laufende mit der Wertpapierkennnummer 103053 an, für eher spekulative Anleger die bis April 2016 laufende mit der WKN 103050.

Es gibt mittlerweile auch eine ganze Reihe von Rentenfonds, die sich auf inflationsindexierte Anleihen spezialisiert haben. Ihre Preise schwanken in der Regel allerdings noch mehr als die der Obligationen, und im Gegensatz zu diesen sind sie nicht nur von der Entwicklung der Inflation abhängig, sondern auch von der durch Anleger kaum zu beurteilenden Qualität der Fondsmanager.

Fonds werden nicht gekauft, sondern verkauft

Fonds sind ein Kapitel für sich. Es gibt einige breit anlegende und viele spezialisierte, einige gute und viele schlechte. Die Auswahl ist riesengroß, und in der Fondsbranche grassiert der Spruch: Fonds werden nicht gekauft, sondern verkauft. Das bedeutet: Sie bringen den Banken, Versicherern, Vertriebsorganisationen und natürlich den Fondsgesellschaften selbst stattliche Ausgabeaufschläge, Provisionen, Transaktions- und sonstige und Gebühren. Die müssen allesamt erst einmal verdient werden, bevor für Anleger ein Plus übrig bleibt – ein Grund, weshalb während der vergangenen Jahre Exchange Traded Funds (ETF) in Mode gekommen sind. Das sind börsengehandelte Indexfonds. Doch egal, ob gamanagte Fonds oder ETF: Da die Preise beider Kategorien ähnlich stark schwanken wie die Kurse der Aktien oder Anleihen, die ihnen zugrunde liegen, haben Anleger ein Problem mit dem Timing. Daraus folgt: Üben Sie sich selbst im Timing, und zwar so früh wie möglich, am besten mit Aktien (dazu gleich mehr).

Erinnert sei hier noch an ein Wirtschaftswoche-Interview des ehemaligen Deutsche Bank-Chefvolkswirts Thomas Mayer vor einem halben Jahr: „Die Arbeit der Banken ist vom kurzfristigen Tagesgeschäft geprägt. Das Research der meisten Banken konzentriert sich auf kurzfristige Fragestellungen und ist vom Absatz getrieben.“

Aktien sind für viele Anleger ein psychologisches Problem

Warum also etwa statt Aktienfonds nicht direkt Aktien kaufen? Eine Antwort ergibt sich aus der Umfrage des Deutschen Aktieninstituts zur Anlageberatung mit Aktien vom Frühjahr 2014. Danach haben mehr als 20 Prozent der Banken eine solche Beratung aufgegeben – nicht verwunderlich in Anbetracht von albernen Beipackzetteln zu Finanzprodukten und von umfangreichen Beratungsprotokollen ohne Wert.

Eine weitere, viel wichtigere Antwort: Deutsche Anleger haben mit Aktien spätestens seit der Jahrtausendwende ein psychologisches Problem. Denn nachdem Telekom-Chef Ron Sommer, Ex-Finanzminister Theo Waigel und Schauspieler Manfred Krug ihnen ein Aktien-X für ein Telekom-U vorgemacht hatten, wurden sie auch noch Opfer des vielfachen Betrugs am Neuen Markt. Seitdem sind Aktien für die meisten Anleger tabu, mögen Banken auch noch so sehr ihre vermeintliche Alternativlosigkeit beschwören.

Tschüss, Betongold, hallo Gold!

Spekulation? Nein, danke, winken sie ab – und riskieren prompt die nächste Spekulation: mit Immobilien. Das Drehbuch dafür ist schon geschrieben. Es enthält wie bei Aktien zu deren bester Zeit lauter Grafiken, deren Kurven nach oben zeigen. Zum Beispiel die der Researcher von Immobilienscout: Preise für Neubauwohnungen in Köln plus 5,5 Prozent seit Anfang 2014, in Frankfurt sogar plus 10,7 Prozent, Preise für Wohnungen aus dem Bestand in München plus 10,3 Prozent, in Berlin rekordverdächtige plus 13,5 Prozent.

Und die Mietpreisbremse? Halb so schlimm, beschwichtigen Makler. Bei der Grunderwerbsteuer gibt es nichts zu beschwichtigen, sie ist nur in Bayern und Sachsen bei 3,5 Prozent stehen geblieben, in Hessen und Berlin hat sie 6 Prozent erklommen, in Nordrhein-Westfalen sogar 6,5 Prozent. Wer kauft, muss wissen: Das Geld ist einfach weg. Wer für eine halbe Million Euro eine Wohnung in Köln kauft, ist also erst einmal 32.500 Euro los. Setzen wir die übrigen Nebenkosten mit 1,5 Prozent an, kommen 7500 Euro dazu, macht zusammen 40.000 Euro. Die müssen erst einmal verdient werden – oder eben erspekuliert -, bevor eine solche Investition ins Plus dreht.

Da sagen sich Anleger, die ihre Investitionen nicht an der Vergangenheit, sondern an der Gegenwart orientieren: Tschüss, Immobilien-Betongold, hallo echtes Gold! Etablierte Goldhändler wie pro aurum, Degussa oder Westgold warten schon auf den nächsten Käuferansturm. Der Preis des Edelmetalls ist seit mehr als drei Jahren im Trend gefallen. Aktien haben ihm die Schau gestohlen, vor allem aber hat viele Anleger gestört, dass es keine Zinsen abwirft. Dieses Argument ist jedoch spätestens seit dem Übergang in die Nullzinsphase hinfällig. Nicht indexierte zehnjährige Bundesanleihen, die im Gegensatz zum Gold keine Substanz verkörpern, bringen es gerade mal auf 0,5 Prozent Rendite. Da ist Substanz trotz Renditelosigkeit nicht zu verachten – auch als Spekulation auf das, was Super-Mario uns am 22. Januar in puncto Inflationsbeschwörung präsentieren wird.

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