Neuer Markt 2.0

Endlich verspricht wieder frischer Wind durch den Börsensaal zu wehen: Vom nächsten Jahr an soll ein neues Marktsegment vor allem dem deutschen Mittelstand auf die Kurssprünge helfen. Es hat Aussicht auf Erfolg.

Die Deutschen und ihre Aktien, bis dato ein Widerspruch in sich: Die meisten gehören ausländischen Vermögensverwaltern unter Führung von BlackRock aus Amerika, der Aktienanteil deutscher Anleger an ihrem Gesamtvermögen ist auf ein Minimum geschrumpft, und die Angst vor Verlusten ist viel stärker als die Hoffnung auf Gewinne. Dass sich daran vorerst nichts ändert, dafür sorgen allein schon die Mainstream-Medien mit ihrer penetranten Fixierung auf den Dax, sei es in der ARD-Börse vor acht, sei es im Spartenkanal n-tv, wenn zur nachträglichen Ursachenforschung, warum der Dax gestiegen oder gefallen sei, die seltsamsten Plattitüden zu hören sind.

Dass es jedoch auch anders geht, hat vom vergangenen Montag bis Mittwoch einmal mehr das Deutsche Eigenkapitalforum bewiesen, ein seit zwei Jahrzehnten etabliertes Treffen von börsennotierten Unternehmen – dieses Mal neben dem Schwerpunkt Aktien aus der zweiten und dritten Reihe zunehmend auch Startups – mit Finanzanalysten und einer bunten Schar von Vermögensverwaltern. Wie aus Kreisen der Deutschen Börse zu hören war, konnte für One-on-ones, wie man Analystengespräche unter vier Augen mit Topmanagern der Unternehmen nennt, nur ein winziger Bruchteil von Anwärtern berücksichtigt werden. Derweil hatten es die Präsentationen vor breitem Publikum in sich. Der Dax interessierte da kaum noch jemanden, für genug Spannung war anderweitig gesorgt: mit Tops und zum Teil auch Flops am laufenden Band.

Wenn Aktienkurse durch die Decke gehen

Kennen Sie Hochdorf, einen Schweizer Milchproduzenten? Oder den deutschen Autozulieferer paragon? Verbinden Sie das Kürzel MBB etwa mit Elektromobilität? Oder adesso mit Spezialsoftware? Namen, die so gut wie nie in Börsenkommentaren vorkommen, obwohl die Aktienkurse dieser Unternehmen zuletzt durch die Decke gegangen sind. Das Eigenkapitalforum hat solchen Tops die passende Bühne gegeben. Aber nicht nur ihnen, sondern auch den Flops. Wie Schaltbau, wo es im Management und damit auch beim Aktienkurs gehörig gekracht hat. Oder windeln.de, wo ein durch und durch missglückter Börsengang Anleger der ersten Stunde viel Geld gekostet hat. Und wer den Namen Bastei Lübbe bislang mit Groschenromanen und Rätselheften verbunden hat, kann nach überstandenem Bilanzeklat wegen der Neuausrichtung auf eine breite Medienpalette von einem „Supergeschäftsjahr 2017/18“ träumen, wie der Vorstand betont.

Bereits die hier genannten wenigen Beispiele zeugen davon, dass jede Aktie ihr Eigenleben führt. Der allgemeine Börsentrend mag nach oben, nach unten oder – derzeit besonders nervenzehrend – seitwärts gerichtet sein, auf die Kursentwicklung einzelner Aktien, besonders solcher aus der zweiten und dritten Reihe (MDax, SDax, TecDax), wirkt er sich viel weniger aus als beispielsweise das Gewinnwachstum oder das Geschäftsmodell eines einzelnen Unternehmens. Finanzanalysten und Fondsmanager, die darauf bauen – bottom up –, sind denn auch in der Regel viel erfolgreicher als solche, die sich – top down – erst zeitraubend alle erdenklichen volkswirtschaftlichen Daten vornehmen, bevor sie auf dem Umweg über Länder und Branchen auf einzelne Aktien stoßen. Bis dahin sind Aktien aus der zweiten und dritten Reihe mit hohem Kurspotenzial meistens schon um 20 bis 30 Prozent gestiegen.

Sogar Eintracht Frankfurt spielt mit

Keine Frage, der deutsche Mittelstand, der erst zu einem sehr kleinen Teil börsennotiert ist, zeigt es den großen Konzernen im Hinblick auf Kreativität und Wachstumsdynamik immer wieder. Das Erfreuliche daran: Börsengänge aus Mittelstandskreisen dürften beginnend mit dem nächsten Jahr deutlich zunehmen. Denn die Deutsche Börse hat sich vorgenommen, vom 1. März 2017 an mit einer neuen Plattform zu starten, wobei strenge Zulassungsbestimmungen die Manipulation von Aktienkursen von vornherein verhindern sollen.

Der dafür bisher im Vorfeld angedachte Name „Neuer Markt 2.0“ klingt nicht gerade verheißungsvoll, weil der einstige Neue Markt um die Jahrtausendwende für riesige Scharen von Anlegern zum finanziellen Desaster wurde. Deshalb hat Börsenchef Carsten Kengeter sich einen Gag ausgedacht: Wir alle können uns für die neue Plattform einen Namen ausdenken. Wie wäre es mit „Volala“ in Anspielung auf die zu erwartende hohe Volatilität? Oder einfach nur „KMU“, gängige Abkürzung für kleine und mittlere Unternehmen? Wer gewinnt, wird zu einem Heimspiel des Bundesligaclubs Eintracht Frankfurt eingeladen.

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