Wochenzeitungen: Vom Drehbuch zum WELTKRIEG bis zu MERKELS letztem Mann

Weltkrieg, Kalter Krieg, neues und altes von der dadurch ausgelösten und befeuerten Migrationsfront und Blicke in Probleme, die wir zuhause ganz unabhängig davon längst vor uns herschoben: Drei Wochenzeitungen in der Zusammenschau - das bringt vielleicht mehr als getrennt, meinen Roland Tichy und Fritz Goergen.

„Das Drehbuch zum WELTKRIEG“ ist Titelthema der WeLT AM SONNTAG – Tenor: der globale Konflikt nicht mehr ausgeschlossen. Die ZEIT„Kein Kalter Krieg“ empfiehlt, das die Diplomaten lösen zu lassen – und: holt Putin an den Tisch zurück. Das passt gar nicht zum Beginn der WamS-Geschichte von Clemens Wergin vom gezielten russischen Raketenbeschuss einer US-Spezialeinheit nordwestlich von Aleppo mit fünf Toten. Wie es von einem solchen Vorfall weitergehen kann, klingt in Wergins Story verflucht real.

Das Migrationsthema spiegelt sich im Doppelblick wie das vom Krieg. ZEIT-Tenor, „… wer Merkel nun hängen lässt, schadet Europa.“ Die WamS porträtiert Peter Altmaier als „MERKELS letzter Mann“. Die Anleihe beim Filmtitel ist unübersehbar: Last Man Standing. Die Wirkung der Türkei-Operation bei den Migrationsströmen zeichnet sich ab, bevor diese überhaupt greift, lernen wir in den WamS-Stücken „Schlepper suchen neue Routen für Flüchtlinge“ und „Auf der Todesroute“. Dass der Markt immer über Regulierung siegt, braucht sonst länger, aber der Migrationsmarkt ist schnell: In Libyen warten bis zu 200.000 aus Afrika auf besseres Wetter, um den tödlich riskanten Weg übers Mittelmeer anzutreten – aber die Zahl der Syrer, die auf diesen Weg umsteigen, nimmt bereits zu. Hier liest sich der ZEIT-Text „Vor dem Sturm“ über Al-Kaida und IS in Algerien wie eine beunruhigende Erweiterung der Problemzone.

Diesmal hat es eine eigene Recherche und abweichende Sichtweise auf die Titelseite der FAS geschafft. „Ziel Deutschland“ ist die genaue Beschreibung des Zustands, dass Migranten aus Griechenland via Balkan möglichst schnell durchgewunken werden. Kompliment Michael Martens, auch für die informative Grafik. Der Zauberspruch lautet: „His/her final destination is Germany“. Man hat es ja geahnt oder sogar gewusst: Die unbegrenzte Bereitschaft zur Aufnahme ist der Magnet für die Ausrichtung der Flüchtlingsströme. Wann immer die Bundeskanzlerin ihr phantasievolles Mantra wiederholt, dass es keine Möglichkeit einer Begrenzung gäbe – hier kann man nachlesen, wie es geht: Das Wunschziel sollte seine Unzuständigkeit erklären.

Aber so verändert der weiter anschwellende Migrantenstrom Deutschland. Zum besseren? Ein lesenswertes FAS-Spezial „Leben hinterm Zaun“ schildert, wie als Antwort auf den Verfall der öffentlichen Ordnung in Deutschland die Sicherheit in gesicherten Wohnanlagen gesucht wird. Klar, es ist der Auszug aus der gesellschaftlichen Solidarität, bislang Kennzeichen der sozialen Marktwirtschaft. Aber die Bereitschaft des Staates, Kriminalität unverfolgt zu lassen, führt zu einer Privatisierung der Sicherheit; der private Raum gewinnt an Gewicht zu Lasten des öffentlichen Raums und die Gesellschaft driftet auseinander; marktwirtschaftliche Kräfte ersetzen allgemeinwirtschaftliche. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Abschottung Konsequenz des Vertrauensverlustes ist, den der Staat zu verantworten hat, weil er sich aus seinen originären Aufgaben rabiat zurückzieht. Es ist die bürgerliche Mitte, die darauf die Antwort findet und finden kann. Vielleicht sollten die Redakteure der FAS dieses Stück selbst lesen um zu verstehen, wie ihre oft faktenarme und fehlerhafte Berichterstattung das Gegenteil jener Bringschuld ist, die zum Leservertrauen führt.

Julia Klöckner gegen Malu Dreyer, „Von FRAU zu FRAU“: „Am wahrscheinlichsten erscheint neben der ‚Schwampel‘ die große Koalition.“ – mit Julia Glöckner als Ministerpräsidentin notabene. So weit südlich wie damit die WamS schaut die ZEIT diesmal nicht. In ihrem Interview mit Andrea Nahles sagt diese, viele Unternehmer seien frustriert, weil sie sich bei der Einstellung von Flüchtlingen „mit vielen Hürden herumschlagen müssen und die Einstellung am Ende trotzdem nicht funktioniert.“ Hoppla, die Arbeitsministerin klagt über „ihre“ Regelungsdichte? Und bitte wo ist die Nachfrage der ZEIT? Leermeldung.

Und weil wir bei Interview sind, das mit Joseph Fischer kostet die ZEIT eine Doppelseite für bei Joschka Genscher nichts Neues. Hingegen „Wir lernen Netz“, das Plädoyer für ein Schulfach Digitale Ökologie von Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen – interessant. Das gilt in der WamS für „Missverständnis REGIO“, das Modewort, das Bio ablöst und unterm Strich wieder nur das Gleiche produziert: Bürokratie – also das, worüber Frau Nahles sich beschwert, während Renate Künast davon mehr aus Brüssel haben will. Irgendwie arbeiten sie alle nur an Beschäftigungsprogrammen, wenn auch höchst widersprüchlich.

„Generation GRENZENLOS“ – die WamS porträtiert sechs Studenten aus sechs Ländern: der Wert des Europas ohne Grenzen lebendig ins Bild gesetzt. Einstellungen von jungen Leuten, die Mut machen. Die ZEIT beginnt in dieser Ausgabe eine Serie „Die neuen Deutschen“, die wir insgesamt besprechen werden. Die Serie beruht auf 3.000 „Einzelinterviews, die länger dauern als ein Fußballspiel“, einer Studie „gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)“.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) ist ja eine Art Medium auf Bewährung: Nach geradezu abstrusen Ausbrüchen an den linken Rand des rot-grünen Spektrums bewegt sie sich langsam zurück in den Bereich der Vernunft, der vom Mutterblatt repräsentiert wird. Mutig prescht Rainer Hank vor, die Fahne des Liberalismus in der eigenen Faust. Er schreibt faktenreich „Ein Lob der Ungleichheit“, das zu archivieren sich lohnt. Sie ist Auftakt einer Serie über „Arm und Reich“. das lässt hoffen. Denn der zwanghafte Drang zur Gleichheit ist ja Bestimmung der simplifizierenden Berichterstattung in den selbsternannten gedruckten Qualitätsmedien.

Und dazu passt dann ZIPPERTS WORT ZUM SONNTAG zu des Verkehrsministers zeitgeistigen Plänen, den Weg für Tempo 30 so flächendeckend möglich zu machen, dass Verkehrschilder, welche die Ausnahme davon anzeigen, zu einem dramatischen Anstieg der Metallmenge fürs Thermische Recycling zur Folge hätte – aus dem guten Rohstoff dann bitte Sinnvolles aus Metall machen.

Zippert also zur Belästigung von Fahrrad- und Autofahrern: „Dobrindt will überprüfen, ob es sinnvoll ist, unterirdische Bürgersteige anzulegen sowie unangekündigte Abgastests für Fußgänger durchzuführen.“ Genießen wir also unseren Freigang unter freiem Himmel, bevor es damit aus ist.

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