Referendum zur Kanzlerkandidatur – Qualitätsflucht im politischen Journalismus

Die Ergebnisse des heutigen Referendums über die nächste Kanzlerkandidatur dürfte die Qualitätsflucht weg vom politischen Journalismus verstärken. Aber jetzt staunen wir mal an diesem Abend, wer sich wie aus der Verantwortung stiehlt. Für Sie gelesen von Roland Tichy und Fritz Goergen.

„Der hohe Preis der SCHLAFLOSIGKEIT“ – was für ein passender Titel der WamS für diesen Super-Super-Sunday, die deutschen Vorwahlen für die Kanzlerkandidatur. Auch wenn es im Titelthema gar nicht um Politik geht. Mit „Die Woche der Wahrheit“ adressiert DIE ZEIT das Wahlthema direkt.

Die FAS titelt: „Schlimme Lage in Idomeni“. Das Gegenteil wäre die Nachricht gewesen. Mit Schlagzeilen ist es ja so eine Sache. Sie spitzen zu, übertreiben. Aber das, was wir seit zwei Wochen abends in der Tagesschau sehen, ist mit Sicherheit keine. Immerhin erfahren wir, dass es in erreichbarer Nähe von Idomeni funktionierende Notaufnahmelager gibt. Ist das Elend im Lehm vor der geschlossenen Balkanroute also Teil einer Inszenierung? Wir erfahren es nicht von der FAS.

Sie informiert uns aber, dass in drei Bundesländern am Sonntag Wahlen sind. Aha, und dass „alle drei Wahlkämpfe stark unter dem Eindruck der Flüchtlingslager“ standen. Mein Aha kennt keine Grenzen. Das ist wirklich die Zeitung aus dem letzten Jahrtausend; die Vorstellung, sie sei der einzige Nachrichtenkanal und nicht mehr nur einer unter Vielen.

Die Kanzlerin streitet ab, dass der Türkei-Deal in Berlin vorbereitet und nur von Recep Tayyip Erdoğan auf der Brüsseler Bühne – Sprachregelung „überraschend“ – präsentiert wurde. Was genau stimmt, spielt keine Rolle mehr: Alle 27 EU-Mitglieder außer Deutschland glauben es. Im WamS-Stück „Im Bett mit dem SULTAN“ erfahren wir mehr über die wahrscheinlichen Folgen des neuen Menschenhandel-Deals. Die „Türkische Eröffnung“ der ZEIT schildert Ähnliches – merkwürdig: Beide handeln das Geschäft Menschen-Tausch seltsam trocken ab.

In der Politik der FAS beschreibt Thomas Gutschker sehr präzise den Streit zwischen Angela Merkel und Rats-Präsident Donald Tusk, der per Twitter die Schließung der Balkanroute lobt und sich damit in Gegensatz zu Merkel bringt. Ein schönes Stück, dass Brüssel als Tollhaus kämpfender Alpha-Tiere zeigt – und jetzt? Wie geht es weiter?

Die Titelstory der ZEIT, „Weltmacht Geduld“ verklärt Angela Merkel zu Buddha und ernennt Christian Lindner zum „immerhin rassismusfreien“ Populisten. Bernd Ulrich: Lindner? Das folgende Portrait – „Nicht alles ist gold, was glänzt“ verdirbt es sich mit dem möglichen Polit-Aufsteiger nicht.

Malte Henk, Selbstdeklarartion linksliberal, steuert in dieser ZEIT eine interessante Reportage bei: „Wie ich auszog, die AfD zu verstehen“ – in Persona und dem Facebook-Fake Matthias Weiß. Wer sich auf Facebook, Twitter und Co. bewegt, sollte also vorsichtig sein, mit wem er sich „befreundet“. Henk vergleicht die AfD jetzt mit der Frühphase der Grünen:

„Als die Grünen jung waren, blieb auch nicht jeder dabei. Zuerst mussten die rechten Heimatfreunde gehen, später erwischte e die linken Ökosozialisten … Vielleicht wird die AfD so harmlos, wie es die Grünen geworden sind … Ich glaube, diese Bewegung … hat ein Experiment mit ungewissem Ausgang entfesselt. Die AfD-Leute experimentieren mit anderen. Und mit sich selbst.“

Drei „ANFÄNGER für Deutschland“, die AfD-Spitzenkandidaten in den Wahl-Ländern, portraitiert Uwe Schmitt in der WamS. Auf die Leser in den drei Ländern warten drei höchst Verschieden, iregenwie aber doch Gleiche.

In der WamS: „Plötzlich WICHTIG“ schreibt Paul Nehf aus Athen im „Porträt einer entspannten Idealistin“: „Maria Stavropoulou leitet die Asylbehörde in Athen. Seit die Balkanroute geschlossen ist, entscheiden sich immer mehr Flüchtlinge, dort einen Antrag zu stellen.“ Frau Merkel, diesen Weg konnten Sie und ihre Mit-EUler nicht anders bewerkstelligen als durch monatelanges Zuschauen und Verweigern entschiedenen Handelns beim Katastrophen-Chaos?

Verzweifelt sucht die FAS ihren Weg. Deshalb wohl der optische Aufmacher. Da geht es um den Fall, dass ein Mann von einer Frau, die er nach Hause bringt, nach oben gebeten wird und sich nur mühsam aus der Umarmung und vor leidenschaftlichen Küssen retten kann. Ein sehr alltägliches Problem! Männer verstehen Frauen nicht und die hinterhältige Gier dieser Samenräuberinnen nach Sex! Hübsch das Stück über den Strafrichter Thomas Fischer am Bundesgerichtshof. Seine intensive Nebentätigkeit, zum Beispiel ellenlanger Kolumne auf Zeit-Online, sollen ihm am urteilen hindern, sodaß die Rechtsprechung auch in nachgeordneten Gerichten gebremst wird. Ehrlich gesagt hatte man als Leser Fischer wegen seiner umständlichen und ausschweifenden Texte ohnehin schon als pensioniert betrachtet. Ein hübsches Stück.

Da ist das WamS -Thema dem Leben näher, „KUNGELEI um die Kinder“: „Die Spieleindustrie will schon Dreijährige mit intelligenten Sprechpuppen und speziellen Apps lernen lassen. Die Bundesregierung ist für diese frühkindliche Digitalisierung. Und sie lässt zu, dass pädagogische Gütesiegel verschwinden.“ Entpolitisierung geht einher mit Entpersönlichung.

Die FAS hat sich in ihrer eigenen Welt eingesponnen. Man blättert gerne, versucht zum wiederholten Mal zu verstehen, was es mit BlockChain und BitCoins auf sich hat, findet im Wirtschaftsteil einen Bischof Reinhard Marx, der zum wiederholten mal herumeiert bei der Frage, ob man alle Flüchtlinge aufnehmen darf: Noch vor einigen Wochen war er entschiedener, jetzt finden sich viele aber in seiner Rede. Immerhin.

Im Feuilleton darf, wie schon in der Vorwoche, Sahra Wagenknecht ihr neues Buch präsentieren, als wäre es die Rettung aus wirtschaftlicher Not und im Wirtschaftsteil der Gewerkschafts-Ökonom Michael Fratzscher seine Buch-Thesen von der zunehmenden Verteilungsungerechtigkeit in Deutschland, zeitgleich wie im Spiegel.

Es ist streckenweise nett, aber belanglos, eine Art Sedierung des Lesers. Die Redaktion ist unentschlossen und widmet sich mit Verve der Frage, was den Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint und den Philosophen Gunter Gebauer so sehr an Fußball interessiert, dass sie darüber gleich je ein Buch schreiben mußten. Herrje! Das Leben ist draußen, jedenfalls nicht in dieser Zeitung.

Nach mehreren Ausgaben ZEIT verdichtet sich der Eindruck: unso weiter weg von der Politik, desto besser die Beiträge. Müssen wir wirklich gute Politik-Journalisten zunehmend mit der Lupe suchen? Weil sie dort von den Bekennern und Erziehern verdrängt werden?

Die Qualität der Artikel nimmt allerdings auch bei der WamS mit der Entfernung von der Politik im engeren Sinne zu – es sei denn Stefan Aust schreibt selbst: Und die Editorials von Vize Beat Balzli lohnen jedesmal.

Die Ergebnisse des heutigen Referendums über die nächste Kanzlerkandidatur dürfte die Qualitätsflucht weg vom politischen Journalismus verstärken. Aber jetzt staunen wir mal an diesem Abend, wer sich wie aus der Verantwortung stiehlt.

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