DER SPIEGEL Nr. 8 – „Ohne Zins und Verstand“

Im deutschen Volk der Sparer ist auch beim Geld autoritätsgläubig. Die Allermeisten verlassen sich bei Finanzgeschäften, wenn sie denn Geld auf der hohen Kante haben, auf die etablierte Finanzindustrie aus Banken und Versicherungen und den damit verbundenen Gesellschaften. Darüber ist die Finanzintelligenz flächendeckend verkümmert.

In dieser Woche bietet der Spiegel besten Wirtschaftsjournalismus und füllt mit Engagement und Kompetenz die groß gewordene Medienlücke bei den Themen Geld und Kapitalanlage.

Haben die Deutschen jemals gelernt, was der Unterschied zwischen Sparen und Investieren ist? Ganz offenbar nicht. Wir sind ein Volk der Sparer, in Sachen Finanzgeschäften verlassen sich die allermeisten, wenn sie denn Geld auf der hohen Kante haben, auf die etablierte Finanzindustrie aus Banken und Versicherungen und den damit verbundenen Gesellschaften. Darüber ist die Finanzintelligenz flächendeckend verkümmert. Die Sparsamkeit macht die Deutschen nicht reicher, sondern ärmer. Alexej Hock, Alexander Neubacher, Michael Sauga und Anne Seth beschreiben in der Titelgeschichte „Das Unvermögen“, wie Spar-Tradition gepaart mit Versicherungslobbyismus landauf, landab die bundesdeutschen Sparer in weniger rentierliche Geldanlagen treiben. Echte Altersversorgung sieht anders aus.

Immobilien, in Anlegerkreisen Betongold genannt, und Aktien spielen in der Breite keine Rolle, nicht zu reden von komplexeren Investitionsmöglichkeiten. Sparen oder Zocken – das Anlegerverhalten der Deutschen pendelt zwischen diesen beiden Extremen. Typisch SPIEGEL, wird der Finger in die Wunde von Politik und Institutionen gelegt. Außen vor bleiben Verantwortung und Holschuld des einzelnen. Ein Macht-weiter-so, aber mit weniger Provisionen für die Geldinstitute und Versicherungen, kann der Weg nicht sein. Das Unterrichtsfach „Wirtschaft“ an allgemeinbildenden Schulen ist in den Lehrplänen der meisten Bundesländer gekoppelt an „Soziales“ oder „Politik“. Die Wirtschaftskompetenz im Alltag bleibt auch da außen vor. Das Ziel müssen finanzmündige Bürger sein, die das Informationsangebot über Investitions- und Anlagestrategien, das es in großer Breite gibt, zu nutzen wissen.

Politik nach Aktenlage – das kann ein Erfolgsrezept sein, muss es aber nicht, wenn man als Politiker auf mehr Ebenen agieren muss. In „Klammerblues“ beschreibt Peter Müller den Innenminister Thomas de Maizière als einen, der die Spielregeln des politischen Betriebs missachte, weil er sie nicht beherrsche. Nicht gestellt wird die Frage, ob er manche Spielregeln vielleicht auch nicht beherrschen will. Jedenfalls steht er in preußischer Vasallentreue unbeirrt und jederzeit unbedingt loyal seiner Bundeskanzlerin zur Seite.

Ein Genuss ist der Beitrag „Die Quälgeister“ von Ralf Neukirch über die Machtkämpfe in Bayern zwischen den beiden Rivalen Horst Seehofer und seinem mutmaßlichen Nachfolger Markus Söder.

Die SPD dagegen wäre froh, wenn sich bei ihr überhaupt ein profilierter Spitzenkandidat mannhaft in die erste Reihe drängte. Bei den Sozis sind die Strippenzieher am Werk, wie Horand Knaup im Beitrag „Das Brutus-Problem“ anklingen lässt, aber immer in Hinterzimmern und immer ohne den (Noch)-Parteivorsitzenden.

„Ein rechtes Rätsel“ ist ein lesenswerter Erklärungsversuch von Maximilian Popp, Andreas Wassermann und Steffen Winter , wie sich Sachsen vom Nachwende-Musterstaat wandeln konnte zu einer Region, in der Aufmärsche, Ängste und Anschläge das öffentliche Bild bestimmen.

Sehr differenziert und spannend zu lesen ist der Beitrag von Bernhard Zand „Kampf den Zombies“ über das chinesische Wirtschaftsmodell und die konjunkturelle Lage in der inzwischen vermutlich größten Volkswirtschaft der Welt. Das Land steht vor einem tiefgreifenden Umbruch, was viele Provinz- und Stadtregierungen vor allem in den Schwerindustrie-Regionen das Fürchten lehrt – dort, wo „Zombie-Fabriken“ Koks, Stahl, Zement, Aluminium und Glas auf Halde produzieren.

Großartig ist das Streitgespräch von Martin Hesse und Armin Mahler zwischen Clemens Fuest und Peter Bofinger, den derzeit wohl besten deutschen Ökonomen. Passend zum Titelthema erfährt der Leser, dass EZB-Chef Draghi besser nicht an der Zinsschraube dreht, weil dies im Euro-Raum unangenehme Folgen haben dürfte.

Schmunzellektüre bietet Moritz Aisslinger mit „Gesetz des Stärkeren“ über Einbrecher, die im bayerischen Garching ausgerechnet im Café eines Mitglieds der Hells Angels – der war in seiner Jugend auch Judomeister – Geld erbeuten wollten.

Zum Schluss: Deutschlernen leicht gemacht. Man mag es nicht für möglich halten, dass es in einer Weltregion eine Kreolsprache gibt, die auf das Deutsche zurückgeht, das „Unserdeutsch“. „Du geht wo?“ – ein Beitrag über das sprachliche Kolonialerbe im Südpazifik. Unserdeutsch verzichtet auf vieles, was unsere Sprache so kompliziert macht. Verständigung stand im Vordergrund, nicht Grammatik.

Wie die sprachliche Integration der Flüchtlinge gelingt, beschreibt der Bericht „Papa bumm“ von Miriam Olbrisch. Eine Institution tut sich dabei besonders erfolgreich hervor – die vielgeschmähten Hauptschulen.

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