DER SPIEGEL Nr. 43 / 17.10.2015 „Das zerstörte Sommermärchen“

Das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft war gekauft, behauptet der SPIEGEL auf einer dürren Faktenbasis. Dabei haben das Sommermärchen keine Funktionäre gemacht – das waren die Menschen, die Gastgeber und die Gäste, die gemeinsam feierten. Und das bleibt.

Nachdem über das Bakschisch-Management des Sepp Blatter in den vergangenen Jahren mehr und mehr publik wurde, behauptet der SPIEGEL jetzt, dass es für das DFB-freundliche FIFA-Gebaren der Schweizer handfeste Ursachen gab. Gab es wirklich noch romantische Träumer, die bisher davon ausgingen, dass bei der Vergabe von Großereignissen und Schlüsselpositionen im Milliardengeschäft mit dem Fußball die Gremien unabhängig von äußeren Einflüssen entscheiden? Allerdings, so richtig den Beweis führt der SPIEGEL nicht. Plausibilität ist kein Beweis. Viele Dementis der Betroffenen sind eisenhart. Damit ist das heutige Heft ein Ritt auf Messers Schneide: Es kann nur einen geben, der Recht hat. Der DFB oder der SPIEGEL?  Die Aufregung ist groß, und hoffen wir für den SPIEGEL, das er Recht hat und bekommt. Das wäre dann umgekehrt schlecht für den DFB. In diesem Konflikt gibt es nur einen Sieger.

Das Sommermärchen bleibt – eine andere Story gewinnt

Dass das Blatt mit dem Titel Auflage macht, darf bezweifelt werden: So genau wollen deutsche Leser eigentlich gar nicht über die schmutzigen Details informiert werden. Notabene: Das Sommermärchen haben keine Funktionäre gemacht. Das Sommermärchen – das waren die Menschen, die Gastgeber und die Gäste, die gemeinsam feierten. Und das bleibt, trotz alledem ein Sommermärchen, und die Freude damals war berechtigt.

Und wie der Spiegel halt so ist, schüttet Redakteur Markus Feldenkirchen in seinem Leitartikel „Land der Trickser“ sofort sämtliche Kinder mit dem Bade aus. Jetzt sind die Deutschen ein Volk von Betrügern und Tricksern und benötigen dringend eine neue Leitkultur. Wie das? Als Friedrich Merz im Oktober 2000 in der „Welt“ nach einer deutschen Leitkultur rief, übergossen ihn die Hamburger Freigeister mit Spott und Häme ob dieses altväterlichen Denkens. Jetzt schlägt der Spiegel selber vor, dass am deutschen Anstand die Welt genese.

Die Titelgeschichte ist die Nachricht der Woche. Ein journalistisches Meisterwerk dieser Ausgabe ist aber für mich „Die Löwen-Nummer“. Dietmar Hawranek und Frank Dohmen zeichnen detailliert den Wirtschaftskrimi um die im Jahr 2005 beabsichtigte Übernahme von VW durch Porsche nach. Und was bei der Fußballstory fehlt – hier wird es geliefert. Was für ein Prachtstück von investigativem Wirtschaftsjournalismus! Darin kommen so ziemlich alle vor, die in Deutschland an den Schrauben drehen. In der Hauptrolle der abgehobene Porsche-Ex-CEO Wendelin Wiedeking, der von den Medien jahrelang gefeiert wurde und am Schluss laut Spiegel kleinlaut jammert, er sei „kein Kaufmann“, er sei „bloß ein blöder Ingenieur“. Daneben der Patriarch Ferdinand Piech, der mit waghalsigen Tricksereien laut Spiegel zusammenführen wollte, was aus dynastischer Sicht schon lange zusammengehörte. In den Nebenrollen Bundeskanzlerin Angela Merkel, der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, gierige Spekulanten wie Adolf Merckle, managementhörige Betriebsräte, Investmentbanker und natürlich Josef Ackermann, der Master of the Universe, den die Frankfurter Finanzpresse heute wohl nicht mehr – wie im Jahr 2009 geschehen – zum Banker of the Year küren würde. Der Artikel ist eine herrliche Lektüre und bietet Stoff für ein lehrreiches und unterhaltsames Buch über kapitalistische Kapriolen, das Attac-Sympathisanten viel Munition liefern würde.

Der Schatz im Silberfisch

Ein Muss ist für mich in dieser Woche auch der Artikel „Der Schatz im Silberfisch“ von Philip Bethge über die vielen spannenden Substanzen, die Insekten wie der Totengräberkäfer, der asiatische Marienkäfer oder die Maden der Goldfliegen absondern und die von Forschern auf ihren medizinischen Nutzen hin analysiert werden.

Eltern aufgepasst! Zum Staunen sind die Erkenntnisse des schwedischen Psychologen Carl-Johan Forssén-Ehrlin. Im Gespräch mit Kerstin Kullmann zeigt er sich fest überzeugt, dass seine Audio-CD mit der Geschichte über das kleine Kaninchen, das so gerne einschlafen möchte, große und kleine Unruhegeister endlich zum Schlafen bringt.
Wenn das wahr ist – und die Spiegelredakteurin hat die Empfehlung sicher doch geprüft – ist die Menschheit wieder ein Stück weitergekommen. Ich selbst kenne zahlreiche Eltern, die sich freuen würden, wenn ihr Kind beizeiten einschläft.

Elke Schmitter beeindruckt wieder einmal mit einer genialen Kolumne. „Glück ganz nackt“ verbindet genial den künftigen Verzicht des US-Playboys auf die Abbildung weiblicher Akte mit der Verleihung des Nobelpreises an den US-Professor Angus Deaton. Ein Lehrstück über Angebot und Nachfrage, das seinen Bogen bis zur SPD schlägt.

Mein Tipp: Diese Woche den Spiegel lesen, sich aber nicht den damaligen Sommer vermiesen lassen.

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