DER SPIEGEL Nr. 36 Dunkles Deutschland, helles Deutschland – Zwei Manifeste

Wer den Leser nach einem "Nationalkonzept" zur Flüchtlingsfrage letzte Woche zu zwei "Manifesten" in dieser an der Nase herumführt, braucht nicht gelesen zu werden.

Vergangene Woche war es die Forderung nach einem „Nationalkonzept“, diese Woche ist es ein „Manifest“. Der Spiegel versteigt sich. Selbst zwei Titelblätter machen die Titelgeschichte „Dunkles Deutschland / Helles Deutschland“ nicht besser, als sie ist. Geschildert werden auf der einen Seite die Facetten eines freundlichen Deutschlands, in dem die Flüchtlinge willkommen geheißen, und auf der anderen Seite das fiese Deutschland, in dem Flüchtlinge angegriffen und vergrault werden. Auf alle Fälle werden die Deutschen – so viel ist auch den Spiegel-Redakteuren klar – von den anderen EU-Staaten allein gelassen und müssen zusehen, wie sie mit dem Ansturm zurechtkommen. Vielleicht sollten die Bundesbürger das zuvorderst als Kompliment dafür begreifen, wie beliebt, liebens- und lebenswert die Deutschen und ihre Heimat in weiten Teilen der Welt sind.

Dass die Neuankömmlinge neue Ideen mitbringen und Deutschland mit ihnen etwas bunter werden kann, braucht man eingefleischten Spiegellesern nicht erklären. Tun wir doch bitte nicht so, als ob es das „Regebogendeutschland“ nicht schon gäbe – in vielen Städten, in unzähligen Vereinen, in unseren Familien. Da braucht es kein großartig angekündigtes „Manifest“, das nicht hält, was das Wort verspricht.

Ein Manifest, das Selbstverständliches fordert

Jenseits des Leitartikels gibt es zwei Beiträge, die das, worum es im Tiefen unserer Gesellschaft zurzeit geht, klar aufzeigen. Zum einen der hervorragende Leitartikel von Elke Schmitter „Wettbewerb um die Flüchtlinge“, in dem sie die Aspekte jenseits von Vernunft verbalisiert und einen möglichen Paradigmenwechsel skizziert: ein marktwirtschaftliches Instrument, das Kommunen in einen Wettbewerb um die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen bringt, und diejenigen mit den besten Konzepten dafür finanziell belohnt. Zum anderen der Beitrag „Geschlossene Gesellschaft“, in dem Timo Steppat schildert, wie – offenbar systematisch – Fitnessstudios Dunkelhäutige, Kopftuch tragende Muslima und andere, die nicht nach Mainstream aussehen, diskriminieren. Hier geht es nicht um Flüchtlinge, sondern um langjährige Mitglieder unserer Gesellschaft.

Besonders hängen geblieben sind mir in der aktuellen Ausgabe die Interviews mit Bernd Fabritius, seit November 2014 Präsident des Bundes der Vertriebenen, und mit Kanzlerberater, Krisenspezialist und Bollywood-Star Michael Steiner.

Vorneweg das kluge Interview „Heimat kann man mitnehmen“ von Thomas Darnstädt und Klaus Wiegrefe mit Bernd Fabritius über den angemessenen Umgang mit den aktuell kommenden Flüchtlingen und darüber, dass es den Vertriebenen bei ihrer Ankunft Ende der 1940er Jahre im Westen nicht besser erging. Es geht um Toleranz und Integration (aber ohne Assimilation) und darum, dass es selbstverständlich sein sollte, dass die Identität und der Wertekanon der Einwohner die Richtschnur ist und von Zuzüglern verlangt werden kann, integrierbar zu sein.

Das nächste Highlight ist das Interview mit Michael Steiner, 1989 als junger Diplomat Pressereferent in der Prager Botschaft, Krisenspezialist, außenpolitischer Berater von Gerhard Schröder und die letzten drei Jahre bis zu seiner Pensionierung Botschafter in Neu-Delhi. Dass es im drögen Politikbetrieb solch bunte unkonventionelle Vögel gibt, war mir bisher nicht bekannt. Am meisten fasziniert mich die von Steiner kreierte und praktizierte moderne Öffentlichkeitsarbeit, die er mit „Public Diplomacy“ umschreibt, und mit der er den Indern die Deutschen als sympathisches Völkchen nahebrachte. Den gar so ernsten und stets auf Effizienz bedachten Chefs deutscher Großunternehmen täte es gut, wenn ihre Spezialisten für Öffentlichkeitarbeit mehr Sympathiepunkte für Chef und Unternehmen produzierten.

Und schließlich kratz Ralf Neukirch in seinem Essay „Vegetarisch mit Speck“ an meinem Frauenbild. Demnach wissen Frauen es durchaus zu schätzen, wenn ihre Männer die Treppe putzen und Knöpfe annähen. Darüber aber hätten wir Männer es verlernt, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen „move“ zu machen. Ich habe es immer schon vermutet: Frauen wollen lieber einen Mann mit Wagenheber.

Der Spiegel diese Woche: Wer den Leser an der Nase herumführt, braucht nicht gelesen zu werden.

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