Der SPIEGEL Nr. 35 – 40 Jahre Deutscher Herbst

In dieser Woche gedenkt der SPIEGEL zweier Ereignisse, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier die Titelgeschichte 40 Jahre Deutscher Herbst, dort 20 Jahre Tod von Lady Diana.

In dieser Woche gedenkt der SPIEGEL zweier Ereignisse, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier die Titelgeschichte 40 Jahre Deutscher Herbst, dort 20 Jahre Tod von Lady Diana. Beide Gedenktage haben gemeinsam, dass das Recherchematerial zum Ereignis umfassender kaum sein könnte. Wenn sich aber der SPIEGEL solcher Themen annimmt – weil alle anderen Medien es auch tun und man nicht hintanstehen möchte – darf der Leser hohe Erwartungen hegen. In einem Fall wurden meine Erwartungen übertroffen, im anderen Fall bei weitem nicht.

Elke Schmitter analysiert in ihrem Essay „Leuchtender Untergang“ das bürgerliche und das royale Frauenbild, schlägt den Bogen vom Damals zum Heute, knüpft inhaltliche Verbindungen, die man so noch nicht gelesen hat, denen man weiter folgen möchte und bietet damit mehr an als Journalismus, nämlich ein kleines, aber feines Stück Literatur.

Der Titel auf der anderen Seite vergibt die Chance, einen neuen Blick zu riskieren. Das SPIEGEL-Gespräch von Michael Sontheimer „Du sollst nicht töten“ mit dem Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock eröffnet keine neue Perspektive. Da hilft kein Insider-Geplaudere, kein neues Detail, wer von der Mörderbande was wann wie gemacht oder gesagt hat. Die Crux ist, die Redaktion kommt einfach nicht von der Täterperspektive weg. Mit der Titelgeschichte – 40 Jahre nach der Schleyer-Entführung – wird die RAF zu einer historisch relevanten Vereinigung hochgeschrieben, der der SPIEGEL damit einen gewissen Ewigkeitswert zuspricht.

Warum und wie hat beispielsweise die untergegangene DDR die RAF unterstützt? Uneigennützig war der Honecker-Staat in der Regel nicht. Warum musste Detlev Karsten Rohwedder sterben, der Präsident der Treuhandanstalt? Warum wurde Alfred Herrhausen ermordet, kurz nachdem er die angloamerikanischen Banken mit der Forderung nach einem radikalen Schuldenschnitt für die Entwicklungsländer geschockt hatte? In beiden Fällen hetzten interessierte Kreise willige Mörder auf hilflose Opfer. Unwichtige Aspekte? Die Antworten liegen nicht bei dem einzigen Ex-Terroristen, der überhaupt an die Öffentlichkeit geht mit seiner Sicht der Dinge.
Vorangestellt wird dem Gespräch der Beitrag „Strategie des Aufstands“, der Parallelen zwischen der Radikalisierung islamistischer Täter und RAF-Terroristen aufzeigt. Man wird immer Muster finden, die übereinstimmen. Aber die alles entscheidende Frage, warum bei gleichen Lebensverhältnissen der eine sich radikalisiert und der andere nicht, wird zwar formuliert, nachgegangen wird ihr nicht. Wobei: Alles, was die Gefühlswelten der IS-Terroristen betrifft, die sich, sollten sie ein Attentat überleben in Schweigen hüllen, ist Spekulation.

Ach, Spiegel!
Im Übrigen ist Wahlkampf. Das Fernsehduell naht und damit das sogenannte TV-Duell zwischen Amtsinhaberin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz. „Letzte Ausfahrt Adlerhof“ beschreibt, wie das Kanzleramt alles unter Kontrolle halten will und wie schwer sich schon die letzten Kanzlerkandidaten der SPD getan haben, in diesem Format zu punkten. Interessanter ist ein Thema, das hier, aber auch in den Beiträgen „Gern optimistischer Raps“ von Elke Schmitter über die aktuellen Wahlplakate und „Germany für Germans“ von Melanie Amann über den Onlinewahlkampf der AfD beschrieben wird: moderne Wahlkampfkommunikation. Hier die Wohlfühlwelt, dort die Provokation. Die etablierten Parteien leiden plakativ unter Beißhemmung. Bloß nicht konkret werden. Und dürfen sich am Ende nicht wundern, wenn die Provokation die Stimme ist, die den Wahlkampf bunt macht und deswegen gewählt wird.

Seit einigen Wochen gibt es im SPIEGEL einen festen Platz für das Format „Kulturwahlkampf“. Die Redaktion spricht in loser Folge mit Künstlern und Kreativen über die Macht von Bildern, Worten und Gesten. Der Lyriker Durs Grünbein ist leidenschaftlich wenn es um den Unterschied zwischen Poesie und Politiksprache geht. All denjenigen, die immer wieder nach Klartext rufen, hält er entgegen, dass die politische Sprache ein „Spiel von Täuschung, Camouflage und Euphemismus“ sei. Mehr über Merkels „Pausenzeichen“, ihre präzise, doch ungenaue Sprache, über Frank-Walter Steinmeiers neues Lieblingswort „Kitt“ und Politiker, die nur in den seltensten Fällen auch gute Rhetoriker sind in „Das Wort Volk macht mich nervös“.

In „Mehr Geld für Ankara” erfahren wir von Peter Müller und Christoph Schult, dass der milliardenschwere europäische Geldsegen für Erdogan nur dann zu stoppen ist, wenn die anderen EU-Länder mitziehen. Aber auch das Kanzleramt und die Genossen von Sigmar Gabriel im EU-Parlament treten auf die Bremse.

In der „Vermessung der Republik“ präsentiert Markus Dettmer neue Forschungsergebnisse zur Vermögens- und Einkommensverteilung in Deutschland. Die These des Autors: „Die soziale Marktwirtschaft verspricht, dass an ihrem wirtschaftlichen Erfolg alle teilhaben können. Eine neue Studie untersucht, ob Deutschland das Versprechen eingelöst hat.“ Grundlage des Beitrags ist eine Studie, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt hat. Zentraler Indikator ist das inklusive Wachstum, errechnet aus dem Pro-Kopf-BIP, korrigiert um die Einbeziehung von Daten zu Einkommensverteilung und Armut. Wenn etwa festgestellt wird, dass seit Mitte der 1990er Jahre kleine niedrige Einkommen nicht in dem Maße profitieren wie höhere Einkommen, wenn sich der Indikator für das inklusive Wachstum ab Mitte der 1990er Jahre abschwächt, dann kann man die volkswirtschaftlichen Effekte der Wiedervereinigung nicht unthematisiert lassen. Seit 26 Jahren unterliegt die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland Sondereffekten. Stellen wir uns vor, dass wir die ärmsten EU-Länder in derselben Zeitspanne auf unser Wirtschaftsniveau heben würden …

Sie meinen, dass der Sommer es nicht gut mit Ihnen meint? Zu wenig Sonne, zu heiß? Zu wenig Niederschlag, zu viel Regen? Zu kalt? Zu warm? Was das Wetter anbetrifft, wird man es keinem recht machen können. Wir sind anspruchsvoll geworden. Manfred Dworschak hat den Grund gefunden: Unsere Erinnerung spielt uns einen Streich, will immer mehr, als das Wetter halten kann. Und wir erfahren aus kundiger Hand: Es wird nie wieder richtig Sommer. „Die überforderte Jahreszeit“.

Berührt hat mich der Beitrag „33 Millimeter Mensch“. Nicht nur, weil ich an meinen Sohn, an meine Schwiegertochter und den werdenden Enkel denken musste. SPIEGEL-Redakteurin Sandra Schulz hat mich berührt, weil sie und ihr Mann als Eltern bei der Nachricht, dass ihr Kind behindert auf die Welt kommen würde, keiner Frage von Leben und Tod ausgewichen sind und sich am Ende für das Leben entschieden haben, mit der Aussicht, dass es ein sehr kurzes werden würde, und das nun doch schon zweieinhalb Jahre dauert. Willkommen und von Herzen geliebt.

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Kommentare ( 3 )

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Ja, das stimmt. Der Satz zeigt aber auch, wie völlig wirr die Linksgrünen denken, denn der Fehler liegt ja darin, die Typen ins Land gelassen zu haben.

Linksaffin ist dabei noch euphemistisch. Der SPIEGEL hat sich erstaunlicherweise binnen 15 Jahren vom neoliberalen zum linksextremistischen Kampfblatt gewandelt.

Ich finde ihr soltet über diese Schmierballt nicht berichten,es lohnt sich nicht mehr.
Mittlerweile ist die Bäckerblume ein journalistisch wertvolleres Blatt und eine Arbeit beim Spiegel ein schwarzer Fleck im Lebenslauf.

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