DER SPIEGEL Nr. 21 – Heimsuchung

Man fragt sich, wie weit die Lebenswirklichkeit einer SPIEGEL-Redaktion sich von der des übrigen Teils der Bevölkerung entfernt hat, wenn es eines politischen Vorstoßes bedarf, unhaltbare Zustände zu beschreiben.

Es ist immer wieder erstaunlich, wann ein Thema für den SPIEGEL ein (Titel-)Thema wird. Seit Jahren ist die zunehmende Anzahl von Wohnungseinbrüchen manifest, nicht nur im Oderbruch. Brennpunkte und Muster sind bekannt, auch dort, wo es nicht um Nachbarschaftskriminalität im Prekariatsmilieu geht. Seit Jahren werden die Wachen im ländlichen Raum abgebaut. Ein gefundenes Fressen für Banden, die die günstige Verkehrsinfrastruktur nutzen, um dort zuzuschlagen, wo sicherheitsfreie Räume entstanden sind und man sich schnell wieder aus dem Staub machen kann.

Man fragt sich, wie weit die Lebenswirklichkeit einer SPIEGEL-Redaktion sich von der des übrigen Teils der Bevölkerung entfernt hat, wenn es eines politischen Vorstoßes bedarf, diese Zustände zu beschreiben. Inzwischen ist auch in Hamburg angekommen, dass das Sicherheitsbedürfnis von Menschen mit einem Schlagwort wie Law-and-order-Politik nicht zu schmähen ist. Die 10-seitige Titelgeschichte ist solide. Vermisst habe ich die Sicht von Versicherern, einen Blick in die Nachbarländer und einen Hinweis darauf, wie viele Polizisten eingestellt werden müssten.

Von der Einbruchs- und Bandenkriminalität zum Kapitalverbrechen. Reporterin Julia Jüttner hat die Frankfurter Kriminalpolizei bei ihren Ermittlungen zum mutmaßlichen Serienmörder Manfred Seel begleitet. Unaufgeregt beschreibt sie den bisher einmaligen Fall, in dem eine Mordkommission einem Mörder auch noch nach dessen Tod seine Taten nachweisen will. Die Grausamkeit im Vorgehen, die Befürchtung, dass es weitere Opfer gegeben haben könnte, deren Schicksal bisher nicht aufgeklärt wurde, und die Vermutung, dass es Mitwisser oder auch Mittäter gab, lassen die Ermittler nicht aufgeben.

Parteipolitische Themen spart der SPIEGEL in dieser Woche weitgehend aus. Allein Markus Feldenkirchen knöpft sich im Leitartikel „Hintern hoch, Genossen!“ die im Tiefschlaf der nächsten Wahlpleite entgegen zitternde SPD vor und rügt vor allem deren Führungsriege, die SPD-Chef Gabriel alternativlos herumdilettieren lässt.

Jan Fleischhauer geht in „Moment, der Gegner?“ gewohnt routiniert, aber etwas bemüht der Frage nach, wie Politiker und Journalisten mit der AfD umgehen sollen. Apropos AfD: Frauke Petry muss erklären, aus welchem Topf die Gelder für ihr persönliches Presseteam kommen.

Ist die Welt zurück auf dem Weg in einen kalten Krieg? Konstantin von Hammerstein stimmt die Leser mit „Ende des Vertrauens“ auf die Rückkehr alter Zeiten ein, in denen sich die Blöcke wieder waffenstarrend gegenüberstehen. Dazu soll Europa selbst stärker in seine eigene Verteidigung investieren.

In Japan rasselt Premier Shinzo Abe mit dem Säbel und sucht nach einem Weg, die nach Ende des zweiten Weltkriegs von den USA aufgezwungene Entmilitarisierung aufzuweichen, schreibt Wieland Wagner in seinem Beitrag „Der pazifische Nationalist“.

Redakteur Christoph Scheuermann schlich sich bei britischen Brexit-Befürwortern ein, die ihm ihre Herzen öffneten. Daraus wurde eine interessante Geschichte „Im Dienst der Gegner“ aus ungewöhnlicher Perspektive.

Gut lesbar ist der Wirtschaftsteil, allem voran das SPIEGEL-Gespräch „Wir sind die Gejagten!“ von Wieland Wagner und Bernhard Zand mit dem asiatischen Starökonomen Richard Koo, der den Europäern und vor allem den Deutschen die Leviten liest. In der Rubrik Champions von morgen (III) stellt Marcel Rosenbach ausgerechnet ein Projekt aus einem Traditionsunternehmen. „Geheimprojekt Brille“ heißt der Beitrag über eine Innovation des Unternehmens Carl Zeiss, das mit seiner Datenbrille alles besser machen will als Google.

Möglicherweise auch ein Champion von morgen: der Elektro-Hubschrauber im Kleinformat. „Fahrstuhl aus dem Stau“ heißt der Beitrag Christian Wüst über den Volocopter, der mit 18 Rotoren, absturzsicher und leicht zu bedienen sein soll. Ein Massenprodukt wird er wohl nicht werden, da er selbst in Serienproduktion mindestens 100.000 Euro pro Stück kosten soll und man für einen Helikopter-Führerschein etwa 30.000 Euro kalkulieren muss. Immerhin: Wer über den Kauf eines Tesla nachdenkt, hat zukünftig durchaus eine Alternative in luftiger Höhe – und kann jeden Stau unter sich lassen.

Mit Obsession widmet sich der SPIEGEL in regelmäßigen Abständen der Verteufelung der Homöopathie. Auch in dieser Ausgabe wieder. Wirklich neue Argumente werden schon lange nicht mehr ins Feld geführt. Missionarischer Eifer ist kein tauglicher Antrieb für guten Journalismus. Heraus kommt bestenfalls asymmetrische Berichterstattung.

Zum Schluss: In dem als SPIEGEL-Gespräch veröffentlichten Text des sich als allwissend gerierenden Informatikers und Philosophen David Gelernter „Computer träumen nicht“ (Gesprächspartner seitens der SPIEGEL-Redaktion werden nicht genannt) beschert uns scheinbar die Gewissheit, dass es den Menschen nicht gelingen wird, Computer mit einem Bewusstsein zu entwickeln. Schade, zerstört es doch meine Hoffnung, dass Roboter Dewey es schafft, das Biotop in der nun seit 45 Jahren frei im All schwebenden Kuppel aus Lautlos im Weltall am Leben zu erhalten. Schau‘n wir mal.

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