DER SPIEGEL diese Woche – lohnt es sich, ihn zu lesen?

Dem einstigen„Sturmgeschütz der Demokratie“ fehlt heute offenkundig das Gespür dafür, wo es den Deutschen unter den Nägeln brennt. Für die aktuelle Titelgeschichte „Terror im Kopf/Wie die Angst vor Attentaten unsere Freiheit frisst“ gibt es nur dünne Aufhänger und kaum Aktualität.

Die Absage des Radrennens „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ am 1. Mai wegen vermeintlicher Terrorgefahr und der Abbruch des Finales von „Germanys next Topmodel“ nach einer Telefondrohung liegen schon fünf bzw. drei Wochen zurück, die Absage des Braunschweiger Karnevalumzugs schon drei Monate. Bleibt die exklusive Spiegelumfrage zum Thema Terrorismus. Die allerdings kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Bundesbürger die Sicherheitslage ganz offenbar anders beurteilt als Innenpolitiker, Sicherheitskräfte und manche schlagzeilenkräftigen Medien. Der Chefredakteur, der trotzdem das Thema prominent präsentiert, zielt offenkundig nicht auf einen hohen Einzelverkauf am Kiosk. Die Suppe auslöffeln musste die verdiente Edelfeder Dirk Kurbjuweit mit elf Kollegen, die bienenfleißig Fakten zusammentrugen, mit Otto Schily bei einem Ginger Ale sprachen und schließlich nach siebeneinhalb Seiten unrunden Lauftextes für einen immerhin originellen Ausstieg sorgen.

…und das sind unsere Sonntags-Noten von 1 bis 6:

1  Sofort abonnieren
2  Sofort zum Kiosk und kaufen
3  Reicht auch nächste Woche noch
4  Ignorieren
5  Abo kündigen/kommt mir nicht ins Haus
6  Braucht man nicht

Eines der Highlights ist der Leitartikel von Nils Minkmar, der darauf hinweist, dass die Deutschen sich am liebsten verstecken und das Aufräumen – sei es in Serbien, im Irak oder selbst bei der deutschen Domäne FIFA – den Amerikanern und ihrer NSA überlassen. Wäre da nicht auch Selbstkritik notwendig? Schließlich sind es doch vor allem Medien wie der Spiegel, die das allzu forsche Auftreten der USA in Krisen besonders stark kritisieren.

Die Kolumne von Jakob Augstein „Alpha und Ende“ macht neugierig. Aufhänger ist das Buch „Die Unbelangbaren“ von Thomas Meyer (Suhrkamp). Wo gibt es diese geheimnisvollen Alphajournalisten außerhalb des Spiegel? Und welche Macht haben sie wirklich?

Mit Sahra Wagenknecht – sie dürfte mittlerweile von der Toscanafraktion als neues Klubmitglied aufgenommen worden sein – hatte Thomas Hüetlin im Gespräch sein Kreuz. Da hatte er extra Interviewaussagen aus einem Papierkorb des Jahres 1992 geklaubt, ohne erkennbare Wirkung. Das Interview wäre dann interessant gewesen, wenn neue gesellschaftswissenschaftliche Erkenntnisse diskutiert worden wären.

Gisela Friedrichsen schreibt eine einfühlsame Geschichte über die Schweigerin Beate Zschäpe, die nach eigenem Gusto verkannt wird. Kein Wunder, da sie sich doch beharrlich ausschweigt.

Passend zum Abitur, das derzeit landauf, landab von den Gymnasiasten abgelegt wird, gibt es eine Datenanalyse zu den Abi-Durchschnittsnoten der Bundesländer und ein Interview mit dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Manfred Prenzel. Der rät den Hochschulen, ihre Studenten nach anderen Kriterien als dem Notendurchschnitt auszuwählen.

Zudem Pflichtgeschichten (Griechenland), ein sechsseitiger Nachklapp zu Blatter, viel Routine und ab und an etwas Unterhaltsames. Insgesamt zu viele „Männerthemen“ (BND, NSA, Putin, IS etc.) – meint meine Frau.

Gesamturteil: Note 3. Es reicht, wenn Sie nächste Woche mal reinzuschauen.

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