AfD-„Schießbefehl“ gegen DDR-Schießbefehl

Ein Schießbefehl an der Grenze ist abwegig. Der Vergleich mit dem Schießbefehl der DDR, der das Schießen ausdrücklich auch auf „Frauen und Kinder“ anordnete, ist ebenfalls abwegig.

Die Groko-Politik des unkontrollierten Menschenimports läuft auf Hochtouren. Da die Groko keine Lösung parat hat, ist die schrille Debatte über Schusswaffengebrauch an der innerdeutschen Grenze gegen Einwanderer herzlich willkommen. Ein Schießbefehl an der Grenze ist abwegig. Der Vergleich mit dem Schießbefehl der DDR, der das Schießen ausdrücklich auch auf „Frauen und Kinder“ anordnete, ist ebenfalls abwegig. Die AfD-Vorsitzenden hat ihre einschlägigen Äußerungen inzwischen, auch unter dem Druck ihrer eigenen Partei, korrigiert.

Jahrzehntelang hat das grün-linke Lager die DDR als kommode Diktatur gehätschelt und liebkost und den allgegenwärtigen Grenzmord des Regimes ignoriert. 1989 kämpften die Grün-Roten sogar für den Fortbestand der DDR. Jetzt ziehen teilweise noch dieselben Leute den Schießbefehl der DDR heran um die Schusswaffenphantasien der Frauke Petry zu verbösern.

Mitten in Deutschland gab es eine Grenze, auf deren beiden Seiten zwei deutsche Teilstaaten einander gegenüberstanden, die von ihren Bewohnern für hochentwickelte, durchorganisierte, administrativ fitte Gemeinwesen erachtet wurden. Bis heute ist nicht klar, wahrscheinlich auch nicht annähernd klar, wie viele Menschen die untergegangene DDR, gelegentlich deren Überquerungsversuch der mit Selbstschussanlagen und ideologisch hochgerüsteten Grenzbeamten schwer gesicherten Grenze, mit Schießgewehren von der DDR erschossen und konspirativ beseitigt wurden.

Das bei heiklen politischen Themen regelmäßig strauchelnde Nachschlagewerk Wikipedia hat sich auf 100 tote DDR-Flüchtlinge an der Mauer geeinigt und vermeldet etwas verwirrt, dass es zudem 251 Menschen an der DDR-Grenze gegeben hätte, die eines natürlichen Todes(!) an der Grenze gestorben wären. Diese Menschen konnten also deshalb nicht mehr in den Westen machen, um es so zynisch auszudrücken, wie es bei Wikipedia steht, das sich auf das ZZF (Zentrum für zeithistorische Forschung) beruft, weil sie alle zufällig genau an der Grenze kurz vor Erreichen ihres Ziellandes zum Beispiel an einem Herzinfarkt gestorben wären. Das sei nichts Ungewöhnliches, weil die Kontrollen an den Grenzen nun mal so streng, so furchteinflößend und martialisch gewesen seien: „Dies betraf alleine am Grenzübergang im Bahnhof Friedrichstraße 227 Menschen. Herzinfarkte waren dabei die häufigste Todesursache. Die Grenzkontrollen, auch im Transitverkehr durch die DDR, verursachten bei vielen Reisenden Stress, der durch die martialischen Sperranlagen und das strenge, unfreundliche Auftreten der Passkontrolleinheiten hervorgerufen wurde.“

Dieser riesige Quatsch ist also heutige offiziöse Lesart mitten in Deutschland. Wie viele Menschen von der DDR an der Grenze erschossen oder sonst zu Tode gebracht wurden oder sich auf der Flucht verletzten und von der DDR durch verweigerte Lebensrettung sonst ermordet wurden, ist ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, weil es nicht aufgearbeitet und auch jeder Aufarbeitung entzogen wird. Die Schönfärberei der DDR, die für die Mehrzahl der DDR-Bürger vorallem in den ersten zehn Jahren ihrer Existenz auch der materielle Horror war, von dem Horror des Einkerkerns vieler Bürger abgesehen, wird vorallem von der kulturell und politisch herrschenden Westlinken durchgängig auf allen Ebenen betrieben.

Dass an der DDR-Grenze geschossen wurde, schob das linke Lager jahrzehntelang beiseite

Der kulturell Norm setzende Günter Grass bezeichnete die DDR, kurz nach ihrem Zusammenbruch als kommode Demokratie. Die Feststellung, dass die DDR ein Unrechtstaat war, erfordert schon geradezu Mut und erregt regelmäßig den Massenwiderstand der DDR-Schönfärberindustrie, die keinesfalls nur in der Linkspartei fest verankert ist, sondern auch in der westlichen Politik und im westlichen Kulturbetrieb.

Wie menschenverachtend war die Ostpolitik der Egon Bahrs, der bis heute für seine Politik, die wessen Interessen auch immer diente, gelobt wird? Kein grausam an der Grenze verbluteter Flüchtling, kein erschossener Flüchtling war den neuen Ostpolitikern unter Willy Brandt 1969 ff. ein echtes Bedauern wert. Der berühmte ZDF-Magazin-Journalist Gerhard Löwenthal, ein deutscher Jude und Holocaustüberlebender, der während des Krieges das KZ Sachsenhausen überlebte, wurde vom linken Mainstream, der damals noch nicht so hieß, wegen der ausschließlich erweislich wahren, für die DDR ungünstigen Tatsachen, die er berichtete, massiv angegriffen. Westliche Linksradikale bedrohten ihn regelmäßig und drastisch und sein eigener Sender, das politisch schon damals immer korrekter werdende ZDF mobbte ihn und sendete parallel hündische Huldigungsreportagen, wie diese hier von 1972, was damals voll im Trend lag und ganz erheblich zu dem völlig verschrobenen und verklärten Bild beitrug, dass sich die westdeutsche Öffentlichkeit von der DDR bildete.

Gerhard Löwenthal hat mir 2001 in einem langen Interviewgespräch von der linksmotivierten jahrzehntelangen Hetze gegen seine Person anschaulich berichtet. Damals gab es zwei Sender in Deutschland. An den deutschen Universitäten wurde nachgebetet, was die heute noch existierende Sendung Panorama unter ihrem legendären Meinungsmacher Peter Merseburger allmontäglich in die Öffentlichkeit presste.

Wer ein Faktum nannte, welches im ZDF-Magazin gesendet worden war oder gar das ZDF-Magazin als Quelle angab, wurde in etwa so verlacht und angepöbelt, wie wenn er einen Franz-Josef Strauß-Sticker getragen hätte: Volle Meinungsfreiheit. Die westdeutsche Kulturnation saß damals, soweit politisch interessiert, jeden Montag und jeden Mittwoch vor dem Fernseher. Alles, was jung und dynamisch und laut und etabliert war, jubelte dem sicher in bester Absicht handelnden, de facto auf Staatszerstörung hin agitierenden Peter Merseburger – zu.

Die ewig Gestrigen, die Alten, die kalten Krieger, die Revanchisten und die dämlichen Versager kühlten ihr Mütchen, so die Sicht des herrschenden ziemlich linksradikalen Mainstream in den siebziger Jahren, in dem sie einmal in der Woche sich von Löwenthal beruhigen, bestätigen und verführen ließen. Das Ausmaß, in dem Löwenthal mit Unterwanderungsnachweisen, Todesschützen an der Grenze und der Darstellung der sozialistischen Unrechtsstaatsrealität recht hatte, war dem ZDF später peinlich. Bei der weitgehenden Ächtung Löwenthals ist es hingegen geblieben.

Die DDR, das war die Ostpolitik, das war Wandel durch Annäherung, das waren Sprüche wie, wer miteinander redet, schösse nicht aufeinander, was den Ostblock allerdings nicht daran hinderte, SS-20-Raketen zu installieren, die jeden Punkt in Westdeutschland mit nuklearen Sprengköpfen versorgen konnten. Damals Ender der sechziger Jahre/Anfang der siebziger Jahre hatte die Neue Linke, The New Left, sprich die APO-68er-Bewegung ihren Paradigmenwechsel erzwungen und gewonnen und die geistige Herrschaft in der Bundesrepublik übernommen. Wer in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik auf sich hielt, war links, redete linksradikales Zeug, huldigte der DDR, machte die Bundesrepublik schlecht und empfand das fatalerweise alles auch so. Es kam das Bild vom lebensunwerten Westen auf, in dem die Menschen dem Luxus, dem Mammon, der Materialität anheimgefallen wären, während in der DDR das authentische Armutsleben mit der besonderen Gleichheit aller Menschen und der großen Zufriedenheit der Bürger hervorgehoben wurde.

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