Pakistan greift Kabul an: Luftschläge gegen Taliban bringen Region an Rand des Kriegs

Pakistan bombardiert Kabul und Kandahar, der Verteidigungsminister spricht von „offenem Krieg“. An der Grenze wird geschossen, Lager für Rückkehrer geraten unter Beschuss. Während Vermittler anrufen, eskaliert ein Nachbarschaftskonflikt zur Machtprobe.

picture alliance / Anadolu | Mohammad Noori
Symbolbild - Taliban-Soldaten in Kandahar

Pakistan hat am Freitag Ziele in Afghanistan angegriffen, darunter Kabul. In Kandahar waren ebenfalls Jets zu hören. Es ist die weitreichendste Bombardierung der afghanischen Hauptstadt durch Pakistan und der erste Angriff auf den südlichen Machtkern der Taliban seit deren Rückkehr an die Macht 2021.

Islamabads Verteidigungsminister Khawaja Asif nennt das Ergebnis ohne Umschweife „offenen Krieg“. Die Wortwahl ist nicht Nebel, sondern Ansage. Wo Politiker sonst gern in Floskeln flüchten, wird hier die Eskalation zum politischen Programm.

An der Grenze bei Torkham ging der Beschuss weiter. In der Nacht trafen die Kämpfe auch ein Lager, das Rückkehrer aus Pakistan aufnehmen soll. Ein 65 Jahre alter Mann schildert Szenen von Flucht inmitten von Zelten: Kinder, Frauen und Alte rannten. Der neue Schlagabtausch folgte auf einen Angriff afghanischer Kräfte auf pakistanische Grenztruppen am Donnerstagabend. Islamabad hatte zuvor selbst Luftangriffe geflogen. Vergeltung auf Vergeltung, bis niemand mehr behaupten kann, es sei nur ein Missverständnis.

Die Grenzübergänge sind seit Monaten weitgehend dicht. Im Oktober gab es tödliche Kämpfe, mehr als 70 Tote auf beiden Seiten. Der Preis dieser Politik fällt nicht in Konferenzräumen an, sondern an Schlagbäumen, in Dörfern und nun in Lagern für Menschen, die ohnehin schon zwischen den Fronten leben.

Pakistan wirft Afghanistan vor, militante Gruppen nicht zu stoppen, die Anschläge in Pakistan verüben. Die Taliban weisen das zurück. Viele Attacken werden der Tehreek e Taliban Pakistan zugeschrieben, einer Gruppe, die seit 2021 wieder aufdreht. Ein Südasien-Experte spricht von einer „bedeutenden und gefährlichen Eskalation“. Der Kernpunkt ist brisant: Pakistan scheint seine Zielauswahl über die TTP hinaus auszudehnen und die Taliban Führung selbst ins Visier zu nehmen. Damit wird aus Grenzstress ein Machtkampf um Staatlichkeit.

Verhandlungsrunden gab es. Ein Waffenstillstand wurde zunächst von Katar und der Türkei vermittelt, hielt aber nicht. Nach wiederholten Brüchen schaltete sich Saudi Arabien ein und vermittelte die Freilassung von drei pakistanischen Soldaten, die im Oktober gefangen genommen worden waren. Diplomatie als Notarzt, nicht als Architekt.

Auch Iran bietet Hilfe an, China spricht von Zusammenarbeit mit beiden Seiten und ruft zur Ruhe auf, Saudi Arabiens Außenminister telefoniert mit Pakistan. Viele Anrufe, wenig Wirkung. Wenn die beteiligten Regierungen die Eskalation innenpolitisch nutzen, ist „Deeskalation“ nur ein Wort für Pressemitteilungen. In Kabul blieben nach den Angriffen am Morgen die Straßen ruhig. Ramadan Freitag, ein Land im Ausnahmezustand, das trotzdem versucht, Alltag zu spielen. Die Taliban bestätigen die Luftschläge und erklären, es gebe keine Opfer. Gleichzeitig melden sie „großangelegte Offensivoperationen“ an der Grenze als Antwort auf wiederholte Verstöße des pakistanischen Militärs.

Afghanistans Verteidigungsministerium spricht von acht getöteten Soldaten bei der Bodenoffensive. Aus dem Lager bei Torkham wird gemeldet, eine Mörsergranate habe Zivilisten verwundet, sieben Flüchtlinge seien verletzt worden. Zudem steht die Behauptung im Raum, pakistanische Soldaten seien lebend gefasst worden, Islamabad bestreitet das.

Während die Waffen sprechen, läuft im Hintergrund der zweite Krieg: der um Bilder. Kurz nach den Luftschlägen verbreitete sich ein Video einer großen Explosion millionenfach. Die Aufnahme stammt jedoch vom Beginn des Irakkriegs 2003. Das Muster ist alt und wirkt trotzdem, weil es genau in die Nervosität einer eskalierenden Lage passt.

So steht am Ende ein Konflikt, der sich nicht mehr als Grenzzwischenfall verkaufen lässt. Luftschläge auf Kabul, Feuer an Torkham, Verletzte in einem Lager. Wenn „offener Krieg“ ausgerufen wird, ist das keine Metapher mehr, sondern eine Region, die gerade die Kontrolle verliert.

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Kommentare ( 1 )

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Berlindiesel
36 Minuten her

Ich würde eher sagen, dass das Vorgehen Pakistans innenpolitisch motiviert ist. Das Land selbst ist Atommacht, was die offensiven Möglichkeiten der Afghanen deutlich beschränkt. Seit dem Sturz von Imran Khan 2021 regiert das Land eine Regierung, die aus Sicht der meisten Pakistani keine echte Legitimation hat. Die letzten Wahlen gelten als manipuliert. In dieser Hinsicht kommt ein äußerer Feind gerade recht. Dazu muss man wissen, dass es innermuslimische Solidarität südlich des Himalaya nicht wirklich gibt. In ihrer Verachtung der Afghanen als primitive Wilde sind sich alle Pakistani, wenn in sonst nichts, einig. Darum wird ein (nicht zu großer oder verlustreicher)… Mehr