Wenn Chaos Geld bringt

Feind der Golf-Region ist nicht nur Iran, sondern auch Katar. Das 2,7 Mio. Einwohner-Land ist zu selbständig und Iran-freundlich für die mächtigen Saudis und Emire. Sie blockieren die kleine Halbinsel seit einem Jahr, was auch die WM 2022 gefährden soll.

© Getty Images

Auch wenn in Katar derzeit an allen Ecken gebaut wird, modernste Hochhäuser und Hotels im Vorfeld der Fußball WM 2022 aus dem Wüstenboden gestampft werden sowie künstliche Buchten und Yachthäfen, täuscht das nicht darüber weg, dass die politische Situation auf der Halbinsel und in der gesamten Region durch das seit einem Jahr andauernde Embargo gegen Katar gefährlich angespannt ist.

Es werden die Säbel geschliffen

Katarische Studenten sowie Botschafter wurden nach Ausruf der Blockade durch fünf Golfstaaten und Ägypten im Juni 2017 sofort ausgewiesen. Die Isolierung hat das Emirat nicht nur von wichtigen Handelsbeziehungen abgeschnitten, was kurzfristig auch die Preise in die Höhe getrieben hat, sondern es wurde auch der Flugraum für die staatliche Qatar Airways blockiert. Auch der Weg nach Mekka ist den Gläubigen nicht mehr offen. Die offiziellen Gründe für die Blockade: die freundlichen Beziehungen Katars zum Iran, seine angebliche Unterstützung von Isis und die in Katar ansässige, für viele Geschmäcker zu liberale Nachrichtenagentur Al-Jazeera.

Gedanklich werden schon die Waffen und Soldaten an den Grenzen der Wüstenstaaten aufgestellt und das nicht nur wegen des Streits um die relativ guten Beziehungen Katars mit dem Iran: „Unsere Journalisten waren nie gefährdeter als jetzt“, sagt Al-Jazeera CEO Mostefa Souag, der glaubt, dass seine Nachrichtenagentur zur Zielscheibe der vielfältigen Konflikte im Mittlern Osten und Nordafrika geworden ist.

Katar ist zu offen für die Scheiche

„Aber was unsere Nachbarn wirklich stört, ist, dass wir offener und freier sind als sie, gerade bei Frauenrechten“, sagt Souag. Während in Saudi-Arabien Frauen erst seit kurzem Auto fahren dürfen, führen sie in Katar für die dortigen Verhältnisse ein weitgehend normales Leben, das auch Mütter eine berufliche Karriere verfolgen lässt.

Besonders Ägypten geht derzeit hart gegen die in Katar ansässige Nachrichtenagentur und Fernsehanstalt vor, die immerhin 360 Mio. Haushalte mit Informationen in Englisch und Arabisch versorgt und eine Liberalisierung in ihrer Berichterstattung propagiert. Dubai hatte bereits vor geraumer Zeit inoffiziell mit Bombenanschlägen auf Al-Jazeera gedroht. Harte Sicherheitsvorkehrungen am Eingang des News-Imperium sollen mögliche Anschläge verhindern.

Krieg durch Investitionen verhindern

Die spanische Sicherheitsexpertin Carmen Chamorro glaubt dagegen, dass der ganze Konflikt auf einem Machtspiel der Saudis basiert, wobei vor allem Geld ein Rolle spielt: „Es gab schon immer eine enorme Rivalität mit Katar: der eine Teil der Golfstaaten lebt vom Öl, der andere vom Gas. Gas ist aber derzeit einfach die stabilere und zukunftssichere Einnahmequelle, was Katar in eine bessere Position gegenüber den Saudis versetzt“.

Besonders die WM 2022 sei den Nachbarstaaten ein Dorn im Auge, weil sie erlaube, dass Katar der globalen Wirtschaft sein internationales und modernes Gesicht zeige. „Gleichzeitig kann das Land auch für seine steuerlichen und wirtschaftlichen Vorteile für Ausländer werben“, sagt Chamorro. Katar ist de facto ein Steuerparadies und das ist die beste Waffe gegen das Machtspiel der Scheiche am Golf: „Wir haben unsere diplomatischen Verbindungen zu anderen Ländern der Welt verstärkt und damit diversifizieren wir die Gleichgewichte hier“, sagt Hend Bader Darwish Fakhroo von der Qatar Foundation, die staatliche Stiftung welche Unis, Bibliotheken und Technologie-Entwicklungen im Land finanziert: „Wir leben vom Gas, aber wir wollen wie Norwegen unsere Zukunft auf Wissen basieren und nicht nur auf Energiequellen“, sagt die junge Katarerin.

Auf Isolierung reagiert Katar mit Öffnung

Wegen des Wegfalls von Touristen aus den Golfstaaten hat das Emirat Visa für 80 Nationalitäten aufgehoben. Skandale über sterbende Arbeiter auf den Baustellen der WM 2022 versucht das Land durch die Einführung strikter Sicherheitsvorkehrungen und gezielter Imagekampagnen zu entkräften. Es wurden Architekten und Ingenieure aus anderen Ländern abgeworben, um Fehler bei Sicherheit, Technik und Kommunikation zu korrigieren.

Mit der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung Katars und der politischen Isolierung in der Region, stellt sich das Emirat natürlich auch zunehmend die Frage: „Warum sollte Iran keine Nuklearwaffen besitzen, wenn Israel auch Nuklearwaffen hat?“. Aber der gesamte Konflikt geht nach Meinung von Experten weit über den Iran und die aktuelle Situation Katars hinaus. In dem als Kinderspiel anmutenden Machtkampf ist es schwierig zu verstehen, wer hier der Schuldige ist. „Aber man kann Katar sicherlich viel vorwerfen, aber nicht, dass sie nicht modern sind“, sagt der langjährige spanische Fernsehkorrespondent Javier Martín, der die Region sehr gut kennt.

Saudis waren schon immer neidisch auf Katar

Die Spannungen begannen mit Emir Hamad bin Khalifa al-Thani, der sich nicht mehr der saudischen Dominanz in der Region unterwerfen wollte. Seit seinem Antritt 1995 hat Katar eigene Wege eingeschlagen, dazu gehört auch: Universitäten einführen, mehr Rechte für Frauen, was die Nachbarn unter Druck gesetzt hat, auch wenn Katar noch viel Arbeit vor sich hat, wollen sie ihre Smart City Projekte für reiche Ausländer mit Leben füllen und müssen deswegen die WM nutzen, um Firmen und reiche Leute aus aller Welt nach Katar zu bewegen.

Damit sich reiche Amerikaner, Deutsche und Englänger in einen Wüstenstaat verlieben, dessen Klima nahezu unerträglich ist, müssen sie sich jedoch noch weiter öffnen und vor allem den Frauen und auch den 2,5 Mio. Ausländern im Land, die meisten davon Bauarbeiter aus Indien, Bangladesch, den Philipinen und Sri Lanka, gleiche Rechte geben. „Die Situation hier ist besser als in den Nachbarstaaten, aber beim Gehalt und anderen Dingen gibt es große Unterschiede zu den Einheimischen. Es gibt auch keine freie Meinungsäußerung. Wer hier wie ich für den Staat arbeitet, muss aufpassen, was er sagt“, sagt eine dort angestellte Ausländerin, die deswegen auch nicht genannt werden will.

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Kommentare ( 10 )

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Jo_01
6 Jahre her

Katar ist nicht angeblich einer der wesentlichen Terrorfinanzierer des IS, sondern neben den Saudis DER Terrorfinanzierer. Und natürlich ging und geht es um die Pipeline-Route zum Verkauf des katarischen Erdgas nach Europa, die durch Syrien führen müsste. Das wäre den Russen – aus deren Sicht verständlich – nicht so recht gewesen, denn sie wollen selbst möglichst viel Erdgas nach Europa verkaufen. (Nordstream2 steht kurz vor der Fertiggstellung) Also hat das schon Jahrzehnte mit Russland verbündete Syrien unter Assad zu einer katarischen Pipeline „nein“ gesagt. Und kurz danach beginnen „Aufständische“ eine Revolution anzuzetteln… Im benachbarten und von den Amerikanern unter Bush… Mehr

Th.F.Brommelcamp
6 Jahre her
Antworten an  Jo_01

Ja die Amis! Das weiß man schon aus der Aktuellen Kamera und jetzt halt aus den Nachfolge Medien.
Der Rest ist schon richtig, das Obama die im Irak, Syrien lebenden Sunniten dem Iran geopfert hat. An seinen Deals knabbert der Nahe Osten heute noch.

Th.F.Brommelcamp
6 Jahre her

Bisher habe ich den deutschen Journalisten nicht zugetraut professionell und objektiv von innermoslemischen Streit zu berichten. Zu wenig Sachkenntnis und zuviel Halbwissen. Auch plumpe Propaganda war oft den jeweiligen Zeitgeist in Deutschland geschuldet. Aber bei Ihnen Frau Müller, wird selbst die Emanzipation der Frauen beleuchtet. Schade das Katar nicht die neue Heimat der vielen moslemischen Refugees geworden ist, wo dort auch so ein Fachkräftemangel herrscht. Hoffentlich sind uns die Qataries nicht böse, dass unsere Merkel sie vor ihrer der Nase weggeschnappt hat.

Kassandra
6 Jahre her
Antworten an  Th.F.Brommelcamp

Eben. Dort herrscht Fachkräftemangel. Was hätten die mit denen getan, die zu uns kamen?

Th.F.Brommelcamp
6 Jahre her
Antworten an  Kassandra

Und ich Dummerle dachte immer, das die SPD/Grüne/Linken/Merkel sagten es kämen viele Fachkräfte! Und noch letztens kam in den Medien wie froh die Unternehmen sind. Nicht nur die, die daran verdient haben, sondern auch die Kirchen, Anwälte und NGO’s

Jo_01
6 Jahre her
Antworten an  Th.F.Brommelcamp

Nein, die sind faire Verlierer und gönnen uns diesen epochalen Schachzug zur Sicherung unserer Renten im Land der alten, weißen Männer.
Im Ernst: In 30, 40 Jahren ist hier den Boden für den Islam so weit vorbereitet, dass die Kataris, die Türken und so mach andere mehr, dieses europäischen Ländereien ohne Widerstand übernehmen können. Erst wirtschaftlich, dann später auch sachlich. Ganz ohne reguläre Armee, denn diese Revolution findet in den Kreißsälen statt…

Th.F.Brommelcamp
6 Jahre her
Antworten an  Jo_01

Japp, der Drops ist gelutscht.

bkkopp
6 Jahre her

Ein sehr wohlwollender Bericht. Eine arabische, absolute Monarchie, wie jede andere in der Region auch, ist in staats- und rechtspolitischen Elementen mit einem Bein irgendwo zwischen Mittelalter und einem schon vor 200-300 Jahren aufgeweichtem Absolutismus. Für die überwiegende Mehrheit der Fremdarbeiter herrschen vorindustrielle Bedingungen. Öl-Arabien eben.

Falk Kuebler
6 Jahre her
Antworten an  bkkopp

Wohlwollend Ja, aber vielleicht nicht Wirklichkeits-verfälschend? Wir dürfen nicht die Massstäbe des Westens anlegen, und wenn „aufgeklärte“ absolute Monarchen Fortschritt bringen, dann sollten wir das mMn anerkennen. So wie sie ein Deng Xiaoping für ein China gebracht hat, das er von einem Drittweltland an die Schwelle zur Supermacht gebracht hat. So sehr sogar, dass es uns jetzt schon wieder Kopfschmerzen bereitet…

bkkopp
6 Jahre her
Antworten an  Falk Kuebler

Zur Wirklichkeit gehört auch, dass die Arbeiter in China Chinesen sind, die sich früher oder später eine politische und wirtschaftliche Partizipation erstreiten und damit einen gesellschaftlichen Fortschritt erzielen. In Öl-Arabien sind es mehrheitlich Ausländer, ohne jede Rechte, die jederzeit ausgewiesen werden können, und schon bei krankheitsbedingten Fehlzeiten auch werden. Nur weil Beckenbauer in Katar keine Sklaven gesehen hat bedeutet nicht, dass es in der Region nicht Millionen davon gibt.