„Ich halte nichts von diesen Ängsten“

Von 1985 bis 1993 war Garri Kasparow offizieller Schachweltmeister. Nach dem Ende dieser Karriere war er in der russischen Oppositionsbewegung aktiv. Kasparow war der erste Schachweltmeister, der gegen einen Computer verlor. Er befürwortet den Einsatz von künstlicher Intelligenz

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Tichys Einblick: Herr Kasparow, sind Sie dümmer als ein Computer?

Garri Kasparow: Wollen wir Äpfel mit Birnen vergleichen? Menschen und Maschinen als gleichwertig betrachten? Wenn wir über die Dummheit von Menschen sprechen wollen, bin ich nicht glücklich. Ich halte mich für smart, aber ich hatte auch immer viele Mängel. Menschen können außergewöhnlich stark sein beim Klavier-, Schach- oder Fußballspielen. Es macht sie allerdings anderen Menschen intellektuell nicht überlegen.

Als der Supercomputer Deep Blue Sie 1997 besiegte, galt das als Zeitenwende im Schachspiel. Warum haben Sie damals verloren?

Maschinen können uns bei allen möglichen Spielen schlagen, weil sie weniger Fehler machen. Sie sind nicht abhängig von Wetterlagen, familiären Umständen oder Börsenschwankungen. Sie spielen einfach das Spiel. Menschen können die Konzentration verlieren, auch die Besten unter uns können krasse Fehler machen. Ob Schach oder andere Spiele, Maschinen können alles dominieren, was als ein geschlossenes System definiert werden kann. Sind sie deshalb intelligent? Nein. Ich halte nichts von all diesen Ängsten, dass uns sogenannte künstliche Intelligenz eines Tages dominieren wird. Es gibt nicht den geringsten Beweis, dass dies
in vorhersehbarer Zukunft passiert. Maschinen, die von Menschen erfunden wurden, machen uns nur noch kreativer. Sie können gewisse Arbeiten erledigen, werden Autofahren können. Aber sie können Wissen nicht von einem geschlossenen System zu einem anderen übertragen. Das bleibt immer noch ein menschliches Privileg.

Müssen wir unser gängiges Verständnis, dass der Mensch intelligent, die Maschine dumm ist, überdenken?

Wir könnten stundenlang über die Bedeutung von Intelligenz debattieren. Und sind dann wahrscheinlich immer noch unterschiedlicher Meinung. Maschinen sind weder dumm noch intelligent. Ihre Art, Entscheidungen zu treffen, ist anders. Können sie intelligente Entscheidungen treffen? Absolut. Das heißt nicht, dass sie intelligent wären, sondern dass sie von Millionen Optionen eine wählen, die weniger gefährlich oder produktiver ist als andere.

Sie sprachen gerade von „sogenannter“ künstlicher Intelligenz. Warum?

Ich mag den Begriff nicht. Ich spreche lieber von Augmented Intelligence (AI, erweiterte Intelligenz). Künstliche Intelligenz klingt wie ein Feind, wie Aliens, etwas, was nicht menschlich ist und mit uns konkurriert. „Erweitert“ klingt freundlicher und ist präziser. Es beschreibt eine Kooperation. AI hilft, unser Entscheidungssystem und unsere kognitiven Fähigkeiten zu verbessern. Ich lehne es ab, AI als etwas zu sehen, was mit uns konkurriert. So etwas gibt es nur in Hollywoodfilmen.

Ist AI nur gut oder auch böse?

Jede Technologie wurde immer schon für beide Zwecke benutzt, leider auch für Waffen. Weil es viel einfacher ist, eine Atombombe zu bauen, als einen Atomreaktor. Sie können die menschliche Neugier nicht stoppen und auch nicht das Investieren in neue Dinge. Jede disruptive Technologie ist zunächst einmal strittig. Es geht darum, wie wir sie benutzen. Wir können ein Skalpell benutzen, um eine sehr präzise chirurgische Operation durchzuführen und ein Leben zu retten. Und wir können ganz einfach jemanden mit einem Skalpell töten. Maschinen sind nur ein Werkzeug. Das Problem ist nicht, dass sie teuflisch sein können. Das Problem ist, dass wir viele Menschen auf der Erde haben, die AI für teuflische Zwecke nutzen möchten. Wir sollten uns über schwere Jungs, Diktatoren, Terroristen Gedanken machen statt über Tötung per Roboter. Überlassen Sie das Hollywood. Wir wollen lieber die positiven Dinge betrachten. AI hilft uns, länger zu leben, kreativer zu sein. Leider sind wir dabei nicht ambitioniert genug.

Wie meinen Sie das?

Wir betreiben zum Beispiel die Erfor­ schung des Alls und der Tiefsee nicht engagiert genug. Wir wollen keine neu­ en Risiken eingehen. Damit meine ich nicht nur Flüge zum Mars, sondern das Erschließen neuer Themenfelder. Ein Marsflug kann den Gewinn neuer Medi­ kamente oder Nahrung bedeuten. Viel­ leicht finden wir etwas, was Öl ersetzen kann? Aber wir sind zu ängstlich, um solche Chancen von AI und Maschinen mit finanziellen und wissenschaft­ lichen Ressourcen wirklich intensiv zu betreiben.

Spielen Sie eigentlich noch oft gegen eine Maschine?

Wozu? Das ist etwa so, als würde Usain Bolt neben einem Ferrari herrennen. Soll man gegen Maschinen kämpfen? Es gibt vier Phasen im Umgang mit dem Computer. Erstens: Sie schauen ihm zu – das ist doof. Zweitens: Sie spielen mit ihm – das ist primitiv. Drittens: Sie wetteifern mit ihm – das dauert nicht lang. Viertens: Sie sehen ein, dass Ma­schinen besser sind.

Sitzt die Niederlage gegen Deep Blue noch wie ein Stachel in Ihrem Fleisch?

Nein. Ich träume nicht mehr davon. Es war das erste Spiel, das ich je ver­lor. Ausgerechnet gegen eine Maschi­ne – das hatte schon etwas Paradoxes. Diese Geschichte war ein Riesending weltweit. War es Fluch oder Segen? Ich würde sagen, ein Segen. Ich war Teil eines wichtigen Moments der Wissen­schaft. Das war inspirierend für meinen weiteren Weg.


Garri Kasparow, geboren 1963 in Aserbaidschan, ist ein sowjetischer bzw. russischer Schachweltmeister armenischer Abstammung. 2014 nahm er die kroatische Staatsbürgerschaft an. 2005 beendete der ehemals jüngste Schachweltmeister aller Zeiten und Weltranglisten-Erste seine Profikarriere und agiert seitdem als russischer Oppositionsaktivist. Er ist Co-Gründer der russischen Oppositionsbewegung Solidarnost. Zudem fungiert er als Sicherheitsbotschafter des Softwareunternehmens Avast. Kasparow lebt in New York.

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Kommentare ( 36 )

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36 Kommentare auf "„Ich halte nichts von diesen Ängsten“"

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Das, was man z.Zt. unter KI versteht, ist soviel ich weiß “schwache” KI, also eher die Fähigkeit des Computers aus einer Unsumme von Daten statistisch vernünftige Ergebnisse zu erzielen. Z.B. bei Amazon: Wer Mozart hört, hört auch Haydn. Amazon liefert diese Ergebnisse nicht durch Allgemeinwissen, sondern durch die Analyse der Kundendaten. Da ist natürlich ein Rechensystem dem Menschen immer überlegen. Ich glaube das Konkurrenzverhalten gegenüber dem Computer liegt eher in der Furcht, dass der Computer irgendwann mal ein Bewusstsein seiner selbst entwickeln könnte. Was passiert also, wenn HAL vom Baum der Erkenntnis einen virtuellen Apfel bekommt?

Ich glaube, die Rolle von Bewusstsein wird bei dieser Fragestellung überschätzt. Und wir verstehen ja auch gar nicht, was Bewusstsein ist. Könnten Menschen vielleicht auch völlig unbewusst all die Dinge tun, die ein normaler Mensch eben so tut? Aber wir verstehen sehr gut, dass all unsere bewussten oder unbewussten Handlungen und die dahinterliegenden Denkprozesse durch unsere genetische Veranlagung und damit durch unsere evolutionären Anforderungen gesteuert werden. Ein Betrüger betrügt mich ja nicht um des Betrügens willen, sondern um durch das Ergebnis der Betrugshandlungen die dingliche Befriedigung seiner eigenen Triebe zu fördern. Einer Maschine, die wie es langfristig wohl wünschenswert ist,… Mehr

Angst habe ich mehr vor fehlender Intelligenz wie bei der amtierenden Staatsratsvorsitzenden.

Wieso glaubt Kasparov, er wäre Experte für künstliche Intelligenz? Soweit Wikipedia darüber Aufschluss gibt, scheint er nicht mal eine Berufsausbildung zu haben. Dadurch ist er zwar bestens geeignet für sein derzeitiges Betätigungsfeld, der Politik, aber um solche Sprüche wie „Maschinen können alles dominieren, was als ein geschlossenes System definiert werden kann“ einzuordnen, braucht man doch ein bisschen mehr reale Bildung. Geschlossene Systeme gibt es höchstens in der Mathematik. Da er als Schachspieler natürlich der Mathematik nahe steht, hat sein gewohnheitsmäßiges Denken diesen Spruch als universelle Wahrheit „gefühlt“. Tatsächlich ist aber die Frage, ob der Anwendungsbereich eines Computerprogramms zu einem so… Mehr

Das ist der für mich wichtigste Satz:
„Ich halte nichts von all diesen Ängsten, dass uns sogenannte künstliche Intelligenz eines Tages dominieren wird. Es gibt nicht den geringsten Beweis, dass dies in vorhersehbarer Zukunft passiert. Maschinen, die von Menschen erfunden wurden, machen uns nur noch kreativer. Sie können gewisse Arbeiten erledigen, werden Autofahren können. Aber sie können Wissen nicht von einem geschlossenen System zu einem anderen übertragen. Das bleibt immer noch ein menschliches Privileg.“
Und darin:
„Aber sie können Wissen nicht von einem geschlossenen System zu einem anderen übertragen.

KI gibt es nicht und wird es nicht geben. Intelligenz ist die Fähigkeit durch Kreativität und Nachdenken Neues zu erschaffen. Software, gleich welchen Umfangs und gleich welcher verwendeten Rechenleistung, ist nur dazu in der Lage schneller und umfassender zu vorab eingegebenen Ergebnissen zu kommen (siehe Schach) weil der Speicher und die Verarbeitung des Speichers schneller und zuverlässiger geht als beim Menschen oder Individuum. Das, was uns als KI verkauft wird (z.B. autonomes fahren) hat mit Intelligenz gar nichts zu tun. Auch die sogenannten „Smart Houses“ sind keine smarten Häuser….sondern einfach nur mit (recht einfacher) Steuersoftware ausgestattet. Es ist weder intelligent… Mehr

Vielleicht doch erst einmal informieren was KI eigentlich ist, bevor man sagt, dass es sie nicht geben wird. Ab und an den Horizont zu erweitern kann sehr belebend sein.

Dann fangen Sie am besten zeitnah damit an.
Der Kommentator „fatherted“ liegt im Übrigen zu 100% richtig, KI ist nichts anderes als von Menschenhand geschriebene Software.
Ach ja und noch etwas dazu, lustigerweise reden oftmals diejenigen am meisten über die künstliche Intelligenz, bei denen die natürlich Form derselben eher mager ausgeprägt ist.

Ja, ein paar ganz nette Gedanken. Aber ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass Kasparow Ahnung von künstlicher Intelligenz oder Wissenschaft im allgemeinen hat. Man wird echte KI bauen und das noch zu Lebzeiten vieler hier anwesender. Maschinen die lernen können, die mit der Zeit klüger werden. Die werden auf neuer Hardware basieren. Memristoren sind da z. B. ein spannender Ansatz. Mit diesen Bauelement erhofft man die Entwicklung neuromorpher Computer. Eine Synapse, also der Spalt zwischen Axon und Dendrit, erinnert wie oft und wie stark sie Signale übermittelt hat, wodurch die synaptische Verknüpfung stärker oder schwächer wird. Das ist die… Mehr

Spiel mit einem neuronalen Netzwerk > https://quickdraw.withgoogle.com/
Eine KI hat 20 sec. Zeit zu erraten, was sie gerade auf dem Bildschirm zeichnen. Erstaunlich!

Die Überschrift „Ich halte nichts von diesen Ängsten“, ist völlig korrekt und Garry Kasparov ist ein intelligenter Mann. Intelligenz ist aus der Struktur des Gehirns heraus nicht erklärbar. Es gibt noch nicht einmal eine allgemein anerkannte Definition der Intelligenz. Wie soll aber etwas künstlich erzeugtes in die Welt kommen, dessen Bauplan, Funktion und Definition noch garnicht verstanden wird ? Solange niemand diese Geheimnisse der Natur kennt, kann sie auch niemand nachbauen und desshalb besteht auch keine reale Gefahr. Eine mehr oder weniger geschickte Implementierung von Finite State Machines per Software, ist noch lange keine künstliche Intelligenz, so verblüffend und vielversprechend… Mehr

Man lernt aber immer mehr über die Funktion des Gehirns, siehe z.B. hier (https://www.spektrum.de/news/warum-sind-manche-menschen-intelligenter-als-andere/1728022).

Die Simulation von Vorgängen im Gehirn wird uns weitere Erkenntnisse liefern. Der Versuch künstliche Intelligenz zu entwickeln wird uns viel über die Funktionsweise des Gehirns lehren.

Bei allem Respekt, aber der Herr Kasparow hat offenbar keine Ahnung von „künstlicher“ Intelligenz. Er betrachtet lediglich den Stand sogenannter starker KI. Allein der Begriff erzeugt bzw. enthält schon ein Definitionsproblem. Herr Kasparow verwechselt dem Interview nach die aktuell immer noch quasi dummen (Statistik-)Automaten, die wie absolute aber beeindruckende Fachidioten daherkommen, mit dem was die nächsten fünf Jahre noch an Entwicklung bringen werden, bzw. möglich wäre wenn ihre offenbar weniger intelligenten Entwickler sich nicht gleich wieder auf die Monetarisierung des aktuellen Standes (wie in der zuvor vergangenen Dekaden langen thematisch einschlägig fortschrittsfreien Phase) konzentrieren würden. Ich hätte da bspw. etwas… Mehr

Als das Auto um 1900 seinen Siegeszug antrat, wurden ähnliche Diskussionen geführt. Manche Befürchtungen bewahrheiteten sich, manche nicht und es passierten Dinge, die nicht vorausgesehen wurden.
Es gibt schlimmere Sachen als Technik, nämlich Menschen, die sie kontrollieren.

Schlimmer noch als die Sachen, die wir kontrollieren, sind die Sachen, die wir nicht kontrollieren (können oder wollen), also gewissermaßen… Alles.