Die Unordnung ist die Ordnung

Wer sich Sorgen macht, was aus Israel ohne eine Mehrheits-Regierung nach zwei Wahlen wird und ob Benyamin N. vor Gericht muß oder nicht, kann sich getrost weiterhin Sorgen machen. Der Kern Israels ist am Beginn des Jahres 5780 gesund.

© David Silverman/Getty Images

In Berlin schreien arabische Verbal-Terroristen getarnt als Rapper „Verbrennt Tel Aviv“ (eine Demo am Brandenburger Tor konnte verhindert werden) und Muhammad Saud schickt aus der saudischen Hauptstadt Riad klangvoll-sympathische Rosh-Hashana-Lieder an seine Freunde in Israel. Zu Beginn des Neuen Jahres 5780 fällt auf: die Fronten verändern sich, Israel kann auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Die Nachbarn müssen sich jedenfalls mehr Sorgen machen.

Die westlichen Medien – Israel eingeschlossen – überschlagen sich in ihren Kommentaren wegen zweier Parlaments-Wahlen, die keinen Ausweg aus dem politischen Patt vorgeben. Israel sei gespalten und zerrissen, konstatieren die Krawattenträger in TV-, Radio-Studios und Zeitungsredaktionen mit sorgenvoller Miene und prophezeien Schlimmes. Na, was haben sie erwartet?

Etwas anderes als in israelischen Büros, Supermärkten, Kneipen, Schulen und Fußball-Stadien täglich Usus ist? Die wortreich laut-gelebten Gegensätze sind Ausdruck der 4.000-jährigen jüdischen Geschichte, die Israel stolz schultert. Die Unordnung ist die Ordnung. Oder wie es Albert Einstein, dem 1948 das Amt des israelischen Staatspräsidenten angetragen wurde, formuliert hat: ein unordentlicher Schreibtisch ist Zeichen eines unordentlichen Gehirns. Was ist dann ein leerer Schreibtisch?

Die 6.421 Start-ups, 1.785 wissenschaftlichen Projekte und 376 multinationalen R&D-Labors (Quelle: SNC) sind im israelischen Chaos gewachsen, das von Juden aus 70 Ländern mit Jahrtausende alten Kulturen, Sprachen und Mentalitäten dirigiert wird. Die derzeit interessanteste Frage lautet nicht „Benyamin oder Benny“ (Netanyahu oder Gantz), sondern, wieso sind sündteure Restaurants in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa sieben Tage die Woche ausgebucht und warum zahlen im abgelaufenen Jahr über 4 Millionen Besucher mitunter 300 US-Dollar für ein Hotelzimmer pro Nacht mit gewöhnungsbedürftigem Service. Für das gleiche Geld bekommen sie eine Woche Mallorca oder Ibiza, manchmal Flug inklusive.

Was lockt sie nach Israel trotz der Polizei-Kontrollen wie zum Beispiel am Flughafen München, die Menschen und Gepäck einzeln durch ein CT schieben und erlebnishungrigen Touristinnen 103 ml Eau de Cologne gnadenlos aus der Handtasche reißen, weil laut Amts-Verordnung nur 100ml erlaubt sind. Dennoch, sie kommen alle: Geschäftsleute, Politiker, Priester und Nonnen, Bi- und Homosexuelle, Wanderer und Radfahrer, Surfer, Sonnenhungrige, Weintrinker und Investoren. Sie kommen mit Fragen und kehren mit mehr Fragen als Antworten nach Hause zurück.

Wie kann es sein? Ein Land, umgeben von Feinden, die lieber heute als morgen das verwirklichen würden, was vermeintliche Rapper am Brandenburger Tor in bereitgestellte Mikrophone rufen wollen. Wie kann es sein, dass in Nachrichtensendungen (Nechemya Shtrassler, Channel13) gestritten wird, wieso das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2019 nur noch 3,1 Prozent beträgt. 2014 waren es noch fünf Prozent. Von solchen Sorgen können selbst EU- und OECD-Länder nur träumen. Wer in Tel Aviv und Jerusalem in diesen Tagen in den Himmel schaut, sieht mehr Baukräne als Wolken. Israels Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist höher als das der Nachbarländer Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten zusammengerechnet, immerhin die 15fache Bevölkerung. Das 370 Milliarden US-Dollar-BIP wird in Israel erwirtschaftet. Die US-Militär- und Wirtschaftshilfe liegt unter drei Milliarden und die Spenden der Juden weltweit sind für Universitäten und Museen wichtig. Wirtschaftliche Bedeutung haben diese Beträge so gut wie keine.

Neun Millionen Israeli, Juden, Araber, Drusen, Beduinen, Christen, Ungläubige und kaukasische Tscherkessen sind im Durchschnitt gut gebildet und fleißig, den Rest macht der Wettbewerb in einer lebendigen Marktwirtschaft. Auch für links-grün Angehauchte und unpolitische Frauen hat Israel etwas im Angebot: 60 Prozent des Weltmarktes für hochwertige Majoul-Datteln, die größte Thermo-Solar-Anlage der Welt sowie die weltweit ertragreichsten Meerwasser-Entsalzungsanlagen und jede Menge Jojoba-Öl gegen Altersfalten. Ein soziales Netz ist vorhanden, aber es ist großmaschig, zum Ausruhen mit 55 plus lädt es nicht ein. Arbeiten unter Zeitdruck bringt Leistung und die ist in Israel an jeder Ecke zu spüren.

Diejenigen, die sich um Israels Demokratie sorgen, sollten sich bei aller Kritik vor Augen halten, dass sie wochenlang von Tel Aviv aus mit ihrem SUV in Richtung Osten fahren müssten (wenn sie dürften), ohne ein Land anzutreffen, das das Wort „Demokratie“ in ihrem Wortschatz führt. Unter dem Radar vieler westlicher Medien und Politiker findet eine wachsende Annährung zwischen Israel und ölexportierenden arabischen Regierungen statt, die sich auf eine Zukunft ohne sprudelnde Ölquellen einstellen. Sie verstehen inzwischen die Sinnlosigkeit der „Tod Israel“-Rufer, deren Smartphones ohne Algorithmen, die in Israel entwickelt werden, nutzlose Teile aus Plastik, Alu und Glas wären.

In gleichem Maß, in dem sich Saudis, Quataris, Kuwaitis, Omanis und Emiratis Israel annähern, entfernen sich Palästinenser von ihren selbsternannten Führungen wie PLO, Hamas und Hisbollah. Sie erkennen immer mehr, dass Milliarden Hilfsgelder in die Taschen einiger Weniger fließen. Die Zwei-Staaten-Lösung ist nur Vorwand und dient als Leerformel. Für Terror reicht es allemal. Aber es ist ein Terror, der ihren Förderern wenig Früchte bringt, wie aktuelle Zahlen belegen. In diesem Jahr beklagt Israel rund 20 Opfer (2002: 400). Für die Betroffenen und ihre Familien eine Katastrophe, politisch eher unbedeutend. Israel erfreut sich an 196.000 Neugeborenen, einem Wachstum von zwei Prozent. Auch hier ist Israel führend im Vergleich zu EU- und OECD-Ländern. Es sind israelische Frauen, die eine durchschnittliche Geburtenrate von 3,1 aufweisen. Dazu tragen auch säkulare Frauen bei, die nicht selten drei bis vier Kinder haben.

Woher kommt die Kraft im erfolgreichen Land der Juden? Bedrohung macht erfinderisch, erklärt die veröffentlichte Meinung. Bedroht sind auch Irak, Iran und Syrien, seit Jahrzehnten bekriegen sich nicht nur Sunniten und Schiiten. Aber eine der größten High-Tech-Messen weltweit, die vom Münchner BURDA-Verlag initiierte Digital-Life-Design-(DLD)-Messe kommt seit Jahren regelmäßig neben München, New York und Singapur auch nach Tel Aviv. Damaskus, Bagdad oder Teheran ist auf der High-Tech-Landkarte keine Adresse. Oder hat schon jemand gehört, dass ein zielstrebiger Student der Computer-Wissenschaften Interesse an einem Sommersemester irgendwo in Syrien, Irak oder Iran anmeldet?

Woher kommt die Kraft in Israel? Juden sind ein Volk des Lernens, neugierig und gierig nach Wissen. Nur so konnten sie überleben. Allen voran die Schwarzhut- und Bartträger, die man vorwiegend in Jerusalem und Bnei Brak antrifft. Sie werden von Säkularen als Hinterwäldler oder Restposten einer untergegangenen Welt belächelt. Tatsache ist, durch das lebenslange, unermüdliche Lernen sind sie seit 3.000 Jahren das Rückgrat des Judentums, geben stets neue Antworten auf die Fragen des Lebens. Einer ihrer größten Denker, Maimonides, hat es im 12. Jahrhundert aufgeschrieben: Wissen ist die Basis des Glaubens. Deshalb hatte im Judentum nie einer eine Chance überzeugend zu verkünden, die Welt sei eine Scheibe.

Wer sich Sorgen macht, was aus Israel ohne eine Mehrheits-Regierung nach zwei Wahlen wird und ob Benyamin N. vor Gericht muß oder nicht, kann sich getrost weiterhin Sorgen machen. Der Kern Israels ist am Beginn des Jahres 5780 gesund. Kein Grund sich geruhsam zurückzulehnen. Aber: macht euch mehr Sorgen um die Nachbarn Israels und den Rest der Welt, die ein 16jähriges Mädchen anhimmelt, das sehr viel glaubt, aber ziemlich wenig weiß.

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Kommentare ( 15 )

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15 Comments
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Ralf Poehling
1 Jahr her

Zitat:“Die Unordnung ist die Ordnung. Oder wie es Albert Einstein, dem 1948 das Amt des israelischen Staatspräsidenten angetragen wurde, formuliert hat: ein unordentlicher Schreibtisch ist Zeichen eines unordentlichen Gehirns. Was ist dann ein leerer Schreibtisch?“ Ein leerer Schreibtisch wird offenkundig nie benutzt. Wenn etwas chaotisch aussieht, erlaubt dies noch keinen Rückschluss auf den Verursacher. Es kann nämlich sein, dass derjenige, der es mit der Ordnung nicht so genau nimmt, wichtigeren Dingen schlicht den Vorzug gibt und für das Aufräumen dann keine Zeit mehr hat. Außerdem trainiert das Chaos auf dem Schreibtisch das Gedächtnis. Man muss sich stets merken, wo man… Mehr

SpenglersPriest
1 Jahr her

Ja, Israel hat einiges erreicht. Ich war vor einigen Monaten dort und muss sagen, dass ich doch ziemlich überrascht war, wie ärmlich und runtergekommen das Land im Vergleich zu europäischen Ländern doch wirkt. Der übliche südländische Schlendrian ist dort überall zu sehen. Schmutzige Straßen, Supermärkte auf dem Niveau billigster Läden hierzulande, überall Müll in der Landschaft, träge Händler die nicht einmal ihre Schaufenster reinigen. Ungebildete Taxifahrer die einen abzocken wo sie nur können. Das Land wirkte auf mich zum Großteil wie eine Hochhauswüste umgeben von trockener, trostloser Landschaft. Die Züge fahren langsam (allesamt Dieselzüge) und sind ständig verspätet. Immerhin funktionieren… Mehr

Moses
1 Jahr her
Antworten an  SpenglersPriest

Komisch, irgendwas an Ihrer Reise falsch gewesen war.
Versuchen Sie es irgendwann nochmals.

bfwied
1 Jahr her

„Wissen ist die Basis des Glaubens“. Das ist der kulturelle springende Punkt! Er steht in vollkommenem Gegensatz zum Islam, für den der Koran alle Antworten kennt und für den Wissen nicht erwünscht ist. Daher kommt aus den Ländern nichts, überhaupt nichts Modernes, das mit Wissen zu tun hat, und leider wissen unsere Jungen auch nicht mehr viel, und dieses Zusammenhänge sind ihnen schlicht undenkbar.

bfwied
1 Jahr her

Ein Aspekt: Die führen auch noch Schulen, in denen gelernt wird, in denen Leistung verlangt wird von den Schülern, während sie hier in den meisten Schularten eher bis ganz bespielt werden. Brennpunktschulen gibt es in Israel nicht! Schulen, wie Reschke eine filmte und unbegreiflicherweise halt nur für ausbaufähig hielt(!, gibt es dort auch nicht, dafür Wissensvermittlung und Schulung, dieses Wissen zu handhaben.
Weiß man um diese Unterschiede, ist einem ganz klar, wer künftig noch etwas zu melden hat und wer nicht.

StefanB
1 Jahr her

„Damaskus, Bagdad oder Teheran ist auf der High-Tech-Landkarte keine Adresse. Oder hat schon jemand gehört, dass ein zielstrebiger Student der Computer-Wissenschaften Interesse an einem Sommersemester irgendwo in Syrien, Irak oder Iran anmeldet?“ –> Die Ursache hierfür liegt allein darin, dass alle dafür in Frage kommenden „Studenten“ inzwischen nach Deutschland aus- bzw. eingewandert sind. 😉 „Woher kommt die Kraft in Israel? Juden sind ein Volk des Lernens, neugierig und gierig nach Wissen. Nur so konnten sie überleben.“ –> Wenn so, ahnen wir, warum es mit Schland sukzessive bergab geht. Die Deutschen trifften inzwischen nachhaltig ins esotherisch Sektenhafte ab, um „Höherem“ zu… Mehr

Hoffnungslos
1 Jahr her

Ein guter, interessanter Beitrag aus Israel. Bitte mehr intelligente Stimmen aus Israel in den unabhängigen, deutschen Medien.

Mike
1 Jahr her

Großartiger Artikel, der viel israelischen Geist versprüht! Und der den geistigen Abwärtstrend präzise kontrastiert, der am Ende in Deutschland zu einem primitiven Naturkult mit einer Kinderprophetin geführt hat. Idealerweise sollte sie wieder eine Jungfrau sein, weshalb man die 16 jährige mit Zöpfen choreographiert hat, die sie wie eine 12 jährige aussehen lassen sollen. Es stört niemand, dass das Gesicht dadurch einfach nicht passt. Wie eine weißhaarige 70 jährige, die umgekehrt jünger wirken will und sich eine dunkle Perücke aufsetzt, einfach nur verrückt aussieht und wenn sie sie wieder absetzt, plötzlich ein liebenswürdiges Gesicht erscheinen kann, das zur Haarfarbe passt. Ich… Mehr

Hannibal ante portas
1 Jahr her

Ich gebe zu, ich bin kein ausgewiesener Kenner Israels, aber Sie haben Recht die jüdische Gesellschaft war schon seit Jahrhunderten sehr innovativ und gelehrsam. Habe selbst vor wenigen Monaten durch Zufall erfahren, dass mein Urgroßvater in den 1870er Jahren gemeinsam mit fast 40% jüdischen Mitschülern die Schulbank eines Gymnasiums in einem kleinen südbadischen Landstädtchen drückte. Das war weit, weit mehr als ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung hier damals. Damals hat Deutschland sehr von diesem bildungshungrigen Bevölkerungsteil profitiert! Das ist und war alles richtig. Ob dieses zweifelsohne vorhandene Können aber ausreichen wird, auf Dauer sich in einer so feindlich gesinnten… Mehr

pcn
1 Jahr her

Danke für diesen guten Beitrag! Der war überfällig! Gottes Segen für Israel! Und ja, Deutschland hat einen neuen Gott, den Deutschlands Hälfte anhimmelt: Rackete und eine Asperger-syndromisierte Göttin. So ist der Absturz eines ehemaligen Landes der Dichter und Denker vorprogrammiert. Ob das der Rechner auch prophezeit? Man muss nur ehrlich mit sich selbst sein und danach die Algorithmen beschreiben.

Daniela Gmeiner
1 Jahr her

Lieber Herr Rosenberg,
vielen Dank für Ihren sehr guten Artikel und die Schlußfolgerung.
Für mich und viele Menschen weltweit heißt die Devise in Anlehnung an Gandhi:
„Seien wir die Veränderung der Welt die wir uns wünschen“
Und das fängt im Kleinen bei jedem Einzelnen an.