Deutschland hält sich für den moralischen Mittelpunkt der Welt, international zählt ökonomische und geopolitische Relevanz – die schwindet mit dem industriellen Niedergang und einer ideologisch geprägten Wirtschaftspolitik.
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Über den Ukrainekrieg denkt der globale Süden nicht in westlichen Kategorien von individuellem Recht und völkerrechtlicher Vertragstheorie, sondern in Beziehungen, Loyalitäten und Machtgleichgewichten. Aus dieser Perspektive erscheint der Westen nicht als moralische Instanz, sondern als ein Clan unter vielen, der seine Regeln oft genug scheinheilig anwendet
1. Deutschlands Moralarroganz wird belächelt
Die herrschende politmediale Klasse Deutschlands hält sich noch immer für den moralischen Mittelpunkt der Erde und scheint ein zentrales Faktum nicht zur Kenntnis zu nehmen: Die Welt interessiert sich nicht für sie. Das internationale Interesse an Deutschland war historisch nie moralisch begründet, sondern war ökonomischer Natur. Deutschland galt als leistungsfähige Industrienation, als Exportmotor, als Garant von Wohlstand und Stabilität. Mit dem fortschreitenden industriellen Niedergang, explodierenden Energiepreisen und einer zunehmend ideologisch geführten Wirtschaftspolitik ist dieses Interesse weitgehend erloschen.
Was bleibt, ist eine deutsche Elite, die sich selbst als moralische Avantgarde begreift, deren Werte jedoch außerhalb des westlichen Resonanzraums kaum jemanden berühren. Was heute in Berlin als „Wertegemeinschaft“ beschworen wird, sind nicht universelle Werte, sondern die partikularen Überzeugungen einer westlich pseudoliberalen Elite.
Die Werte von Milliarden Menschen im globalen Süden sind der angeblich global denkenden Elite weitgehend fremd – und sie scheint auch kein ernsthaftes Interesse daran zu haben, sie zu verstehen. Besonders deutlich wird dies mit dem fehlenden Verständnis des Russland-Ukraine-Krieges, mit dem China-Taiwan-Konflikt und den Werten des globalen Südens.
2. Fundamentaler Denkfehler: Der globale Süden denkt nicht westlich
Entgegen der Darstellung des deutschen Establishments verabscheut der globale Süden weder das Großmachtdenken Russlands gegenüber der Ukraine noch das Machtstreben Chinas gegenüber Taiwan. Diese Abneigung existiert vor allem in westlichen Kommentarspalten. Große Teile der Welt denken in völlig anderen Kategorien als das westliche, individualistisch geprägte Establishment.
In vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ist das Denken gemeinschafts- und clanorientiert. Familie, Loyalität und Zusammenhalt stehen über abstrakten Rechtskonstruktionen. Der Clan, die Gemeinschaft, das historische Band – all das zählt mehr als formales Völkerrecht, das ohnehin als vom Westen selektiv zu seinen Gunsten angewendet wahrgenommen wird.
In dieser Logik gilt Verrat als Todsünde. Wer sich vom eigenen Verbund abwendet und sich mit dem Feind verbündet, stellt sich außerhalb der moralischen Ordnung. Genau so werden die Ukraine und – in abgewandelter Form – Taiwan in großen Teilen des globalen Südens wahrgenommen: nicht als souveräne Akteure, sondern als abtrünnige Familienmitglieder.
Die meisten Gesellschaften Asiens, Afrikas und Lateinamerikas denken nicht in den Kategorien liberaler Vertragstheorie oder in den Vorstellungen von Völkerrecht, sondern in Beziehungen, Loyalitäten und Machtgleichgewichten. Der Westen erscheint aus dieser Perspektive nicht als moralische Instanz, sondern als ein Clan unter vielen, der seine Regeln zu seinen Gunsten anwendet.
3. Clan, Familie, Loyalität: Die Logik des globalen Südens
Ein zentraler Schlüssel zum Verständnis der pro-russischen Haltung vieler Bevölkerungen im globalen Süden liegt in ihrer kollektivistischen Prägung.
- Die Gruppe steht über dem Individuum.
- Loyalität gilt mehr als abstraktes Recht.
- Verrat wiegt schwerer als Gewalt.
Die russische Rhetorik vom „Russki Mir“, von der historischen und kulturellen Einheit der Ostslawen, trifft im globalen Süden auf ein vertrautes Denkmuster. Die Ukraine erscheint aus dieser Perspektive nicht primär als Opfer, sondern als Teil einer Familie, der sich dem feindlichen Clan – dem Westen – zugewandt hat.
In einer solchen Logik besitzt das „Oberhaupt“ der Familie ein moralisches Rückholrecht – notfalls auch mit Gewalt. Diese wird als tragische, aber zulässige Maßnahme betrachtet, wenn der Zusammenhalt der Familie auf dem Spiel steht.
Das mag westlichen Beobachtern barbarisch erscheinen, ist aber für Milliarden Menschen intuitiv nachvollziehbar. Entscheidend ist: Diese Sichtweise ist nicht identisch mit Zustimmung zu jedem militärischen Schritt Russlands, aber sie erklärt, warum die moralische Empörung des Westens global kaum verfängt.
4. Doppelmoral und das Gedächtnis des Kolonialismus
Russland – und zuvor die Sowjetunion – wird vielfach als Unterstützer antikolonialer Befreiungsbewegungen erinnert. Diese emotionale Erinnerung wiegt schwerer als westliche Appelle an ein Völkerrecht, das aus Sicht vieler nur dann gilt, wenn es westlichen Interessen dient.
Die Liste westlicher Interventionen ist lang:
- Irak
- Afghanistan
- Libyen
- Syrien
- Venezuela
Wo war das Völkerrecht, als Libyen – ein funktionierender, wohlhabender Staat – in ein Bürgerkriegsgebiet verwandelt wurde? Wo war es, als Afghanistan zwanzig Jahre lang besetzt wurde, nur um am Ende fluchtartig den Taliban überlassen zu werden? Was hatte die Bundeswehr dort zu suchen? Die Antwort des Westens – „Verteidigung der Freiheit am Hindukusch“ – wird außerhalb Deutschlands kaum ernst genommen. Aus einem funktionierenden libyschen Staat wurde ein zerstörtes Bürgerkriegsgebiet. Ein westliches Schuldbewusstsein? Fehlanzeige.
Die USA haben selten in Völkerrechtskategorien gehandelt. Fast immer ging es um den Nutzen der USA, der hinter einer völkerrechtlichen Maske versteckt wurde (die US-Regierung Trump hat sich als erste jetzt davon in ihrer neuen Strategie abgewandt).
Wenn deutsche Politiker heute mit moralischer Überlegenheit des Westens argumentieren, wird das im globalen Süden nicht als glaubwürdig, sondern als heuchlerisch wahrgenommen.
5. Die NATO-Illusion von der Bedrohung durch Russland
Die Behauptung, Russland bedrohe die NATO, wird außerhalb Europas kaum geglaubt. Dass Russland ein Bündnis angreifen sollte, das ihm militärisch und wirtschaftlich weit überlegen ist, erscheint vielen absurd. Diese Bedrohungserzählung funktioniert vor allem im deutschen Medienraum – wo abweichende Perspektiven schnell als „Putin-Propaganda“ oder gar als Volksverhetzung gebrandmarkt und ausgegrenzt werden.
Dass große Teile der Welt die NATO nicht als Verteidigungs-, sondern als Interventionsbündnis wahrnehmen, wird ausgeblendet. So entsteht die absurde Situation, dass nur noch die deutsche Bevölkerung an eine akute russische Bedrohung Europas glaubt – während selbst viele NATO-Staaten außerhalb Europas deutlich nüchterner kalkulieren.
Der globale Süden hingegen zieht eigene Analogien: Wie hätten die USA reagiert, wenn Mexiko oder Kanada ein Militärbündnis mit Russland geschlossen hätten? Die Antwort kennt jeder, der die Geschichte Lateinamerikas kennt. Venezuela ist nur der letzte Stein im Gefüge.
Die Ukraine wird angeblich wegen des Bruchs des Völkerrechts durch Russland massiv von Europa unterstützt. Wenn es um das Völkerrecht ginge, müsste Venezuela konsequenterweise die gleiche Unterstützung erhalten, diesmal gegen die USA. Die Realität ist natürlich eine völlig andere, was den globalen Süden in seinem Eindruck doppelter Maßstäbe bestätigt.
Das Interessante dabei ist, dass der offizielle globale Süden die USA anklagt, die Bevölkerung des globalen Südens aber auf Seiten Trumps ist. Die Menschen schätzen einen machtvollen Herrscher, der die Interessen seines Volkes durchsetzt. Völkerrechtsgelaber à la Baerbock/Wadephul wirkt auf die Völker geheuchelt, die EU ist dazu impotent und daher verachtenswert.
6. Ökonomie schlägt Moral: Ein unüberbrückbarer Gegensatz
Die deutsche Vorstellung, man könne aus moralischen Gründen auf billige Energie, industriellen Wohlstand und sichere Arbeitsplätze verzichten, ist im globalen Süden unvorstellbar. Dort gilt – ganz im Sinne Brechts – erst das Fressen, dann die Moral.
Eine Politik, die bereit ist, den eigenen Wohlstand zu opfern, um moralische Signale zu senden, wirkt aus dieser Perspektive nicht edel, sondern als ein irrationales Staatsversagen. Dass Deutschland seine Industrie schwächt, um „das Richtige“ zu tun, erzeugt kein moralisches Ansehen, sondern Kopfschütteln. Eine Politik, die den eigenen Bürgern Opfer abverlangt, ohne greifbaren Nutzen zu liefern, würde dort keine Legislaturperiode überstehen.
Die feministisch-woke Belehrungsdiplomatie à la Baerbock & Wadephul wird global entweder belächelt oder als unverschämter Umerziehungsversuch wahrgenommen. Deutschlands außenpolitisches Kapital ist weitgehend aufgebraucht.
7. China, Taiwan und die rationale Grenze der Clan-Logik
China sieht sich moralisch in einer ähnlichen Lage wie Russland gegenüber der Ukraine. Doch anders als Putin kalkuliert Peking ökonomisch rational. Ein Krieg um Taiwan würde:
- globale Lieferketten zerstören,
- eine weltweite Rezession auslösen,
- Chinas eigenes Wachstum über Jahre vernichten.
Die chinesische Führung weiß: Eine konsumorientierte, verwestlichte Mittelschicht von hunderten Millionen Menschen lässt sich nicht dauerhaft auf Kriegswirtschaft umstellen.
Ein jahrelanger Konsumverzicht im Rahmen einer Kriegswirtschaft würde soziale Unruhen auslösen, die das Regime existenziell bedrohen könnten. Die historische Rolle des chinesischen Herrschers – für das Wohlergehen des Volkes zu sorgen – setzt hier klare Grenzen.
Daher bleibt es beim Säbelrasseln. Stärke zu zeigen, nach innen und außen, kostet wenig, bringt aber Verhandlungsmacht. Wichtig ist, dass die westlichen Medien auf das Spiel eingehen und allseits Angst verbreiten.
8. Fazit: Die Welt folgt nicht deutschen Moralappellen
Der Ukrainekrieg offenbart weniger die Aggression Russlands als die kulturelle Selbsttäuschung des Westens, insbesondere Deutschlands. Die Annahme, westliche Werte seien universell, ist empirisch falsch. Für Milliarden Menschen zählen Loyalität, Stabilität, Geschichte und materielle Sicherheit mehr als abstrakte Rechtsprinzipien wie Völkerrecht und angeblich universelle Menschenrechte. Im Osten und im Süden wird komplett anders gedacht und gefühlt.
Der globale Süden hört Deutschland nicht mehr zu – nicht aus Ignoranz, sondern aus Desinteresse infolge des Niedergangs Deutschlands. Wer das ignoriert, wird weiter moralisch argumentieren, aber ökonomisch und politisch scheitern. Die Welt ordnet sich neu. Und sie tut das ohne Moral und Missionierung aus Deutschland.

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