Der Völkermord an den Armeniern war der Anfang

Der Völkermord im Vorgängerstaat der heutigen Türkei verfolgt uns bis heute. Die Kräfte, die ihn riefen, wirken immer noch und verstärkten sich.

Universal History Archive/UIG via Getty images
Armenians killed by Turks during the Armenian Genocide, 1915.

Der Völkermord im Vorgängerstaat der heutigen Türkei verfolgt uns bis heute. In Herford ließen Verantwortliche im letzten Jahr anlässlich des Gedenkens an Gallipoli in der DITIB-Moschee eine ganze Reihe von Kindern aufmarschieren, mit Plastikgewehren. Die Jungens paradierten in militärischem Gleichschritt vor einer übergroßen türkischen Fahne und ließen sich dann theatralisch zu Boden fallen – wie getötete Soldaten. Mit dieser makabren Vorführung sollte an die gewonnene Schlacht erinnert werden, war aus der Moschee zu hören. Und angesichts massiver Proteste in der Öffentlichkeit setzte man hinzu, dass es bereits „personelle Konsequenzen“ gegeben habe. Die Nachfrage von Journalisten, worin denn diese Konsequenzen bestünden, wurde lapidar beantwortet: Der Betreffende sei „ermahnt“ worden.

Der Aufschrei in der Öffentlichkeit blieb weitgehend aus. Die Moschee ist nicht geschlossen, es gibt keine Ermittlungen wegen Volksverhetzung, ja, nicht einmal die Unterbringung der betroffenen Kinder in Einrichtungen, in denen sie nicht derart missbraucht werden, scheint erwogen worden zu sein. Liegt es daran, dass die DITIB von der Türkei kontrolliert wird?

Gallipoli war nur ein Anfang

Unmittelbar auf den Sieg der Hohen Pforte und der Mittelmächte auf der Halbinsel Gallipoli folgte der Angriff auf die Armenier im ganzen osmanischen Reich. Das ist vom Kalkül her logisch, weil das jungtürkische Regime sich im Aufwind sehen konnte. Nach dem Sieg war die Gefahr äußerer Einmischung denkbar gering, und die Waffenbrüder aus dem Deutschen Kaiserreich halfen sogar noch willig beim Völkermord an ihren eigenen christlichen Brüdern. Das ist auch von der Geographie her logisch, weil Gallipoli als Halbinsel der Stadt Istanbul vorgelagert ist, sie militärisch bedeckt. Und dort, in der großen Stadt, wohnten zehntausende Armenier. Sie waren teils aus ihrer armenischen Heimat in die große Stadt geflohen, weil sie da in der Menge nicht aufzufallen hofften. Doch nun wurden sie auch von hier ausnahmslos vertrieben, und in Armenien selbst ging das Morden nur umso schlimmer weiter. Es ging um nichts weniger als die Vision von einer „rassisch reinen“ Türkei.

Die Vorstellung ist in der heutigen Wirklichkeit von der Vorstellung abgelöst worden, es müsse eine religiös gesäuberte, hundertprozentig dem sunnitischen Islam anhängende Bevölkerung geben. Atatürk war offenbar nur die laizistische Ausnahme. Aber die Flamme der Hoffnung, die das uralte christliche Volk der Armenier trägt, konnte nicht einmal der türkische Völkermord löschen. Auch heute gibt es einen armenischen Staat. Die Tradition eines christlichen Staatswesens in Armenien ist dabei bekanntermaßen älter als diejenige in Rom. Und als alle Lehren vom mohammedanischen „Allah“ sowieso.

Das Vaterunser in der Sprache Jesu

Nicht vergessen seien die Aramäer, die weiter südlich in Kleinasien ihre Heimat hatten, bis der türkische Völkermord auch sie traf. Ihre Tradition ist noch älter, sie reicht bis zur Urkirche des 1. Jahrhunderts zurück, ihre Liturgiesprache ist dieselbe, die Jesus sprach. Wer hören möchte, wie das Vaterunser aus dem Mund Jesu Christi geklungen hat, möge in eine aramäische Kirche gehen. Es gibt solche Kirchen auch in Deutschland, denn hunderttausende Aramäer wurden durch die türkischen Machthaber aus Kleinasien vertrieben.

Im Schatten der Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges wurde die Bestrafung der Verantwortlichen nicht einmal versucht, bis 1921 wurde schließlich auch noch in regionalen Konflikten weitergekämpft; und nachdem im Jahre 1922 und 1923 im Zuge der Gründung der heutigen Türkei weitere schreckliche Menschheitsverbrechen zu beklagen waren, vor allem an den seit knapp 3.000 Jahren in Westanatolien ansässigen Griechen, geriet der entsetzliche Völkermord aus dem Fokus. Die Vertreibung der Pontos-Griechen aus dem mehrheitlich griechischen Smyrna, dem heutigen rein türkischen Izmir, und die völkermordartige „Säuberung“ von Adrianopel, dem heutigen Edirne, mögen beispielhaft stehen. Der „rassereine” Staat eines türkischen „Herrenvolkes“ wurde schon 1923 zu bauen begonnen. Und ein deutscher Diktator hat sich dieses Experiment gut angeschaut.

Ein Volk, ein Reich, ein Sultan

Der Völkermord an den Armeniern blieb völkerrechtlich praktisch ungesühnt. Das haben Stalin und Hitler wohl bemerkt. Im Dritten Reich war die Auslöschung wesentlicher Teile Armeniens, war der türkische Völkermord sogar Vorbild und Blaupause für die Planung des Menschheitsverbrechens schlechthin, den Holocaust. Doch die Grundlage für die Schaffung des Staates am Bosporus war zu allen Zeiten der Islam, auch wenn der Atatürk von 1923 den Laizismus propagierte. Seit jüngster Zeit wandelt sich die Türkei folgerichtig zurück und wird strikt islamisch, ja, islamistisch. Der neue Atatürk hat nach der letzten Wahl sein Ermächtigungsgesetz bekommen.

Samuel Zurlinden beschreibt anschaulich, was im Vorgängerstaat der heutigen Türkei vor nur 100 Jahren möglich war: „Donnerstag, den 1. Juli (1915), wurden alle Straßen von Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett bewacht, und das Werk der Austreibung der Armenier aus ihren Häusern begann. Gruppen von Männern, Frauen und Kindern mit Lasten und Bündeln auf dem Rücken wurden in einer kleinen Querstraße in der Nähe des Konsulats gesammelt und, sobald etwa hundert zusammengekommen waren, wurden sie von Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett am amerikanischen Konsulat vorüber in Hitze und Staub auf der Straße nach Erzerum hingetrieben. Außerhalb der Stadt ließ man sie halten, bis etwa 2.000 beisammen waren; dann schickte man sie weiter. Drei solcher Gruppen, zusammen etwa 6.000, wurden während der ersten drei Tage verschickt und kleinere Gruppen aus Trapezunt und der Umgebung, die später deportiert wurden, beliefen sich auf weitere 4.000. Das Weinen und Klagen der Frauen und Kinder war herzzerreißend.“

„Es gab Städte und Dörfer, in denen die armenische Bevölkerung voll Mitleid ihren, in bejammernswertem Zustand durchziehenden Stammesgenossen Hilfe und Unterstützung bot, ohne zu ahnen, daß in Konstantinopel schon Tag und Stunde festgesetzt war, da auch sie an die Reihe kommen und in das gleiche Elend hinausgestoßen werden sollten. (…) Mit dieser feigen und gemeinen Brutalität, die den Militarismus – und nicht nur den türkischen – auszeichnet, hat man das armenische Volk zuerst wehrlos gemacht und dann massakriert.“

Christenverfolgung damals – und heute?

„Der durch die Proklamierung des ‚Heiligen Krieges’ – des Dschihad, d. Red. – entfesselte Religionsfanatismus der Moslem hat in unsern Tagen eine Christenverfolgung hervorgebracht, welche alle ähnlichen Perioden der Weltgeschichte tief in den Schatten stellt“, so schreibt Zurlinden, und so erleben wir es heute. Und weiter: „Daß man vor allem das Christentum und die Christen treffen wollte, beweist schon die lange Liste von Namen armenischer Bischöfe und Metropoliten, welche eingekerkert, gefoltert, ausgewiesen, gehängt, lebendig verbrannt oder ertränkt wurden, zum Teil ehrwürdige Greise bis zu neunzig Jahren, die auch der größte Lügen-Virtuose der deutsch-türkischen Propaganda (…) nicht als einer Verschwörung fähig und schuldig erklären würde. Es beweist dies der Hohn der mohammedanischen Henkersknechte, welche Jesus lästerten und ihre röchelnden Opfer fragten, ob ihr Prophet ihnen nun helfen könne. Dafür sprechen auch die Schändungen der christlichen Kirchen, von denen die Kreuze heruntergerissen wurden, die man plünderte, verunreinigte oder als Markthallen und Läden zum Verkaufen der Effekten der getöteten Verbannten verwendete.“

„In manchen Städten und Dörfern wurden die christlichen Kirchen sofort in Moscheen umgewandelt (in Erzerum auch die katholische Kirche); in Gürün hörte noch während des Auszugs der Deportation die dem Tode geweihte Schar, wie die Mollahs von den Dächern der christlichen Kirchen zum Gebet der (muslimischen – d. Red.) Gläubigen riefen. In Erzingian machte man aus der armenisch-gregorianischen Kirche einen öffentlichen Abort. In Tarmeh, zwischen Samsun und Unjeh, wurde nach der Verwandlung der Kirche in eine Moschee dem armenischen Priester zum Spott ein Turban umgewickelt. Alsdann mußte er den Namas machen (das mohammedanische Gebet) und den muhammedanischen Gottesdienst halten. Die Frage, ob ein Armenier ‚schuldig’ oder ‚unschuldig’ ist, (…) existiert für das Bewußtsein eines Mohammedaners nicht, da es sich um Christen handelt.“

Wo wird das nächste Armenien sein?

Ja, es ist wahr: historisch gesehen gehört die heutige Türkei den Türken nur zu einem kleinen Teil – wenn überhaupt. Ein wichtiger Hinweis in dieser Sache: Nicäa, wo das christliche Glaubensbekenntnis formuliert wurde, liegt mitten in Anatolien. Nicht nur die Armenier und die Aramäer, nein, das gesamte, neutestamentarisch fundierte christliche Glaubensgebäude hat seinen Bauplatz in Kleinasien. Hier ist es errichtet worden. Genau dort also, wo heute die Türkei die absolute Macht beansprucht und nicht einmal den Bau christlicher Kirchen zulässt.

Das Armenien, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte, ist ausgelöscht – das heutige Armenien ist nur noch ein kleiner Teil dieser uralten Kulturnation, und der Völkermord von türkischer Hand hat von Grund auf das verändert, was „Armenien“ genannt wird, auch wenn Tradition und Glauben – beide übrigens um Äonen älter als alle türkische Tradition – natürlich ungebrochen sind. Mehmet II. Fatih, der Eroberer des christlichen Konstantinopel, scheint das Vorbild heutiger Tage zu sein. Fatih bedeutet „der Eroberer“, und nach ihm sind zahlreiche DITIB-Moscheen in Deutschland benannt. Atatürk war, nicht zuletzt aus diesem Blickwinkel, nur ein laizistischer Schlenker in der muslimisch-osmanisch-türkischen Geschichte. Und ein neuer Sultan möchte nun, im 21. Jahrhundert, das erschaffen, was noch nie existierte: eine rassisch-religiös reine Türkei unter dem Banner des Propheten, der die Missionierung mit dem Schwert befohlen hat. Der heutige Sultan, der über das historische West-Armenien herrscht, heißt Recep Tayyib Erdogan. Gott sei den Christen in ihren uralten, angestammten Gebieten in Kleinasien gnädig.

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Kommentare ( 48 )

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Wer in dem Land in dem wir nicht mehr gut und gerne leben über Völkermord schreibt, sollte, sofern er nach den Fünfzigern eingeschult worden ist, prüfen, ob er in der Lage ist, ein solches Ereignis, so es vor dem 24. Februar 1920 stattfand, unter einem anderen Gesichtspunkt als dem des Rassismus zu betrachten. Im 19. Jahrhundert ist es zu verschiedenen Armeniermassakern gekommen. Die von 1894-96 hat Lepsius ausführlich beschrieben. (Dr. Johannes Lepsius, Armenien und Europa – Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland; internet: https://de.wikisource.org/wiki/Armenien_und_Europa._Eine_Anklageschrift) Vor 1915 hat es 1904 und 1909 ebenfalls gewaltige Armenierschlächtereien… Mehr

Da ich persönlich einen armenischen Onkel habe, habe ich mich schon seit Jahrzehnten immer mal wieder mit dieser Geschichte (die in Deutschland in der breiten Masse weitgehend unbekannt ist) auseinander gesetzt.
Zweifelsfrei war dies ein Völkermord, auch wenn die Opferzahlen bei verschiedenen Quellen weit auseinandergehen.
Der Aspekt, der mich gerade in den letzten Jahren immer mehr interessiert: wie gehen die Türken im Vergleich zu den Deutschen mit ihrer Vergangenheit um?
Ich glaube entgegengesetzter könnte die „Vergangenheitsbewätigung“ nicht ausfallen, hier wird die Erbschuld jetzt schon in der dritten Generation beschworen, dort Verleugnung und/ oder maßlose Relativierung.

Vielleicht sollte man das Problem der Armenier in etwas größeren Zusammenhang stellen, denn auch unter russischer Herrschaft in den östlichen Siedlungsgebieten kam es zu Pogromen. Mehrheitlich konnten sich die Armenier mit eigener Religion, eigener Sprache und wohl auch unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit nicht assimilieren – das war und ist langfristig immer ein Rezept für Desaster gewesen.

Na dann viel Glück. Die Türken sind durchs Osmanische Reich und die damit einhergehende Durchmischung doch sowas von „unrein“

die echten Türken kommen ursprünglich aus den Steppen Zentralasiens und haben leicht asiatischen Einschlag, glaube ich.

Und ich habe auch mal auf youtube gesehen, wie türk-deutsche Youtuber einen DNA Test gemacht haben und dabei kam raus, dass sie überwiegend Griechen sind *lach*

https://www.youtube.com/watch?v=HcMUYVXGFhk

Der Autor fragt, wo das nächste Armenien sein wird. Na überall, wo die Anhänger des Islam die absolute Mehrheit haben. Steht doch so im Grundsatzprogramm.

Der „heute Sultan“ hat leider eine nicht unbedeutende fünfte Kolonne in Deutschland und Europa installiert, welche Ihm größtenteils (70-80%) blind ergeben ist.

Da sollten wir auch mal anfangen, uns Gedanken über unsere eigene Zukunft zu mach bzw. vor allem die unserer Kinder in diesem Lande.

Die Armenier sind es jedenfalls gewohnt, mit schwierigen Nachbarn umzugehen.

„Genau dort also, wo heute die Türkei die absolute Macht beansprucht und nicht einmal den Bau christlicher Kirchen zulässt.“ Wenn man desorientiert ist, empfiehlt sich ein Perspektivwechsel. Schon Nietzsche wusste, alles Sehen ist perspektivisches Sehen. Um wirklich zu verstehen, kommt man nicht herum, die Rollen zu tauschen. Stellt euch vor, afghanische Panzer würden durch Berlin fahren oder syrische Kampfflugzeuge würden New York bombardieren….nicht schön! Aber wir dürfen das, weil wir die Guten sind? Wegen Öl und Gas oder sonstiger geostrategischer Interessen? Ja, das dürfen wir, habe ich doch in der Tagesschau gesehen, wir kämpfen gegen Diktatoren und Terroristen. Die US-Soldaten… Mehr

Besonderes zum Thema Genozid soll man die Zusammenfassung Norman Stones in Weltwoche 43/2006 lesen.

Bei solchen Vorfällen wie die in der Herforder Moschee sieht man die ganze Verlogenheit der linksgrünen Meinungsfaschisten. Keine Lichterkette, keine Randale der (Anti)Antifa,
Kein Aufschrei bei den Blockparteien oder der rautigen Schutzpatronin der Sozialisten im Bundestag. Aber eine Sondersendung wenn Trump seine Wahlversprechen einlöst oder die AFD auf Einhaltung der Gesetze besteht.
Aber der Mai wird kommen und die EU Wahl steht an. ;)-

Ich glaube nicht, dass die Europawahl sich im Ihren Sinne entwickeln wird. Die AFD bekommt täglich mehrfach die volle propagandistische Breitseite vor den Bug, ob berechtigt oder nicht kann ich noch nicht endgültig einschätzen.

Dem deutschen Juden Franz Werfel kommt das Verdienst zu, in seinem Werk „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ die Leidensgeschichte der Armenier auf hoch eindrucksvolle Weise und mit Meisterschaft beschrieben zu haben. 4000 Armenier haben auf dem Musa Dagh, einem Berg im Nurgebirge, militärischen Widerstand bis zum Äußersten geleistet, um der Vernichtung zu entgehen und ein Zeichen für alle Zukunft gesetzt, sich nicht einfach abschlachten zu lassen ohne zu kämpfen, auch in einer schier ausweglosen Lage. Die deutsche Rolle in diesem Drama war nicht die einer aktiven Teilnahme am Völkermord, sondern bestand darin, die Türkei, die Bündnispartner des Deutschen Reiches… Mehr