Sahra Wagenknecht hinterrücks ins Sommerloch

Werte Linke, Kritik an den politischen Verhältnissen, Kritik an der desaströsen Politik einer Angela Merkel aus der Agenda linker Politik streichen zu wollen, tabuisieren zu wollen, kommt leider einem politischen Offenbarungseid gleich.

© Mathis Wienand/Getty Images

Kann es sein, dass die politische Agenda der Linken aus Mangel an echten Ideen mittlerweile schon in den Redaktionsstuben von Spiegel und Tagesspiegel geghostwritet werden?

Ok, einer muss ja den Bock der Woche abschießen. Der Pokal geht dieses Mal schon am Freitag an den Politiker Jan Korte. Und damit Sie wissen, wen ich meine: das ist dieser Bundestagsabgeordnete der Linken, der ein bisschen aussieht wie ein sympathisch verlotterter Holzfäller-Zwilling vom FDP-Lindner.

Also dieser Korte, wohl berauscht von der innerparteilichen Kritik an Sahra Wagenknecht, zu der wir gleich noch kommen, erklärte in merkwürdig relativierendem Zusammenhang mit den Attentaten der letzten Wochen: „99,99 Prozent der Flüchtlinge kommen zu uns, weil sie vor Gewalt fliehen.“ Der Spiegel hatte ihn im Urlaub angerufen, um ein wenig mit ihm plaudern.

So erklärte Korte weiter: „Man denkt, was ist los in dieser Welt, man denkt an die Opfer und ihre Angehörigen“. Ja, denkt man, aber dann sollte man in zu knapper Urlaubsbadehose nicht den Rechenaugust geben. Denn logisch: Wenn z.B. im Mai 2016 vom zuständigen Bundesamt ein Viertel der Asylanträge abgelehnt werden, wenn also schon laut BAMF mindestens ein Viertel der Flüchtlinge eigentlich Einwanderer sind und theoretisch in sichere Herkunftsländer abzuschieben, dann sind diese 99,99 % des Herrn Korte ähnlich wahrscheinlich, wie diese märchenhaften 99 % Zustimmung der DDR-Bürger bei Wahlen für die SED, für den Kollegen Honecker.

Aber was hatte Sahra Wagenknecht so Radikales zur Flüchtlings- und Zuwanderungsdebatte beigetragen? Und was daran ist so ein Aufreger, dass der Spiegel es schon einen radikalen Vorschlag nennt, wenn die CSU fordert, „ Deutschland müsse jeden einzelnen Flüchtling durch die Behörden überprüfen lassen.“ Wenn man also nur jeden Neuankömmling wenigstens mal in den möglicherweise noch nicht weggeschmissenen Pass schauen will?

Regieanweisung Spiegel?

Noch im April dieses Jahres verteidigte besagter Korte seine Parteigenossin Wagenknecht. So gab er dem Tagesspiegel ein Interview und erklärte: „Es ist in der Tat völlig inakzeptabel, Sahra Wagenknecht in die Nähe der AfD oder von Frau Frauke Petry zu rücken.“ Nötig war das geworden, weil Wagenknecht zuvor geäußert hatte, man müsse sich mit der AfD sachlich auseinandersetzen und dürfe sie auch nicht dämonisieren. Schon damals wurde sie dafür heftig auch aus den eigenen Reihen attackiert. Sie sagte weiter: „Ich halte nichts von Wählerbeschimpfung. Menschen, die Sorgen haben, dürfen nicht in die rassistische Ecke gestellt werden.“

Nun ist dieser Jan Korte kein Windei. Er wurde sogar mehrfach per Direktmandat in den Bundestag gewählt und war einer der 27 MdB’s der Linken, die schon mal unter Beobachtung des Verfassungsschutz standen. Das allerdings reicht ihm – na ja –  spätestens seit der Landesverratsposse der Verfassungsschützer rund um netzpolitik.org zur Ehre.

Also worin bestand nun eigentlich der linke Tabubruch seiner Fraktionsvorsitzenden? Warum „schäumt“ die Linke, wie der Spiegel titelte? Die Sache ist eigentlich ein Witz, wenn man Tagespolitik nicht im Wolkenkuckucksheim betreiben will, sondern dort, wo die Menschen direkt von politischen Entscheidungen betroffen sind. Besonders peinlich für die linken Kollegen rund um Korte: Sie hatten sich quasi direkt vom Magazin Spiegel nötigen lassen, einen Angriff gegen Wagenknecht zu fahren.

Der schrieb nämlich in kaum zu überbietender Perfidie, dass es auffällig sei, dass aktuell „nicht nur Verschwörungstheoretiker und Rassisten Flüchtlinge als direkte Ursache für tödliche Gewalt“ ansehen. Tatsächlich greife der politische Mainstream ähnliche Ansichten auf. Und dann leitete das Blatt direkt zu Wagenknecht über. Schlimmer geht nimmer? Doch, wenn man den Handschuh dann aus den eigenen Reihen aufnimmt, wie durch Korte und Co geschehen. Fast so, als wolle man auch mal auf den Talkshow-Plätzen sitzen, die immer nur für Wagenknecht reserviert scheinen.

Aber nun endlich zu dem, was die Fraktionsvorsitzende tatsächlich geäußert hatte: „Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern mit erheblichen Problemen verbunden und schwieriger ist, als Merkels leichtfertiges ‚Wir schaffen das‘ uns im letzten Herbst einreden wollte.“

Ehrlich, wer das nicht sogar fraktionsübergreifend unterschreiben kann, der glaubt auch daran, dass 99,99 Prozent der Einwanderer wirklich Flüchtlinge seien, die unmittelbar vor Krieg und Gewalt geflohen sind.

Wenn das schon schrille Töne sind oder Verlautbarungen, die einen populistischen Hintergrund vermuten ließen, dann ist Politik tatsächlich dort angekommen, wo neuerdings Donnertags Talkshow gemacht wird. Bei jemandem, wie dieser in perfekt inszenierter Frank-Elsner-Leutseligkeit moderierenden Dunja Hayali, die einen 83-jährigen Gerhard Baum Sätze durchgehen lässt, wie diesen hier: „Islamphobie spielt den Terroristen in die Hände.“ Auf Deutsch: Wer hasst, was ihn töten will, ist selbst schuld, wenn er getötet wird.

Also Jan Korte, so ein veritables Sommerloch ist das eine, aber Kritik an den politischen Verhältnissen, Kritik an der desaströsen Politik einer Angela Merkel aus der Agenda linker Politik streichen zu wollen, tabuisieren zu wollen, kommt leider einem politischen Offenbarungseid gleich.

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