Marc Zuckerberg einflussreicher als der Papst?

Was für gläubige Katholiken zunächst an Blasphemie grenzt, darf man jetzt eine True-News nennen. Wird Marc Zuckerberg zum modernen Weltenretter, wenn er aus seiner Online-Blase in unsere Offline-Welt eintritt?

© David Ramos/Getty Images

Der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Facebook veröffentlichte gerade unter der Überschrift „Building global community“ die zukünftige Marschrichtung des von ihm gegründeten Unternehmens. Ein seitenlanges Manifest. Und zweifellos ein neuralgischer Knotenpunkt im Weltplan des 33-jährigen.

Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich bereits auf Facebook angemeldet haben. Die Daten kommen ausschließlich von Facebook selbst. Aber selbst, wenn wir Hundertmillionen Karteileichen abziehen, also Menschen, die sich zwar bei Facebook angemeldet haben, aber dort nicht in Erscheinung treten, blieben eineinhalb Milliarden sogenannter User über. Und die meisten davon sind wohl enger mit diesem Medium verbunden, intensiver damit beschäftigt, tiefer im Alltag damit vernetzt, als mit irgendeiner ihrer Religionen.

Wir wissen heute sogar, was diese börsennotierte Ersatzreligion für einen materiellen Wert hat: Im 4. Quartal 2015 erreichte der Börsenwert des Mutterunternehmens Facebook Inc. 306 Mrd. USD.

Börsennotierte Ersatzreligion

Zuckerbergs Manifest kommt nicht zufällig wenige Wochen nach Donald Trumps Wahl zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die angekündigte Abschottungspolitik Trumps hat das in Kalifornien angesiedelte Unternehmen offensichtlich zu diesem Manifest veranlasst, selbst wenn Trump persönlich in Zuckerbergs Schrift nicht einmal erwähnt wird.

Die FAZ nannte die Marschrichtung der Trump-Regierung einen „Angriff auf die Globalisierung“. Würde man nun Facebook als weltweites Vorzeige- oder besser Vorreiterunternehmen für Freihandel, als Globalisierungsikone bezeichnen, dann muss man, was Trump will, als Angriff auf ein global operierendes Unternehmen wie Facebook verstehen. Selbst dann noch, wenn Facebook überhaupt nicht im Fadenkreuz des Präsidenten steht.

Ausgerechnet Facebook wurde vielfach vorgeworfen, die Wahl Trumps durch eine millionenfache Verbreitung von Falschmeldungen begünstigt zu haben. Das hatte Marc Zuckerberg noch Ende des Jahres 2016 vehement in Abrede gestellt: „Warum sollte es Falschmeldungen nur auf der einen und nicht auf der anderen Seite geben?“, fragte er. Nicht einmal die von Algorithmen genährte Existenz so genannter „Echokammern“ auf facebook wollte Zuckerberg eingestehen.

Zuckerbergs Unternehmen geriet tatsächlich unter Druck, eine Art gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und seine Unternehmenspolitik zu erklären. Ein Unternehmen, das zunächst einmal damit Geld verdient, indem es eben diese „Echokammern“ erzeugt – individualisierte Informationsräume, die zahlende Kunden gezielt mit Werbung bestücken können. Quasi der Brutkasten der Filterblasen.

Noch einmal erinnert: jeder Facebook-Teilnehmer bekommt ein individuelles Werbepaket auf seiner Facebook-Seite eingespielt, basierend auf einer Auswertung seiner umfangreichen privaten Daten. Werden diese Echokammern jetzt verstärkt als einseitiger Verstärker politischer Haltungen kritisiert, so aber ist genau dieser Mechanismus das Verdienstmodell des immer noch für alle Nutzer kostenlosen Facebook.

Echokammer als klassisches Verdienstsmodell

Jetzt hat Marc Zuckerberg reagiert. Man darf sogar sagen mit Paukenschlag. Er hat nicht weniger als die Gunst der Stunde genutzt und auf moderne Silicon-Valley-Art aus der „Krise“ noch Kapital geschlagen. Wäre es bisher wohl ein zu großes Risiko, für manche sogar ein Sakrileg, gewesen, für Facebook eine politische Intention zu propagieren, also über das Angebot der weißen Leinwand, der reinen Kommunikationsplattform, hinaus zu gehen, scheint nun die Stunde einer öffentlich proklamierten politischen Dimension gekommen. Natürlich war Facebook aus sich heraus niemals unpolitisch, aber man sah bisher keinen Anlass, damit in die Offensive zu gehen.

Dazu passt eine Meldung vom Dezember 2016 der britischen Guardian unter Berufung auf US-Gerichtsdokumente, wonach Marc Zuckerberg selbst in die Politik gehen will. Zwar versuche Facebook „tunlichst den Anschein zu vermeiden, sich in die Politik einzumischen. Doch die Plattform ist längst ein riesiger politischer Player.“, kommentiert n-tv und schreibt weiter: „Auch ohne die Planspiele bei Facebook für Zuckerbergs mögliche Polit-Karriere sind seine Ambitionen längst erkennbar.“

Schon im April 2016 hatte Zuckerberg seine bisher politischste Rede bei der Facebook-Entwicklerkonferenz in San Francisco gehalten und Trumps Pläne offen kritisiert: „Ich höre ängstliche Stimmen, die danach rufen Mauern zu bauen und Menschen auszugrenzen, die sie als „anders“ bezeichnen (…) Wir stehen dafür, jeden Menschen zu vernetzen – für eine globale Gemeinschaft, dafür Menschen zusammenzubringen, allen Menschen eine Stimme zu geben, für einen freien Fluss von Ideen und Kultur über Nationen hinweg.“

Für n-tv klang er da schon wie der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von … ja, aber von was eigentlich? … der Welt? Zuckerberg, erster worldwide-president? Ein Größenwahn basierend auf einem geschätzten Vermögen von über 50 Milliarden Dollar?

Nun stehen also in diesem Zuckerberg-Manifest harmlos klingende Sätze wie diese: „In den vergangenen zehn Jahren war Facebook darauf ausgerichtet, Freunde und Familien zu verbinden. Auf dieser Basis wird unser nächster Fokus sein, eine soziale Infrastruktur für die Gemeinschaft zu entwickeln.“

Wenn Zuckerberg also erklärt, es gehe darum, „ob wir eine globale Gemeinschaft schaffen können, die für alle funktioniert“ – und ob die Welt in Zukunft weiterhin näher zusammenrücken werde oder auseinander, dann geht das weit darüber hinaus, was Facebook schaffen kann, dann lässt sich hier durchaus ein politischer Auftrag herauslesen.

Dann bewegt sich Facebook in Gestalt dieses nun gar nicht mehr so bübchenhaft unschuldig wirkenden stinkreichen Nerds in Richtung eines Messias der Kommunikation des 21. Jahrhunderts nach Christi: Der aus seiner digitalen Blase mitten in unsere analoge Welt herineintritt.

Sobald eine erste Übersetzung des Zuckerberg-Textes vorliegt, werden wir diese hier noch ergänzend verlinken.

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