Frau Prien und ihre stumpfe Schere

Der wilde Hunger nach immer mehr Gleichheit versorgt Frau Prien und ihresgleichen mit Arbeit, Brot und Geld. Von diesem Hunger leben sie ganz gut. Besser jedenfalls als ihre Klientel, die armen Schüler.

picture alliance / HMB Media | Uwe Koch

Karin Prien, im Bund zuständig für Bildung und Familie, liebt die Schere; nicht die Schere selbst, nur ihr Bild. Mit diesem Bild will sie uns klarmachen, was in der deutschen Schulpolitik schiefläuft und korrigiert werden muss. Während bei der Geburt die Schere noch geschlossen sei, beginne sie sich unter dem fragwürdigen Einfluss der Umwelt zu öffnen, bis sie im Alter von sechs Jahren, wenn das Kind endlich zur Schule geht, weit auseinanderklaffe. Eine verhängnisvolle Entwicklung, meint Frau Prien, und verlangt von der öffentlichen Schule, die Schere, so gut es geht, wieder zu schließen.

Auch ohne sie zu nennen, hat sie die Schuldigen damit markiert: Schuld sind die Eltern. Schlimm genug, dass sie so ungleich sind; schlimmer noch, dass sie ihre Ungleichheiten in mehr oder weniger ausgeprägter Form an ihre Kinder vererben – ein ewiger Kreislauf, der nicht enden wird, solange der Staat zögert, die Bindung zwischen Eltern und Kindern zu kappen und die Erziehung selbst in die Hand zu nehmen. Dem Amerikaner Christopher Jencks, einem Vorkämpfer der Chancengleichheit, schien dieser Preis zu hoch zu sein; seine deutschen Gefolgsleute wollen ihn aber zahlen, die Mitglieder der von Frau Merkel nach links verschobenen CDU offenbar auch.

Theodor Fontane hätte da widersprochen. Bei allen Gemeinsamkeiten, meinte er, wären Erziehung und Schule doch zweierlei: die Schule liege draußen, Erziehung sei jedoch Innensache, „Sache des Hauses“, wie er sich ausdrückte, und vieles, ja das Beste könne man nur aus der Hand der Eltern empfangen. Um sich gleich selbst zu korrigieren und hinzuzufügen, dass „aus der Hand der Eltern“ nicht eigentlich das richtige Wort sei: „Wie die Eltern sind, wie sie durch ihr bloßes Dasein auf uns wirken, das entscheidet“.

Fortschrittliche „Pädagog*innen“ wie Karin Prien müssen das für reaktionären Unfug halten. Und bedauern, dass das Grundgesetz, statt diesen morschen Faden endlich abzureißen, ihn wieder aufgenommen hatte, als es Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern „und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ nannte – Pflicht der Eltern, wie gesagt, nicht des Staates.

In den Bilanzen, mit denen uns Frau Prien so gern versorgt, steht die soziale Herkunft regelmäßig ganz weit oben; doch immer nur als ein Merkmal, das sich zum Nachteil der Kinder auswirkt, nie zu ihrem Vorteil. Dass Eltern durch ihr bloßes Dasein Einfluss auf den Lebensweg ihrer Kinder nehmen, macht sie verdächtig. In der Fachliteratur erscheinen sie als Risikofaktoren, als Laien und Dilettanten, vor deren verhängnisvollem Wirken die Kinder bewahrt werden müssen – am besten natürlich dadurch, dass sie selbst tätig werden und ihren Eltern, „wenn sie um die Ecke schauen / einen in die Fresse hauen“ – so der Ratschlag eines der vielen, wohlorganisierten Kinderfreunde. Da sich die Mehrheit der Kinder dazu aber nicht entschließen konnte, musste der Staat stellvertretend tätig werden. Und er tat das, indem er versuchte, die Schere zu schließen.

Bildungsplaner, Bildungsforscher und Bildungspolitiker haben nie vergessen, dass sich Gleichheit auf zwei ganz verschiedenen Wegen herstellen lässt: indem man alle anderen zu sich hinauf- oder sie umgekehrt zu sich herabzieht. Der zweite Weg ist der leichtere, und deshalb haben sich die deutschen Pädagogen für den zweiten entschieden. „Wenn ihr schon alles gleichmachen wollt, fangt wenigstens nicht bei den Köpfen an“, hatte ihnen Hubert Markl, als Zoologe wohlvertraut mit den Verfahren kollektiven Lernens, noch zugerufen, aber da war es schon zu spät. Die Soziologen hatten die Lehrstühle erobert und propagierten ihr neues Credo, das von gleichen Lernzielen kurzerhand auf gleiche Lernerfolge schloss.

Wie diese Erfolge aussehen, ergibt sich aus der jüngsten Pisa-Studie. Wieder einmal sind die deutschen Schulpädagogen ihrem Ziel, im internationalen Leistungsvergleich einen der letzten Plätze zu besetzen, ein gutes Stück weit nähergekommen. Zufrieden sind sie aber immer noch nicht. Als eine ihrer „Wortführer*innen“ zeigt sich Frau Prien beunruhigt, außerordentlich beunruhigt sogar, und bedauert, „dass die soziale Schere weiter aufgeht und sich nicht schließt“.

Ja was denn sonst? Die Kinder haben doch ganz recht, wenn sie den Schulbesuch für Zeitverschwendung halten. Sie haben damit doch immerhin bewiesen, dass sie gelernt haben, was es in Deutschland noch zu lernen gibt: dass dies das erste Land ist (und wahrscheinlich auch bleiben wird), das Ernst macht mit dem Versuch, das Recht auf Arbeit durch das Recht auf Faulheit zu ersetzen. Schon vor Jahren hieß ein beliebter, unter Berliner Grundschulkindern weit verbreiteter Berufswunsch Hartz IV, später dann Bürgergeld, inzwischen Grundsicherung. Um das zu lernen, braucht man keine Schule, so etwas lernt man auf der Straße. Deswegen sollte man den Kindern keinen Vorwurf machen, wenn sie den Schulunterricht für überflüssig halten. Sie haben gelernt, nur eben außerhalb der Schule.

Soweit sie überhaupt noch zuhören und nicht nur auf ihr Smartphone starren, halten sie sich an das, was ihnen ein fortschrittlicher Lehrer, Friedenspädagoge von Beruf, empfohlen hatte: die Kunst des Lesens, Schreibens oder Rechnens nicht von der Schule zu erwarten, sondern zu Hause zu erlernen. So, wie sie es dann ja auch gemacht haben – mit der vorhersehbaren Folge, dass sich die Schere immer weiter auftat. Der Abstand zwischen oben und unten, zwischen begünstigten und benachteiligten Schülern wuchs. Und machte ausgerechnet diejenigen zu den Verlierern des großen Aufbruchs, die vom Lernen an öffentlichen Schulen am meisten profitiert hätten.

Dass unsere Gleichstellungspolitiker von diesem Ergebnis überrascht worden wären, muss man nicht glauben. Sie wissen doch ganz gut, dass sich die Schere schon deshalb nicht schließen lässt, weil das Verlangen nach Gleichheit unersättlich ist – nach Tocqueville bleibt dazu nicht mehr viel zu sagen. Nicht unwahrscheinlich, dass ihnen das Ergebnis auch zupass kommt, weil nur die offene Schere, der wilde Hunger nach immer mehr Gleichheit sie selbst und ihresgleichen mit Arbeit, Brot und Geld versorgt. Von diesem Hunger leben sie ganz gut. Besser jedenfalls als ihre Klientel, die armen Schüler.

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