Der deutsche Sozialstaat ist milliardenschwere Kontrollverlust. Sanktionen bleiben aus, Missbrauch wird nicht erfasst, Arbeitsfähige kassieren jahrelang unbehelligt. Schwarzarbeiter bekommen fünfstellige Lkw-Führerscheine bezahlt. Sarah Tackes Recherchen decken einen Moloch auf, der zweistellige Milliardenbeträge verschleudert, die sich sofort einsparen ließen.
picture alliance / CHROMORANGE | MICHAEL BIHLMAYER
Das Bürgergeld ist offiziell Geschichte, seit Juli nennt sich das Ungetüm Grundsicherung. Friedrich Merz und die Union hatten im Wahlkampf einen Systemwechsel versprochen und milliardenschwere Einsparungen in Aussicht gestellt. Geblieben ist nach Recherchen der ZDF-Journalistin Sarah Tackes ein komplett dysfunktionaler Sozialapparatmoloch, der immer groteskere Summen umverteilt und bei der Durchsetzung und Kontrolle seiner eigenen Regeln regelmäßig kapituliert.
Was Sarah Tacke nun abermals über den deutschen Sozialstaat berichtet, ist politischer Sprengstoff. Erneut. Im Podcast von Paul Ronzheimer berichtet sie mit bemerkenswerter Nüchternheit, was sie bei ihren Recherchen in deutschen Jobcentern erlebt hat. Ronzheimer führt das Gespräch in seinem gewohnt ruhigen Ton. Es gibt keinen knalligen Thumbnail, der einem auf YouTube entgegenbrüllt; der aber zuverlässig funktioniert, wenn man hochbrisante, explosive Enthüllungen in die Breite bringen will. Ronzheimer ist dieser Ton trotz seiner Position bei Bild bei seinem eigenen Produkt offenbar selbst etwas zuwider. Es geht ruhiger zu. Einerseits ist das gut. Nur leider funktioniert die Nachrichtenwelt bei brisanteren Themen weniger gut, wenn man echten Sprengstoff im gleichen Gang wie Backzutaten fährt. So ist es leider auch hier. Genau dadurch droht die ungeheure Tragweite von Tackes neuen Aussagen streckenweise unterzugehen. Eine Auskopplung hat es in die Schlagzeilen geschafft, der weitere ebenso brisante Teil verbleibt unbeackert im sachlichen Gespräch.
Absolut zu Unrecht. Das sollte jeder hören, der wissen will, was aus einem Sozialstaat geworden ist, der Jahr für Jahr immer höhere zweistellige Milliardenbeträge umverteilt und nicht einmal mehr verlässlich kontrollieren kann, ob seine eigenen Voraussetzungen für diese Zahlungen überhaupt erfüllt werden. Genau genommen kann man nicht anders als zu konstatieren, dass dieses System nun entweder sehenden CDU-und-SPD-Auges auf den Kollaps zugeführt wird – oder aber komplett rasiert werden muss.
Die Vorgeschichte begann bereits im Mai. Tackes ZDF-Dokumentation „Am Puls mit Sarah Tacke – System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“ war ab dem 13. Mai 2026 im ZDF abrufbar und lief am 14. Mai im Fernsehen. Schon die Ankündigung des Senders sprach von „Jobcenter ohne Durchgriff“. Für das Bürgergeld waren im Bundeshaushalt 2026 rund 51 Milliarden Euro vorgesehen.
Was Tacke damals herausfand, beherrschte bundesweit die Schlagzeilen und beschäftigte die Öffentlichkeit noch Monate später. Sie traf einen Bürgergeldempfänger, der zugleich erheblich schwarz verdiente, ohne dass dies überhaupt jemandem aufgefallen wäre. Ein anderer Mann erklärte vor der Kamera, er nehme den Staat seit 40 Jahren aus, obwohl er arbeiten könne. Mitarbeiter aus Jobcentern beschrieben einen Apparat, in dem direkte Arbeitsvermittlung nur noch eine erstaunlich untergeordnete Rolle spielt.
Was genau macht das Heer von knapp 40.000 Vollzeitkräften, die die Bundesagentur Ende 2025 für die Grundsicherung ausweist, zuzüglich Tausender kommunaler Beschäftigter in den Jobcentern eigentlich genau? Wenn Sanktionen am Aufwand scheitern und kaum noch direkt in Arbeit vermittelt wird, gehört der gesamte Apparat umgehend, nicht gestern, sondern wirklich UMGEHEND auf den Prüfstand. Vielleicht ließe sich ein Teil davon nach entsprechender Qualifizierung dort sinnvoller einsetzen, wo Deutschland tatsächlich jede Hand braucht – zum Beispiel in der Altenpflege und dann müsste man auch nicht wieder 300.000 Menschen aus den muslimisch geprägten dritte Weltländern holen, die sich ohnehin nicht dafür hergeben wollen.
Zum Gesicht der Recherche von Tacke wurde damals der langjährige Bremer Jobcenter-Mitarbeiter Fred Göcken. Er arbeitete nach eigenen Angaben seit 2005 im Jobcenter und seit 2001 im öffentlichen Dienst. Göcken schilderte aus seiner Berufserfahrung ein System, in dem „Geldausgeben“ von vielen als zentrale Aufgabe verstanden werde. Seine Schätzung lautete, 30 bis 40 Prozent der Bürgergeldbezieher machten falsche Angaben und wollten im System bleiben. Belastbare amtliche Zahlen dafür gibt es nicht; Göcken bezeichnete dies ausdrücklich als seine Einschätzung aus Erfahrung und Gesprächen mit Kollegen.
Die Reaktion des Staates auf diesen Insider verdient ihren ganz eigenen Platz in der Geschichte: Bremen kündigte Göcken nach der Ausstrahlung fristlos. Im Kündigungsschreiben wurde ihm unter anderem vorgeworfen, das Jobcenter diffamiert zu haben; auch der Fernsehauftritt sei nicht genehmigt gewesen. Göcken befand sich bereits zuvor in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung mit seinem Arbeitgeber. Er kündigte an, gegen die Entlassung juristisch vorgehen zu wollen.
Göcken selbst nannte seinen Gang an die Öffentlichkeit später (ebenfalls bei Ronzheimer) einen „SOS-Funk“. Er habe auf „erhebliche Missstände in der Struktur des Jobcenters“ aufmerksam machen wollen. Seine Entlassung zündete nochmal den Turbo unter der Recherche. Ende Juni sprach selbst Radio Bremen davon, das Bremer Jobcenter habe mit dem Fall „bundesweit Schlagzeilen gemacht“.
Nun erinnert Sarah Tacke bei Ronzheimer nochmals an den Umfang der Recherche. Nach ihrer Dokumentation hätten sich zahlreiche Menschen aus der Praxis bei ihr gemeldet. Niemand aus diesem Kreis habe ihr geschrieben, sie habe die Wirklichkeit falsch dargestellt. Stattdessen habe sie Nachrichten erhalten, sie solle einmal in andere Jobcenter kommen, dort sei es „noch viel krasser“. Tacke spricht nach eigenen Angaben inzwischen mit der Erfahrung aus zahlreichen Jobcentern und aus hunderten von Gesprächen.
Umso schwerer wiegt das Bild, das sie nun abermals bei Paul Ronzheimer zeichnet.
Besonders entlarvend ist die Zahl von 0,8 Prozent sogenannten Totalverweigerern. Sie wird seit Jahren als Beleg dafür herangezogen, dass Missbrauch nur eine Randerscheinung sei. Tackes Recherchen zeigen, wie irreführend diese Zahl ist: Erfasst werden nur jene Fälle, in denen Mitarbeiter den aufwendigen Sanktionsweg tatsächlich bis zum Ende gehen. Tacke sagt dazu unmissverständlich: „Die 0,8% Totalverweigerer sind eine politische Nebelkerze und spiegeln in keinster Weise wider, wie sehr das System auch ausgenutzt und missbraucht wird.“
Damit fällt eine der wichtigsten politischen Beruhigungsformeln zum Bürgergeld in sich zusammen. Die niedrige Sanktionsquote beweist nicht, dass kaum jemand Regeln verletzt. Sie zeigt auch, wie selten der Staat bereit oder organisatorisch in der Lage ist, diese Verstöße durchzufechten. Mitarbeiter hätten Tacke erklärt: „Sanktionen sind so aufwendig, wir kriegen dafür auch nichts. Wir konzentrieren uns schlicht auf die Menschen, die mitmachen.“ Nach ihren Gesprächen liege dieser Anteil teilweise bei lediglich 40 bis 50 Prozent. Das ist nichts anderes als staatlich organisierte Selbstaufgabe.
Ein Apparat, der Missbrauch mitfinanziert
Die neue Grundsicherung hat daran offenbar wenig geändert. Tacke berichtet von Jobcenterleitern, die bereits enttäuscht seien. Wer zum ersten Termin unentschuldigt nicht erscheint, werde weiterhin nicht sanktioniert. In Warendorf hätten nach ihrer Darstellung rund 40 Prozent der Eingeladenen den ersten Termin einfach verstreichen lassen. Jeder Leistungsbezieher lernt damit sehr schnell, welchen Wert die Ansage seiner Behörde tatsächlich besitzt. Wer Regeln konsequent befolgt, tut das nur aus eigenem Antrieb. Die Staatsgewalt selbst sorgt kaum bis gar nicht für irgendeinen Nachdruck.
Noch vernichtender fällt ihr Befund zur Arbeitsvermittlung aus: nach Tackes Recherchen werden lediglich 4,9 Prozent der Leistungsbezieher direkt durch Jobcenter in Arbeit vermittelt. Mitarbeiter hätten ihr offen erklärt, ihre Tätigkeit bestehe vielfach aus einer Art von Lebensbegleitung.
Tacke berichtet außerdem von einem System, in dem Budgets für Maßnahmen ausgegeben werden sollen. Mitarbeiter hätten ihr geschildert, dass die Vermittlung in solche Programme eine erhebliche Rolle spiele. Damit entsteht eine Maschinerie, die sich selbst beschäftigt. Der eigentliche Zweck des Apparats, Menschen in reguläre Arbeit zu bringen, rückt in den Hintergrund.
60.000 Euro Schwarzgeld und der Staat zahlt den Lkw-Führerschein
Wie weit sich der Staat dabei vorführen lässt, zeigt einer der Fälle aus Tackes Recherche. Ein Mann habe ihr berichtet, neben dem Bezug von Sozialleistungen rund 60.000 Euro schwarz zu verdienen. Aufforderungen des Jobcenters habe er ignoriert. Das Geld sei trotzdem weitergeflossen.
Als es schließlich er war, der obendrauf noch was vom Amt wollte, erschien er: einen Lkw-Führerschein. Nach seiner Darstellung erhielt er dafür einen Gutschein über rund 18.000 Euro. Das kann man sich den ganzen Irrsinn wirklich nicht mehr vorstellen. Ein Leistungsbezieher ignoriert die Behörde, verdient mutmaßlich zehntausende Euro am Staat vorbei und bekommt anschließend von genau diesem Staat noch eine teure Ausbildung finanziert. Viel drastischer lässt sich der Missbrauch, die Selbstaufgabe dieses dysfunktionalen Apparats kaum mehr illustrieren.
Tacke begegnete auch Menschen, die ihr erklärten, unter 18 Euro Stundenlohn überhaupt nicht arbeiten zu wollen. Solche Aussagen fallen in einem Land, in dem andere Menschen morgens vor Sonnenaufgang Büros reinigen oder im Schichtdienst stehen und aus ihrem versteuerten Einkommen genau diesen Sozialmoloch finanzieren.
Die politische Sprengkraft liegt auf der Hand: Wer arbeitet und jeden Monat Steuern sowie Sozialabgaben abführt, sieht einen Staat, der ihm jede Einkommenssteigerung sofort anrechnet und bei Leistungsbeziehern schon an der elementaren Kontrolle verweigert.
1,8 Millionen Arbeitsfähige im Leistungsbezug
Nach Tackes Darstellung verbleiben selbst bei vorsichtiger Rechnung rund 1,8 Millionen arbeitsfähige Menschen in der Grundsicherung. Gleichzeitig gibt es in Deutschland mehr als eine Million offene Stellen.
Niemand behauptet, jeder Leistungsbezieher passe auf jede freie Stelle. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass der Staat über Jahre eine gewaltige Zahl arbeitsfähiger Menschen alimentiert, während Unternehmen Personal suchen und der zuständige 40.000-Personen-Behördenapparat gerade einmal einen kleinen Teil direkt vermittelt.
Vollends grotesk ist das System auch bei den Leistungshöhen. Tacke verweist auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, wonach im April 2026 knapp 5.000 Bedarfsgemeinschaften mehr als 6.000 Euro Bürgergeld erhielten. Wer 6.000 Euro netto aus eigener Arbeit nach Hause bringen will, muss als lediger Arbeitnehmer ohne Kirchensteuer rund 10.600 Euro brutto im Monat beziehungsweise etwa 127.000 Euro im Jahr verdienen. Der Staat finanziert damit Niveaus, die für einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung völlig außer Reichweite liegen. Ein Staat, der solche Relationen schafft, beschädigt nicht nur den Arbeitsanreiz. Er verhöhnt jeden einzelnen Menschen, der diesen absurden, aus dem Ruder gelaufenen Missbrauchs-Apparat jeden Monat mit seinen Abgaben finanzieren muss.
Die Reform sollte genau solche Fehlanreize beseitigen. Von den im Wahlkampf versprochenen Milliardenersparnissen ist nichts zu sehen. Tacke verweist auf die Gesetzesbegründungen des Bundesarbeitsministeriums, das SPD-Bärbel Bas untersteht: Für das laufende Jahr werde lediglich eine Einsparung von 86 Millionen Euro erwartet. In späteren Jahren könne die Reform sogar zusätzliche Kosten verursachen. Aus dem angekündigten Systemwechsel wird nichts. Die milliardenschweren Versprechen kollidieren mit den Zahlen des eigenen Ministeriums.
Der Staat will das Ausmaß des Missbrauchs nicht kennen
Der schwerste Befund betrifft das Wissen des Staates über sein eigenes verrottetes Missbrauchssystem.
Tacke sagt ausdrücklich, dass belastbare Daten über das gesamte Ausmaß des Missbrauchs weiterhin fehlen. Niemand könne seriös beziffern, wie viele Leistungsbezieher den Sozialstaat tatsächlich ausnutzen. Die viel zitierte Quote der Totalverweigerer taugt dafür gerade nicht. „Wir wissen nicht, wie groß der Missbrauch insgesamt ist, eine Dunkelziffer. Manche sagen 20 %, 30, 40, 50, also so, da hat jeder seine eigene Arbeitserfahrung. Fakt ist, wir wissen es nicht.“
Damit gibt Deutschland Jahr für Jahr immer gewaltigere Summen für Sozialleistungen aus, ohne zu wissen, in welchem Umfang das System missbraucht wird. Die Eskalationsstufen auf der Absurditätsleiter sind damit noch immer nicht abgeschritten. Absolut irrwitzig wird es jetzt bei kriminell gewordenen Personen, nach denen gleichzeitig per Haftbefehl gesucht wird. Bundesweit liegen nach dem im Gespräch genannten Bericht mehr als 100.000 Haftbefehle vor. Wie viele dieser Personen Grundsicherung beziehen: unbekannt.
Der Grund ist nach Tackes Darstellung der mangelhafte Datenaustausch zwischen den Behörden. Das scheint wohl immer noch per Fax zu funktionieren (meine persönliche Mutmaßung). Das Jobcenter weiß nicht, dass die Polizei nach einem, nennen wir ihn: Bürgergeldabgreifenden sucht. Auch Personen, die sich möglicherweise längst im Ausland befinden, können demnach munter weiter und unbehelligt Geld beziehen, ohne dass dies zeitnah auffällt.
Tacke stößt bei ihren Recherchen nach eigener Darstellung immer wieder auf dasselbe strukturelle Problem: fehlende Daten und Behörden, die ihre Informationen nicht ausreichend miteinander abgleichen. Ihre Schlussfolgerung gegenüber Paul Ronzheimer ist entsprechend scharf: „Ich möchte keine Problembeschreibung und ich möchte nicht hören, was nicht geht. Ich möchte hören, wie es geht.“
Genau daran scheitert dieser Staat bislang. Er verlangt von seinen Bürgern lückenlose Angaben über Einkommen und Vermögen bis ins allerkleinste Detail, für ein paar nichtgezahlter Cents fallen Mahngebühren an. Überall dort, wo es auch nur irgendwas zu holen gibt. Auf der anderen Seite wird verblasen und verblasen, als ob diese Party niemals enden wird. Für Missbrauch wird weder der Abgeifer noch derjenige im Amt belangt, der die Schleusen dazu partout nicht schließen will. Auch das ist ein absolut unhaltbarer Zustand, der so nicht weitergehen darf. Wenn das nicht verstanden wird: wieder mehr Stimmen für die AfD.
So ergibt sich aus Tackes Bilanz ein Einsparpotenzial, das weit über die bisherigen politischen Versprechen hinausgeht. Wer den strukturellen Missbrauch konsequent eindämmt, arbeitsfähige Leistungsbezieher tatsächlich in Beschäftigung bringt und den aufgeblähten Verwaltungsapparat auf seine Kernaufgabe zurückführt, kann nach grober Einschätzung mindestens 25 bis 30 Milliarden Euro im Jahr einsparen. Mindestens. Die Größenordnung ist keineswegs abenteuerlich, wenn man ernst nimmt, welche Fehlanreize, Kontrolllücken und Dauerleistungen Tacke aus dem System beschreibt.





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