ZDF sei dank: Remigration jetzt – Auswandern nach Marokko

Während Ceuta von zehntausenden Marokkanern gestürmt wird und Medien mit Rührstücken wie aus 2015 für Migrationsnachschub trommeln, präsentiert das ZDF in schönsten Bildern: Marokko als Traumland für deutsche Auswanderer. Besser kann man die große politmediale Lüge kaum entlarven.

Screenprint: ZDF
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Marokko und das deutsche Asylrecht – da war doch was. Jahrelang scheiterte der Versuch, das Königreich zum sicheren Herkunftsstaat zu erklären, am erbitterten Widerstand der Grünen. 2016 stimmten 62 von 63 Grünen im Bundestag gegen die Einstufung von Marokko, Algerien und Tunesien, 2019 waren es 65 von 67. Noch im Dezember 2025 lehnten sämtliche an der Abstimmung teilnehmenden Grünen das neue Gesetz ab, das der Bundesregierung die Bestimmung sicherer Herkunftsstaaten per Rechtsverordnung erleichtert. Im Januar 2026 zog die grüne Bundestagsfraktion deshalb sogar vor das Bundesverfassungsgericht.

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Die Pointe des Jahres 2026 lautet: Die Wirklichkeit hat die deutsche Debatte inzwischen überholt. Auf der nationalen deutschen Liste steht Marokko derzeit tatsächlich noch nicht. Die Bundesregierung erklärte am 22. Juni, das Land zusammen mit Algerien, Indien und Tunesien aufnehmen zu wollen. Auf EU-Ebene ist die Sache bereits weiter: Marokko wurde mit der im Februar beschlossenen EU-Verordnung 2026/464 auf die gemeinsame Liste sicherer Herkunftsländer gesetzt. Und der fehlende Status als sicherer Herkunftsstaat bedeutete ohnehin zu keinem Zeitpunkt ein allgemeines Abschiebeverbot. Die Einstufung verändert vor allem die asylrechtliche Regelvermutung und beschleunigt Verfahren.

Man sollte diese kleine deutsche Lügen-Spezialgeschichte im Kopf behalten, bevor man die neue ZDF-Dokumentation „Abenteuer Auswandern: Neuanfang in Marokko“ anschaut. Seit dem 16. August steht der 43-minütige Film von Maja Dielhenn im ZDF-Streamingangebot. Im linearen Programm lief er in dieser Woche um sagenhafte 0.45 Uhr, wo das aussterbende ZDF-Publikum schon längst in Morpheus Armen ruht. Das ZDF führt den sagenhaft schön gedrehten Film selbst unter „Reisen/Urlaub/Touristik“.

Die zeitliche Nähe zur Masseninvasion von Ceuta und die Rührstücke grüner Journalisten in den Redaktionen könnte kaum größer sein. Am 30. Juli wurde dort die EU-Außengrenze faktisch zu Zehntausenden überrannt. Nach den späteren Angaben der spanischen Regierung gelangten binnen kurzer Zeit bis zu 80.000 Menschen aus Marokko in die spanische Exklave. Sie schwammen um die Grenzanlagen herum oder überwanden die Sicherungen zu Fuß. Die Einwohnerzahl Ceutas liegt selbst nur bei etwas mehr als 80.000. Mindestens Dutzende Menschen starben im Meer. Tausende bleiben weiter in der Stadt.

Wer die deutsche leitmediale Berichterstattung über diese Ereignisse verfolgte, bekam schnell eine Erklärung angeboten. Die Tagesschau ließ einen Marokkaner sagen: „Wir wollen eine bessere Zukunft.“ In Marokko gebe es nichts, man könne dort nichts machen, die Arbeit sei hart und der Verdienst gering. Kurz danach legte die ARD mit einem eigenen Stück unter der Überschrift „Marokkos Jugend sieht zu Hause keine Perspektive“ nach. Ein junger Mann aus einer Textilfabrik in Tanger erklärte dort seinen Traum von Europa. Die Stoßrichtung ist klar: Deutschland soll noch viel, viel, viiiiiel mehr Marokkaner und sonst jeden Glücksuchenden Afrikas und Gazas in die Arme des deutschen Sozialstaats schließen.

Auch der Deutschlandfunk referierte die Erzählung von „Armut, Korruption und Perspektivlosigkeit“. Das ZDF ließ die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger erklären, hohe Jugendarbeitslosigkeit sei ein wesentlicher Treiber. „Die Jugend sieht keine Perspektiven“, hieß es dort. Die meisten seien aus ökonomischen Gründen gekommen. Nein, Frau Kohlenberger – die kommen wegen leistungslosem Grundeinkommen auf Kosten der Steuerzahler. Alles andere ist einfach eine Lüge.

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So verwandelt sich ein massenhafter illegaler Grenzübertritt sprachlich rasch in ein sozialpolitisches Fallstudienecho aus 2015. Aus dem bewussten Bruch des Grenzregimes wird die verzweifelte Suche nach „Perspektiven“ konstruiert. Die Hoffnung auf ein materiell besseres Leben in Europa übernimmt in der Erzählung die Funktion einer beinahe naturgesetzlichen Erklärung. Wer arm ist, wer wenig verdient oder mit seinem Land unzufrieden ist, erscheint damit bereits als Kandidat für die europäische Migrationsroute.

Dann schaltet man das ZDF zur Geisterstunde ein – und bekommt in den blühendsten Farben und Bildern Marokko präsentiert. Das unsichere Herkunftsland, in das nicht zurückgeschoben werden kann, wird als Sehnsuchtsort für Ausreisewillige gepriesen wie nichts Gutes. Wie bitte? Was geht hier ab? Wie konnte das denn passieren und die mühsam aufgebaute Medienphalanx „Warum alle armen Menschen aus dem Shithole Marokko jetzt ins deutsche Bürgergeld müssen“ (überspitzt) komplett zerstören? Na gut. Wie man mitbekommt, es ist um 0:45 Uhr ja niemandem aufgefallen außer mir kleiner Nachteule.

Plötzlich erscheint dasselbe Land wie aus dem Katalog eines Luxusreiseveranstalters. Der Sender schwärmt bereits in seiner eigenen Beschreibung vom „Duft von Gewürzen“ in den Souks. Der Atlantik locke mit seinen Stränden. Casablanca und Marrakesch stehen für modernes urbanes Leben. Come again?

Marokkos Schönheit fasziniere Menschen aus aller Welt so sehr, dass manche für immer bleiben. Dazu liefert die Reportage genau jene Bilder, für die das marokkanische Tourismusministerium vermutlich dankbar wäre.

Da ist Sabina Ben Chaira aus Mannheim. Vor 40 Jahren kam sie nach Marokko, verliebte sich in das Land und später in Ahmed. Inzwischen betreiben beide ein Hotel mitten in der historischen Medina von Marrakesch. Sabina könne sich, schreibt das ZDF, „kein schöneres Zuhause vorstellen“. Sie liebt die marokkanische Kultur und schwärmt von der fortwährenden Entwicklung des Landes.

Christian Mamoun aus Bayern lebt in Casablanca. Seine Familie väterlicherseits stammt aus Marokko. Er arbeitet als Fotograf und Content Creator in der kreativen Szene der Millionenstadt. Das ZDF begleitet ihn bei seiner Arbeit und beim Boxtraining. Mamoun lobt die Offenheit der Menschen und die wachsende Kunstszene. Sein Urteil über die Schwierigkeiten des Alltags klingt wie der endgültige Werbeslogan für das marokkanische Fremdenverkehrsamt: „Hier [sind] selbst die Schattenseiten sonnig.“

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Und dann ist da Janina Maurus, die bei Agadir mit ihrem marokkanischen Mann Aziz und den gemeinsamen Kindern lebt. Sie kam 2012 als Backpackerin ins Land. In Marokko fand sie nach eigener Aussage ihre „wahre Heimat“. In Deutschland habe sie sich wie ein Fremdkörper gefühlt. Mit Aziz baute sie ein Surfcamp samt traditionellem Riad auf. Internationale Gäste kommen wegen der Schönheit des Landes und der Atlantikwellen. Janina lebt von Marokko und von Menschen, die dort ihren Urlaub verbringen wollen.

43 Minuten lang entsteht auf diese Weise ein Bild von Marokko, das erstaunlich wenig mit jenem Land gemein zu haben scheint, aus dem nach der Deutung deutscher Migrationsberichterstattung junge Männer beinahe zwangsläufig nach Europa drängen müssen.

Dem ZDF-Film nach kann man dort ganz prima Unternehmen gründen. Man kann als Fotograf arbeiten. Eine Deutsche baut sich mit ihrem Mann eine touristische Existenz auf. Eine andere betreibt seit Jahrzehnten ein Hotel. Die Metropolen wirken dynamisch, die Menschen offen. Das Land wird als Heimat gewählt.

Am lustigsten wird es, wenn man die Bilder aus der schönen Reportage mit den Bildern aus deutschen Innenstädten kontrastiert.

Das ZDF liefert wunderschöne Argumente für eine Idee, die im deutschen Migrationsdiskurs gewöhnlich schon sprachlich unter Quarantäne gestellt wird: Menschen können ganz wunderbar im schönen Marokko leben. Menschen können dort arbeiten und Unternehmen aufbauen. Deutsche können sich dort integrieren und das Land sogar zu ihrer neuen Heimat erklären. All das, was einem Marokkaner nicht möglich sein soll. Und man komme mir nicht mit: die Schulen dort seien schlechter als die in Deutschland. Aus eigener Erfahrung vor Ort kenne ich mehrere Schulen von innen, die nicht im mindesten das bereithalten, was hier so unter Schule durchgeht.

Der Maßstab, der seit Jahren an Migration nach Europa angelegt wird, gerät durch solche Bilder kolossal ins Rutschen. Ökonomische Unzufriedenheit verwandelt keinen Staat in ein unbewohnbares Gebiet. Ein niedriger Lohn schafft noch keinen Anspruch auf Rundumversorgung Europa. Die politmediale Erzählung von Marokko als perspektivlosem Shithole ist eine einzige gigantische Lüge.

Dass diese Einsicht ausgerechnet aus dem ZDF um Mitternacht kommt, besitzt einen gewissen Reiz. Vielleicht sollte man diese Dokumentation künftig im BAMF und in Marokko zeigen. Titelvorschlag für die Vorführung: „Abenteuer Rückkehr – Neuanfang in Marokko“.

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