In Sachsen-Anhalt, beteuern alle Parteien außer der AfD, geht es um das Schicksal Deutschlands. Mit dem schlechtesten Quatschwahlkampf aller Zeiten versuchen sie das Land zu retten.
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Im Wahlkampf von Sachsen-Anhalt geht es um die Rettung der Demokratie. Genauer: unserer Demokratie. So jedenfalls erklärt ein gar nicht mehr so breites Bündnis die Lage; sein Schlachtplan besteht darin, am 6. September zusammen mehr Stimmen oder wenigstens Parlamentssitze zu bekommen als die AfD allein. Denn falls Ulrich Siegmund, laut SPIEGEL der „gefährlichste Mann Deutschlands“, in der Staatskanzlei Platz nähme, dann, so geht die Erzählung der Anti-AfD-Allianz in Politik und Medien weiter, würde er nicht nur das relativ kleine Bundesland in eine Katastrophe stürzen, sondern die ganze Bundesrepublik.
In Magdeburg und drumherum findet also gerade das Armageddon der Demokratie statt, das finale Ringen zwischen Gut und Böse. Vor diesem Hintergrund fällt noch ein bisschen stärker auf, was sich sowieso nicht mehr verstecken lässt: Der real existierende Wahlkampf von Grünen, SPD und CDU passt ungefähr so gut zu der beschworenen allerernstesten Endzeit wie Bärbel Bas an einen Unternehmerstammtisch. Die Parteikampagnen gehören nicht nur ganz allgemein handwerklich zu dem Lausigsten, was Wählern in Deutschland jemals angeboten wurde. Sie fallen auch durch eine bisher einmalige Mischung aus gewollter Kasperei und unfreiwilliger Komik in der ungefähren Mischung dreißig/siebzig auf.
Für die Grünen tritt die Landtagsabgeordnete Susan Sziborra-Seidlitz als Spitzenkandidatin an. Sie stammt aus Berlin, engagierte sich früher in der PDS (so hieß die Linkspartei einmal), und betont gern ihren Beruf: Krankenschwester. Diese Tätigkeit ruht allerdings nach ihren Angaben seit 2021, also seit ihrer Wahl in das Landesparlament über Liste bei 6,6 Prozent Erststimmen im Wahlkreis Quedlinburg.
Ihre Kampagne führen die Grünen so, als würden sie nicht in einem ziemlich armen Flächenland antreten, sondern in Berlin-Friedrichshain: An den Wahlkampfständen stehen Lastenräder in grün, der Transportkasten trägt die Aufschrift „Das Rad ist unser Laster“, er enthält Regenbogenfähnchen und grüne Miniaturwindrädchen.
An Windrädern in Originalgröße mangelt es in dem Bundesland übrigens nicht; an vielen windigen Tagen stehen sie wegen Abschaltung still, weil man ihren Strom weder ableiten noch speichern kann. Anders als in zentralen Großstadtbezirken hält sich dort, wo die Turbinen oft nicht weit von den Häusern im Dorf stehen, die Begeisterung in Grenzen, wenn die Grünen versprechen, noch mehr davon aufzustellen. Erst recht, wenn amüsierte grüne Parteikollegen aus Niedersachsen in einem Video das Geräusch der Windradflügel nachmachen, das sie nicht ständig hören müssen, andere aber schon.
https://twitter.com/unblogd/status/2078584979521421623.
Apropos Videos: die produziert Sziborra-Seidlitz in Serie. Und sie wirken zusammengenommen so, als hätte Uwe Boll einen Film mit der Absicht gedreht, die Partei nicht nur gnadenlos durchzuparodieren, sondern sie in Sachsen-Anhalt auch gleich unterhalb der Fünfprozenthürde in den Boden zu rammen.
Passend zur Zweitstimmenkampagne, die die Grünen wieder in den Landtag führen soll, dreht die frühere Bundesumweltministerin Steffi Lemke am Glücksrad, das Sziborra-Seidlitz beherzt anhält. Lemke verkündet: „Hey, Zweitstimme Grün ist rausgekommen“.
https://twitter.com/Eddie_1412/status/2089432431472370134.
In einer anderen Produktion liest die Spitzenfrau aus den Zuschriften vor, die sie ihren Angaben zufolge bekommt. Unter anderem: „Ich bin ein Mann und möchte von dir schwanger werden.“ Dazu prusten zwei Komparsen los und spucken sich gegenseitig Wasser ins Gesicht.
Spätestens hier erkennt man, dass sich der Wahlkampf doch nicht im zentralen Berlin abspielt. Dort bekäme man nämlich als Grüne beziehungsweise Grüner erheblichen Ärger im Milieu, wenn man behauptet, Männer könnten nicht schwanger werden, und beim Penis würde es sich um ein exklusiv männliches Organ handeln.
Irgendjemand musste der Frau noch eingeredet haben, es sei eine prima Idee, im Hochsommer per Video Tipps für die Bekleidung beim Radeln im Winter zu geben, und dabei ganz doll zu lachen. Wichtig: eine Jacke in einer auffälligen Farbe anziehen. Überraschenderweise folgen keine Hinweise, wie man sich eine Jacke überzieht.
— Daniel Eck 🇺🇦 (@eckilepsie) August 17, 2026
„Ist das jetzt mausig, atzig oder fotzig“, fragt jemand auf X nach Ansicht des Videos. Woher die Frage beziehungsweise die Begriffe rühren, enthüllt ein anderes Video, naja, wenigstens teilweise. Nämlich von der Kandidatin selbst, die sich in einem weiteren Video als fotzig, teils mausig und atzig zu ungleichen Teilen beschreibt.
Was das bedeutet, weiß weder der Autor noch sonst jemand in der Redaktion. Handelt es sich um Geheimcodes für den Fall, dass Siegmund gewinnt und die Grünen in den Untergrund müssen? Oder einen Hinweis an noch schwankende Wähler, ihre Stimme dann doch lieber den Kandidaten der seriösen Partei „Die Partei“ zu geben statt einer Truppe in Kindergeburtstagsstimmung, die jeden Bezug auf landesspezifische Themen penibel vermeidet? Denn das könnte ja ihre quietschvergnügte Laune vermasseln.
Blenden wir hier ab und kommen zur SPD. Der Generalsekretär, dessen Namen sich kein Mensch merkt (apropos: gibt es noch einen jüngeren linken Politiker m/w/d ohne Armtätowierung?) trägt per Video die zentrale Wahlkampfbotschaft der Partei vor: bitte helft uns über die Fünfprozenthürde, denn das verhindert die AfD-Alleinregierung.
Genauso lautet auch die Kernaussage in der getanzten Version: verhindert mit eurem Kreuz bei uns den Faschismus, außerdem brauchen wir alle ein Landtagsmandat. Das mit den fünf Prozent scheint SPD-Spitzenkandidat Armin Willingman nicht ganz zu glauben; er forderte kürzlich eine Absenkung der Parlamentseinzugsgrenze auf drei Prozent.
Wie kann die CDU mit ihrem Spitzenmann Sven Schulze da mithalten? Tanzvideos gibt es von ihm bisher nicht, kryptische Botschaften dafür gleich mehrere. „Ich bin auch wütend, aber ich habe keine Zeit zu filmen“, heißt es auf einer von ihm verbreiteten Social-Media-Kachel. Rechts unten sieht man den Ministerpräsidenten klein und leicht angeschnitten, als wollte er sich am liebsten aus dem Bild davonmachen.

Auf einem anderen seiner Motive heißt es: „TikTok wählt nicht den Ministerpräsidenten. Du schon.“ Laut Verfassung wählt tatsächlich keine chinesische Plattform den Regierungschef, aber auch nicht die Wähler, sondern der Landtag. Dessen Zusammensetzung wiederum bestimmen etliche jüngere Wähler mit, die auf TikTok die vergleichsweise professionell gemachten Videos von AfD-Siegmund sehen. Irgendwie will Schulzes Satz seinen Unmut darüber ausdrücken. Wobei: „vergleichsweise professionell“, diese Messlatte liegt in Sachsen-Anhalt praktisch auf dem Boden. In Anbetracht dieser Tatsache gibt sich der AfD-Kandidat erstaunlich viel Mühe.
Die CDU holte sich wegen des gegnerischen Vorsprungs einen Nothelfer, nämlich Dieter Hallervorden. Der frühere Nonstop-Nonsens-Macher gab ein paarmal auf der Bühne seine Ansichten über Israel, Gaza, Friedrich Merz und die CDU-Generalsekretärin zum Besten, Schulze stand als weitgehend stummer Sidekick mit seinem müden Gesicht daneben und hörte zu. In einem neuesten Video erklärt Hallervorden, er sei „sehr erfolgreich in der Schädlingsbekämpfung. Ich wähle nicht AfD“. Das hält er für genauso lustig, wie es die CDU Sachsen-Anhalt für eine gute Idee hält und zumindest hielt, Hallervorden zu engagieren.
Der Endkampf um die Demokratie auf dem Boden Sachsen-Anhalts geht noch über ein paar Runden. Aber steigern lässt er sich eigentlich nicht mehr. Ulrich Siegmund könnte sich bis zum 6. September darauf beschränken, weiter den Gefährlichster-Mann-Titel des SPIEGEL für seine Fans zu signieren. Sollte die AfD die absolute Mehrheit holen, will er verraten, was sie für diese unverhoffte PR bezahlt hat, verspricht er augenzwinkernd auf X.
Ein nicht unwesentlicher Teil des AfD-Wahlkampfs besteht im Übrigen darin, die Videos der anderen Bewerber zu verbreiten.
Ist das atzig? Mausig? Wer weiß.





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