Aufstand gegen Bas und Klingbeil: Der SPD-Spitze bricht die eigene Partei weg

Sieben hessische Arbeitsgemeinschaften rebellieren offen gegen die Parteiführung, aus Bielefeld folgt der nächste Brandbrief. Bas und Klingbeil schlägt der Zorn der eigenen Reihen entgegen – vor Sachsen-Anhalt wächst die Panik vor dem nächsten Absturz.

picture alliance / NurPhoto | Christian Marquardt

Die gewählte Bühne des ZDF-Sommerinterviews mit Bärbel Bas am letzten Sonntag las sich bereits wie ein Hinweis darauf, wo es für die SPD nach den Landtagswahlen hingehen wird. Als hätte der arme MSV Duisburg noch nicht genug gelitten, wählte Määdke Bärbel das Stadion als Kulisse für ihre jüngsten 20 Minuten heiße Luft. Da saß sie nun in einem spacken Hosenanzug mit einer Aura Merkel später Tage. Vor zwei Monaten hatte der MSV erst den Aufstieg in die 2. Bundesliga verpasst und verbleibt nun weiter in der 3.. Jeder Mensch mit auch nur zwei Gramm Gespür für irgendwas hätte den Duisburger Innenhafen als Kulisse gewählt. Aber da sich bei der SPD schon lange niemand mehr selbst fühlt, dann eben MSV. Da kann Frau Einheitsbraun gleich mal den Zeh reinhalten, um zu sehen, wie sich 3. Liga demnächst für die SPD im Abstieg anfühlt.

Während Bas vor der leeren Duisburger Tribüne noch den Eindruck erweckte, die SPD könne sich mit etwas Sozialstaatsraunen und viel Funktionärsnebel über die nächsten Abstürze retten, rumort es längst immer lauter in den eigenen Verein. Die ersten Genossen verweigern der Doppelspitze die Gefolgschaft und wollen nicht länger für einen Kurs geradestehen, der ihnen an der Basis die letzten Wähler vertreibt. In Hessen haben sich gleich sieben Arbeitsgemeinschaften der Partei gegen den Kurs ihrer Bundesvorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil gestellt. Aus Bielefeld kommt ein weiterer Brandbrief. Hinter vorgehaltener Hand wird bereits über personelle Konsequenzen gesprochen.

Der Anlass der Revolte ist aus Sicht der Genossen schnell benannt: Die schwarz-rote Bundesregierung betreibe „Sozialabbau“, und die SPD-Spitze helfe dabei. In einem vierseitigen offenen Brief wenden sich die hessischen Parteigliederungen an die eigenen Bundestagsabgeordneten und den Parteivorstand. Mit „großer Sorge und deutlicher Enttäuschung“ blickten sie auf beschlossene oder angekündigte Änderungen im Sozial- und Gesundheitsbereich. Auch die Familien- und Arbeitsmarktpolitik wird beklagt.

Die Unterzeichner erklären den Regierungskurs kurzerhand zum „Sparkurs“ und urteilen: „Wir halten diesen Sparkurs für politisch falsch.“

Von einem schrumpfenden Sozialstaat ist in den öffentlichen Haushalten allerdings wenig zu erkennen. Im Jahr 2022 beliefen sich die Sozialleistungen in Deutschland auf rund 1,179 Billionen Euro. Ein Jahr später waren es bereits 1,249 Billionen. Für 2024 meldete das Bundesarbeitsministerium rund 1,345 Billionen Euro. Damit floss rechnerisch fast jeder dritte Euro der deutschen Wirtschaftsleistung in die soziale Sicherung.

Auch im Bundeshaushalt 2026 wird nicht der Sozialstaat kleingespart. Für soziale Sicherung, Familie und Arbeitsmarkt sind 245,1 Milliarden Euro vorgesehen. Das sind elf Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Allein 127,4 Milliarden Euro Bundesmittel fließen an die Rentenversicherung. Der gesamte Sozialbereich beansprucht 46,7 Prozent der Bundesausgaben und bleibt damit der mit Abstand größte Ausgabenblock.

Das Fass ohne Boden, dieser zum Bersten gestopfte Wasserkopf, wird also weiter gefüllt. Beiträge und Steuermittel steigen, während die wirtschaftliche Grundlage erodiert. Dennoch reicht es der SPD nie. Jede Begrenzung des Ausgabenwachstums wird zum Kahlschlag erklärt, jede Prüfung einer Leistung zur sozialen Kälte. Reform bedeutet in dieser Partei offenbar nur, noch mehr Geld in ein System zu pumpen, das trotz immer neuer Rekordsummen angeblich permanent kurz vor der Abschaffung steht.

Für die hessischen Sozialdemokraten ist dennoch die eigene Parteiführung schuld. Die Politik der Bundesregierung falle auf sie als Kommunalpolitiker zurück. Vor Ort müssten sie für „soziale Gerechtigkeit“ kämpfen und zugleich die Berliner Beschlüsse rechtfertigen. „Wir sind es leid, Sozialabbau verteidigen zu müssen“, schreiben sie.
Auch die Standardausrede der Regierungs-SPD wollen die Rebellen nicht mehr hören. Die Parteiführung behauptet regelmäßig, sie habe in der Koalition zumindest die schlimmsten Vorhaben der Union verhindert. Den Unterzeichnern genügt diese Erzählung nicht länger. Die Wähler erwarteten mehr als eine „Politik der Schadensbegrenzung“.

Das ist das eigentliche Dilemma der SPD. Sie sitzt in der Bundesregierung, stellt zentrale Minister und trägt die Beschlüsse mit. Anschließend erklärt sie der eigenen Basis, ohne sozialdemokratische Beteiligung wäre alles noch viel schlimmer gekommen. Die Partei wirbt nicht mehr mit dem, was sie durchsetzt. Sie wirbt mit einem erfundenen Schreckensbild dessen, was CDU und CSU angeblich ohne sie täten. Der ist gut. Wo doch mittlerweile jeder weiß, das diese CDU unter Merz alles tut, was die SPD will.

Die hessischen Genossen fürchten, dieser Kurs beschädige die Glaubwürdigkeit der SPD (welche Glaubwürdigkeit, bitte?) und treibe enttäuschte Wähler in die Arme populistischer und rechtsextremer Parteien (SPD bald leergespielt). Gemeint ist vor allem die AfD. Selbst nach jahrzehntelanger Expansion des Sozialstaats begreift die SPD ihre früheren Stammwähler weiterhin als Klientel, die nur durch höhere staatliche Leistungen bei der Partei gehalten werden könne. Dabei treibt es ist die SPD, die ihre einstige Kernwählerschaft längst selbst zur AfD treibt. Den Arbeitern, deren Interessen sie vor langer, langer, langer, sehr langer Zeit einmal vertreten wollte, hat sie wirtschaftspolitisch den Rücken gekehrt und kulturell den Stecker gezogen. Ein Facharbeiter in Duisburg-Rheinhausen gilt in SPD-Spähren nicht so viel wie die schwarze lesbische Behinderte (don’t shoot the messenger, Grüße gehen raus an Campino!). Wenn sie dann zur Konkurrenz abwandern, fragt die Partei nicht nach den eigenen Fehlern, sondern beschimpft die Davonlaufenden noch als „Einheitsbraun“.

Unterzeichnet wurde das Schreiben von führenden Vertretern der Jusos und der SPD-Frauen. Auch die Arbeitsgemeinschaft 60 plus ist dabei. Hinzu kommen die Sozialdemokraten im Gesundheitswesen sowie die Arbeitsgemeinschaften für Arbeit, Selbst Aktiv und SPD Queer. Damit versammelt sich ein beträchtlicher Teil des parteiinternen Funktionärswesens gegen die Berliner Doppelspitze.

Der hessische Juso-Vorsitzende Lukas Schneider spricht von einem „riesengroßen“ Frust unter Mitgliedern und Stammwählern. Die von der SPD mitverantworteten Reformen führten zu „weniger Netto vom Brutto“. Von Bas und Klingbeil verlangt er einen Kurswechsel hin zu „sozialer Sicherheit statt noch mehr Sozialabbau“.
Dass den Bürgern weniger Netto bleibt, ist tatsächlich schwer zu bestreiten. Nur liegt das nicht an einem ausgehungerten Sozialstaat. Die stetig wachsenden Sozialausgaben müssen finanziert werden. Arbeitnehmer und Unternehmen zahlen über Steuern sowie steigende Sozialversicherungsbeiträge für einen Apparat, dessen Kosten schneller wachsen als die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Im Jahr 2025 stiegen allein die monetären Sozialleistungen des Staates um 5,9 Prozent oder 41,7 Milliarden Euro auf 751,2 Milliarden Euro.

Die SPD bekämpft damit die Folgen ihrer eigenen Politik, indem sie noch mehr von derselben Politik verlangt. Sie beklagt die Belastung der Arbeitnehmer und fordert zugleich weitere Ausgaben, die genau von diesen Arbeitnehmern aufgebracht werden müssen. Der Sozialstaat ist für die Partei kein Instrument mehr, das nach Wirkung und Finanzierbarkeit beurteilt wird. Er ist ihr letzter verbliebener Identitätskern.

Der Aufstand reicht inzwischen über Hessen hinaus. Bereits in der vergangenen Woche wandte sich der Vorstand des SPD-Unterbezirks Bielefeld mit einem Brandbrief an die Bundespartei. Viele an der Basis seien „zu Recht enttäuscht“. Sie hätten über Jahre auf die SPD als „soziales Gewissen“ gesetzt. Nun trage die Partei in der Bundesregierung falsche Entscheidungen mit.

Die Bielefelder Genossen greifen Bas und Klingbeil persönlich an. Naja, sie wollten nach den Pleite-Landtagswahlen ja unbedingt weiter an ihren Posten kleben bleiben wie getrocknete Körperflüssigkeiten an Playboy-Seiten. Jetzt haben sie den Salat. Beide sollen sich zwischen Parteivorsitz und Ministeramt entscheiden. Eines der beiden Ämter müsse aufgegeben werden, damit die Parteiführung gegenüber der eigenen Regierung wieder glaubwürdig Kritik üben könne.

Darin liegt unfreiwillig das Eingeständnis des gesamten sozialdemokratischen Schauspiels. Bas und Klingbeil sollen als Minister Regierungspolitik beschließen und als Parteivorsitzende anschließend dagegen protestieren. Weil diese Doppelrolle selbst der Basis zu durchsichtig geworden ist, soll sie nun auf zwei verschiedene Personen verteilt werden. Im Zweifel verteilt man auf der Titanic auf den letzten Metern nach Treffen auf den Eisberg nochmal paar Posten in neugeschaffenen Ministerien, um ähnlich wie Unternehmen Betriebsräte einzucremen.

Hinter der plötzlich ausgebrochenen Prinzipientreue steht vor allem die Angst vor der nächsten Wahl. Nach Berichten von n-tv wird in der Partei über Konsequenzen gesprochen, falls die SPD im September aus dem Landtag von Sachsen-Anhalt fliegen sollte. Dann wäre der nächste historische Tiefpunkt erreicht. Mark my words: auch das nur eine Station auf dem weiteren Weg bergab in die Tiefen der gefluteten Bergwerke.

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Kommentare ( 35 )

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h.milde
20 Minuten her

ALTparteiensterben, von seiner schönsten Seite.
Es solllen 20-30%, der Noch-„s“PD-Wähler einen „Migrations & Bürgergeldhintergrund“ haben, dh. die „s“PD wird wohl nur noch von <<10% Biodeutschen gewählt.
Die vermerkelte „c“DU/SU ist diesen „“Spezialdemokraten“ aber auch schon ganz dicht auf den Fersen
If you don´t go to work, but beeing woke? You go broke

Laurenz
21 Minuten her

Sauber recherchierter Artikel, Frau Taxidis, ein bißchen im Kolbe-Stil, nur lustiger, soweit die gute Laune überhaupt noch produzierbar ist. Was unsere Mitbürger von der einstigen SPD nicht verstanden haben, ist, daß ein Sozialstaat auf der Solidargemeinschaft beruht, in die alle solidarisch einzahlen. Wie selbst Frau Wagenknecht nach Ihrem Wirtschaftsstudium & wohl einigen Debatten mit Oskar feststellen mußte, sind nationales Einzahlen & globales Geld aus dem Fenster werfen, weder solidarisch, noch finanzierbar. Anscheinend ist die Würde des Deutschen Steuer- & Beitragzahlers für Sozialdemokraten antastbar. Auch die Kreditwürdigkeit ist mit Schuldenorgien begrenzt, auch wenn das die Rote Heidi nie verstanden hat. Auch… Mehr

Last edited 18 Minuten her by Laurenz
Klaus D
29 Minuten her

Endzeitstimmung….angenfangen hat es mit Kohl CDU igendwas mit schwarzen koffern und einem ehrenwort. Der verrat an deutschland und den deutschen fing mit der CDU CSU FDP an als diese uns an die lobbyisten aus der wirschhaft und finanzwelt verkauft haben. Auch Schröder und Merkel haben genau das getan und das hat zu dem geführt wo wir heute sind. Kohl und Schröder haben die unterschicht augenommen und Merkel die mittelschicht gewonnen hat immer die oberschicht. Diese wurde immer größer und reicher….

Engel
34 Minuten her

Wie ich mich freu‘, dass diese Dreckspartei endlich den Bach runtergeht.
Hurra, hurra, hurra!
Und wenn sie aus dem Sachsen-Anhaltischen Landtag fliegt, sauf ich ne Pulle Schampus extra!

Last edited 31 Minuten her by Engel
Axel Fachtan
38 Minuten her

Sie ist die fesche Bärbel, der Liebling der Saison,
hat soviel Reformpläne zu Haus in ihr’m Salon.
sie ist die fesche Bärbel, sie liebt ein jeder Mann,
Doch an ihre Reformen, da lässt sie keinen ran.

Werner Geiselhart
41 Minuten her

Die sogenannte SPD-Basis scheint ja noch verblödeter zu sein als deren Bosse in Berlin. Ich hätte erwartet, der Unmut kommt von Leuten, die erkennen, dass es so nicht weiter gehen kann mit Geschenken an Leute, die noch nie einen Beitrag zu diesem System geleistet haben, die bereits mit dieser Erwartungshaltung ins Land gelockt wurden, dass man nur die Hand aufzuhalten und das Buzzword Asyl auszusprechen braucht, um in den Genuss der gesamten Sozialgeschenke zu kommen. Es wäre ja berechtigt, die unverschämte weitere Belastung der wertschöpfenden Bevölkerung anzuprangern, aber darum geht es dieser „Basis“ ja nicht, es geht ihnen nur darum,… Mehr

Alf
46 Minuten her

Nur die Klatschhasen aus Politik (C-Parteien) und Wirtschaft klatschen weiter.
Die Wahl ist doch schon gewonnen, der Ruf ruiniert.
Es lebt sich völlig ungeniert.

yeager
46 Minuten her

Witzigerweise haben die ja teilweise recht: Die Einschnitte im Gesundheitssystem, bei der Pflege und womöglich sogar bei der Rente sollte die SPD selbstverständlich ablehnen. Nur sollte sie eben für Einsparungen an anderer Stelle sein: Geld für Ukraine, Entwicklungshilfe, Ausgaben für „Migranten“, „Energiewende. Da würde der linke Flügel der SPD aber natürlich mindestens genauso laut, wenn nicht gar lauter aufheulen. Alles in allem ist das mal wieder Wahlkampftheater: Vor Wahlen kommt neuerdings immer wieder der große „Streit“ innerhalb der Parteien, mit dem dann möglichst viele Themen abgedeckt werden. So kann die SPD so tun als wäre sie für Einsparungen und mehr… Mehr

GMNW
47 Minuten her

Diese Bas/ Klingbeil -SPD schafft es m.E. peu à peu in nicht allzu langer Zeit den Status einer Sekte wie die Scientology, die Zeugen Jehovas oder wie Bhagwans zu erreichen oder wie einst in der DDR von der Linkspartei/ SED geschluckt zu werden!
Und das ist gut so!

Raul Gutmann
47 Minuten her

Da saß sie nun in einem spacken Hosenanzug mit einer Aura Merkel später Tage.

„Spacken“? Flugs nachgesehen. Man mag zu Frauen in Hosenanzügen stehen wie belieben, Fakt ist, jener ist im politischen Berlin der Standard-Dresscode weiblicher Politiker. Dies als Prämisse und ohne politische Wertung Frau Bas‘, trug sie ein sommerlich hellgraues Exemplar garniert mit einem zartrosafarbenen Hemd (Bluse). Angesichts der Usancen (s.o.) völlig in Ordnung und akzeptabel. Als Mann hätte sie ein halbüppiges Einstecktuch in der Farbe des Hemdes hinzufügen können, als Frau wäre das zu extravagant gewesen. Die Diskriminierung Frauen wäret fort. 😉