Der Kanzler baut an seiner eigenen Ablösung

Friedrich Merz wollte seine Macht sichern und liefert die CDU dem linken Parteiflügel aus. Mit jeder Personalentscheidung richtet er Hendrik Wüst das Kanzleramt ein und verwandelt die Union endgültig in Merkels sozialdemokratische Nachlassverwaltung.

picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd

Heute Nachmittag wird die Fraktion von CDU und CSU Merzens Aufpasser, Thorsten Frei, zum Vorsitzenden der Unionsfraktion wählen. Es würde doch recht sehr überraschen, würden die Blockfreunde der Union nicht so abstimmen, dass man sich nicht an die Volkskammer der DDR vor dem Herbst 1989 erinnert fühlt. Denn angesichts der Fehlleistungen von Friedrich Merz wird für die Abgeordneten nicht das Wohl des Landes, nicht die Ehre der Fraktion, noch das demokratische Pathos des frei gewählten und nur seinem Gewissen verpflichteten Volksvertreters im Mittelpunkt der Wahl stehen, sondern das Wohl und die Karriere des mittleren Offizierskorps der Partei. Mit anderen Worten, sie werden Thorsten Frei mit großer Mehrheit wählen.

Es ist schon ein Boulevardstück, wie jemand aus Kenntnislosigkeit und Arroganz wie Merz dem Land schadet und an seiner eigenen Ablösung arbeitet, ohne es zu wissen. Merz wollte mit einem Umbau des CDU-Teils der Regierung endlich in die Offensive kommen und sich als Reform-Kanzler, als starker Kanzler präsentieren. Das Gegenteil ist der Fall, selbst eine lame duck würde im Vergleich mit ihm als dynamisch und handlungsfähig gelten. Der Kanzler versinkt im Personalchaos, wird von Parteifreunden angeranzt und steht „belämmert“ da, ein Mann, dem die Zügel komplett entglitten sind.

Man erinnert sich an Pietro da Morrone, den Papst des Mittelalters, der zurückgetreten ist oder vielmehr zum Rücktritt gezwungen worden ist, weil das Chaos, das er anstellte, nicht mehr zu beherrschen war. Denn Pietro da Morrone vertrat immer die Meinung desjenigen, mit dem er zuletzt geredet hatte. Das ist bei Friedrich Merz einfacher, denn zuletzt redet er stets mit Lars Klingbeil.

Merz ist nur noch ein Kanzler auf Zeit, Wüst steht ante portas, und Söder, der jedes Profil, wenn er je eines länger als einen Monat besessen hatte, verloren hat, ist nur noch froh, wenn er fröhlich ist. Was wir erleben, ist der Siegeszug der Merkelianer und der Sozialisten, der CDA, in der Union. Über Radtkes CDA braucht man nur zu sagen, dass er, obwohl er angeblich sich für die Interessen der Arbeitnehmer einsetzt, deren Interessen in seiner Kumpanei mit der Klima-Union verrät.

Die beiden wichtigsten Parteiämter sind nun in der Hand der CDA. Die Chefin der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Stiftung, die sich intellektuell verabschiedet hat, wird von Annegret Kramp-Karrenbauer geleitet, die zur CDA gehört, und die neue Generalsekretärin Hoppermann kommt nicht nur aus der CDA, sondern wird auch dem linken Flügel der Hamburger CDU zugerechnet. Der künftige Verkehrsminister, Steffen Bilger, der wie Wüst keinen Wehrdienst geleistet hat und keine Abneigung gegen den grünen Wüst hegen dürfte, gehörte laut Wikipedia der schwarz-grünen Pizza-Connection an. Übrigens, während Bilger wenigstens Zivildienst geleistet hat, hat Wüst nicht einmal das fürs Vaterland getan. Und der große Held aus Schleswig-Holstein, Daniel Günther, trat zwar seinen Wehrdienst an, musste aber leider, leider wegen chronischer Kniebeschwerden nach drei Wochen vorzeitig entlassen werden.

Der CDA die ganze Macht

Gitta Connemann von der Mittelstandsvereinigung der CDU wurde als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium degradiert und zum Staatsminister für „was war das gleich noch mal?“ ins Digitalministerium versetzt. Connemann darf den Posten von Philipp Amthor übernehmen. Sie hätte eben etwas ausgiebiger klatschen sollen. Zu Connemanns Nachfolger wird der unbekannte, frühere JU-Chef von Rheinland-Pfalz und Merz-Unterstützer Johannes Steiniger ernannt, um die CDU von Rheinland-Pfalz für den Rauswurf von Patrick Schnieder zu entschädigen.

Dass Merz nebenbei noch der CDU von Sachsen-Anhalt den Wahlkampf erschwert, dürfte der große Vorsitzende bei seiner sauerländischen Ignoranz und Arroganz dem Osten gegenüber gar nicht bekommen haben, denn ohne Not hat er rüde kurz vor der für die CDU Sachsen-Anhalt wichtigen Landtagswahl den Gesundheitsexperten Tino Sorge entlassen. Sorge ist der Bundestagsabgeordnete der Landeshauptstadt Magdeburg. Aber die CDU wird ohnehin zur Partei eines politisch vergreisten westdeutschen Milieus mit Abneigung dem Osten gegenüber. Man kann als Ostdeutscher inzwischen die CDU auch als anti-ostdeutsch empfinden.

Der biegsame Linnemann, dem man „klare Kante“ nur beim Tischtennis zutraut, darf für Warken den Watschenmann im Gesundheitsministerium spielen, während die aus Baden-Württemberg stammende Warken, die zudem Chefin der mächtigen Frauen-Union ist, zur Kanzleramtsministerin aufsteigt.

Friedrich Merz hat nicht für sich, sondern für seinen möglichen Nachfolger, Hendrik Wüst, die perfekte Crew, die perfekte Truppe für den Neo-Merkelismus geschaffen – und der Witz dabei ist, er hat es nicht einmal gemerkt.

Vielleicht wird mit einem Bundeskanzler Hendrik Wüst auch Angela Merkel Bundespräsidentin – „Finis Germaniae“.

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